In ihrem Ferienhaus an der Weser sucht die Bielefelder Hauptkommissarin Anne Schall Erholung und Ruhe. Aber gleich zu Beginn ihres Urlaubs macht sie eine merkwürdige Entdeckung. Unter einer Eisenbahnbrücke bei Vlotho findet sie ein höhlenartiges Versteck. Seinen Bewohner trifft sie nicht an, wohl aber eine lebensgroße Puppe. Als sie kurz darauf direkt in der Nähe ihres einsamen Ferienhauses im Wald die Leiche eines vierzehnjährigen Mädchens entdeckt, ist es vorbei mit der Urlaubsidylle. Die zuständige Herforder Kripo beginnt mit den Ermittlungen am Tatort. Aber Anne Schall will so schnell wie möglich ihr Ferienparadies wiederherstellen und ermittelt in eigenem Auftrag. Eine Spur führt nach Paderborn ... Idyllisches Ostwestfalen: Die Hauptkommissarin Anne Schall macht Urlaub in ihrer einsamen Waldhütte, will eigentlich von den ungeklärten Vergewaltigungsfällen im heimischen Bielefeld Abstand gewinnen -- und stößt nach wenigen Tagen zuerst auf eine Einsiedlerhütte mit merkwürdigem Inventar, dessen Prunkstück eine Schaufensterpuppe im frischgewaschenen Nikolaus-Gewand ist. Es folgen eine Art Gespenst am Waldrand, dann eine pilzesammelnde Einheimische mit Giftpilzen im Korb, und wenig später beim Pilzesammeln findet Anne die Leiche einer 14-Jährigen, die jener Schaufensterpuppe auch noch ein wenig ähnelt. "Wozu nach Ibiza? Ein Urlaub an der Weser ist aufregend genug", kommentiert sie sarkastisch. Natürlich ist sie nur im Urlaub und hat keinerlei amtlichen Befugnisse, aber sie hat Gründe, warum sie der Fall mehr interessiert, als er es sollte. Also ermittelt sie parallel zu den zuständigen Kommissaren, und die Wege der dienstlichen und außerdienstlichen Ermittler kreuzen sich aus mancherlei dienstlichen und außerdienstlichen Gründen. Die Mädchenleiche wird bald als die einer Paderborner Schülerin identifiziert; sie gehörte zu einer strenggläubigen Baptistenfamilie, die erst vor wenigen Jahren aus Kasachstan eingewandert ist und ihrer verderbten Umwelt misstrauisch gegenübersteht (um's dezent zu umschreiben). Dass wiederum der Bewohner der Einsiedlerhütte einen "Lattenschuss" hat (gemeint sind nicht ganz koschere religiöse Wahnvorstellungen), erleichtert die Ermittlungen nur scheinbar: Ist der Mann wirklich harmlos? Und aus welchem Grund kam die 14-jährige Lydia ausgerechnet in dieses Waldstück bei Vlotho? -- Motive und Tatverdächtige gibt es mehr als genug, es gibt sogar Zeugen (wenngleich unzuverlässige) -- aber statt Beweisen gibt es nur viele Widersprüche. "Puppenvater" bezieht seine Spannung zwar auch von verschiedenen Formen religiösen Zwangs (von milden bis zu brutalen Formen), aber vor allem überzeugt die gekonnte Gegenüberstellung der verschiedenen Innenansichten: Der eigenartige Einsiedler macht den Anfang im Prolog, und bereits hier lässt sich erkennen: Eine alltägliche Situation (Frührentner führt seinen Hund spazieren und führt dabei Selbstgespräche) schlägt plötzlich um, als der Mann eine Schaufensterpuppe findet und auf diesen Fund nicht alltäglich reagiert. Dieses Prinzip zieht sich bis zum Schluss durch den Krimi und verdeutlicht: Auch die unauffälligsten Zeitgenossen haben eine individuelle Biographie. Wie Christine Höhmann mit wenigen Worten die tragischen und komischen Besonderheiten dieser Biographien skizziert, das hat Klasse. In "Puppenvater" baut sich die Spannung vor allem dadurch auf, dass der Leser peu a peu eine Innenansicht nach der anderen kennenlernt und versucht, diese Puzzleteile zusammenzufügen: Schließlich hat jeder der Ermittler auch private Interessen, die ihn ganz besonders an diesen Fall binden. Ein geschickter Schachzug der Autorin, die so die plastische Zeichnung der einzelnen Figuren mit der allmählichen Rekonstruierung dessen, was eigentlich geschehen sein muss, kombiniert, und die gleichzeitig das notwendige Hintergrundwissen über russlanddeutsche Baptisten und katholische Heilige vermittelt. Zwar weiß der Leser bald mehr als die Polizei und ahnt auch schon den Tathergang, aber das tut der Spannung nur wenig Abbruch, denn dazu ist dieser Krimi zu intelligent aufgebaut. Ein Krimi aus der deutschen Provinz, wohlbestückt mit Angehörigen signifikanter Randgruppen -- zunächst war ich misstrauisch. Schließlich bekam man in letzter Zeit zuviel von der Sorte angeboten: Skurrile Einheimische, die entweder uninteressante Dialoge zur Erhellung der Volkskunde führen und/oder konsequent lokale Spezialitäten mampfen, möglichst noch unter ausführlicher Erläuterung derselben, und ähnliches zuhauf... Aber die Furcht zerstreute bereits das erste Kapitel weitgehend, und das zweite dann ganz. Allerdings, bei allem Lob für eine gewitzte Erzählerin: Ein wenig störten mich allerlei unnötige Klischees: gemütliche Sofaecken zum Beispiel, oder lautlos tropfender Tau; ein Hund wiederum bellt laut... umgekehrt wäre das ja erwähnenswert, aber erfahrungsgemäß machen Tautropfen im Gegensatz zu bellenden Hunden nur höchst selten Lärm. So oder so: "Puppenvater" ist einer jener viel zu seltenen Krimis mit Lokalkolorit, die die Gepflogenheiten der Provinz nicht über Gebühr strapazieren und obendrein gekonnt konstruiert sind, und die den Leser nicht mit dem sattsam bekannten "und dann... und dann"-Aufbau ermüden. Stattdessen lässt Chr. Höhmann die Spannung aus der unkommentierten Gegenüberstellung der verschiedenen Protagonisten und ihrer jeweiligen Perspektiven entstehen, und während die Ermittler noch im Halbdämmer tappen, kennt der Leser bereits das Alibi des Hauptverdächtigen. Dass dieses Wissen der Spannung keinen Abbruch tut -- im Gegenteil! -- spricht für die Autorin, für ihre geschickte, unmanierierte Erzählstrategie -- und vor allem spricht es für den Krimi selbst. Der ist spannend und hinterlistig, nimmt Klischees aufs Korn und ist doch so locker geschrieben, dass er sich als Stadtpark- oder Badeweiher-Lektüre unbedingt empfiehlt. Merke: Unbekannte Autoren und kleine Verlage sollte man niemals übersehen