Der Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte "Kurzkrimi" ist dotiert mit 1.000 Euro in kleinen, nicht fortlaufend nummerierten Scheinen für die beste deutschsprachige Krimikurzgeschichte des vergangenen Jahres. Die Preisträger 2019 wurden am Samstag, dem 13. April 2019 während der 33. CRIMINALE, des Jahrestreffens des SYNDIKATs, in Aachen verkündet und geehrt.

Preisträgerin für den Friedrich-Glauser-Preis 2019 in der Sparte "Kurzkrimi":

Zechen Zoff Umschlag websiteAlmuth Heuner

Almuth Heuner
Schwarzes Erbe, in: Zechen, Zoff und Zuckerwerk, Prolibris

„Schwarzes Erbe“ heißt der Kurzkrimi, für den Almuth Heuner den Friedrich-Glauser-Preis verliehen bekommt – ein dreidimensionaler Titel, wie sich im Laufe der Lektüre herausstellt.
Eine goldene Regel besagt, dass man nie in seinem direkten Umfeld morden sollte, wenn es sich vermeiden lässt. Offensichtlich ließ es sich diesmal nicht vermeiden, denn die Geschichte spielt da, wo Almuth Heuner mit ihrer Familie lebt: im Ruhrgebiet.
Dabei erfüllt der Kurzkrimi die obersten Anforderungen an Literatur: Er ist gesellschaftlich relevant, sprachlich erlesen und er kommt genau zur richtigen Zeit. Am 21. Dezember 2018 wurde auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop die letzte Schicht gefahren. Damit endete die Ära des industriellen Steinkohle-Bergbaus in Deutschland, die im 18. Jahrhundert begann, in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung entscheidend prägte und nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für den Wiederaufbau und den heutigen Reichtum unseres Landes begründete.
Genau hier setzt „Schwarzes Erbe“ an und dies ist die erste Dimension des Titels. Die beiden anderen Dimensionen erschließen sich in der besonderen Anlage der Handlung und der darin geschilderten Figurenkonstellation.
Almuth Heuner erzählt eine Familiengeschichte, die mit einem Mord im Jahre 1942 beginnt, einen Zwischenstopp bei einem zweiten Mord im Jahre 1973 einlegt und mit der Schließung von Prosper Haniel im Jahre 2018 noch nicht endet. Dabei entführt sie uns sowohl inhaltlich, als auch sprachlich authentisch in die zweigeteilte Welt der Bergleute: die unter und die über Tage.
Wir begleiten die Protagonisten in die staubige Finsternis in 1000 Metern Tiefe, die nur vom Geleucht der Bergleute durchdrungen wird. Dort unten ist es eng und schwül. Das Gebirge über den Köpfen drückt schwer, es wird erschüttert von den Abbauhämmern der Bergleute. Hinter jeder Kurve, in jedem Streb lauert die Gefahr der Bösen Wetter und das Hangende kann in Sekunden zum Sargdeckel werden. In dieser Situation, in der sich jeder Bergmann auf seinen Nebenmann verlassen können muss, wird der Arbeitskollege zum Kumpel. Nirgendwo also wiegen die menschlichen Abgründe, mit denen sich die Kriminalliteratur beschäftigt, schwerer als da unten. Almuth Heuner gelingt es in beeindruckender Weise, vor dieser Kulisse einen fesselnden Plot zu entwickeln.
Und dann ist da noch die Welt über Tage, das Leben in den Kolonien und in den Familien, das nicht selten durch ein bescheidenes Glück geprägt ist, bei dem es in erster Linie darum geht, dass die Kinder versorgt sind. Almuth Heuner entwirft in diesem Umfeld eine Familiengeschichte über drei Generationen, die atmosphärisch so dicht ist und sprachlich so milieugetreu, dass wir das Gefühl bekommen, Teil dieser einzigartigen Welt im Ruhrgebiet zu sein.
Kurzkrimis wie diese sind es, die eine der industrie- und sozialgeschichtlich prägendsten Phasen der bundesrepublikanischen Geschichte wachhalten. Der Strukturwandel im Ruhrgebiet ist seit Jahrzehnen im Gange und er ist mit dem Jahr 2018 noch längst nicht abgeschlossen. So ist es nur konsequent, dass die dritte Generation in der Familie des Protagonisten am Ende die Verbindung von der Vergangenheit in die Zukunft herstellt.
Das ist Literatur auf höchstem Niveau. „Schwarzes Erbe“ ist so aktuell wie relevant, so spannend wie sprachlich ausgefeilt.
Die Jury und damit das gesamte Syndikat bedankt sich für diese Geschichte und gratuliert Almuth Heuner herzlich zum Friedrich-Glauser-Preis des Jahres 2019 in der Sparte Kurzkrimi!

