Der GLAUSER-Preis in der Sparte "Kurzkrimi" ist dotiert mit 1.000 Euro in kleinen, nicht fortlaufend nummerierten Scheinen für die beste deutschsprachige Krimikurzgeschichte des vergangenen Jahres.

Der Preisträger 2020 wurde am Samstag, den 18. April 2020, in einer großen Online-Gala verkündet und geehrt, die anstelle der Corona bedingt ausgefallenen CRIMINALE 2020 im Internet statt in Hannover gefeiert wird.

Die Ausschreibung für das Jahr 2021 finden Sie hier ! 

 

Gewinner des GLAUSERS 2020 in der Sparte "Kurzkrimi": 

Blutige LippeSunil Mann Copyright Eke Miedaner

  • Sunil Mann, Foto: © Eke Miedaner
    Der Watschenmann, in: Blutige Lippe 3, Ventura Verlag

Im Morgennebel verflüchtigt sich die endlose und schreckliche Nacht für den gepeinigten Watschenmann, der von seinem Jagdhochsitz aus beobachtet, wie eine unsichtbare Hand durch das Weizenfeld streicht und der erste rosa Schein am Horizont die Ären silbern flimmern lässt. Ein Rudel Rehe grast friedlich, ein Reiher fliegt vorbei, in der Ferne gluckert der Biesterbach und gleich unter sich hört er, versteckt im Weizenfeld, das Raubtier fressen, einzig die gelbe Schuhspitze von Thorsten ragt heraus, zuckt hin und wieder. Nein, der Watschenmann ist nicht der Jäger. Er ist der Gejagte, der Gefangene, der Gefolterte, hilflos verschnürt auf dem Hochsitz.

Sunil Mann würzt seinen packenden Kurzkrimi, dessen starke Bilder dem Leser im Kopf hängen bleiben, mit Landliebe, Witz und Bitterkeit, garniert mit jugendlichem Wahn und serviert dem Leser einen literarischen Hochgenuss, der zart und zugleich deftig schmeckt und einen verstörend süßen Nachgeschmack hinterlässt.

 

Laudatio – Sunil Mann: ‘Der Watschenmann’

Das Graulicht verflüchtigt sich mit dem ersten rosa Schein am Horizont. Magnus sitzt auf einem Jagdhochsitz, gefesselt und mit einer alten Tennissocke im Mund. Eine sanfte Brise streicht wie eine unsichtbare Hand durch das Weizenfeld unter ihm. Thorsten liegt darin, nur die Schuhspitze ragt heraus, zwischendurch zuckt sie. Thorsten ist einer der fünf Burschen, die Magnus einmal mehr gejagt haben. Der Grund ist längst vergessen - unwichtig. Vielleicht einfach, weil Magnus anders ist, gross und unförmig und langsam im Denken. Sein Gesicht ist seltsam konturenlos, als bestünde es aus Wachs, das irgendwann zu warm geworden war.

Niemand steht dem gejagten Magnus bei, so scheint es, niemand bis auf Sunil Mann, der seinem Protagonisten eine Stimme gibt. Denn gerade in der heutigen Zeit gibt es viele Menschen wie Magnus unter uns, aber nicht genug Sunil Manns, die hinschauen und etwas unternehmen – gut, vielleicht sollten wir es nicht auf die Art machen, wie es Sunil Mann in ‘Der Watschenmann’ tut. Er gibt einem hungrigen Raubtier etwas zu fressen, lässt es an der zarten Wade von Thorsten nagen, dessen Schuhspitze ja aus dem idyllischen Weizenfeld ragt – und zuckt.

Sunil Manns Kurzkrimi ‘Der Watschenmann’ hat die Jury berührt und ist in den Köpfen hängen geblieben. Unglaublich stark sind die Bilder, die Atmosphäre, die geschaffen wird. Schönes mit Grausamen in einer Szene zu verbinden, ist die Stärke dieses Textes.

