Blutrot oder warum ist der Eber tot?

Blutrot oder warum ist der Eber tot?

Mai 2017
ISBN 9783956673078
12,80 € [D]
     

Als der Eber, dieser Ungustl, tot im Café Walters in der Griesgasse gefunden wird, kann Peter der Polizist endlich beweisen, was in ihm steckt. Dass er nicht nur seinem Kollegen Maier überlegen ist, weiß er natürlich längst – oder zumindest glaubt er das. Er erfährt – aus vertraulicher Quelle –, dass das Opfer gerne sexistische Witze von sich gab und seine Freizeit mit diversen Praktiken im Puff verbrachte. Doch sind seine mehr oder weniger geheimen Vorlieben tatsächlich Grund genug, um ihn kaltblütig umzubringen? Und wenn ja – für wen?

Blutrot oder warum ist der Eber tot? ist die Empfehlung der Woche der SYNDIKATs-Redaktion vom 31. Dezember 2017.

Kritikerstimmen

Fast allen hätte ich den Mord zugetraut, um dann wieder sicher zu sein, dass sie es unmöglich sein können. In dieser Hinsicht hat die Autorin ganze Arbeit geleistet. Die Spannung wurde bis zuletzt aufrechterhalten, und ich konnte die Geschichte genießen – besonders, da sie immer wieder mit einem trockenen Humor unterlegt war, der mir so richtig zugesagt hat.
Annlu, Lovelybooks

Ein Buch abseits der Norm – das gefällt mir. Und die vermittelten Inhalte machen es zu einer tollen Milieustudie mit Krimihandlung. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Buch von Tharina Wagner!
Igelmanu, Lovelybooks

Zudem waren alle Persönlichkeiten gut beschrieben und ausgearbeitet. Die Autorin hat die Emotionen super herübergebracht, sodass ich ziemlich oft einfach mit den Protas lachen und mich freuen konnte oder aber auch mal aus der Haut hätte fahren können.
Sturmhöhe88, Lovelybooks

Von mir gibt es für jeden Krimifan, jeden, der den kritischen Blick auf unsere Gesellschaft nicht scheut, und jeden, der mal etwas Neues erleben will, eine klare Leseempfehlung.
Mausimau, Lovelybooks

Drei Fragen an Tharina Wagner

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
Mit dem Tod des Ebers, dem Opfer aus meinem aktuellen Krimi. Ein "Ungustl" ist das, wie man bei uns in Österreich sagen würde. Er treibt sein Unwesen im Griesviertel in Graz, bis ihm schließlich der Garaus gemacht wird. Im Vergleich zu anderen Bezirken hat der Gries keinen besonders guten Ruf – inmitten von Stripteaseklubs und Bordellen gibt es auch immer wieder das ein oder andere mehr oder weniger spektakuläre Verbrechen. Meine erste Wohnung befand sich in dieser Gegend, genauer gesagt, nicht weit vom Bahnhof. Auf mich wirken die meisten Bahnhöfe nachts ganz schön schaurig. Diese Umgebung inspirierte mich schon vor Jahren zu meiner butroten Gräueltat.

Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto?
Bisher ein einziges. Den Vorgänger von Blutrot, der sich Blassrosa nennt, würde ich nun nicht als Verbrechen bezeichnen. Oder war der echt so schlimm? Ersterer setzt vor allem auf Humor. Im zweiten geht es dann ein bisschen wilder zur Sache, wie sich das für ein verruchtes Rotlichviertel eben gehört. Der Sarkasmus kommt allerdings auch in diesem Fall nicht zu kurz. Mit dem Tod des Ebers ist es nicht vorbei. Mir bleibt noch eine Menge Inspiration, und so könnte ich mich durchaus zu einer Serientäterin entwickeln … 

Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Das Volk braucht schließlich Unterhaltung. Und weil nicht jeder auf Liebesschnulzen steht, muss dann eben etwas ein bisschen "Grauslicheres" her. Nichts gegen Liebesschnulzen. Blutrot ist an sich gar nicht so blutrünstig, wie das nun klingen mag. Mindestens genauso wichtig wie der Mordfall sind in diesem Krimi die zwischenmenschlichen Beziehungen, Vorurteile und Selbstzweifel. Das sind Themen, die mir am Herzen liegen und die ich auch weiterhin ansprechen werde.

