Die Engelmacherin von Graz
1. Grazer Bezirkskrimi
Mirella Kuchling
edition keiper
Taschenbuch
Mirella Kuchling
Mirella Kuchling lebt in Graz. Auf ein bestimmtes Genre festlegen lässt sie sich nicht, aber seit sie beim 1. Grazer Fine Crime Festival Blut gerochen hat, mordet sie nächtens leidenschaftlich. Natürlich nur auf dem Papier ... Zum Festival kam sie durch Zufall mit einem vierseitigen Ausdruck ihrer ersten Kriminalgeschichte, die sich dann auch in „13 x Mord“ findet. Mit dieser Sammlung rund um Mord und Totschlag konnte sie dann beim 2. Fine Crime Festival als „richtige“ Krimiautorin auftreten.
Weitere Publikationen sind das bereits vergriffene Buch „Literarische Spaziergänge durch Graz“ sowie die Frauenzimmer-Trilogie, bestehend aus „Frauenzimmer unmöbliert“, „Frauenzimmer teilmöbliert“ und „Frauenzimmer vollmöbliert“. Darin versucht eine junge Frau ihre Wohnung mithilfe von Affären zu möblieren. Das Buch avancierte zum Verlagsbestseller. Weiters Mitwirkung an Anthologien wie den „Literarischen Verortungen“, „Dächer über Graz“ oder "Tod und Tafelspitz". Im Herbst 2017 kam mit "David Green. Auf der Suche nach dem Wetterwürfel" eine schräge Fabel für Leserinnen und Leser zwischen 9 und 99 Jahren auf den Markt.
Im April 2018 erschien die Anthologie "Wovon zu schreiben ist", dafür verfasste Mirella Kuchling eine historische Kriminalgeschichte mit steirischem Hintergrund. Im selben Jahr war die Autorin wieder beim Fine Crime Festival mit dabei, außerdem schrieb sie für die Anthologie "Zweite Halbzeit - Geschichten, die Mut machen". Dieser im Residenz-Verlag erschienene Band mit Geschichten über den Neubeginn wurde anlässlich des 35-jährigen Bestehens des Vereins Frauenhäuser Steiermark publiziert.
2023 erschien mit "Mörderische Frauenzimmer" eine Sammlung von 13 true crime-Storys der Autorin, die literarisch verdichtet davon berichten, wie raffiniert sich Frauen quer durch die Jahrhunderte und quer durch aller Herren Länder gemordet haben.
Im Frühjahr 2025 kam dann mit "Die Engelmacherin von Graz" der 1. Grazer Bezirkskrimi auf den Markt. Schauplatz der Handlung, die auf einer wahren Geschichte beruht, ist die steirische Landeshauptstadt im späten 19. Jahrhundert, Tatort der Bezirk Gries. Unbeachtet mordet hier ein böses Frauenzimmer vor sich hin, bis ihr die Polizei durch Zufall auf die Schliche kommt. Eine romantische Liebesgeschichte und eine heimliche Liebschaft dürfen dabei natürlich nicht fehlen ...
Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Mirella Kuchling
Wo schreibst du am liebsten?
An meinem Laptop. Mein Lieblingsort wäre ein Tisch im Grünen, unter einem schönen Baum, Vogelgezwitscher im Hintergrund und er Wind, der die Zitterpappel erbeben lässt (das ist jetzt nicht erfunden, sondern eine Kindheits-/Jugenderinnerung.
Welcher ist dein Lieblingskrimi?
Die Romane um Flavia De Luce (Alain Bradley) und Miss Marple.
Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?
(Fast) alle.
Warum bist du im SYNDIKAT?
Weil es schön ist, gemeinsam einer gruseligen Idee zu folgen und sich gegenseitig zu unterstützen.
Dein Lieblingswort?
Antwort: Liebe
Dein Sehnsuchtsort?
Antwort: Athen
Dein Lieblingsgetränk?
Wasser.
Dein Lieblingsmord?
Der, der in der Realität nicht geschehen ist.
Wo findest du Ruhe?
Überall, wo man mich lässt, in der Natur, im Kreise meiner Familie und FreundInnen ...
Wo Aufregung?
Bei Lesungen, ein bisschen Lampenfieber habe ich immer ...
