Unter dem Strand
Kriminalroman | Ostsee-Krimi in der Lübecker Bucht um einen ungelösten Fall
Turid Müller
Piper
Taschenbuch

© Foto: Torge Niemann
Turid Müller
Turid Müller kommt aus Hamburg und schreibt am liebsten am Meer. So ist es kein Zufall, dass ihr erster Krimi auf ihrer Lieblingsinsel spielt: Amrum. Dort ist auch ihr erstes Buch entstanden: „Verdeckter Narzissmus in Beziehungen“.
Ob Ratgeber oder Belletristik - als Diplompsychologin und Schauspielerin ist es ihr ein Anliegen, die tiefen menschlichen Themen auf die Seiten zu bannen.
Auch jenseits der Buchdeckel ist ihre Spezialität der Brückenschlag zwischen Seele und Kultur:
Seit zwanzig Jahren ist sie freiberuflichen zwischen Bühne und Couch unterwegs.
Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Turid Müller
Wo schreibst du am liebsten?
Am Meer. - Unschwer daran zu erkennen, dass nach meinem Amrum-Krimi nun eine Ostsee-Krimi-Reihe eröffnet wird. An der Küste wohnen so viele Geschichten.
»Im Schatten der Insel« thematisiert die Kinderverschickung, die ganze Generationen traumatisiert und geprägt hat.
Den Anstoß für »Unter dem Strand« gab ein Strandspaziergang in der Lübecker Bucht, der mich an den Gedenksteinen vorbei führte, die an die Cap-Arcona-Katastrophe erinnern. Eine menschengemachte Tragödie, von der die wenigsten wissen, obwohl dieses kollektive Trauma auch für uns, im Hier und Heute, noch Bedeutung hat.
Welcher ist dein Lieblingskrimi?
Ich versuche als Autorin zu schreiben, was ich auch als Leserin schätze. Ich mag einen Krimi, wenn er mehr kann, als mir einen Kriminalfall zu präsentieren. Wenn er Humor hat, wenn er menschliche Erfahrungen sprachlich pointiert auf den Punkt bringt, und wenn er einsichtsvoll gesellschaftliche Missstände aufgreift. Es gibt nicht das eine Buch, das es mir angetan hat. Aber es gibt natürlich AutorInnen, die ich aus den genannten Gründen besonders schätze…
Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?
… dazu gehören ganz vorne Elizabeth George, Jonathan Kellerman und Wolfgang Schorlau. Sie alle haben für mich Vorbildfunktion, was das unterhaltsame wie tiefgründige Verarbeiten unbequemer Themen angeht. Ich versuche mich ebenfalls daran. Gerade beim neuen Krimi war das eine der größten Herausforderungen: Wie kann ich die Schrecken der Vergangenheit so erzählen, dass man sie lesen mag?
Warum bist du im SYNDIKAT?
Ich glaube an die Kraft von Netzwerken, kollegialem Austausch und kreativem Miteinander. Daraus ist in meinem Leben schon viel Gutes erwachsen. Ohne die Celler Schule beispielsweise, die Masterclass für SongtexterInnen der GEMA-Stiftung, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin: Über Kabarett und Musical habe ich zum Schreiben gefunden. Und nebenbei wäre mein Leben ohne dieses »Nestwerk«, wie wir es nennen, um viele liebe Menschen ärmer. Insofern freue ich mich auf alles, was sich im SYNDIKAT noch entwickeln mag. Noch bin ich ja recht frisch dabei.
Dein Lieblingswort?
Mir wird nachgesagt, charakteristisch für mich sei das Wort „Schlumpern“. Ist neulich sogar jemandem bei einer Lesung aufgefallen; es wurde gleich mit Gekicher in den eigenen Wortschatz übernommen. Was ich faszinierend finde, ist allerdings weniger das eine Lieblingswort, sondern eher die Vielfalt verbaler Möglichkeiten. Wenn ich ein Buch schreibe, lege ich ein Heft an, in dem ich Worte aus der Bilderwelt, der Zeit oder der Szene sammle, in der es spielt. Aus diesem sprachlichen Repertoire bediene ich mich.
