“Norderney-Bunker” hält etliche Überraschungen parat

Der obdachlose Philosoph Paul-Karl May, wegen seiner langen, schwarzen Haare auch Winnetou genannt, und sein mit bemerkenswert überschaubarem Erfolg in der Computerbranche tätige Kumpel Lübbert geraten in den Verdacht, auf Bahn 18 der Minigolfanlage des Norderneyer Januskopfes den Hotelier Onno Aden erschlagen zu haben. Sie flüchten in einen alten Luftschutzbunker. Durch diverse Einbrüche in benachbarte Wohnhäuser, wo sie nicht nur duschen und baden, sondern auch Champagner und Kaviar mitgehen lassen, heben sie ihren Lebensstandard im Bunker enorm. Oberkommissar Gent Visser ermittelt in alle Richtungen: Von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Als ein zweiter Mord geschieht, sind die Menschen auf Norderney schockiert. Denn nun ist gewiss: Der Mörder ist immer noch auf der Insel. ................................................................................................................................................................................ Manfred Reuter, Jahrgang 1957, Journalist beim Ostfriesischen Kurier auf Norderney, lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Aurich. Ausbildung zum Redakteur in Aurich/Ostfriesland und an der Akademie für Publizistik in Hamburg. Weitere Stationen in Köln, Oldenburg, Münster, Bremen und Trier. Erste Publikation (Hrsg.) 1993: „Fassade“, eine Kirchendokumentation über die Basilika St. Salvator, Prüm. Erster Roman: „Der Kirchenmann“, erschienen 2005. Krimi-Debüt im Frühjahr 2008 bei KBV, Hillesheim: „Fluchtwunden“. Im Juli 2010, ebenfalls bei kbv: "Lass mich für dich sterben", ein Psychodrama in den Untiefen Eifeler Lokalpolitik. Kurzkrimis in mehreren Anthologien, u. a. in "Deichleichen", kbv 2011, Hrsg. Regine Kölpin, und bei SKN in Norden/Ostfriesland mit "Neun Gemäuer, neun Verbrechen". Neuerscheinung Oktober 2012: Norderney-Bunker (SKN Norden). http://manfredreuter.de ................................................................................................................................................................................

