Ulrich Stoll

Ulrich Stoll

Ulrich Stoll, geboren 1959 in West-Berlin, studierte Neuere Deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Neuere Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 1984 arbeitete er als Fernsehreporter für den Westdeutschen Rundfunk, seit 1999 als Reporter für die ZDF-Magazine „Frontal“ und „Frontal 21“.

Er ist Autor und Regisseur zahlreicher zeitgeschichtlicher und politischer TV-Dokumentationen. Eine Auswahl:
„Hitlers Traum von Micky Maus. Zeichentrick im Dritten Reich“ (Arte 1999)

„Im Fadenkreuz des Staates. Der Große Lauschangriff“ (WDR 2004)

„Liechtenstein, das Geldversteck der Reichen“ (Arte/ZDF 2008)

„Beutezug Ost. Die Treuhand und die Abwicklung der DDR“ (ZDF 2010)

„Blutige Geschäfte. Organhandel im Kosovo“ (ZDF 2011)

„Brauner Terror. Blinder Staat. Die Spur des Nazi-Trios“ (ZDF 2012)

„Tomys letzte Reise. Der letzte Kindertransport 1939“ (ZDF 2015)

Im Christoph-Links-Verlag erschien 2009 parallel zum gleichnamigen ZDF/Arte-Dokumentarfilm sein Sachbuch „Einmal Freiheit und zurück. Die Geschichte der DDR-Rückkehrer.“ Mit Erich-Schmidt-Eenboom ist er Co-Autor des Buches „Die Partisanen der NATO“ (Ch. Links Verlag 2015), zu dem er ebenfalls eine TV-Dokumentation fertigte („Stay Behind. Die Schattenkrieger der NATO“, ZDF Info 2014)

Termine mit Ulrich Stoll

Wann Was Wo
21. Nov 17
2000:00 Uhr
Buchvorstellung "Totes Gleis"
Literatursalon im Kant-Kino
Kant-Kino
Kantstraße 54
10627 Berlin, Deutschland
27. Nov 17
1900:00 Uhr
Lesung "Totes Gleis" Bruno-Lösche-Bibliothek
Perleberger Straße 33
10559 Berlin, Deutschland
 

Bücher von Ulrich Stoll

Totes Gleis

Totes Gleis

Einmal Freiheit und zurück

Einmal Freiheit und zurück

Die Partisanen der NATO

Die Partisanen der NATO

Leseproben & Dokumente

Leseprobe "Totes Gleis"

Totes Gleis
 

Er horcht in den Tunnel hinein. Die Dampflok der Baureihe Null-Drei durchfährt die Kurve im Berg, die sich an die langgestrecke Stahlträgerbrücke anschließt. Eine gute Idee, das Modell im „Maßstab HO in der schwarzen Reichsbahn-Lackierung mit den kräftigen Wagner-Windleitblechen gewählt zu haben. Er legt das Gesicht schief, berührt mit der rechten Schläfe fast das Gleis, das leise summt. Es riecht nach Holzleim und Öl.

Im Dunkel des Tunnelausgangs leuchten die drei Stirnlampen auf. Er hat den Trafo auf langsame Fahrt gestellt. Dann kann man das Knarzen der Zahnräder besser hören, glaubt er - ein feines Schnurren der Zacken, die gut geölt ineinandergreifen. Die Fahrgestelle der Waggons klackern weich über die Schienenstöße. Er wird so lange wie möglich den Kopf unten halten, will staunen wie ein Kind, vor dem sich ein mechanisches Wunderwerk aufbaut.

Jetzt hebt er den Kopf vom Gleis, knapp vor der Lok, so als wolle er ihren Fahrtwind auf der Haut spüren. Das ist das Letzte, was jemand fühlt, der auf den Gleisen liegt, Hände und Füße schmerzhaft gefesselt, ein Taschentuch als Knebel im Mund, vollgesaugt mit Speichel, der jeden Schrei erstickt. Dann schneiden die schlanken Radkränze erst in die Haut, das Fleisch platzt auf, die Knochen splittern. Mit ruhiger Kraft trennen die Räder knirschend Füße und Kopf vom Rumpf, dem verzweifelt zuckenden Leib.

