Mord mit Autobahn.

Freddie Deichsler war schon lange nicht mehr im oberbayerischen Isental, wo er aufgewachsen ist. Und jetzt das: Sein Schulfreund Korbinian Brandner wurde in Tracht an den “Schwammerl” genagelt – das Symbol für den Kampf gegen die Isentalautobahn. Deichsler will wissen, wer Brandner so brutal umgebracht hat und das nicht nur, weil er selbst der Hauptverdächtige ist … Ein Mordfall im Isental, ausgerechnet da, wo seit vierzig Jahren die Autobahn gebaut werden soll – fordert der Kampf jetzt seine Opfer?
Kritikerstimmen:
"Dass er es versteht, ernste Themen in unterhaltsamer Form zu präsentieren, beweist (…) Leonhard F. Seidl erneut mit seinem Polit-Krimi 'Genagelt'. Fast genüsslich lässt (er) seinen Privatdetektiv von einer verzwickten Situation in die andere schlittern." Nürnberger Nachrichten  "Kein Film, kein Hörspiel kann so viel Lebendigkeit entfalten wie dieser Schreibstil." Fürther Nachrichten. ................................................................................................................................................................................
Leonhard F. Seidl … … saß im Knast um für die Arbeit „Beschriebene Blätter – Kreatives Schreiben mit straffälligen Jugendlichen“ zu recherchieren, die 2007 ausgezeichnet wurde. Jetzt lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nürnberg. 2011 debütierte er mit seinem Roman Mutterkorn der für den Förderpreis zum August Graf von Platen Literaturpreis nominiert wurde. Aufgrund seines Engagements gegen Rechts ist er Pate zweier Schulen für Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Seidl ist Mitglied im Schriftstellerverband und in der Neuen Gesellschaft für Literatur Erlangen (NGL). Mehr über Leonhard F. Seidl. ................................................................................................................................................................................

Leonhard F. Seidl im Verhör

Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden? Weil es häufig Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit offenbart. Was ist Ihre Lieblingstatwaffe? Das Wort. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Auch für mich gilt die Unschuldsvermutung. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

PROLOG Noch bevor sich die Eiszeit über Bayern hermachte, entstand im Jahre 998.000 v. Chr. das Isental, weil bei Rosenheim das Schmelzwasser des Inns irgendwo hinmusste. Und zwar in eine Schmelzwasserrinne, die dann zu einem Tal wurde. Das Trockene wurde Erde genannt, und die Ansammlung des Wassers Isen. Wären die Menschen schon da gewesen, hätten sie gesehen, dass es gut war. Aber die kamen erst später. Aus der Erde sprossen Gras und Kraut und Bäume. Kraut, das Samen, und Bäume, die Früchte hervorbrachten. Im Wasser wimmelten Wesen, Vögel zogen über den Himmel. Es war sehr fruchtbar, und alle vermehrten sich freudig. Da kamen ein Mann und eine Frau. Sie sahen den Baum mit den Früchten. Den ersten Apfel aßen sie, weil sie hungerten. Den zweiten, weil ihnen der erste so gut geschmeckt hatte. Und den dritten, weil sie nicht genug davon bekommen konnten. Freddie Deichslers Spezln frotzelten gern, er hätte sich einen Bären aufbinden lassen. Aber auch wenn es sich manchmal so anhörte: Es war kein Bär, den er sich selbst aufgebunden hatte und der da seelenruhig vor sich hin brummte. Im Tragesystem steckte sein Sohn David. Zwei Stunden, von Nürnberg bis ins Isental, hatte er sich die Seele aus dem Leib gebrüllt. Es hatten kein Schnuller und kein Fläschchen, keine frische Windel und kein Bayern 4 Klassik geholfen. Erst als Freddie seinen Sohn nach der Ankunft im Isental aus dem Kindersitz genommen und sich im Schutze der Dunkelheit vor den Leib geschnallt hatte, war der kleine Mann zur Ruhe gekommen. Gäbe es die Autobahn durchs Isental schon, gegen die hier seit knapp vierzig Jahren gekämpft wurde, wären Deichsler ganze fünfzehn Minuten Gebrüll erspart geblieben. Und fünfzehn Minuten konnten verdammt lang sein. Allerdings hätte Deichsler auch schon früher darauf kommen können, eine Pause einzulegen und David in den Tragegurt zu packen. Vielleicht lag’s an der schwülen Augustnacht, dass Deichsler nicht eher der rettende Einfall gekommen war, vielleicht aber auch einfach an der Tatsache, dass es fürs Vatersein eben keine Ausbildung gab. Bis vor einem halben Jahr hatte Deichsler den Mamas im Park noch neidvoll hinterhergeblickt, wenn er beobachtete, wie sie den Nachwuchs gemächlich umherschoben, mit anderen frischgebackenen Müttern plauderten und hin und wieder den Schnuller zurechtrückten. Jetzt beneidete er Menschen, die duschen konnten, ohne wie ein wild gewordener Schimpanse herumhüpfen zu müssen, damit ihr Säugling nicht laut losbrüllte, wenn sie sich den Kopf einseiften. Denn auf Babys dieses Alters hatte ein eingeseifter Kopf eine unheimlich bedrohliche Wirkung. Und vor allem hatte er es satt, am Hauptbahnhof ständig von der Polizei wegen illegalen Drogenbesitzes kontrolliert zu werden, weil ihm die Augenringe bis zu den Knien hingen.  
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