Seelenkalt
Eva Geßner


ISBN 978-3-9877-8316-6

Kriminalhauptkommissarin Franziska Frey steht vor einem verzwickten Fall: Ein angesehener Steuerberater wird brutal zusammengeschlagen und alle Hinweise führen ins düstere Rotlichtmilieu. Als verstörende Foltervideos auftauchen, wird klar, dass ein skrupelloser Serienkiller sein Unwesen treibt. Die Kommissarin enthüllt ein Netz aus Lügen, das ihr selbst zum Verhängnis werden könnte und muss den Täter stoppen, bevor er erneut zuschlägt. Während Franziskas Ermittlungen Fahrt aufnehmen, kämpft Richard Erdmann gleichzeitig darum, seine Tochter aus den Fängen des Milieus zu befreien. Doch für das Leben seiner Tochter muss er das eigene riskieren …
Eva Geßner

© Theresa Wallrath

Eva Geßner

Eva Geßner wurde 1968 im Rheinland geboren und wohnt in Köln.
Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie bereits als 10-jährige.

„Ich hatte schon lange vor, ein Buch zu schreiben. Seit der Uni. Aber da ich zwischen fünf und sieben Uhr morgens nicht kreativ sein kann, wurde jahrelang nichts draus.“
2014 hat sie dann Job und Karriere als IT-Beraterin an den Nagel gehängt, um zu schreiben. Neben einigen Kurzgeschichten entstand so ihr erster Thriller Niemand wird dich hören
Das Schreiben ist ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Die nächsten Projekte sind bereits in Planung.

Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Eva Geßner

Wo schreibst du am liebsten?

An meinem riesigen Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Da habe ich Platz, um mich auszubreiten.

Welcher ist dein Lieblingskrimi?

Totenfrau von Bernhard Aichner.

Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?

Ich habe im letzten Jahr so viele wunderbare Kolleg*innen kennengelernt. Alle sind toll!          

Warum bist du im SYNDIKAT?

Nur in einem Netzwerk wie dem SYNDIKAT treffe ich auf Menschen, mit denen ich mich hemmungslos über Mordmethoden und andere makabre Themen austauschen kann, ohne dass es jemand seltsam findet.  

Dein Sehnsuchtsort?

Ein reetgedecktes altes Bauerhaus an der Nordsee. Und ich bin nur einen Bestseller davon entfernt.  

Dein Lieblingsgetränk?

Trockener Weißwein.        

Wo findest du Ruhe?

Auf langen Spaziergängen am Rhein oder auf dem Friedhof.        

Deine persönlich meist gehasste Frage?

Kannst du vom Schreiben leben?        

Leseprobe

Prolog – Oktober 2019

Sie schlug die Augen auf und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie versuchte, sich aufzusetzen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Nicht mal einen Finger konnte sie krümmen. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie an Hand- und Fußgelenken auf einem Stahltisch fixiert war. Sie befand sich in einem Raum, dessen Dimensionen sie nicht ermessen konnte. Das meiste lag im Dunkeln. Vor dem Stahltisch war eine Kamera aufgebaut. Ein blinkendes rotes Lämpchen signalisierte, dass sie aufzeichnete. Daneben stand ein Wagen mit Werkzeugen, Zangen, einem Skalpell und ein paar anderen Gegenständen, deren Zweck sie nur mit Grauen erahnen konnte. Die Panik attackierte sie mit voller Wucht. Das kann nicht sein. Ich träume. Bitte, lieber Gott, mach, dass ich träume. Sie versuchte zu schreien, aber ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Krächzen. Ihre Lippen fühlten sich taub an und die Worte kamen nur undeutlich heraus. „Finn?“

Niemand antwortete.

Sie suchte fieberhaft einen Ankerpunkt in ihrer Erinnerung, der ihre Situation erklären konnte. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war der Fernsehabend mit Finn. Danach Blackout. Vielleicht war das nur eins von seinen Spielchen. Sie hatte sich falsch verhalten auf dem Parkplatz vom Paradies, das wusste sie. Er war so sauer gewesen. War das jetzt ihre Strafe? „Tut mir leid“, wimmerte sie. „Bitte, hör auf damit.“

Niemand antwortete. Sie hörte nur ihr eigenes Herz, das gegen ihren Brustkorb hämmerte.