Leider stehen Kurzgeschichten oft im Schatten der Romane. Aber einen Leser emotional zu verführen, ihn lachen, weinen und leiden zu lassen mit Figuren, für die kaum Platz auf den wenigen Seiten Papier ist, ist wahre Schreibkunst. Deshalb kann der Gewinner dieses Preises nicht hoch genug gewürdigt werden.

Wer ist Sunil Mann? Als Sohn indischer Einwanderer ist er im Kanton Bern aufgewachsen, besuchte in Interlaken das Gymnasium und brach – wie er selbst sagt - das Psychologie- und Germanistikstudium erfolgreich ab. Er absolvierte eine Gastronomie-Ausbildung und flog 20 Jahre als Flugbegleiter um die Welt. 2018 endlich, ist er angekommen und lebt heute als freischaffender Autor in Aarau. Sunil Mann ist ein Mensch, der sich niemals vor Vorurteilen, Unbekanntem und Andersartigem verschliesst. Genau diese Offenheit, manchmal auch Verletzlichkeit, spiegelt sich in seinen Figuren wider, die wie er, selten den Humor verlieren. 

Seine Karriere begann 2001 mit Kurzgeschichten. Zehn Jahre später erschien sein Krimidebüt ‘Fangschuss’, das den Zürcher-Krimipreis erhielt. Bisher hat Sunil Mann acht Kriminalromane, drei Kinderbücher und ein Jugendbuch veröffentlich, hinzukommen über 80 Kurzgeschichten. Viele seiner Werke wurden ausgezeichnet, einige ins Französische übersetzt.

Sunil Mann greift, wie auch beim Watschenmann, gerne Themen auf, die schwierig sind. Er hat den Mut, über Tabus zu sprechen. Seine Bücher sind subtil, feinfühlig und mit viel Witz geschrieben – und einer guten Portion Galgenhumor. Er hat eine Botschaft, immer. Seine Werke sind kulturübergreifend, er schreibt für Jung und Alt, für Adrenalinjunkies, Komikliebhaber, wissbegierige Kids und, meiner Meinung nach, auch für Literaten. 

Trotz seines Erfolges ist er bodenständig geblieben, bescheiden, freundlich, aufmerksam, so habe ich ihn als Autorenkollegen und Menschen kennenlernen dürfen. 

Ich weiss, dass er sich ehrlich mit anderen Autoren und Autorinnen freut, wenn sie in diesem schwierigen Business Erfolg haben, und deshalb freue ich mich, freuen wir uns alle riesig für Sunil Mann, als verdienten Gewinner des Glauser-Preises 2020 in der Sparte Kurzkrimi.

Einen grossen Applaus für Sunil Mann und seinen Watschenmann!


Außerden nominiert waren:

  • Raoul Biltgen mit Harmlos, in: Mordsmäßig Münchnerisch 2Hirschkäfer Verlag
  • Katja Bohnet mit D für Drive, in: Lametta, Lichter, Leichenschmaus, Knaur Verlag
  • Richard Fliegerbauer mit Nachtschicht, in: Woidbluad, HePeLo Verlag, Edition Golbet
  • Julia Hofelich mit Opfer, in: Geschmackvoll morden, Wellhöfer Verlag

Für den GLAUSER-Preis in der Sparte "Kurzkrimi" 2020 konnten Krimi-Kurzgeschichten eingereicht werden, die im Jahr 2019 in gedruckter Form (elektronische Veröffentlichungen wurden nicht berücksichtigt) erschienen sind. Die Kurzkrimis durften nicht länger als 20 Normseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) sein. Die Autoren mussten die Kurzkrimis selbst bei der Juryorganisation einsenden.

Die Liste aller 95 eingereichten Werke können Sie hier herunterladen (PDF) 174.3K.

Die Juroren waren:

Karr & Wehner (Preisträger 2018), Marlies FerberMonika MansourHorst Prosch und Günther Zäuner.

Juryorganisation 2020: Fenna Williams 

Die Ausschreibung für das Jahr 2021 finden Sie hier !