Der Narr und seine Maschine
Friedrich Ani

Der Narr und seine Maschine

Ein Fall für Tabor Süden

Suhrkamp Verlag November 2009

Broschur
Oktober 2018
sofort lieferbar
ISBN 9783518428207
18,– € [D], 18,50 € [A] , SFr. 25,90 [CH]
     

Auftritt: Tabor Süden, der unbegreifliche Typ, der zunächst als Polizeibeamter, dann als Privatdetektiv sich zum vielerfahrenen und vielerleidenden Spezialisten für Vermissungen, vulgo: für Vermisstenfälle entwickelte. Eigentlich wollte er seine Ermittlertätigkeit nie wieder aufgreifen, nachdem beim letzten Fall ein Mitarbeiter der Detektei das Leben verloren hatte.

 

Wie eine aus dem Leben gefallene Erscheinung taucht er dennoch plötzlich am Münchner Hauptbahnhof wieder auf – jedoch nur um aus München für immer zu verschwinden, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden. Ziel und Zukunft: Solche Begriffe liegen für Tabor Süden außerhalb seines Begriffsvermögens. Die Chefin, die meint, ihn zurückzuhalten zu können mit einem Auftrag der besonderen Art, weiß, dass er den Bahnhof als Startplatz ins Verschwinden nutzt, trifft ihn dort und bringt ihn dazu, sich, zum allerallerletzten Mal, auf Personensuche zu machen.

 

Vielleicht stimmt Süden nur zu, weil ihm nach kurzer Zeit klar wird: Wenn er den Vermissten aufspürt, wird er dem eigenen Spiegelbild begegnen. Dieser Cornelius Hallig schreibt unter dem Pseudonym Georg Ulrich Romane. Er schrieb Kriminalromane, eine Zeitlang war er sogar eine Berühmtheit, allerdings nicht für immer, und nicht für lange. Er lebte mit seiner Mutter in einem Münchner Hotel, sie starb, er versuchte unablässig in seinem Genre weiter zu tun. Und verschwindet, ohne sich zu verabschieden. Aufenthaltsort: natürlich unbekannt.

 

Friedrich Ani führt in seinem neuen, an Finsternis nicht zu überbietendem Roman die Lebensläufe des Detektivs und des Autors parallel: Beide versuchen, jeder auf seine Weise, den Tod zu betrügen und eine Zeitlang die Finsternis zu überwinden, die ihnen seit jeher vertraut war. Ihre Erfahrungen, wie sie in den prägnanten, durchdringenden Szenen und Dialogen geschildert werden, lassen nicht den leisesten Hoffnungsschimmer aufkommen. Selbst Pessimismus wird von Ani entlarvt als kaum verschleierter Optimismus. Trotzdem, vermag der Roman, durch Empathie, selbst den Fatalismus erträglich zu gestalten.

 

Bleibt die Frage: Werden sich der Vermisstensucher und der Vermisste, beide verloren für diese Welt, begegnen? Und wie könnte das ausgehen?

Friedrich Ani
© Peter von Felbert

Friedrich Ani

Geboren 1959 in Kochel am See. Von 1981 bis 1989 arbeitete er als Reporter und Hörfunkautor. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Staatlichen Förderungspreis für Literatur des Bayerischen Kultusministeriums, dem Literaturförderpreis der Stadt München sowie dem "Radio-Bremen-Krimi-Preis". Seinen Roman "Die Erfindung des Abschieds" wählten Kritiker in der Schweiz als einziges deutschsprachiges Buch unter die zehn besten Kriminalromane der neunziger Jahre. Für fünf seiner Romane um den Vermisstenfahnder Tabor Süden erhielt Ani den Deutschen Krimipreis. Sein Kriminalroman "Idylle der Hyänen" wurde 2006 mit dem Buchpreis der Stadt München, dem Tukan-Preis, ausgezeichnet, der für "das formal und inhaltlich am besten gelungene Buch des Jahres" verliehen wird.

Daneben veröffentlichte Ani mehrere Jugendbücher, u.a. "Wie Licht schmeckt" (verfilmt von Maurus vom Scheidt) und "Das unsichtbare Herz". Seine Romane wurden bisher ins Spanische, Französische, Dänische, Holländische, Chinesische und Koreanische übersetzt. Friedrich Ani ist Absolvent der Drehbuchwerkstatt an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Er schrieb für die TV-Reihen "Tatort", "Stahlnetz", "Ein Fall für zwei", "Rosa Roth" sowie mehrere Fernsehspiele. Er lebt in München.

Der Narr und seine Maschine ist die Empfehlung der Woche der SYNDIKATs-Redaktion vom 31. Dezember 2018.

