Totenblass
Frederic Hecker


ISBN 978-3-7341-0735-1

9,99 € [D]
Frankfurt an einem nasskalten Novemberabend: Eine nackte, mit seltsamen Wunden übersäte Frauenleiche treibt im Main. Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs und seine neue Kollegin, die junge Fallanalystin Lara Schuhmann, stehen vor einem Rätsel. Nach der Obduktion sind sie überzeugt, dass sie es mit einem perfiden Serienmörder zu tun haben. Als Fuchs während der Ermittlungen der Zeugin Sophia näherkommt, wird er wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen. Auf eigene Faust ermittelt er weiter – und setzt damit eine folgenschwere Ereigniskette in Gang …
Frederic Hecker

© Foto: Vicy Hecker

Frederic Hecker

Frederic Hecker, 1980 in Offenbach am Main geboren, studierte Medizin in Frankfurt am Main und hat nach seiner Promotion im Institut für Rechtsmedizin zwei chirurgische Facharztbezeichnungen erlangt. Heute lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Hunden in der Nähe von Hannover, wo er als Plastischer Chirurg tätig ist. Seine Freizeit widmet er dem Schreiben. Über das Ermittlerpaar Lara Schuhmann und Joachim Fuchs hat er bislang zwei Thriller mit medizinischem Hintergrund geschrieben, »Totenblass« und »Rachekult«. Weitere Bände sind in Vorbereitung.

Fragen der SYNDIKAT-Redaktion an Frederic Hecker

Wo schreibst du am liebsten?

Am Esszimmertisch oder draußen im Garten.

Welcher ist dein Lieblingskrimi?

Bei den Büchern: „Koma“ von Jo Nesbø. Bei den Filmen „Das Schweigen der Lämmer“ und „Sieben“.

Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?

Unter den Autoren würden mir spontan einige einfallen, ohne dass ich einen klaren Favoriten nennen könnte. Aber ganz vorne mit dabei sind Jo Nesbø, Tess Gerritsen, Michael Robotham und Andreas Gruber.

Dein Lieblingsmord?

Auf Platz 1: Der Leopoldsapfel-Mord aus Nesbøs „Leopard“. Auf Platz 2 der Bürostuhl-Mord aus Band 2 meiner Reihe „Rachekult“.  

Wo findest du Ruhe?

Draußen in der Natur.

Wo Aufregung?

Aufregung im Sinne von Eustress zum Beispiel in wilden Fahrgeschäften. Disstress, wenn etwas nicht so läuft wie geplant.

Deine persönlich meist gehasste Frage?

Aber Sie haben diese Operation schon mal durchgeführt

Das SYNDIKAT-Gewinnspiel

Wir verlosen drei signierte Bücher „Totenblass“ mit persönlicher Widmung. Die Frage: Welchem Hauptberuf geht der Autor nach? Antworten bis zum 17.11.2022 per E-Mail

Rezensionen

- »Erstklassiges Debüt und Auftakt einer packenden Serie, die spannende Einblicke in die Rechtsmedizin vermittelt.«

Mainhatten Kurier (09.06.2020)

 - »Ich habe das Buch 'gefressen', denn bis zum Schluss wusste ich nicht, wer der Mörder ist. Auch das macht einen guten Krimi für mich aus.«

Stadtpost Offenbach (17.06.2020)

 - »Durch den kurzweiligen, flüssigen und dynamischen Schreibstil wird man regelrecht in die Handlung hineingezogen. Totenblass ist ein Debüt der Extraklasse: packend, spannend, temporeich.«

Krimi-Couch (04.06.2020)

 - »Wie gelingt es, heute noch notorische Krimileser mit dem Thema Serienkiller zu fesseln? Keine Ahnung, aber fest steh: tDr. Frederic Hecker kann es. «

 Medical Tribune (14.08.2020)

