Juist-Krimi

Die Schweizerin Isabelle besucht ihre Schwester Annina, die ein Praktikum im Nationalpark-Haus auf der ostfriesischen Insel Juist absolviert. Vom Urlaub an der Nordsee erhofft sie sich Ablenkung, ist ihre Ehe doch gerade in die Brüche gegangen. Doch Anninas Begeisterung für Flora und Fauna des Wattenmeers vermag Isabelle nicht anzustecken. Nur langsam findet sie Gefallen an der Insel – und an Reemt, dem Vermieter ihres Pensionszimmers. Doch als sie und Reemt nachts am Strand einen Mann finden, der sterbend im Sand liegt, wird die vermeintliche Idylle jäh zerstört. Der Tote ist ein Freund von Annina – und diese glaubt nicht an die Version von Polizei und Presse, wonach er offenbar Opfer eines Irrtums wurde. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, und plötzlich findet sich auch Isabelle unfreiwillig mitten in einem Kriminalfall wieder. ................................................................................................................................................................................ Barbara Saladin wurde an einem Freitag, dem 13. im Jahr 1976 geboren und lebt heute in Thürnen im Kanton Basel-Landschaft/Schweiz. Sie arbeitet als Autorin, Journalistin und Redaktorin. Bisher veröffentlichte sie unter anderem mehrere kurze und lange Krimis, ein Sachbuch sowie zahlreiche Kurzgeschichten. Bei einem Abstecher in die Welt der bewegten Bilder schrieb sie ein Drehbuch und war Projektleiiterin des Schweizer Kinofilms "Welthund". Während des Stipendiums "Tatort Töwerland" auf Juist im Jahr 2008 lernte sie die Ostfriesischen Inseln kennen. Seither liebt sie sowohl Wellen, Watt und Weite der Nordseeküste als auch die Wälder und Weiden der Schweizer Jurahügel und ist literarisch gesehen an beiden Orten zuhause. http://www.barbarasaladin.ch ................................................................................................................................................................................

Drei Fragen an Barbara Saladin

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Ziemlich früh. Meinen ersten Krimi schrieb ich im Alter von ungefähr acht, neun Jahren. Danach hörte ich nicht mehr auf. Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Es sind einige - in kurzer und in langer Form. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Nichts. Ich verweigere die Aussage und verweise auf meine Bücher. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