Rezensionen

»So gott- und weltverlassen sind die, über die Friedrich Ani in gemessenen, schlanken, berührenden Sätzen einen um den anderen Kriminalroman schreibt. ... Er macht nicht viele Worte, aber es sind immer die richtigen.«
Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau

»Dass es Ani schafft, in dieser dunklen Seelenwelt unter dezentem Einsatz religiöser Motive ein paar menschenfreundliche Lichter anzuzünden, nimmt den Leser für die Weltabgewandtheit seiner beiden Leidensmänner, die das Lächeln verlernt haben, ein.«
Hannes Hintermeier, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Ein berührender, trauriger und sehr schön geschriebener Roman.«
stern

»Friedrich Anis Roman, der keine Genrebezeichnung trägt, also weder als Kriminalroman noch als Thriller daherkommt – und damit auch keine falschen Erwartungen bei seinen Lesern weckt –, ist ein Stück großer und berührender Literatur.«
Dietmar Jacobsen, TITEL kulturmagazin

»An Trostlosigkeit ist dieser grandiose kleine Roman kaum zu überbieten.«
Frank Junghänel, Berliner Zeitung

Leseprobe:

Ein Mann in einer Bahnhofshalle, irgendein Mann in irgendeiner Bahnhofshalle. Ein Mann in einem wei­ßen Baumwollhemd und einer schwarzen Jeans, eine grüne Reisetasche in der rechten und eine schwarze Lederjacke in der linken Hand. Er stand da und schaute hinauf zur elektronischen Anzeigetafel mit den zweispaltig von links oben nach rechts unten chronologisch angeordneten Abfahrtszeiten. Er las die Zielorte und vergaß sie gleich wieder. Immer wie­ der fing er von vorn an, den Kopf im Nacken, reglos am Rand des Gewühls.

Die Blicke, die ihn streiften, nahm er wahr wie ei­ nen fremden Atem, der manchmal nach Bier roch, manchmal nach strengen Gewürzen. Jemand rem­ pelte ihn an und ging weiter. Jemand stellte sich vor ihn und starrte ihn an, zog eine Grimasse, wartete auf eine Reaktion und traute sich dann doch nicht, ihm auf die Schulter zu tippen.

Jedes Mal wenn die Stimme der Ansagerin aus den Lautsprechern schallte, hörte er hin und wartete auf den Namen einer Stadt oder die Nummer eines be­ stimmten Zuges. Er kam sich lächerlich vor. Nach dem Ende der Durchsage lauschte er weiter, und beimnächsten Knacken der Sprechanlage zuckte er zusam­men. Wie ein Kind, das hinter der geschlossenen Tür, allein in seinem Zimmer, beim Klingeln der hellen Glocke im Flur aufschreckt und weiß, es wird zur Be­scherung gerufen.

Am Himmel brannte die Sonne. In der Stadt herrschten fast dreißig Grad. Niemand dachte an Weihnachten, auch nicht der Mann, der allmählich das Gewicht seiner Reisetasche spürte. Er hatte sie seit dem Betreten der Bahnhofshalle noch nicht ein­ mal abgesetzt.

Im Grunde dachte er an nichts. Er schaute und schwitzte und vergaß die Zeit und ein wenig auch sich selbst.

Vor einer Ewigkeit hatte er jeden Morgen die Halle durchquert, auf dem Weg zu seiner Dienststelle ge­ genüber der Südseite des Hauptbahnhofs. Damals gehörten die Stimmen und Geräusche, das Gewusel, die Hektik der Reisenden und das erstarrte Treiben der Sandler und Obdachlosen zur Membran seines Alltags, in dem er eine Funktion hatte, eine Bestim­ mung. Da war er Kriminalhauptkommissar in der Vermisstenstelle der Kripo, Besoldungsgruppe A11, ein Fahnder auf der Suche nach den Schattenlosen. Später quittierte er aus freien Stücken den Dienst und verschwand. Nach seiner Rückkehr nahm er ei­ nen Job in einer Detektei an – so lange, bis die Tage mit Finsternis begannen und in Finsternis ende­ten.

Gestern hatte er seinem Vermieter die vollständig ausgeräumte, geweißte Wohnung gezeigt und ansons­ ten kaum ein Wort mit ihm gewechselt. Heute Mittag hatte er mit dem Handy, das ihm seine Chefin ge­ schenkt hatte, ein Taxi gerufen und den Wohnungs­ schlüssel in den Briefkasten geworfen. Auf der Straße hatte er sich nicht mehr umgesehen. Wie schon zu seiner Zeit als Kriminalist saß er im Taxi auf der Rückbank, hinter dem Beifahrersitz. Er ließ die Stadt an sich vorüberziehen und erinnerte sich an die Dun­kelheit der vergangenen Monate, an den Tod, der der Arbeit der Detektei ein Ende gesetzt hatte, an seinen letzten Besuch auf dem Waldfriedhof, wo sein bester Freund beerdigt war und sein Vater grablos unter ei­ner grünen Wiese lag.

»Wo geht die Reise hin?«, hatte der Taxifahrer ge­fragt.

Tabor Süden hatte geschwiegen. Er gab dieselbe Summe Trinkgeld, die die Fahrt gekostet hatte, und stieg aus. Er hatte einen Blick zum Neubau auf der anderen Straßenseite geworfen. Im vierten Stock war sein Büro gewesen, auf den anderen Etagen verteilten sich die Mordkommissare, die Brandfahnder und die Todesermittler. Im türkischen Imbiss im Erdgeschoss hatte er mit den Kollegen gelegentlich gegessen und mit seinem besten Freund und Kollegen Martin Heuer regelmäßig ein Bier getrunken. Nach und nach waren die Kommissariate ins Präsidium in der Innen­ stadt verlegt oder in einen Bürokomplex im Westend ausgelagert worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die Stadt schon verlassen.