Deine persönlich meist gehasste Frage?
Zu meiner umfangreichen Bibliothek: „Hast du all diese Bücher gelesen?“ Viele mehr und etliche davon nicht nur ein Mal ;-)
Leseprobe
Ein blutiges NachspielGanz vorsichtig kletterte der kleine Hans auf den niedrigen Holzstapel und spähte durch das Fenster in die Stube. Das Licht einer flackernden Kerze erhellte den Raum nur notdürftig. Auf dem schmutzigen Stroh in der Ecke lag eine junge Frau, die sich in den Wehen wand. Zwischen ihren Beinen stand Mütterlein Schreiner und kratzte mit einem Holzsplitter das Schwarze unter ihren Fingernägeln hervor. Immer wieder streifte sie das, was sie da zutage förderte, an ihrem schmutzigen Rock ab, die Gebärende beachtete sie kaum. Erst als der Kopf des Kindes aus dem Schoß stach, bückte sie sich und griff zu. Hans konnte sich nach her nicht mehr genau erinnern, was er alles gesehen hatte: Da war eine Menge Blut gewesen und das Kind hatte mit den Armen und Beinen gestrampelt, als es heraußen war. Die Mutter hatte geschrien und war dann in Ohnmacht gefallen. Wäre Hans nicht taubstumm gewesen, hätte auch er geschrien, allerspätestens, als die Alte das Neugeborene an den winzigen Beinchen packte und seinen kleinen Kopf gegen die Tischkante schlug, auf dem noch die schmutzigen Teller von der letzten Mahlzeit standen.
Hans fiel vor Schreck fast vom Holzscheit, als der Schädel des Kindes barst. Geschockt tastete er mit dem Fuß nach dem Erdboden, brach in die Knie und übergab sich. Währenddessen warf Antonia Schreiner den Leichnam des Säuglings mit geübtem Schwung in einen bereitstehenden Eimer und deckte ein Tuch darüber. Dann goss sie der ohnmächtigen Mutter einen Becher eiskaltes Wasser ins Gesicht und schnauzte sie an: »Du hast lange genug hier herumgelegen. Bezahlt hast du, also mach dich davon!« – »Aber das Kind«, stammelte die verstörte Mutter und versuchte, sich notdürftig zu bedecken, »wo ist mein Kleines?« – »Das«, grinste die Alte, »hat gnädigerweise der Sensenmann mit genommen.« Als die junge Frau aufschluchzte, setzte sie begütigend hinzu: »Sei froh, war ohnehin unehelich, das Balg. Im Himmel geht es ihm besser als in dieser Stadt. Graz ist auch nicht mehr das, was es einmal war! Also hör auf zu jammern und fort mit dir!«
Unter Schmerzen rappelte sich die junge Frau auf, Tränen strömten über ihre Wangen. Auch wenn die Hebamme recht hatte, so war es doch ihr Erstgeborenes und sie hätte es gerne einmal in den Armen gehalten, bevor sie es für immer hergeben musste. Die alte Schreiner schien ihre Gedanken erraten zu haben, denn sie setzte auf ihre unfreundliche Art nach: »Kein schöner Anblick, der Kleine! Hab ihn gleich fortwerfen müssen, ganz krumm war er und hässlich wie die Nacht.« In bösartig lauerndem Unterton fügte sie hinzu: »Möchte nicht wissen, wer der Vater war? Wohl Beelzebub höchstpersönlich!« Doch die andere hatte sie nicht mehr gehört, sie war so schnell es ihre Schmerzen erlaubten aus der Hütte geflohen und schwor sich, Antonia Schreiner nie mehr Arbeit zu verschaffen. Die knarrende Holztür, die auf die Bethlehemgasse hinausführte, ließ sie sperrangelweit offen, so eilig hatte sie es fortzukommen. Vom kleinen Hans war nichts mehr zu sehen, er hatte sich hinter dem Holzstoß verkrümelt, denn wenn Mütterlein Schreiner ein paar Kreuzer verdient hatte, lief sie schnurstracks die paar Meter zum »Gasthaus zum Schwarzen Bären« am Griesplatz, und wenn sie dann sternhagelvoll war, war niemand mehr vor ihr sicher. Am allerwenigsten aber der kleine Hans.

