"Du wirst heillos Geduld haben müssen mit mir." Liebesbriefe.

Seit Langem mal wieder eine Neuausgabe von Friedrich Glauser, Namenspatron unserer GLAUSER-Preise.

Glauser ist einer der ersten und zugleich bedeutendsten deutschsprachigen Kriminalautoren.
Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm. 

Wir nehmen diese Neuerscheinung zum Anlass, sein Werk wieder einmal hervorzuheben.

Paul Ott (alias Paul Lascaux), Autor und Experte zu Friedrich Glauser, hat den großen Schweizer Kriminalschriftsteller für uns gewürdigt - unbedingt lesenswert! Danke, Paul Ott!

Friedrich Glauser

 

«Mit braunem Holz waren die Wände des Raums getäfelt, und da die Läden vor den Fenstern geschlossen waren, schimmerte die Luft wie dunkles Gold.»

Wer war dieser Friedrich Glauser, nach dem unser Glauser-Preis benannt ist?

«1896 geboren in Wien von österreichischer Mutter und Schweizer Vater.» Gymnasium in Wien, Landerziehungsheim Glarisegg, Collège de Genève, Matura in Zürich, ein Semester Chemie, Dadaismus. «Vater wollte mich internieren lassen und unter Vormundschaft stellen.» Flucht nach Genf, ein Jahr in der Psychiatrie Münsingen interniert, Flucht. Ascona. Verhaftung wegen Morphium, das er «Mo» nennt. Psychiatrische Anstalt Burghölzli. Zwei Jahre Fremdenlegion in Marokko. Paris, in den belgischen Kohlegruben, Krankenwärter in Charleroi, Internierung in Belgien. Strafanstalt Witzwil, Handlanger in einer Baumschule, Gärtner in Basel, Winterthur, Gartenbaumschule Oeschberg, Paris, vier Jahre in der Psychiatrie Waldau bei Bern interniert, Bretagne, Collioure, Basel, Nervi bei Genua. 

Ein Getriebener, ein Morphinist, ein Unglücklicher, dem das Schicksal nur einmal hold war in der Gestalt der Krankenschwester Berthe Bendel, die seine Freundin wird und die er ehelichen will. Am Tag vor der Hochzeit bricht Friedrich Glauser in Nervi zusammen und wacht nicht mehr auf. Er stirbt am 8. Dezember 1938.

Alle Lebensstationen tauchen in seinem Werk auf, das er in den letzten zehn Jahren seines Lebens verfasste, jedenfalls was die Romane betrifft. In Frankreich lernt er die ersten Krimis von Georges Simenon kennen, der mit Kommissär Maigret zu seinem grossen Vorbild wird. «Nicht der Kriminalfall an sich, nicht die Entlarvung des Täters und die Lösung ist Hauptthema, sondern die Menschen und besonders die Atmosphäre, in der sie sich bewegen.» Das wendet Glauser in den fünf Fällen um Wachtmeister Studer an: «Dieser Fall scheint in drei Atmosphären zu spielen: In einem Dorfwirtshaus, in einer Armenanstalt, in einer Gartenbauschule.» («Der Chinese») 

Überhaupt wird die Figur des Wachtmeister Studer stilbildend für den Schweizer Kriminalroman, allerdings auch vermittelt durch die filmische Umsetzung 1939 durch Leopold Lindtberg und Heinrich Gretler in der Rolle des Studer. «Da saß vor ihm ein einfacher Fahnder, ein älterer Mann, an dem nichts Auffälliges war: Hemd mit weichem Kragen, grauer Anzug, der ein wenig aus den Fugen geraten war, weil der Körper, der darin steckte, dick war. Der Mann hatte ein bleiches, mageres Gesicht, der Schnurrbart bedeckte den Mund, so dass man nicht recht wusste, lächelte der Mann oder war er ernst.» («Wachtmeister Studer»)

«Matto regiert» (1936) spielt in einer psychiatrischen Klinik, die von Dr. Laduner geleitet wird, über den der Autor sagt: «Auf dem Grunde aller Menschen hockte die Einsamkeit.» Bei der zweiten Auflage 1943 wurden die Hitler-kritischen Textpassagen zensuriert, auch die Analyse des Arztes: «Der Mann, der soeben sprach, hat Glück gehabt … Wäre er zu Beginn seiner Laufbahn einmal psychiatrisch begutachtet worden, die Welt sähe vielleicht ein wenig anders aus … Gewisse sogenannte Revolutionen sind im Grunde nichts anderes als die Revanche von Psychopathen.» Wieso nur bekommt man den Eindruck, Friedrich Glauser habe weit über seine Zeit hinaus gedacht?

«Aus dem Nebel, der filzig und gelb und fett war wie ungewaschene Wolle, tauchten Mauern auf, die roten Ziegel eines Hausdaches leuchteten.»

Paul Ott

Empfohlene Lektüre:

Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer (1936)

Friedrich Glauser: Matto regiert (1936)

Friedrich Glauser: Der Chinese (1939)

Friedrich Glauser: Gourrama. Roman aus der Fremdenlegion (1940)

Paul Ott: Mord im Alpenglühen. Geschichte des Schweizer Kriminalromans (2020)

 

P.S.: Diesen wunderschönen, selbst literarischen Beitrag haben wir selbstverständlich auch in unsere "Krimipedia" aufgenommen.