 

 

 

Außerdem nominiert waren:

581 Antho Halle rgb 03c11943a9 2907153584Peter Godazgar
Peter Godazgar
Zu schlau für diese Welt, in: Die Stadt, das Salz und der Tod, Grafit

Ein Erpresser der ganz besonderen Art stellt sich der Polizei – vergeblich, denn man glaubt ihm nicht. Zu abseitig und vor allem zu rätselhaft sind die Hinweise, mit deren Hilfe der ehemalige Lehrer Gerhard Schröpke einen Kunstraub ankündigt und sich als „zu s

chlau für diese Welt“ erweist. In dialogstarken Vernehmungsszenen entfaltet Peter Godazgar seinen skurrilen, geradezu nervenaufreibenden Humor um einen großen Unverstandenen, ein Superhirn des Verbrechens, einen einsamen Geistesriesen, der bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Zugleich gelingt Godazgar eine Liebeserklärung an die Stadt Halle und das Kunstmuseum Moritzburg. Ein Krimi zum Mitraten. Loriotesk!

 


MakronenMerchant Autorenportr Lüg 1Judith Merchant
Goldrausch ohne Rauschgold, in: Makronen, Mistel, Meuchelmord, Knaur

Eine Frau sorgt für den Tod ihres Gatten - das klingt zunächst nach einer Story, wie sie schon tausend Mal geschrieben wurde. Doch in „Goldrausch ohne Rauschgold“ erzählt Judith Merchant die Geschichte von Klaus und seiner Frau - und natürlich seinen Fischen – ganz neu und in genau dem heiter-leichten Ton, der so schwer gelingt. Wir begleiten die plaudernde Ich-Erzählerin durch goldene Hoffnungen und grausame Enttäuschungen und können dabei gar nicht anders, als uns an den Anspielungen auf die „Herr der Ringe“-Trilogie oder an der Wahl des Namens Wanda für Klaus‘ Lieblingskoi zu freuen. Und natürlich über das Ende, das nur allzu logisch ist. Ein großes Kurzkrimivergnügen! Eine wahrhaft goldene Geschichte!





Zechen Zoff Umschlag websiteursula sternberg 168

Ursula Sternberg, Foto (c) Sarah Koska
Sieben, in: Zechen, Zoff und Zuckerwerk, Prolibris
Es reichen wenige Sekunden, um eine falsche Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Was danach folgt sind Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, innerer Widerstreit. All dies durchlebt Micki, die Hauptfigur in Ursula Sternbergs Kurzkrimi „Sieben“. Der Stil der Geschichte ist eindringlich. Sternberg gelingt es, detailreich, einfühlsam und in literarischer Dichte den Weg zu Mickis Entscheidung offenzulegen und ihre Verzweiflung sichtbar werden zu lassen. Der Schluss birgt eine Überraschung. „Sieben“ ist eine Geschichte, die nachhaltig wirkt.





Zechen Zoff Umschlag websiteHier in Tremonia reinhard jahn Walter WehnerReinhard Jahn/Walter Wehner
An Tagen wie diesen, in: Zechen, Zoff und Zuckerwerk, Prolibris

Nicht nur An Tagen wie diesen ist im Ruhrpott irgendwie immer was los. Auf jeden Fall trifft dies für Orkans Döner-Imbiss zu, wo die Speisekarte neben deutsch auch in arabisch und russisch zu lesen ist und es unter der Oberfläche brodelt. Hier hängen Driver und Manni ab und beäugen King. Man wähnt sich beim Lesen regelrecht dabei.
Bis zur Eskalation am 24.12., dem Heiligabend, wird die Leserschaft temporeich durch diesen Adventskalender der besonderen Art geführt. Von Plastikringen über Kaugummis wird dem täglich etwas anderes entlockt. Gleichzeitig absorbiert ein weißer SUV Aufmerksamkeit im Alltagstrott. „Da müssen wir reingrätschen“, schlägt Manni vor. Der extrem kurzweilige Text ist ungewöhnlich und setzt sich mit seiner ganz eigenen „Handschrift“ von den anderen eingereichten Kurzkrimis deutlich ab. Zum Ende hin überrascht er mit einer unerwarteten Wendung. Chapeau!





Für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte "Kurzkrimi" 2019 konnten Krimi-Kurzgeschichten eingereicht werden, die im Jahr 2018 in gedruckter Form (elektronische Veröffentlichungen wurden nicht berücksichtigt) erschienen sind. Die Kurzkrimis duften nicht länger als 20 Normseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) sein. Die Autoren mussten die Kurzkrimis selbst bei der Juryorganisation einsenden.

Die Liste aller 113 eingereichten Werke können Sie hier herunterladen (PDF) 118.6K.

Die Juroren waren:

Thomas Breuer, Gitta Edelmann, Thomas Kastura (Preisträger 2017), Veit Müller und Claudia Schmid.

Juryorganisation: Claudia Puhlfürst

Die nominierten Kurzgeschichten können SYNDIKATs-Mitglieder und AMIGOs mit freundlicher Genehmigung der Verlage im Geheimbereich nachlesen.