Die dünnen Pleuelstangen stoßen träge vor und zurück. Majestätisch schiebt sich die Schnellzuglokomotive dicht an seinem Gesicht vorbei, gefolgt von den blauen und roten Waggons der ersten und zweiten Klasse. Das Signal steht auf Grün, der D-Zug schnurrt sanft ohne Halt durch den Bahnhof.

Nur noch wenige Tage. Ruhig rückt der Uhrzeiger über der Werkbank vor.

 

 
Sonntag, 22. Mai 1988

Die U 7 trieb eine Welle muffiger Luft vor sich her, als sie in den Bahnhof rollte und Dutzende mürrischer Berliner ausspuckte, deren Laune nicht einmal das Frühlingswetter heben konnte. Beim Einsteigen atmete Lucas Hermes durch den Mund ein, um den Geruch der ungewaschenen Leiber im engen Waggon nicht ertragen zu müssen. Seit seiner Kindheit ekelten ihn die Ausdünstungen seiner Mitmenschen. Gerüche, die ihn zwangen, sich wegzudrehen, wenn die Leute ihre schwitzigen Körper auf engstem Raum zusammendrängten oder ihm ihren schlechten Atem entgegenhauchten.

Sein Kontoauszug, den er eben aus dem Nadeldrucker gezogen hatte, war deprimierend. Neunzehn Mark dreiundfünfzig. Der Sender hatte noch immer nicht das Honorar für seinen Film über eine gefälschte Ausgabe des Neuen Deutschland, der Zeitung der DDR-Staatspartei, überwiesen. Zwei Monate war die Ausstrahlung in der Sendung „Im Visier“ schon her. Ein ziemlich guter Bericht über die Hintergründe eines Pressecoups: Hamburger Journalisten hatten eine selbst hergestellte Version des SED-Blattes in die DDR geschmuggelt, in der suggeriert wurde, die DDR-Führung hätte endlich Gorbatschows Perestroika-Kurs übernommen und sei zu Reformen bereit. Lucas war bei Layoutarbeiten und Druck der gefälschten ND-Ausgabe mit der Kamera dabei gewesen und hatte verdeckt gedrehtes Material von der Verteilung des Blattes in Ost-Berlin in den Beitrag hineingeschnitten.

Wenn jetzt der Dauerauftrag für die Spedition abgebucht wurde, war er im Minus.

Vor gar nicht langer Zeit war Lucas Hermes noch mit dem Audi Coupé seiner Freundin Martina durch die Stadt gebraust. Standesgemäß. Der Starreporter fährt vor. Der gefürchtete Enthüller im gelben 2,3-Liter-Wagen mit den straffen Recaro-Sportsitzen, neben sich eine strahlend schöne Frau.

Wenn er damals vor dem Eingang zum Messegelände an der Masurenallee parkte, blickten selbst die festangestellten Fernsehredakteure respektvoll zu ihm hinüber, die ihre Saabs und Porsches auch vor der Messe abstellten, wenn sie morgens zum Sender am Theodor-Heuss-Platz kamen.

Martina jammerte, sie habe sich beim Kauf verschätzt, der Kofferraum des Coupés sei zu klein für einen Kinderwagen. Lucas widersprach heftig, lobte ihre Entscheidung und pries die Beschleunigungswerte des Wagens.

„Eine kleine Spende“, murmelte der schmutzige Kerl, der jetzt dicht vor Lucas stand und ihm einen zerknitterten Pappbecher vor die Nase hielt. Lucas drehte den Kopf weg.

„Hältst dich wohl für was Besseres?“ Der Ton des Bettlers wurde feindselig. Dem dürren Mann mit dem strähnig fettigen Haar baumelte ein alter Kassettenrekorder an einer Paketschnur um den Hals. Der Obdachlose verzog das Gesicht.

„Ja, dich meine ich.“ Er spreizte den Zeigefinger vom Pappbecher ab und deutete auf Lucas. „Du fährst jetzt in dein schönes warmgepuptes Zuhause. Aber ich ...“ – er deutete in einer pathetischen Geste auf sein zerlumptes T-Shirt und zeigte seine schlechten Zähne – „... muss jede Nacht zusehen, wo ich einen Platz zum Schlafen finde.“ Lucas stellte sich taub, starrte durch die Fensterscheibe ins Dunkel des Tunnels.