Die Minuten verstrichen und nichts geschah.

„Bitte“, flehte sie. „Bitte, ist da jemand?“

Statt einer Antwort wurde eine Tür geöffnet. Sie spürte den kalten Luftzug und hob den Kopf. Als ihr Verstand begriff, wer da hereingekommen war, gefror ihr das Blut in den Adern.

Kapitel 1

Das Klingeln des Handys riss Claire aus ihren Gedanken. Seit acht Tagen war sie im Dauereinsatz, ein Freier nach dem anderen. Dazwischen kaum Zeit für eine Verschnaufpause, zu wenig Schlaf, weil sie von den Drogen und dem ganzen Alkohol zu aufgeputscht war. Aber nüchtern war dieser Marathon nicht zu ertragen. Sie musste sich betäuben, um das durchstehen zu können. Sie brauchte das Geld.

Die letzten beiden Kunden hatten sich an Widerlichkeit übertroffen. Der eine war krankhaft übergewichtig, mit einem sehr kleinen Penis, der von einem monströsen Haufen Fett verdeckt wurde. Er verlangte, dass sie ihn mit der Hand befriedigte, wozu sie sich durch seine Fettschwarten wühlen musste. Der Gestank seiner Genitalien war ekelerregend und es hatte sie einiges an Mühe gekostet, den Brechreiz zu unterdrücken. Gott sei Dank hatte er keinen Blowjob gewollt und während er unter Stöhnen und Grunzen zum Höhepunkt kam, summte sie stumm eines der Kinderlieder, das ihre Mutter ihr früher vorgesungen hatte.

Der andere war ein Sadist, der einen Haufen Kohle springen ließ, um seine Vergewaltigungsfantasien an ihr auszuleben. Einzige Bedingung: keine sichtbaren Verletzungen. Sie hatte ihn schon öfter getroffen und jedes Mal wurde es schlimmer. Aber fünfhundert Euro für zwei Stunden waren ein schlagendes Argument. Und wenn der Kunde zufrieden war, steckte er ihr ein paar Scheine extra zu, die sie heimlich zur Seite legte für ihren großen Traum. Dana hatte ihr erklärt, dass niemand sie zwingen konnte, sich misshandeln zu lassen. Nicht einmal Nick. Aber Dana hatte gut reden. Sie war frei in ihren Entscheidungen. Claire hingegen musste tun, was ihr Zuhälter verlangte.

Die Prügel und die schmerzenden sexuellen Handlungen des Freiers bekam sie nur wie durch einen Schleier mit. Ihr Trick bestand darin, in Gedanken einen anderen, einen schönen und friedvollen Ort aufzusuchen. Sie nannte diesen Ort Elysium. Den Begriff hatte sie mal irgendwo aufgeschnappt und nachgeschlagen, weil ihr der Klang des Namens so gut gefiel. Die Insel der Glückseligen aus der griechischen Mythologie. Auf Claires Insel gab es dieses Tal, umringt von hohen Bergen. Auf den Wiesen blühten Sommerblumen, Hummeln summten, der Himmel war blau und in der Nähe gurgelte ein kleiner Bach. Dorthin zog sie sich in schwierigen Momenten zurück und tauchte erst wieder auf, wenn alles vorbei war.

Der letzte Job hatte ein paar Probleme gelöst. Sie konnte Nick ihren Mietanteil geben und die Schulden bei ihrem Dealer bezahlen. Aber Prügel blieb Prügel. Und nicht sichtbar hieß nicht, dass sie keine Verletzungen davontrug. Ihre Blutergüsse am Rücken und im Bauchbereich waren schmerzhaft und Claire wünschte sich nichts sehnlicher, als ein paar Tage einfach mal auszuspannen. Einmal hatte ein Freier sie überwältigt und missbraucht, ohne zu bezahlen. In dieser Nacht hatte sie sich wie ein nutzloses Stück Scheiße gefühlt und kurz darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen. Eine Vergewaltigung blieb eine Vergewaltigung, auch in ihrem Job.

