Ernst Solèrs letzter Roman

Fred Staub, neu ernannter Kommandant der Zürcher Kantonspolizei, wollte in Sri Lanka eigentlich nur seine Tochter Anna besuchen, die dort in einem Forschungsprojekt arbeitet. Als jedoch einer der Schweizer Wissenschaftler vor Staubs Augen aus dem Hinterhalt erschossen wird, beginnt er gemeinsam mit dem sri-lankischen Polizisten Verasinghe, die Hintergründe der Tat zu ermitteln. Zeitgleich bitten Staubs ehemalige Zürcher Kollegen um Mithilfe: Staub soll sich im familiären Umfeld eines in Zürich ermordeten Tamilen umsehen, der in Sri Lanka beheimatet war. Bei seinen Nachforschungen trifft Staub auf einen einflussreichen Militär, einen schwerreichen Deutschen und einen hochrangigen Koordinator der Schweizer Tsunamihilfe. Die drei sind alles andere als begeistert über die Bemühungen Staubs, Licht ins Dunkel zu bringen … ............................................................................................................................................................ Ernst Solèr, geboren 1960 in Männedorf am Zürichsee und Vater einer Tochter, lebte als Autor und Journalist in Zürich. 2006 ist sein erster Kriminalroman um den launischen Hauptmann Fred Staub von der Zürcher Kantonspolizei, 'Staub im Feuer', erschienen, ein Jahr später folgte 'Staub im Wasser'. Im Frühjahr 2008 erschien 'Staub im Schnee', im Frühjahr 2009 der letzte Staubroman 'Staub im Paradies'. Ernst Solèr starb im Juli 2008 an einem schweren Krebsleiden.                             ..................................................................................................................................................................

Drei Fragen an Ernst Solèr

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Zählt der Kaugummiklau mit sechs auch dazu? Wie viele Verbrechen gehen auf ihr Konto? Hätte ich die zählen sollen? Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Äh … eigentlich nichts. Es doch macht unglaublichen Spaß.

(Aus der Erinnerung aufgeschrieben von Angela Eßer)

.......................................................................................................................................................................

Ernst Solèr, 1960 – 2008

Oder: Ernst im Paradies

von Sabina Altermatt Wir hätten uns am Ende deines Lebens kennen gelernt. Das sagtest du mir schon vor einiger Zeit. Als ich noch nicht begreifen konnte. Das habe ich auch später nicht. Nicht wirklich. Das Schreiben ist das Letzte, was mir bleibt, hast du gesagt. Und hast geschrieben und geschrieben wie einer der weiss, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Einen «Staub» nach dem anderen. Der Verlag kam mit Veröffentlichen gar nicht mehr nach. Schreiben wir anders, wenn wir wissen, dass wir nicht ewig Zeit haben? Und haben wir wirklich ewig Zeit? Für eine Stunde durchhalten, das kann ich noch, hast du gesagt und bis einen Monat vor deinem Tod Lesungen gemacht. Hast keine Termine abgelehnt, auch jenen im Winter in Helsinki nicht, obwohl du irgendwie wusstest, dass du da nicht mehr hingehen würdest. Ich werde an diesem Krebs sterben, hast du gesagt. Und ich habe geantwortet, wir sterben alle. Irgendwann. Aber doch nicht jetzt. Ich weiss nicht, ob es die Krankheit war. Ich habe dich nicht gekannt, ohne den Krebs. Aber du standest über den Dingen, hast dich nie ins Bockshorn jagen lassen. Im Gegenteil. Du hast die Sache immer beim Wort genannt, mochtest Leute nicht, die nicht ehrlich waren und dein Mut hat sogar noch für mich gereicht. Wir haben uns am Ende deines Lebens kennen gelernt. Und ich bin für jeden Tag dankbar.

(Zuerst erschienen im "Secret Service", Jahrbuch 2008)

................................................................................................................................................................