Drei Fragen an Manfred Reuter

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Erste kriminelle Grundlagen habe ich bereits als kleiner Junge beim Karneval in der Eifel gelegt. Als schwer bewaffneter Cowboy oder als Indianer war ich während der fünften Jahreszeit stets sowohl im Klassenverband als auch im Fußballverein gefürchtet. Nach meinem Krimi-Debüt 2008 bei kbv befiel mich nach einer kleinen Pause der Ehrgeiz, irgendwann einmal mit einem eigenen Regio-Krimi-Label die Gegend unsicher zu machen. Damit habe ich nun begonnen – bewaffnet bis an die Zähne! Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Nun, ich war noch nie ein guter Mathematiker. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, und ich fühlte mich wohl dabei. Zusammen mit den Anthologien kommen mittlereile aber wohl schon ein paar Eimerchen Blut zusammen. Ich plane allerdings derzeit, demnächst das Messer stecken zu lassen und – zumindest partiell – auf Gift umzusteigen. Über Facebook habe ich bereits Kontakt mit einem äußerst gewieften Insel-Apotheker aufgenommen. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Also klar: Ich gelobe Besserung. Ich werde mir von niemandem mehr reinquatschen lassen und offene Rechnungen nach und nach begleichen. Es gibt da eine Liste. Will heißen: Der nächste Krimi kommt – schon bald! ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Winnetou war sich sicher, dass Onno Aden an den Schlägen seines Schicksalsgenossen Lübbert H. Saathoff gestorben war. Warum der dies nicht einsehen wollte, blieb ihm ein Rätsel. Wahrscheinlich war es eine psychische Schutzreaktion, die womöglich schon in Kürze der Realität weichen würde, dachte Winnetou und rieb sich die Augen, in die mit dem nun immer böiger werdenden Wind zahllose Sandkörner hineinflogen. In einem Abstand von zehn Metern schlenderten sie weiter Richtung Strandaufgang Detmold. Sie hatten Zeit, und sie waren nun allein. Keine Menschenseele weit und breit. Lübbert wollte warten, bis es dunkel war. Das Versteck, das ihm vorschwebte, kannte er aus seiner Jugend. Dort würde sie niemand finden, da war er sicher. Und an dieser Stelle bliebe ihnen dann die Zeit, über die ganze Sache nachzudenken, die Ermittlungsarbeiten der Polizei abzuwarten und gleichzeitig Pläne für die Zukunft zu schmieden. Winnetou fand diese Idee mehr als nur abenteuerlich, aber eine bessere Lösung wusste er auch nicht. Inzwischen gingen sie wieder nebeneinander her. Lübbert versuchte, sich eine Zigarette zu drehen, was bei dem Wind gar nicht so einfach war. Winnetou richtete den Gurt seines Gitarrenkastens und blickte Richtung Insel-Osten. Das Haar hatte er immer noch unter dem Basecap versteckt, ebenso wie Lübbert Stirn, Haaransatz und Augenbrauen nach wie vor von seinem Schal bedeckt hielt. Über eine Strecke von mehreren Minuten sagten sie nichts mehr. Vielleicht war es auch eine halbe Stunde oder sogar eine oder zwei Stunden. Winnetou wusste das nicht mehr richtig einzuordnen. Er überlegte, was die Leute im Hotel über ihn denken würden. Einfach so zu verschwinden, ohne sich zu verabschieden. Sie würden ihn für unverschämt und unhöflich, ja für rotzfrech halten. Und vorallem, wenn herauskäme, dass sie gesucht würden: Bei dem Gedanken lief Winnetou ein kalter Schauer über den Rücken und der Magen zog sich zusammen. Auch Kempowski, seine Kumpels in Aurich und die ganzen Kaufleute, die ihn kannten und schätzten, würden das mitbekommen. Selbst als Straßenmusiker würde er kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Er versuchte zu verstehen, was es bedeutete, hierhergekommen zu sein, auf diese Insel. Hatte sein Schicksal das so gewollt? Gab es überhaupt Zufälle im Leben? Fest stand nur, dass er sich von Lübbert in diese Sache hatte hineinziehen lassen. Aber das war mal wieder typisch für ihn, für sein ganzes Leben. Wie oft hatte er schon derart unentschlossen gehandelt. Der liebe, gutgläubige, harmoniebedürftige Paul-Karl. Typisch für ihn. Sollte hier auf Norderney die Reise, die Odyssee seines Lebens, enden?, fragte er sich. Was jetzt noch blieb, war vielleicht nur noch das Nachwort, ein schnöder Epilog, ein dürftiger Abgesang auf sein Leben. Winnetou war klar: Mit Lübberts Los hätte er sich besser eine Zigarette angesteckt oder sonst jemanden froh gemacht. Mittlerweile war es so dunkel, dass man all die Muscheln am Strand kaum noch erkennen konnte. Manche, die vom nun rasch auflaufenden Wasser bereits wieder nass waren, reflektierten im Mondlicht, das den Norderneyer Nordstrand in mystischen Glanz hüllte. Ein Paradies für nach Stille lechzende Urlauber und Liebespaare, dachte Winnetou, der aus seinem dunklen Gedankentraum erwacht war und die Umgebung endlich wieder zur Kenntnis nahm. So bemerkte er auch wieder, dass die Brandung nun noch heftiger schnaubte und schnaufte, die Wellen immer bedrohlicher Richtung Dünenwände rollten und er sich sputen musste, wollte er trockenen Fußes hinaufsteigen durch den tiefen Sand in die Dünenschneise, die zum östlichen Stadtrand führte. Lübbert hatte diese Stelle des Strandaufgangs längst erreicht. Er winkte Winnetou mit weit ausholenden Armbewegungen zu. * * * Frühere „Empfehlungen der Woche“ finden Sie hier >>