Sie nahm das Gespräch trotzdem entgegen und nach wenigen Minuten war die Verabredung mit einem weiteren Kunden gesetzt. Angeblich handelte es sich um einen Teddybären. Das war der Code für den Typ Mann, der selten vögeln, sondern oft nur reden wollte. Über Probleme bei der Arbeit, mit der Ehefrau oder, was häufig vorkam, mit seiner Mutter. Die meisten Teddybären waren harmlos und ihnen war es egal, dass alles – Claires Verständnis, ihr Mitleid, ihre Orgasmen – gespielt und aufgesetzt war. Sie waren einsame Menschen, auf der Suche nach Intimität und emotionaler Wärme. Dafür gab es zwar keine fünfhundert Euro, aber es war leicht verdientes Geld.

Claire strich ihr Minikleid glatt, das mit den glitzernden Pailletten, überprüfte ihr Make-up und gönnte sich noch eine Nase Pep gegen die Müdigkeit. Vor dem Spiegel rückte sie ihre schwarze Perücke zurecht. Dann machte sie sich auf den Weg.

Die Adresse war die Hotelbar des Hotel Zeitlos in der Nähe vom Eigelstein, einem Viertel, das früher mal eins der bekanntesten Rotlichtviertel von Köln gewesen war. Davon übriggeblieben waren nur noch ein paar Anbahnungskneipen und schmuddelige Hinterzimmer. Das Hotel war allerdings High Class. Für viele Stars der Medienbranche war es die erste Adresse. Claire hatte dort schon öfter Kunden getroffen. Sie freute sich auf ein paar leckere Drinks.

Ein Mann mittleren Alters saß an der Bar und hatte die gelbe Rose als Erkennungszeichen neben sich liegen. Claires siebter Sinn schlug leise Alarm. Irgendwas stimmte nicht und sie dachte kurz darüber nach, ob sie wieder gehen sollte. Irgendwo hatten sie den Typen schon mal gesehen, aber ihr fiel beim besten Willen nicht ein, wo. Sie ignorierte den Alarm in ihrem Kopf, zupfte sich das hautenge Kleid ein letztes Mal zurecht und begrüßte den Mann, der sich ihr als Richard vorstellte, was sicher nicht sein richtiger Name war.

Er war attraktiv, maskulin, mit einer tiefen, angenehmen Stimme. Alles an ihm wirkte selbstbewusst und cool. Sein blondes kurzgeschnittenes Haar, das an den Schläfen langsam grau wurde, der gepflegte Vollbart, der modern geschnittene braune Anzug, mit blauem Hemd und italienischen Schuhen. Seine Körpersprache und sein Auftreten hatten etwas von einem Wolf. Der Typ war kein Teddybär, so viel stand fest. Er bestellte Claire ihren Lieblingsdrink, einen Cosmopolitan, und sie sprachen über belanglose Dinge.

„Ich würde mit dir gerne woanders hingehen“, eröffnete ihr Richard nach wenigen Minuten. „Ich wohne gleich um die Ecke. Da sind wir ungestörter. Ich fühle mich hier, ehrlich gesagt, nicht so wohl. Zu viele Menschen.“

Als Claire nicht sofort antwortete, zog er dezent ein Bündel Geldscheine aus der Tasche und legte sie ihr in die Hand.

„Das sind dreihundert mehr als vereinbart. Was sagst du? Wir sparen uns das teure Hotelzimmer. Du kannst die Kohle doch sicher gebrauchen.“

Diese Stimme. Wo hatte sie die bloß schon mal gehört? Claire kramte in ihren Erinnerungen. Sie sah dem Mann in die Augen, erkannte dort aber nichts Hinterhältiges oder Brutales.

Ach, was soll’s, dachte sie, steckte das Geld in ihre Handtasche und nickte.


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