„Ich bin Sänger“, fuhr der Bettler in einem hellen Singsang fort. „Ich bin schon überall aufgetreten und die Leute haben mir zugejubelt. Alle lieben die Lieder von Zarah Leander, wenn ich sie singe. Dann weinen die Menschen!“ Er schüttelte mit bitterer Miene den Kopf. „Aber keiner will für die Musik zahlen.“

Ein Mädchen mit  roter Punkfrisur steckte wortlos eine Mark in den Pappbecher und ging weiter. Lucas war erlöst. Der Sänger drückte die Starttaste des Kassettenrekorders auf seiner Brust, wandte sich von ihm ab und holte tief Luft, während die ersten Takte aus dem Lautsprecher krächzten:
„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend Märchen wahr!“

Zwei Lieder und zwei Stationen später stürzte Lucas am Mierendorffplatz aus der Bahn und lief die Lise-Meitner-Straße hoch. Da lag sein künftiges Quartier: ein dreistöckiger Flachbau an der Ecke zur Olbersstraße, grau und düster vor dem noch blauen Abendhimmel. 22 Uhr 30, eigentlich zu früh zum Schlafen. Die Begegnung mit dem Obdachlosen in der Bahn hatte Lucas eigentümlich berührt. Ausgerechnet in dem Moment, in dem er seinen Weg in die Obdachlosigkeit antrat, erschien ihm eine zerlumpte Figur, die zu sagen schien: Sieh mich an, ich bin wie du!

In dem mit Waschkieselplatten verblendeten Lagerhaus waren mehrere Firmen untergebracht, auch die Spedition, bei der er seine Wohnungseinrichtung eingelagert hatte. Die Spedition nahm fünfzig Mark pro Monat für die Lagerung – die billigste Möglichkeit, ohne Wohnung in Berlin zu überleben. Ein Hotel kam angesichts seiner Finanzlage nicht infrage. Seine Altbauwohnung hatte er nach drei Monaten Mietrückstand fluchtartig verlassen müssen. Der Vermieter behielt die Kaution ein und ließ ihn schließlich ziehen, allerdings unter der Bedingung, dass alle Möbel am Freitag bis 18 Uhr abgeholt würden.

Die Spedition hatte Lucas vor rund einer Woche entdeckt. Er war stundenlang vor dem grauen Zweckbau auf und ab gelaufen, um das Kommen und Gehen zu beobachten. Er wollte herausfinden, wie lange das Büro im Erdgeschoss des linken, flacheren Gebäudeteils besetzt war und wie der Pförtner auf seinem Kontrollgang Türen und Fenster verschloss. Der Mann saß meist in dem verglasten Eckraum neben der Tordurchfahrt, packte pünktlich um fünf seine Stullendose ein und schloss das Büro ab. Dann ging er zu dem mannshohen Zaun, der das gesamte Gelände umschloss, und verriegelte das Einfahrtstor von außen. Wer am Wochenende rein wollte, musste über das Tor klettern, das aus senkrechten Metallstäben und vier Querstreben bestand. Heikel waren die spitzen Enden, die nur mit höchster Vorsicht zu überwinden waren, wollte man nicht mit der Kleidung hängen bleiben. Zu dem Büro gab es keinen Zugang. Es war verriegelt, auch das schmale Rolltor, das direkt zur Kellertreppe führte. Doch neben der Pförtnerloge war in Bodenhöhe ein kleines Kellerfenster, das immer offen stand, um das gelagerte Gut zu belüften.

Lucas blickte besorgt nach oben. Im rechten, ein Stockwerk höheren Gebäudeteil brannte auch abends in der obersten Etage Licht, vermutlich eine Hausmeisterwohnung. Das Eingangstor war aber außerhalb der Sichtweite der Wohnungsfenster, die alle auf die Olbersstraße gingen. Nur von einer Loggia aus, die zur Lise-Meitner-Straße lag, hätte der Bewohner den Eindringling entdecken können. Lucas überwand das Tor fast lautlos und kauerte sich kurz hinter den Zaun, um zu beobachten, ob ein Schatten auf dem Balkon auftauchte. Nichts.