Leseprobe

Erst kurz vor Sonnenuntergang zieht sich das Militär zurück. Nicht ohne dass General Premadasa, wie der Schach spielende Oberzampano offenbar heißt, nochmals lautstark bedauert, wie unendlich man das Attentat der feigen Rebellen auf unseren Landsmann verurteile. Als ich ganz sicher bin, dass die Soldaten wirklich verschwunden sind, mache ich mich auf die Suche nach Verasinghe. Ich finde ihn schnarchend in seinem Jeep. Als ich ihn sanft anstupse, fährt er auf wie von der Tarantel gestochen und greift blitzschnell zu der Pistole an seinem Gürtel. »Ach, Sie sind es«, erkennt er mich zum Glück rechtzeitig und bittet mich auf den Beifahrersitz. Er nestelt umständlich an seinem Hosenbund herum und bringt schließlich die Gewehrkugeln, die in Rainer Schütz’ totem Körper verblieben waren, zum Vorschein. Sie glänzen matt in seiner überraschend hellen Handinnenfläche. »Tschaggat hat mir berichtet, Sie hätten ihn gezwungen, die Kugeln aus Rainers Leichnam herauszuoperieren«, sage ich mit einem leisen Vorwurf in meiner Stimme. »Sonst wären sie jetzt garantiert weg«, meint Verasinghe gleichgültig. Damit hat er natürlich recht. »Die Patronenhülsen hat sich Premadasa leider unter den Nagel gerissen. Dabei möchte ich einfach zu gern wissen, aus welcher Art von Gewehr geschossen wurde«, fährt mein sri-lankischer Kollege fort. »Sie nicht?« »Doch, klar«, gebe ich zu. »Leider existieren diese Kugeln offiziell nicht«, meint er daraufhin zerknirscht. »Wir haben in Zürich einen Kriminaltechniker, der ziemlich gut ist. Vielleicht sollten wir ihm die Kugeln einfach schicken?«, schlage ich vor. Verasinghe lächelt und schüttelt zustimmend den Kopf: »Ich bin sicher, Sie sind ein sehr guter Polizist in Ihrem Land.« »Sie machen sich auch nicht schlecht«, antworte ich großmütig. »Das Militär auszutricksen braucht sicherlich Mut.« »Hohlköpfe«, meint er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Vor allem dieser General Premadasa. Vor dem Krieg waren solche Leute nichts. Und nach dem Krieg werden sie wieder nichts sein. Genau wie die fanatischen Buddhistenmönche auf unserer Seite oder die tamilischen Kriegsgurgeln.« »Schön für sie alle, dass es den Krieg gibt«, bemerke ich zynisch. »Mein Neffe Hiran ist vor zwei Wochen gefallen in dieser Tragödie«, erzählt mir Verasinghe ungefragt und seine Stimme klingt bitter. »Er war zwanzig Jahre alt, wurde zwangsrekrutiert und starb in einer Teestube vor Batticaloa, als sich eine junge Tamilin neben ihm und seinen Kameraden in die Luft sprengte.« »Das tut mir sehr leid«, sage ich bestürzt. Anschließend sitzen wir lange Zeit schweigend und reglos in seinem Wagen und sehen zu, wie schnell es um uns herum dunkel wird. Die Sonne versinkt wie ein glühender Stein hinter den Hügeln. Aus dem Dschungel erklingen die ersten Geräusche, die für sri-lankische Nächte so typisch sind. Ein Moskito lässt sich auf meinem Handrücken nieder. Ich verscheuche ihn durch ein kurzes Zucken, denn ich verspüre keinerlei Lust, ihn einfach zu erschlagen. »Vor dreißig Jahren hätten sie noch geheiratet, Leute wie mein Neffe und dieses Tamilenmädchen«, meint Verasinghe verbittert. »Heute sterben sie, bevor sie begriffen haben, was das Leben ist.« Weitere Moskitos surren mir um meinen Kopf. Ich wedle nun doch heftig mit den Armen um mich. »Gehen Sie zu Ihrer Familie«, empfiehlt mir Verasinghe. »Informieren Sie mich, wenn Sie eine Idee haben, wie wir die Kugeln in Ihr Land schaffen könnten.« »Okay«, nicke ich und gebe ihm zum Abschied die Hand. Noch bevor ich die Treppe erreiche, die zu der Villa hinaufführt, höre ich den Motor von Verasinghes Jeep wütend aufheulen. Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, ob er mit uns zu Abend isst.

* * *

Frühere ‘Empfehlungen der Woche’ finden Sie hier >>