Prolog

Das Töten ist eine Sucht. Verglichen mit einem Alkoholiker wäre ich ein Epsilon-Trinker. Monaten der Abstinenz folgen Phasen exzessiven Konsums. Ein Trigger löst die Mordlust aus, und rasch nimmt sie Ausmaße an, die jedes Hungergefühl in den Schatten stellt. Ich habe nie geraucht, niemals Drogen genommen, doch ich schätze, ein Junkie weiß, wovon ich rede. Der Unterschied zwischen diesem Abschaum und mir ist der, dass ich nach dem Konsum meiner Droge nicht auf dem Boden einer Bahnhofstoilette herumliege, die Pupillen klein wie Stecknadelköpfe, Speichelfäden im Mundwinkel und ein seliges, aber dämliches Grinsen im Gesicht. Nein, meine Droge beflügelt mich. Sie schärft meine Sinne, lässt mich zur Höchstform auflaufen. Dopamin, Serotonin und Adrenalin strömen zu ihren Rezeptoren und docken an. Sie bilden ein Ensemble, das mein Gehirn beschallt wie ein eingespieltes Orchester eine Philharmonie.

Frierend stehe ich in dem Waldstück, den Rücken gegen den Stamm einer Erle gepresst. An den Zweigen hängen noch die Reste des Sommers, vertrocknete Blüten, die aussehen wie Würmer. Darüber spannt sich der schwarz-graue Himmel, und unter meinen Füßen liegt gefrorenes Laub, eine Schicht, die knistert, als hätte jemand Cornflakes verstreut. Das ist zu meinem Vorteil, denn so höre ich nicht nur, wann sie kommt, sondern ich kann sie präzise orten. Ich kenne das Geräusch, das entsteht, wenn ihre Fahrradreifen durch das Laub pflügen und das feine Skelett der Blätter zerbrechen. Es klingt ein bisschen wie Regenprasseln. Ich beobachte sie schon länger, doch in den letzten Tagen hat ein Plan in meinem Kopf Gestalt angenommen. Der leise Sog, der von ihr ausging, als ich sie zum ersten Mal sah, gewann an Kraft und wandelte sich zu einem Druck. Ein Druck, der aus meinem tiefsten Inneren stammt und seither auf Erleichterung pocht.

Mit Mühe halte ich meine Erregung im Zaum, stehe bewegungslos da und kontrolliere meine Atmung – atme ein und atme aus. Ganz bewusst. Die warme Luft dringt wie Nebelschwaden aus meiner Nase, kräuselt sich in gespenstischen Fäden vor meinem Gesicht und verschwindet dann im Nichts. Ich lausche der geräuschvollen Stille des Waldes. Die Vögel, die nicht in den Süden gezogen sind, geben keinen Laut von sich, als wollten sie mich nicht verraten. Als wären sie meine Verbündeten, die nur auf das Schauspiel warten, dass ich ihnen gleich bieten werde. In der Dämmerung bin ich mit meinem Tarnanzug beinahe unsichtbar. Meine Hand gleitet seitlich an mir hinab, ergreift das Messer, das in der Scheide an meinem Gürtel steckt. Der angeraute Hartgummigriff weist ringförmige Rillen auf. Am Endstück ertaste ich die Kunststoffkuppel, unter der sich ein Kompass dreht. Ich brauche ihn nicht, doch er ist hübsch. Er lässt sich mit der letzten Rippe des Griffs abdrehen, wodurch sich ein Geheimfach im hohlen Schaft öffnet. Als ich das Messer kaufte, steckte darin ein Plastiktütchen mit diversen Gegenständen: zwei Sicherheitsnadeln, fünf Streichhölzer mit einer Reibefläche, eine Angelschnur mit drei Haken, Pflaster, Nähzeug sowie ein Skalpell. All das habe ich bisher nie gebraucht, beließ es aber dort. Man weiß ja nie.

