Der Preis in der Kategorie "Kurzkrimi" ist mit 1.000 Euro in bar in nicht fortlaufend nummerierten Scheinen dotiert.

Der oder die PreisträgerIn 2021 wird am Samstag, den 24. April 2021, in einer großen Online-Gala verkündet und geehrt.

Die Ausschreibung für das Jahr 2022 finden Sie hier ! 

Nominierte für den GLAUSER-Preis 2021 in der Kategorie "Kurzkrimi":

 

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Raoul Biltgen ( Foto © Philippe Matsas )

"Der ruhende Pol"

In: Les Cahiers Luxembourgoises, 3/2020

Ein Mann sitzt in einem Park in einer kleinen Stadt in Luxemburg und zählt. Er will das richtige Verhältnis zwischen Krähen, Kindern, Müttern, Bäumen und allem anderen herausfinden, denn er ist Statistiker und für eine solche Arbeit ausgebildet. Das tut er seit drei Jahren. Sein Ergebnis soll das Leben der Stadt verbessern, und nun steht er kurz davor, eine Lösung zu finden für das Problem. Er stammt aus einem anderen Land, doch die Stadt hat ihn vor vielen Jahren aufgenommen, und nun will er ihr etwas zurückgeben, indem er aufgrund seines Zählens Empfehlungen ausspricht. Ende November hat er seine Beobachtungen abschließen wollen. Doch dazu kommt es nicht, denn auf einmal stimmen seine Zahlen nicht mehr. Dann verschwinden Kinder, und natürlich wird der Mann verdächtigt, weil er aus einem anderen Land kommt. Und immer da sitzt, sommers wie winters. In der Nähe ist ein Kinderspielplatz ...

Die Story fordert Geduld beim Lesen, denn eigentlich passiert ja sehr lange nichts. Dafür tritt der zählende Mann immer deutlicher hervor, wird sein Denken und Handeln verständlich. Kunstvoll spielt der Autor mit Sprache und Stil und lässt nur ab und zu zwischen den Sätzen und Zeilen hervorblitzen, was um diesen sonderbaren Mann herum geschieht. Diese behutsam aufgebaute Taktung sorgt dafür, dass die Leser*innen unweigerlich hineingezogen werden in die Geschichte und auch auf die Seite des Krähen-, Bäume-, Kinderzählers. Und am Ende lässt der Autor einen Paukenschlag ertönen, der leiser und schrecklicher nicht sein könnte.

 


 

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Katja Bohnet (© Foto: Benedikt Ernst)

"Die Schwarzfahrerin"

In: Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel. Knaur 2020

"Der brennende Junge kommt auf mich zu. Sein Mund ist weit aufgerissen. Er muss schreien, aber ich höre ihn nicht. Seine Haut schält sich von den Knochen. Flammen züngeln aus seinem Haar.“

Katja Bohnet erzählt in „Die Schwarzfahrerin“ eine absolut packende Geschichte.

 
Wortgewaltig. Authentisch. Aufrüttelnd.

Wir schlüpfen in das Leben der jugendlichen Judy, die haltlos zwischen Alpträumen, Schuleschwänzen, vollgepissten Aufzügen und dem Straßenstrich wankt. Der tödliche Angriff auf ihren jüdischen Freund Samuel hat ihr das letzte Stück geborgener Sicherheit entrissen.

Bohnet bringt uns so nah an die Figuren, dass wir schmerzlich und schockiert miterleben, wie es sich anfühlt, in ihrem Wohnblock zu wohnen. Wie es ist, wenn antisemitische Gewalt banalisiert wird und die Ohnmacht bleibt.

Die Autorin schafft es, den Leser tief zu bewegen. Mit einer Sprache, die ebenso brutal ist wie die Geschehnisse selbst. Mit Kontrasten und Bildern, die lange nachhallen. Und mit einem gekonnten Spannungsaufbau, der uns durch Judys Geschichte zerrt und nicht loslässt.

 


 

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Joe Fischler

"Konrad war ein guter Mann"
In: Stille Nacht, nie mehr erwacht. Krimis für die kalte Jahreszeit. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2020

 

© Foto: Ingo Pertramer

 

 „Die Vergangenheit war Irmgard näher als die Gegenwart, die so spurlos über sie strich, als wäre sie aus feinster Seide gewoben.“

 Es ist der 24. Dezember. Der Bergbauernhof im Lahnbachtal versinkt im Schnee. Zweiundsechzig Ehejahre verbinden Irmgard und Konrad, die hier zusammen wohnen. Beide sind von Krankheiten gezeichnet. Er sitzt nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, sie leidet neben ihrer Arthritis unter Demenz. Deshalb kommt auch regelmäßig ein Pfleger vorbei. Die restliche Zeit sind die beiden Alten auf sich gestellt. Die Kinder sind bereits ausgezogen und kommen seit Jahren nicht zu Besuch. Über allem schwebt ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit, das Irmgard nicht los lässt.

