Die roten Kraniche
Mira Mund löst den Fall
Stefanie Christ
Th. Gut Verlag
Broschur
Kinderstuhl zu entfernen.
Stefanie Christ
Stefanie Christ ist eine Berner Autorin. Zu ihren Publikationen gehören Belletristik, Kinder- und Bilderbücher, Sachbücher und Kolumnen. Nach einigen Krimi-Kurzgeschichten in Anthologien erschien 2023 im Schweizer Knapp Verlag ihr Roman «Krähengesang», in dem eine Journalistin einem Vergiftungsskandal auf die Schliche kommt. 2026 startete ihre neue Krimireihe rund um Ermittlerin Mira Mund im Th. Gut Verlag Zürich. Der erste Band trägt den Titel «Die roten Kraniche».
Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Stefanie Christ
Wo schreibst du am liebsten?
Am Küchentisch.
Welcher ist dein Lieblingskrimi?
Alles von Richard Osman.
Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?
Sandra Rutschi, mit der ich seit vielen Jahren literarisch und privat durch Dick und Dünn gehe.
Warum bist du im SYNDIKAT?
Weil ich mich als Neuling mit anderen Kimiautor:innen vernetzen möchte.
Dein Sehnsuchtsort?
Das Meer und Finnland. Das Meer in Finnland.
Dein Lieblingsgetränk?
Wasser mit viel Kohlensäure.
Dein Lieblingsmord?
Der Unauflösbare!
Wo findest du Ruhe?
Im Schlaf (leider viel zu wenig).
Wo Aufregung?
Im Kinderzimmer 😊.
Deine persönlich meist gehasste Frage?
Ist diese oder jene Figur autobiografisch? (NEIN!!!)
Leseprobe
Prolog
Die roten Wände rücken bedrohlich näher. Zu nah. Mira spürt
die starren Blicke der Porträtierten auf ihrem zitternden Leib,
die ihr auf dem Weg zum Gemälde von Franz Marc folgen. Jenes
Gemälde, das sie überhaupt erst in diese Lage gebracht hat. Der
Boden schluckt ihre Schritte wie das schummrige Oberlicht die
Schatten der Bilderrahmen. Ihr wird schwindlig und sie stützt
sich haltsuchend an der Wand auf.
Die Ausstellungsaufsicht, die ihr eben noch gefolgt ist, bleibt
stehen und beobachtet, wie sie sich wieder aufrappelt.
Shit, denkt Mira. Shit, weil sie weiß, dass eine seriöse Aufsichtsperson
spätestens dann einschreiten würde, wenn eine
Auktionsbesucherin gegen die millionenschweren Gemälde stolpert.
Ihr Verdacht hat sich bestätigt: Etwas an dieser Ausstellung
und ihrem Personal stimmt ganz und gar nicht.
Mit bestimmten Schritten setzt Mira einen Fuß vor den anderen
und nähert sich zwei Gestalten, die vor dem Marc-Gemälde
wild gestikulieren. Sie will gerade nach ihnen rufen – da schnellt
eine große Hand hervor, presst sich auf Miras Mund und reißt sie
brutal zurück.
»Pssst«, zischt ihr eine Männerstimme ins Ohr.
Mira nickt nervös und hebt beschwichtigend die Hände. Ihre
Augen schielen in die Raumecke, wo eine Überwachungskamera
surrt. Bestimmt würde das Auktionshaus gleich seine Sicherheitsleute
zu ihrer Rettung schicken.
Doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen zieht ihr Angreifer
eine Pistole und weist sie damit an, ihm schweigend zum
Marc-Gemälde zu folgen.
Sie schiebt seine Hand, die noch immer ihre Lippen fest gegen
die Zähne drückt, mit aller Kraft zurück und flüstert: »Bitte
nicht schießen – das sind alles Originale. Blutspritzer auf der
Leinwand wären schwieriger wegzukriegen als eingetrockneter
Haferbrei von einem Tripp Trapp®.«
Einen Atemzug lang glaubt Mira, den Mann überzeugt zu haben.
Doch im nächsten Moment spürt sie das kalte Metall der
Pistolenmündung an ihrer Schläfe.
»Shit.«
1.
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages dringen durch die Fensterstoren
und werfen ein rotierendes Streifenmuster auf Miras
Schreibtisch. Sie hat die Schuhe abgestreift, die Füße auf den
Tisch gelegt, und beobachtet nun erschöpft, wie sich die Schatten
auf ihren Schenkeln langsam Richtung Sonnenuntergang bewegen.
Aus ihrer obersten Schublade holt sie einen Flachmann
heraus, auf den jemand »Dominic, you’re the man« eingravieren
ließ. Die Gründe liegen im Dunkeln, warum Dominic den Flachmann
schließlich in einer Brockenstube abgegeben hat, wo Mira
das Objekt gerade recht gekommen ist. Vielleicht hat er dem Alkohol
abgeschworen oder sich mit den Personen verkracht, die
ihm das Geschenk gemacht haben?
Behutsam schraubt sie den Deckel auf und riecht am fünfundzwanzigjährigen
Laphroaig, den sie mit Marcel auf ihrer Hochzeitsreise
durch Schottland entdeckt hat. Während sie sich für
die endlosen, kargen Landschaften wie Glencoe interessiert hatte,
schwärmte Marcel für die Destillerien und wollte jeder einzelnen
auf ihrer Route einen Besuch abstatten. Mira sah keinen Unterschied
in der Produktion von Talisker, Ardbeg oder Jura, und
die Herstellungsmethoden konnte sie sich auch nach der fünften
Wiederholung nicht merken. Von Degustation zu Degustation
kam sie jedoch auf den Geschmack, bis sie im Süden der Inneren
Hebriden, die für sie noch immer eher nach einer Darmkrankheit
als nach einer Inselgruppe klangen, auf ihren Favoritenwhisky
stieß. Seufzend lässt sie den Flachmann wieder in die Schublade.