Jetzt, kurz vor elf, lag nächtliche Stille über dem Gelände. Eine grau getigerte Katze huschte maunzend über den Hof, als Lucas sich dem Gebäude näherte. Er zog seine Jeansjacke aus und packte sie sorgfältig in seinen Rucksack. Dann ließ er sich vorsichtig durch das Fenster in den Keller gleiten und griff nach draußen, um den Rucksack hineinzuziehen, in dem er auch seine wichtigsten Utensilien verstaut hatte: eine Plastikflasche mit Mineralwasser, eine Taschenlampe, eine Zange, ein Vorhängeschloss, Zahnbürste und Zahnpasta.

Der Verschlag Nummer 14, in dem seine Möbel abgestellt waren, war mit einem leichten Vorhängeschloss gesichert. Mit der Zange ließ es sich erstaunlich leicht knacken. Sein mitgebrachtes Schloss sah fast genauso aus. Das Risiko, dass der Austausch des Schlosses auffallen würde, schätzte er als gering ein. Waren die Verschläge einmal vermietet, kümmerte der Spediteur sich nicht weiter darum und würde nicht merken, dass Lucas jederzeit Zugang zu dem Abstellraum hatte.

Er drehte den Lichtschalter. Sein in Plastikfolie eingeschlagenes Bett stand zuunterst, darauf vier schwere Bücherkisten. Er räumte sie beiseite, um an die Matratze heranzukommen. Die lag glücklicherweise auf dem Lattenrost. Die Kiste, in der er den Schlafsack verstaut hatte, fand er erst nach langem Suchen. Lucas war völlig durchgeschwitzt, als er ihn endlich auf das Bett legen konnte. Er zog sich bis auf Unterwäsche und Strümpfe aus, löschte das Licht und tastete sich zurück zum Bett. Dann zwängte er sich in den Schlafsack.

Bei jeder Bewegung knisterte die Plastikfolie auf der Matratze. Zähne putzen? Lieber morgen früh und jetzt nur ein Schluck Wasser. Lucas stellte den Reisewecker auf 7.15 Uhr und starrte an die Decke. Der Keller roch leicht muffig.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hatte er zum letzten Mal in seiner Dreizimmer-Altbauwohnung am Maybachufer geschlafen, in einem frisch gemachten Bett. Den Freitag verbrachte er bis zum Nachmittag antriebslos im Bett und verstaute erst am frühen Abend die bereits gepackten Kisten und Möbel widerwillig in Margarethes altem Ford Transit, den sie als Wohnmobil für ihre Irland-Reisen nutzte. Margarethe van Oyen, eine Kollegin aus der Redaktion, mit der er direkt nach seiner Trennung von Martina eine kurze Affäre gehabt hatte, brachte mit ihm die Sachen in die Spedition. Lucas log ihr etwas von Verzögerungen bei der Renovierung der neuen Wohnung vor und durfte die Nacht bei ihr auf dem Sofa verbringen. Seine vorsichtigen Annäherungsversuche kurz vor dem Schlafengehen wies sie lachend zurück. Am Samstag, nach einem ausgiebigen Frühstück mit Margarethe auf ihrem großzügigen Balkon, war er stundenlang ziellos durch die Stadt gelaufen und hatte sich von Café zu Kneipe gehangelt, bis er in den frühen Morgenstunden am Ufer des Landwehrkanals im Tiergarten ein paar Stunden Schlaf auf dem Rasen fand. Am Sonntagmorgen wachte er zerschlagen und fröstelnd auf. Ein leichter Nieselregen hatte ihn bis auf die Haut durchnässt. Er flüchtete in die Neue Nationalgalerie, lief von Saal zu Saal, immer gefolgt von den Museumswärtern, bis er sich auf einer flachen Lederbank ausstrecken konnte. Den müden Kopf in die Hand gestützt, betrachtete er halb liegend die stämmigen steingrauen Körper von Fernand Legers „Zwei Schwestern“ mit ihren kreisrunden Brüsten, bis ihm der Kopf auf die Brust sackte. Ein Wärter rüttelte ihn wach – sein leises Schnarchen war bemerkt worden. Lucas floh aus dem Museum, verfolgt von den vorwurfsvollen Blicken der anderen Galeriebesucher. Die restlichen Stunden bis zum Abend irrte er wieder durch die Stadt. Erst spät, dachte er, wäre der unbemerkte Einbruch in die Spedition möglich.

Er war auf dem besten Weg, ein dreckiger Penner zu werden. Lucas war überzeugt, in seinem Kellerloch nicht einschlafen zu können. Der Wecker tickte nervtötend laut.