 Die Einsamkeit der beiden Alten, die zwar zusammen leben aber dennoch voneinander mental und emotional isoliert sind, schwingt von Anfang an in jeder Zeile mit. Joe Fischler versteht es fulminant die Trostlosigkeit und Traurigkeit, die sich über viele Jahre angesammelt hat und über dem Paar liegt wie der Staub in den Ecken der Stube, in Worte zu fassen. Darüber hinaus verwendet Fischler Subtext und setzt ihn meisterhaft ein, was den/der Leser:in zusätzlich ganz in die Geschichte eintauchen lässt. Der Kurzkrimi ist atmosphärisch dicht geschrieben, die Figuren plastisch und authentisch gezeichnet. Die Verlorenheit Irmgards ist greifbar, die Härte des Ehemanns ebenso. Jede Figur spricht in einer eigenen Sprache, was einer zusätzlichen tiefen Charakterisierung entspricht. Das Fehlen von echter Liebe und Verbindung, so wie die Trübsal der beiden Figuren, die nichts mehr vom Leben erwarten können und das wissen, ist spürbar und zieht den/die Leser:in in den Bann.

 Fazit: Joe Fischler hat mit seinem Kurzkrimi ein erschreckend reales Psychogramm zweier unglücklicher Seelen mit Gänsehautfaktor gezeichnet. „Konrad war ein guter Mann“ ist ein wirklichkeitstreues Abbild unserer Gesellschaft und eine Geschichte, die noch lange nachhallt und den/dieLeser:in nachdenklich zurücklässt.

 


 

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Regina Schleheck: ( Foto: © Schleheck )

"Peinlich"

In: Diebe, Mörder, Galgenstricke. Wellhöfer 2020

 

Regina Schleheck erzählt eine kriminelle Kurzgeschichte nur in Briefform, und der Briefschreiber demaskiert sich selbst. Nur vordergründig geht es ihm um Hexenverbrennungen im Mittelalter, Vergewaltigungen und Denkmäler. All das wird geschickt miteinander verwoben, doch das tatsächliche Anliegen findet sich im Subtext.

            In Wahrheit handelt "Peinlich" vom Besitzstandsdenken jener, denen es materiell an nichts fehlt, dafür aber an Menschlichkeit. Es geht um jene, die schlichte Gemüter aufhetzen, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. So behauptet der Briefschreiber, Lesen gefährde den Verstand, außerdem würden Frauen sich unbegründet oder gar absichtlich in eine Opferrolle stürzen.  Die Umkehr von Tätern und Opfern, perfide einschmeichelnd vorgebracht von einem, der sich mit allem, was er hat, dem aus seiner Sicht ach so bösen Trend der Zeit entgegenstemmt, führt sich selbst ad absurdum. 

            Den Rattenfängern und Wahrheitsverdrehern hält Regina Schleheck so treffend wie gekonnt, so aktuell wie zeitlos den Spiegel vor. Und der zeigt, wie es ist, und nicht, wie manche die Welt gerne hätten.

 


 

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Leif Tewes

"Der Sinn des Lebens"

In: Banken, Bembel und Banditen.

Gmeiner 2020

 

  

Die Frankfurter Trümmergrundstücke der Nachkriegszeit sind die Welt seiner Kindheit, da kennt er sich aus. Jahre später, er macht das Abitur, verschwindet sein kleiner Bruder, kommt nicht zum Abendessen. Die verzweifelte Suche der Eltern auch in den verrufenen Ecken der Stadt scheitert, die Polizei ist gleichgültig und vermutet den Jungen bei Hippies in besetzten Häusern. Eine Ohnmacht erfasst ihn, an die er sich immer erinnern wird. Tage später findet man den Bruder im Abwasserkanal, nackt und erwürgt. Die Polizei dokumentiert einen Lustmord, die Familie zerbricht. Er wird Polizist, arbeitet sich hoch zur Mordermittlung und ist getrieben von nur einem Ziel: den Mörder seines Bruders zu finden. 

Auf wenigen Seiten lässt uns Leif Tewes glaubhaft teilhaben an der einsamen Verlorenheit dieses Polizisten, an seiner gestörten Zwischenmenschlichkeit. Klug sind die Innensichten, knapp die Worte. Mit lakonischer Sprache umhüllt Tewes dennoch warmherzig diesen verletzten Menschen, der unser Mitgefühl verdient und unsere Verzeihung. Ja, denn die hat er nötig.

Doch Tewes rettet diese zu früh verstorbene Seele eines Getriebenen und schenkt auch dem Leser Hoffnung.

 



Für den GLAUSER-Preis, den Autorenpreis deutsche Kriminalliteratur 2021, konnten bis zum 30. November 2020 deutschsprachige Kriminalromane von Verlagen eingereicht werden, deren Erscheinungstermin zwischen Dezember 2019 und November 2020 lag (Originalausgaben).
 

Die Liste der eingereichten Kurzgeschichten können Sie hier und hier (November-Einreichungen) herunterladen.

 

Jury:

Almuth Heuner,  Maren GrafJennifer B. WindVolker Streiter,  Thomas Kowa,

Marlies Ferber (Juryorganisation). 

 


Die Ausschreibung für das Jahr 2022 finden Sie hier !