Der ganz normale Wahnsinn einer Verlagssuche
Sanela Egli

Gutmensch – das Unwort des Jahres 2015. Für mich ist es das Wort "seriös". Dass man es immer wieder vor das Wort "Verlag" setzen muss, macht mich wütend und nachdenklich zugleich.
Obwohl ein Verlag genau genommen ein Geschäftspartner ist, sehe ich ihn als Auftraggeber, der mich für meinen Fleiß bezahlt und nicht umgekehrt. Eine Literaturgesellschaft in Frankfurt, deren Name mir soeben entfallen ist, sieht das aber anders.
Es ist ein paar Jahre her, ich stehe noch am Anfang meiner schriftstellerischen Tätigkeit, als ich für meine Gedichte von besagter Gesellschaft mit Lobeshymnen überschüttet werde. Dass ich die mehreren tausend Euro Druckkostenzuschuss niemals wieder reinholen werde, die ich investiere, ist mir in dem Moment egal, ich habe einen Verlag, nur das zählt.
Das Büchlein ist schnell auf dem Markt, ich platze fast vor Stolz. Blöd nur, dass kein Buchhändler nur einen Deut Interesse zeigt, mein Werk zu bestellen. "Wir unterstützen keine Druckkostenzuschussverlage", erklärt man mir.
Die Zeit vergeht, die Euphorie über den Verlagsvertrag auch. Kein einziges Exemplar ging über die Ladentheke. Aber so schnell gebe ich nicht auf, ich schreibe eine Geschichte nach der anderen und suche nach einem Verlag.
Eins meiner Manuskripte findet nach langer Suche endlich ein Zuhause. Bei einem "all-inclusive-Verleger", wie ich diese Sorte nenne. Also Verleger, Lektor, Korrektor, Buchsetzer und Designer in einem. Der Ein-Mann-Verlag verlangt von seinen Autoren keinen Zuschuss, so ist der Vertrag schnell unterzeichnet. Dass der Verlag seine Bücher nur über Amazon vertreibt, ist mir ein Dorn im Auge, denn ich selbst habe dort noch nie etwas bestellt und möchte eigentlich den stationären Buchhandel unterstützen. Mir ist klar, dass dieser Verlag nur eine Zwischenstation ist.
Während des Lektoratsdurchgangs wird mir schmerzlich bewusst, was es heißt, sich verbiegen zu lassen, meine Geschichte wird vom Alleskönner komplett umgeschrieben. Es ist nicht mehr meine Geschichte, nicht mehr mein Baby.
Nein, das will ich nicht! Ich schreibe so, wie ich eben schreibe! Kein all-inclusive-Verleger mehr, kein DKZV. Ich stelle mich auf eine lange Zeit des Wartens ein. Oder ist Selfpublishing etwas für mich?
Nach kurzer Recherche ist klar: Nein!
Ich kenne keinen SPler, der nicht sofort einen Verlagsvertrag unterzeichnen würde, wenn er denn einen bekäme. Und überhaupt frage ich mich, wie man seine Rechnungen bezahlen kann, wenn man E-Books für 99 Cent anbietet. Hinzu kommt, dass ich meine Werke nicht unter Wert verkaufen oder gar verleihen will. Natürlich könnte ich meinen Schreibstil ändern und damit die Chance auf einen Verlagsvertrag erhöhen. Aber das will ich nicht. Das wäre nicht ich. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Manuskripte weiterhin zu versenden und zu hoffen.
Mittlerweile schreibe ich vier bis sechs Stunden täglich. Beruf? Schriftstellerin! steht über meinem Schreibtisch.
Ein Mainzer Verlag will eins meiner Kindergeschichten veröffentlichen. Wie er genau heißt, weiß ich nicht mehr, irgendwas mit einem Tiger – oder war es ein Löwe? Obwohl ich mir geschworen habe, nie wieder etwas für eine Veröffentlichung zu bezahlen, bin ich erneut bereit, das Sparschwein zu plündern. Dieses Mal sichere ich mich aber ab und recherchiere im Internet nach. Besagter Verlag hat einen guten Ruf, also überweise ich das Geld. Als der genaue Veröffentlichungstermin bekannt ist, nehme ich umgehend Kontakt zur Presse auf. Jahrelang habe ich mein Netzwerk aufgebaut, jetzt werde ich dafür belohnt. Einer Zeitung nach der anderen darf ich ein Interview geben, alle sind begeistert von meinem Kinderbuch. Der angekündigte Termin kommt, doch mein Buch ist noch nicht einmal lektoriert. Es vergehen Monate, das Buch wird nie veröffentlicht, das Geld ist weg, die aufgebaute Beziehung zur Presse droht zu bröckeln.
Eines schönen Tages, ich bin kurz davor alles hinzuschmeißen, bekomme ich für einen meiner Krimis einen positiven Bescheid vom Brighton Verlag (6 Monate nach Einreichung). Nach unzähligen E-Mails mit der Chefetage ist für mich klar, dass sich das Warten gelohnt hat. Ich bekomme gleich mehrere Verträge und weiß, dass ich endlich einen seriösen Verlag gefunden habe. Als erstes Buch erscheint mein kriminalistischer Schicksalsroman Und im Herzen die Erinnerung. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, als mir eine Freundin mitteilt, ein Exemplar in der hiesigen Buchhandlung vorbestellt zu haben. Wow, denke ich, jetzt bin ich eine richtige Schriftstellerin – mein Buch gibt es in der Buchhandlung.
Ich bin meinem Verlag dankbar, dass er mich aufgenommen hat, als mir überall die Tür vor der Nase zugeknallt wurde.
Die andere Seite zu hören wäre auch mal interessant: Verleger und ihre Erfahrungen mit Autoren, die immer alles besser wissen, sich nicht um Werbung bemühen und in der Anonymität des Internets ihren Frust ablassen, wenn es mal zu Unstimmigkeiten mit dem Verleger kommt, und so den guten Ruf des Verlags aufs Spiel setzen.

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