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Kann der Vergewaltiger und Mörder von Amy Lopez nach 31 Jahren ermittelt werden?
Heute erinnert sich unser SYNDIKATS-Mitglied Jörg Schmitt-Kilian“ (Kriminalhauptkommissar a.D.) an einen spektakulären bis heute ungeklärten Mordfall aus dem Jahre 1994. Im zweiten Teil beschreibt er, wie in seinem 2018 erschienenen Krimi VERSCHWUNDEN dieser Fall literarisch gelöst wurde. Im dritten Teil erklärt Schmitt-Kilian, warum die Kripo diesen cold case 2025 erneut „aufrollt“ und wieso das in „Aktenzeichen XY“ beschriebene Täterprofil „seiner literarischen Lösung“ ähnelt.

1. Wer hat Amy Lopez ermordet?
Der bis heute unaufgeklärte Mord an der jungen Amerikanerin Amy Lopez ist nur einer von vielen Mordfällen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Koblenz der nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei vielen Frauen und Männern im Polizeidienst große Betroffenheit ausgelöst hat. Aber wir müssen bei den Ermittlungen in sogenannten „Leichensachen“ (der Mensch wird im wahrsten Sinne des Wortes zur Sache) professionell agieren, uns „gefühlsmäßig distanzieren“ und dürfen uns nicht „von falscher Trauer täuschen“ lassen. Das ist „leichter gesagt als getan“, besonders wenn man die Opfer persönlich kennt. Es macht einen Unterschied, ob unbekannte Tote vor uns auf dem Obduktionstisch liegen oder ob wir diese Menschen lebend gekannt haben.
Zwei Mordfälle in der nahen Vergangenheit haben mich besonders berührt: die Ermordung von Waltraud und Heinrich Schemmer durch die eigene Schwiegertochter und das Auffinden der kopflosen Leiche des Obdachlosen Gerd Straten an seiner Schlafstelle auf dem Koblenzer Hauptfriedhof. Ich kannte das Ehepaar Schemmer und Gert Straten persönlich. Waltraud und Heinrich Schemmer hatte in „meinem“ Koblenzer Stadtteil Goldgrube, einen kleinen Lebensmittelmarkt wo ich beide mehrmals im Monat beim Einkaufen getroffen habe. Bevor Gert Straten obdachlos wurde hatte er in seiner Galerie für unsere Familie alte Fotos der Großeltern gerahmt. Mordfälle wie die des Ehepaars Schemmer und Gert Straten gehen weit über das hinaus, was im Polizeialltag zur Routine gehört. Solche Fälle „nimmt man mit nach Hause“. Kaum jemand der nach Dienstschluss „loslassen“ kann. Wir spüren bei dem Versuch professionelle Distanz zu wahren oft unsere persönliche Betroffenheit, wenn Tat und Opfer so nahe an der eigenen Lebenswelt angesiedelt sind. Reale Erlebnisse dienen aber auch als Inspiration für meine Bücher, denn sie zeigen, wie dünn die Trennlinie zwischen der Realität des polizeilichen Alltags und meiner Fantasie als Autor verläuft. Und gerade deshalb beschreibe ich in meinen Krimis weniger die Grausamkeit der Taten, sondern konzentriere mich auf menschliche Abgründe, die Stärke der Überlebenden und möchte meiner Leserschaft die Gefühlswelten von Frauen und Männern im Polizeidienst näherbringen.
Während der Mord an dem Ehepaar Schemmer mit außergewöhnlichen Ermittlungsmethoden geklärt werden konnte, ist die Enthauptung von Gert Straten weiterhin ein Cold Case und so verringert sich mit jedem Tag die Chance diesen grausamen und außergewöhnlichen Mordfall aufzuklären. Gert war kein typischer Obdachloser, er trank keinen Alkohol, wurde nie gewalttätig, war gebildet und ich habe ihn oft in der Stadtbibliothek getroffen. Allzu häufig begegnen wir wohnungslosen Menschen mit Vorurteilen aber hinter jedem Einzelschicksal verbirgt eine eigene Geschichte. Es sind Begegnungen wie diese, die einem bewusst machen, wie schnell jemand aus dem gesellschaftlichen Raster fallen kann. Ich habe mich nach dem Mord an Gert an Begegnungen mit „Pennern“ während meiner Dienstzeit als junger Polizist auf der Münzwache und bei Recherchen in Amsterdam, Berlin und Hamburg für mein bei LÜBBE erschienenes Buch Sucht ist in der feinsten Hütte erinnert. Ich lernte als Straßenmusikant viele sympathische Menschen und dramatische Schicksale kennen und mir wurde bewusst, wie oft wir Obdachlose in eine Schublade stecken, ohne zu wissen, warum sie „kein Dach über dem Kopf haben“. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Menschen obdachlos werden aber keinen einzigen sie zu verachten.
Aber zurück zu unserem cold case: Am 26. September 1994 wollte die 24-Jährige Amy Lopez zur Festung Ehrenbreitstein wandern und glaubwürdige Zeugen hatten die junge Frau noch gegen 8:50 Uhr gesehen. Nur kurze Zeit später muss sie ihren Mörder getroffen haben, denn bereits um 10:15 Uhr entdeckten zwei Jugendliche Amys nackte Leiche in einem abseits vom Pfad gelegenen Nebengebäude unterhalb der Festung. Amy Lopez wurde sexuell misshandelt und auf äußerst brutale Art ermordet.
Bereits 1994 sind wir davon ausgegangen, dass es sich bei Amy Lopez um ein „Zufallsopfer“ handelt. Die junge Frau war „zur falschen Zeit am falschen Ort“. Vermutlich hatte Amy den Täter nach dem Weg gefragt und dieser bot er ihn, sie zu begleiten und zerrte sie in den abseits des Pfads gelegenen Raum. den nur „Ortkundige“ kennen und diese Erkenntnis führte mich zu „meinem“ Täter aus dem nahegelegenen Mühlental. Im zweiten Teil erkläre ich, wie in VERSCHWUNDEN zwei wahre Fälle zu einer Story geschmolzen sind und vermutlich hat sich schon mancher SYNDIE gefragt, ob die schriftstellerische Fantasie einen cold case lösen kann. Lasst euch überraschen!


