Bezirksinspektor Polivka ermittelt: Da möchte man kein Mörder sein!

Für den verschrobenen Wiener Bezirksinspektor Polivka steht von Anfang an fest: Der Mann, der sich infolge einer Notbremsung in einem Zugwaggon den Hals gebrochen haben soll, ist tatsächlich brutal ermordet worden. Dass die einzige Zeugin, eine – wie Polivka findet, bezaubernde! – Französin, noch vor ihrer Vernehmung die Flucht ergreift, kann ihn in seiner Meinung nur bestärken. Gegen die Weisung seines Vorgesetzten, den Fall zu den Akten zu legen, begibt er sich auf eine aberwitzige Odyssee quer durch Europa und verstrickt sich dabei immer tiefer in ein mörderisches Netz aus politischen und wirtschaftlichen Machenschaften. „Einer der besten Krimischriftsteller seines Landes.“ Die Welt ................................................................................................................................................................................ Stefan Slupetzky schreibt Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Preise: Glauser 2005 (Debut), Burgdorfer Krimipreis 2006. Stefan Slupetzky lebt und arbeitet in Wien. http://www.stefanslupetzky.at ................................................................................................................................................................................

Drei Fragen an Stefan Slupetzky

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? In der Volksschule. Da habe ich eine Klassenarbeit nicht abgegeben und daheim mit Rotstift selbst korrigiert. Was die Lehrerin gegenüber meiner Mutter dazu veranlasst hat, mir eine kriminelle Karriere vorauszusagen, war nicht die Tat an sich, sondern der Umstand, dass ich mich selbst nur mit einem "Gut" benotet hatte. Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Nach korrekter EU-Auffassung täglich an die dreißig (Zigaretten + kleine Bier + Achtel Wein). Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Ein alter Hund lässt sich nicht mehr dressieren. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Willst du endlich lernen, gern zu leben, sagt der alte Gandhi, lern zu geben. Ich sag, nimm die Brüder Lehman ernst, also schau drauf, dass du nehmen lernst. Trio Lepschi

Teil 1

Paris

Wenn der Mikulitsch das Dienstabteil verlässt, um seines Amtes zu walten, hat der Zug in der Regel schon Sankt Andrä-Wördern passiert. Der Mikulitsch ist ein kontemplativer, besonnener Mann; er weiß, was er den Bundesbahnen schuldet: die Würde der Montur und damit der gesamten Schaffnerschaft zu wahren. Zwischen dem Franz-Josefs-Bahnhof und der Spittelau öffnet er seinen schwarzen Lederkoffer. Bis Nußdorf entnimmt er dem Koffer 1. seine Jause (zwei Wurstsemmeln und eine Flasche Bier), 2. eine Rätselzeitschrift (Sudoku), 3. einen Flaschenöffner, 4. einen Kugelschreiber und 5. den ärarischen Fahrscheincomputer. In Weidling, spätestens in Kierling macht der Mikulitsch eine kleine Verschnaufpause. Sein Werkzeug hat er mittlerweile akkurat im Abteil platziert: die Jause und den Flaschenöffner auf dem Tischchen beim Fenster, die Zeitschrift und den Kugelschreiber auf dem mittleren Sitz, den Computer auf der Ablage neben der Gangtür. Der Mikulitsch setzt sich ans Fenster, betrachtet die Landschaft und sinniert. Er widersteht dem Drang, die Bierflasche schon jetzt zu öffnen; er wird sie später noch brauchen, um die Wurstsemmeln hinunterzuspülen. Kurz vor der Station Kritzendorf pflegt der Mikulitsch aufzustehen. Er schließt die Augen, atmet durch und spürt dem sanften Schaukeln des Waggons nach. Der Mikulitsch macht sich bereit, er sammelt sich, er transformiert gewissermaßen die kinetische Energie des Zuges in jene konzentrierte Geisteskraft, die auch ein guter Schauspieler vor seinem Auftrittdurch den Körper strömen fühlt. Dann aber geht es Schlag auf Schlag. Höflein: Der Mikulitsch öffnet die Augen und wirft sich in Pose. Greifenstein: Der Mikulitsch hängt sich den Fahrscheincomputer um. Sankt Andrä-Wördern: Der Mikulitsch prüft den Sitz seiner Uniform. Zeiselmauer-Königstetten: Der Mikulitsch streicht sich den Schnurrbart glatt, öffnet die Tür und tritt aus dem Abteil. Mit einem sonoren «Zugestiegen?» beginnt er seine Runde durch den Zug, eine Runde, die naturgemäß eher eine Gerade ist. Heute aber ist alles anders. Heute ist ein schlechter Tag, ein wolkenverhangener, diesiger, drückend schwüler Tag. Ein Tag, an dem die Statistiker einen signifikanten Tiefpunkt der österreichischen Volkswirtschaftsleistungskurve feststellen könnten, wären sie heute nicht selbst so reizbar und unkonzentriert. Man wartet auf das erlösende Unwetter, aber das Unwetter ziert sich. Auch der Mikulitsch wartet. Und so kommt es, dass er – ganz entgegen der Usance – sein Coupé erst in Muckendorf-Wipfing verlässt. «Zugestiegen?» Der Mikulitsch streift durch den Gang, wirft seine Blicke nach links und nach rechts: erfahrene, unbestechliche Adlerblicke, Blicke eines Croupiers am Roulettetisch. «Zugestiegen?» Die wenigen Passagiere tragen bekannte Gesichter: Schulkinder und Pendler, alle im Besitz von Jahreskarten. «Servus», nickt der Mikulitsch nach links und nach rechts. Der Zug fährt in Langenlebarn ein, und der Mikulitsch wechselt in den zweiten Waggon. Hier kann er nur einen einsamen Reisenden ausmachen: einen Mann mit Krawatte und Anzug, der – mit gedankenverloren zur Seite geneigtem Kopf – aus dem Fenster starrt. «Zugestiegen?», sagt der Mikulitsch. Der Mann reagiert nicht. «Zugestiegen, der Herr?», probiert der Mikulitsch es noch einmal. Wieder keine Antwort. Gehörlos, konstatiert der Mikulitsch, der seinen Kunden grundsätzlich mit Wohlwollen begegnet, sie also nie vorab des Schwarzfahrens verdächtigt. Der Mikulitsch beugt sich vor, um dem Mann ins Gesicht zu sehen. Ein durchaus normales, gut rasiertes, etwa vierzigjähriges Gesicht, normal jedenfalls bis auf den Mund: Von einer unnatürlich dicken, dunkelgrünen Zunge auseinandergezwängt, stehen die Lippen weit offen. Erst bei näherer Betrachtung erkennt der Mikulitsch, dass dieses glänzende, grüne Objekt gar nicht die Zunge des Mannes ist. Der Mikulitsch ist am Land aufgewachsen, er kann eine ausgewachsene Salatgurke selbst dann als solche identifizieren, wenn der Großteil der Gurke im Rachen eines Fahrgasts steckt. * * * Frühere „Empfehlungen der Woche“ finden Sie hier >>