Leseprobe

Trotz der Dunkelheit weiß er genau, wohin er treten muss. Er hebt den linken Arm, um die Tür aufzudrücken. Da er immer noch leicht schlaftrunken ist, stemmt er kurz sein Gewicht auf die Türklinke.
Marlene dreht das Licht an. Dann geht sie direkt hinter die Theke, in der Absicht, ihrem Sohn eine Semmel zuzubereiten. Eigentlich hätte er auch einfach die verbleibende Toastscheibe von zu Hause mitnehmen können. Dämlich sind sie manchmal beide, Mutter und Sohn. Marlene schüttelt den Kopf über ihre eigene Unüberlegtheit. Das Wort ›dämlich‹ ist natürlich übertrieben, ›unüberlegt‹, das trifft es tatsächlich um einiges besser …
Marwin drückt ein bisschen fester, da die Tür seltsamerweise nicht gleich aufgeht. Anscheinend wird sie von etwas im Inneren der Toilette blockiert. Viel Kraft muss er trotzdem nicht aufwenden, um sie zu öffnen. Als die Tür dann offensteht, sagt er sich, dass er doch besser zu Hause aufs Klo hätte gehen sollen. Oder einfach in den Innenhof pinkeln oder gegen irgendeine Mauer. Mitten am Griesplatz, wenn es sein muss. Sogar am Hauptplatz. Überall, nur nicht hier. Komisch, dass man in Extremsituationen scheinbar automatisch seltsame Gedanken hegt.
Marlene schmiert die Butter auf die noch lauwarme Semmel. Aufgrund der Müdigkeit tut sie das langsamer als sonst. Normalerweise dürfte sie nach der gestrigen Abendschicht natürlich nicht schon wieder morgens arbeiten. Aber da Maria im Krankenstand ist und die Chefin Frau Walters etwas vorhat, tut sie es ausnahmsweise. Es ist nicht, dass sie es müsste – sie stimmte freiwillig zu. Aus Freundlichkeit – oder, weil sie nicht ›nein‹ sagen kann. Während sie die Semmel weiterhin in der linken Hand hält, betätigt sie den Knopf der Kaffeemaschine mit der rechten. Ein Espresso wird ihre verschlafenen Augen bestimmt ein bisschen weiter aufbekommen.
Anstatt den Kopf wegzudrehen, schaut Marwin wie erstarrt geradeaus auf den leblosen Körper. Ein wenig schwindelig wird ihm dabei, so, dass er sich ein weiteres Mal an der Türklinke der Toilette abstützen muss. Ja, am Hauptplatz zu pinkeln, das wäre eine gute Idee gewesen. Aber irgendwie muss er plötzlich überhaupt nicht mehr. Was Marwins Blick besonders anzieht, ist das entstellte Gesicht des Mannes. Seine Wangen sind an einigen Stellen völlig durchbohrt, vor allem die linke. Mit Mühe bewegt Marwin seine Augen weiter nach unten, über den mit mehreren Stichwunden übersäten Oberkörper. Sie tauchen das weiße Baumwollhemd in ein kräftiges Rot, das in einer anderen Situation bestimmt als hübsch hätte bezeichnet werden können. Der Kopf liegt leicht schräg unter dem Papierhandtuchspender, als wäre er damit gegen die Wand gekracht. Marwin bewegt sich nicht. Seine Zunge klebt am Gaumen und seine Knie beginnen, leicht aber sicher zu zittern. Dabei ist seine Mutter nur wenige Meter von ihm entfernt. Er müsste nicht einmal rufen, ein einfaches Flüstern würde reichen, um von ihr gehört zu werden.
[...] »Marwin?«, ruft sie in Richtung Toilette, als sie feststellt, dass der Espresso immer noch noch zu heiß ist, um getrunken zu werden. »Marwin, wie lang brauchst du denn?«, fragt sie, als keine Antwort kommt. »Deine Semmel ist …« Sie setzt dazu an, das Wort ›fertig‹ hinzuzufügen und stellt die Tasse auf der Bar ab. Dabei macht sie bereits einige Schritte in Richtung Toilette.
Die Stimme seiner Mutter klingt weit entfernt. Dabei ist sie doch so nah. Fast so nah wie der leblose Körper des Ebers. Marwin erinnert sich an dessen unsympathisches Lachen im Anschluss an seine ordinären Witze. Jetzt wird er nicht mehr lachen. Vielleicht ist das gut. Dann spürt er, dass warmer Urin an der Innenseite seiner Schenkel nach unten rinnt.