Dein Sehnsuchtsort?
Das Meer. In all seinen Formen: Nordsee, Ostsee, Adria… Hier treffen sich Natur und Kultur. Hier kann ich mich in Schreibklausur begeben und mir den Kopf freipusten lassen.
Dein Lieblingsgetränk?
Gin Tonic. Und zwar - da bin ich anders als meine Romanheldinnen - alkoholfreier.
Dein Lieblingsmord?
Der, der nicht in der realen Welt passiert, sondern nur zwischen zwei Buchdeckeln – als Aufhänger, um Einblick in andere Lebenswelten zu geben.
Wo findest du Ruhe?
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: am Meer. Und in meiner Kreativität. Ich bin ja eher ein Igel – gerade, wenn ich auf einer Geschichte rumdenke. Im Spülsaum kann ich Einsamkeit tanken und Ideen entwickeln.
Wo Aufregung?
Mein Leben als Selbstständige ist aufregend genug, da brauche ich nicht auf die Suche zu gehen. Und das Leben überhaupt! Die zwischenmenschlichen Abenteuer, auf die es uns schickt - und die seelischen.
Deine persönlich meist gehasste Frage?
Es gibt (fast) keine doofen Fragen. Es kommt darauf an, die richtigen Antworten zu geben.
Leseprobe
»Eine Sache möchte ich dir noch mitgeben …«
»Ja?«
»Sei vorsichtig mit Gott!«
»Häh?«
»Aber wie ich dich jetzt hier so kennengelernt habe, muss man da keine Sorge haben.«
»Wie jetzt?«
»Na ja, ich meine nur: Gerade wenn du mit KZ-Überlebenden redest, lass Gott aus dem Spiel.«
»Sollte mir nicht schwerfallen.«
»Dacht ich‘s mir doch.«
Sie lachten.
»Von den jüdischen Überlebenden sagt man, dass diejenigen unter ihnen, die auch hinterher noch religiös waren, es nicht wegen, sondern trotz Gott sind.«
»Oha.«
»Gut auf den Punkt bringt dieses Lebensgefühl übrigens ein jüdischer Witz. Zwei in Auschwitz Ermordete sitzen auf einer Wolke und erzählen einander Witze über ihr Leben im Lager. Da kommt Gott vorbei und echauffiert sich, wie sie denn Witze über Auschwitz machen könnten. Da sagt einer der beiden: ›Gott, das kannst du nicht verstehen. Du warst ja nicht dabei.‹«
»Treffend!«
»Ich vermute, es ist auch ein Überlebensmechanismus. In vielen Erlebnisberichten klingt diese sarkastisch-ironische Distanzierung durch – zu Deutsch: Galgenhumor. War wahrscheinlich anders nicht zu ertragen.«
»Und dürfen wir da lachen?«
»Wir deutschen Nichtjuden, meinst du?«
»Genau.«
»Ich hab mal gelesen, wie die Familie von Salcia Landmann, die 1962 eine Sammlung mit jüdischen Witzen rausgebracht hat, auf ihren Erfolg reagierte.«
»Na?«
»Erst haben sie uns umgebracht. Nun wollen sie wissen, wen sie da umgebracht haben.«
Das SYNDIKATS-Gewinnspiel
Die Gewinnspiel-Frage unserer Autorin lautet: Mit »Unter dem Strand« kann ich hoffentlich ein literarisches Puzzlestück zur Erinnerungskultur beitragen.
Welche Arten der Erinnerungskultur findest du gerade in diesen Zeiten besonders wichtig, damit es uns gelingt, die Geschichte nicht zu wiederholen, sondern aus ihr zu lernen?
Die Person, die die Antwort schickt, die mich am meisten berührt oder inspiriert, bekommt meinen neuen Krimi - mit Wunsch-Widmung und passenden Stempeln.
Sendet eure Antworten bis 16.4.2026 per Mail
Rezension
„Sie hat aus diesem viel beachteten Thema einen Roman gemacht, der sich liest wie ein Thriller, aber nachwirkt wie ein Geschichtsbuch."
Jens Potschka, Cuxhavener Nachrichten, 25.03.2026