Ich ziehe die Klinge aus der Scheide und fahre mit den Fingern über beide Seiten. Während mein Daumen über die Schneide gleitet, hüpft mein Zeigefinger über die Sägezähne auf dem Rücken, bis die Finger nach fünfundzwanzig Zentimetern wieder aufeinandertreffen. Mit einem kurzen Blick prüfe ich die Daumenkuppe. Sie ist unverletzt. Dann kippe ich die Klinge, sodass sich ein Teil meines Gesichts darin spiegelt. Meine Lippen sind noch schmaler als sonst, und meine Augen wirken in der Dämmerung graphitfarben statt blau. Es sind schöne Augen, wie Larissa einmal sagte. Ausdrucksstark. Schlau. Zufrieden stecke ich das Messer zurück.

Da höre ich endlich das ersehnte Geräusch. Es nähert sich wie eine Gewitterwolke, die den Regen vor sich hertreibt. Ich schaue auf die Uhr. Fünf vor sechs. Das Mädchen ist pünktlich. Wie immer. Am Klappern ihres Fahrradkorbs und dem Scheppern der Klingel erkenne ich, dass sie gerade den Abschnitt passiert, wo sich Wurzeln über den Weg schlängeln. An dieser Stelle bremst sie immer. Sie hat Angst, dass die Reifen auf dem feuchten Holz wegrutschen. Auch das kommt mir entgegen. Der Wald ist mein Verbündeter. In jeder Hinsicht.

Von jetzt an sind es noch sieben Sekunden. Sieben Sekunden, bis sie auf meiner Höhe ist. Acht Sekunden, bis ich loslaufe und aus dem Versteck hervorspringe. Zehn, bis ich sie vom Rad stoße. Elf, bis sie das Gleichgewicht verliert. Zwölf, bis sie in einem Bett aus Herbstlaub im Graben landet. Dann kommt der knifflige Teil, der keinen Fehler erlaubt. Ich muss ihr die Hand auf den Mund und das Messer an die Kehle drücken. Bisher bin ich unerfahren. Wahres Neuland. Aber ich habe es geplant, und ich werde es vollenden.

Ich setze zum ersten Sprung an, achte darauf, nur auf die Stellen zu treten, von denen ich zuvor Laub und Zweige entfernt habe. Und meine Mühe wird belohnt. Fast lautlos komme ich auf, um im nächsten Augenblick wieder abzuheben. Ich spanne die Arme wie zwei Federn, halte die Hände wie ein Basketballspieler bei einem Pass und stoße mich ein letztes Mal kraftvoll ab. Doch in diesem Moment bemerkt sie mich. Vermutlich hat sie die Bewegung im Augenwinkel wahrgenommen. Sie wirft ihren Kopf zur Seite, reißt die Augen auf, und aus ihrer Kehle dringt ein Laut wie das letzte Luftholen einer Ertrinkenden. Instinktiv weicht sie der Gefahr aus. Ihr Rad macht einen Schlenker. Kurz trifft mich ihr entsetzter Blick, bevor sie wieder nach vorne sieht und ihr ganzes Gewicht in die Pedale legt. Doch es hilft nichts. Meine Handflächen rammen sie, pressen die Luft aus ihrem Brustkorb, und einen Sekundenbruchteil später erfüllt metallisches Scheppern den Wald. Für einen Moment verliere ich sie aus den Augen, aber als sie sich bewegt, verrät mir das Rascheln des Laubs, wo sie ist. Im Graben. Vor mir auf dem Weg liegt ihr Fahrrad. Das Hinterrad dreht sich mit einem hypnotischen Rattern, der Lenker steckt mit einem Ende im Boden. Ich folge ihrem Wimmern, gehe schnurstracks auf sie zu, während sie noch versucht zu verstehen, was hier geschieht. Ihre Augen scheinen zu fragen, was ich im Schilde führe. Ob es eine harmlose Erklärung für ihre Lage gibt.

Ich mag vieles sein, doch ein Sadist bin ich nicht. Ich werde sie nicht auf die Folter spannen.

Gleich wird sie es wissen.