„Danke für die Auskunft. Tschüss.« Als er auf den Aus-Knopf seines Handys drückte, zitterten seine Finger. Doch trotz seiner Aufregung hatte er den letzten Satz des Telefonats hinter sich gebracht, ohne dass sein Gesprächspartner ihm seine Nervosität hätte anmerken können. So hoffte er zumindest. Souverän hatte er geklungen, locker, völlig normal. Doch in ihm brodelte es. Denn nichts war normal. Er stand am Abgrund, er musste handeln. Er zwang sich, erst einmal tief durchzuatmen. Nur nicht hysterisch werden, sagte er sich. Nichts überstürzen, obwohl die innere Anspannung ihn zu zerreißen drohte. Und obwohl es eilte und er etwas tun musste, bevor es zu spät war. Er blieb noch einen Augenblick am Fenster stehen, zog die hellgrünen Gardinen zur Seite und öffnete den rechten Fensterflügel. Frische Luft strömte in den Raum. Draußen brannte die Sonne vom weiten, wolkenlosen Himmel. Im Süden stachen die Windräder des Festlands über den Horizont. Auf der Schlickfläche des Watts glänzten die vom ablaufenden Wasser zurückgelassenen Pfützen, und weit draußen an der Kante der Juister Balje, wo das Watt in einen tiefen Priel absank, konnte er eine Menschengruppe erkennen. Wattwanderer auf der Suche nach der Faszination der Natur. Klitzekleine Gestalten in der endlos wirkenden Weite. Dort wo, wie es so schön in der Werbung für das Weltnaturerbe Wattenmeer hieß, der Himmel den Meeresboden küsste. Allmählich beruhigte sich sein Puls. Doch noch immer war er so angespannt, dass er fast zu Tode erschrak, als sein Handy, das er immer noch in der Hand hielt, zu vibrieren begann. Er kannte die Nummer. »Und, wie sieht es aus?«, fragte der Anrufer. Er verzichtete auf jegliche Begrüßungsfloskeln; diese hatte er mittlerweile abgelegt, in dem gleichen Maße wie sein Ton immer ungeduldiger und fordernder geworden war. »Geben Sie mir noch ein paar Tage Zeit, dann ist alles in Butter. Ich bin so gut wie am Ziel.« »Soso, so gut wie«, antwortete der andere lakonisch nach ein paar Sekunden des Schweigens, die sich wie eine Ewigkeit dahingeschleppt hatten und durch die unverhohlen Zweifel geschimmert hatten. »Ich garantiere es Ihnen«, beeilte er nachzulegen. »Nächste Woche. Allerspätestens.« »Das wollen wir hoffen. Es ist Ihre letzte Chance. Danach ist es aus mit meiner Geduld.« Damit war das Gespräch beendet, und obwohl durch das offene Fenster immer noch kühle Luft ins Zimmer floss, war ihm siedend heiß. Der Zug fuhr durch eine Landschaft, die flach war wie ein Teller. Topfebene Maisfelder und Weiden weiteten sich bis zum Horizont, durchzogen von Hecken und schmalen Kanälen, in denen sich brackiges Wasser gesammelt hatte. Isabelle bewegte ihre vom langen Sitzen schmerzenden Beine. Acht Stunden war es her, dass sie frühmorgens weit, weit weg in den Zug gestiegen war, lediglich unterbrochen von einmal Umsteigen, in Köln. Der Morgen war noch frisch und kühl gewesen, Pendler mit verschlafenen Gesichtern waren am Basler Bahnhof an ihr vorbeigeeilt. Der große Rollkoffer, den Isabelle von einer Nachbarin ausgeliehen hatte, litt unter einem unrunden Rad und eierte beträchtlich. Isabelle war heiß – der Gedanke, dass sie für mehrere Tage verreisen würde, trieb ihr den Schweiß in den Nacken und auf die Handflächen. Wie lange war es her seit dem letzten Mal? Während Isabelle sich von der Rolltreppe mitsamt ihrem eiernden Koffer auf den Bahnsteig befördern ließ, kämpfte sie gegen ihre Zweifel an, ob es überhaupt richtig war, wegzufahren. Jetzt einfach zu fliehen, denn etwas anderes war es ja wohl nicht. Sollte sie vielleicht doch lieber wieder umdrehen, sich die nächste Straßenbahn nach Hause schnappen und versuchen, alles erst zu ordnen? Ihre Ehe, ihre Wohnung, ihr Leben. Obwohl es in der Ehe nichts mehr zu ordnen gab, denn dafür fehlte seit einem Monat die eine, nicht unbedeutende Hälfte. Isabelle hatte sich fürs Einsteigen in den silbergrauen ICE entschieden, der einem Wurm gleich auf den Schienen lag – und damit fürs Wegfahren. Trotz ihrer Angst, nicht mehr genug Energie dafür aufbringen zu können. Doch sie wusste, dass sie, wenn sie die Gelegenheit jetzt nicht ergriff, nur noch tiefer in den Sumpf sinken würde, als den sie ihre derzeitige Situation empfand. Dass sie ihre Wohnung und die Stadt – und vielleicht ihr ganzes momentanes Leben – so ganz ohne Rolf sowieso nicht aushielt. Die letzten paar Wochen waren schmerzhaft genug gewesen. Und auch an ihrer Arbeitsstelle im Großraumbüro einer Krankenversicherung war sie offenbar so unwichtig, dass es kein Problem gewesen war, kurzfristig zehn Tage frei zu kriegen. Zwar hatte Isabelle ihren Besuch bei Annina nur widerwillig zugesagt, aber jetzt, wo an ihr der Norden Deutschlands vorüberzog und acht Stunden Zugfahrt zwischen ihr und ihrem lähmenden Alltag lagen, konnte sie sich endlich eingestehen, dass die Einladung ihrer jüngeren Schwester genau jene Rettungsleine gewesen war, auf die sie gewartet hatte. Die Stadt Leer lag bereits hinter ihr, das, was vor dem Zugfenster zu sehen war, musste also Ostfriesland sein. Wo Otto Waalkes herkam und wo Deutschland hinterm Deich zu Ende war. Starkstromleitungen spannten sich quer über die flache Landschaft, in der der einzige Kontrast, der aus dem Grünbraun hervorstach, die roten Klinkerhäuser und das schwarz-weiße Fell der Kühe auf der Weide zu sein schien. Die Wolken hingen tief und zogen in beeindruckendem Tempo westwärts. Gedankenversunken griff Isabelle in die Packung Kartoffelchips, die sie sich vor der Abfahrt gekauft hatte. Sicher nicht der ausgewogenste Reiseproviant, aber vor dem Fernseher hatte sie, seit Rolf weg war, auch fast permanent Kartoffelchips gefuttert. Wieso sollte sie nun also vor den Zugfenstern darauf verzichten? Beim Bahnhof Emden standen fabrikneue, in Plastikfolie verpackte Autos auf Bahnwaggons und warteten darauf, vom Hafen aus in die weite Welt geschippert zu werden. Recht haben sie, dachte Isabelle: Weggehen ist nicht schlecht. Gleich würde sie den Deich erreicht haben, wo Deutschland zu Ende war und wo dann irgendwo im Meer eine kleine Insel lag mit dem eigenartigen Namen Juist. Und ausgerechnet auf diese Sandbank, von deren Existenz Isabelle unter normalen Umständen wohl kaum je erfahren hätte, hatte es Annina verschlagen. Ihre Schwester und das Außergewöhnliche, das waren schon immer zwei rätselhafte Pole gewesen, die sich gegenseitig angezogen hatten. Am Bahnhof Norddeich Mole beendete der Zug seine Reise durch Deutschland, und die Fahrgäste zerrten ihr Gepäck auf den Bahnsteig. Isabelle stieg zusammen mit den anderen Reisenden und ihrem eiernden Koffer aus. Ein kühler, steifer Wind begrüßte sie. Es roch nach Salz, brackigem Wasser und großen Dieselmotoren; dem Duft der großen weiten Welt. Linker Hand befand sich die Anlegestelle der Fähre nach Juist, rechter Hand jene zur Nachbarinsel Norderney. Isabelle schloss sich einer Gruppe Frührentnern in bunten, winddichten Jacken an und ließ sich zum Anleger der Juister Fähre treiben. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, um sich gegen den Wind zu schützen, und ging mit einer Mischung aus grundsätzlichem Widerwillen allem gegenüber, was sie am Ende der Fahrt erwarten mochte, und einer schüchternen Portion Abenteuerlust an Bord. * * * Frühere „Empfehlungen der Woche“ finden Sie hier >>