Schafe zur Rechten - Böcke zur Linken
Thea Krüger

Schafe zur Rechten - Böcke zur Linken

Mai 2009
vergriffen
     

Schlaegel Verlag

 

Eine Geburtstagsfeier in einem Weingut bei Bonn. Ein grausiger Mord an einem distinguierten Herrn und ein Mann am Auto, der Amelie von Nerungen in Unruhe versetzt. Wenige Tage später wird sie wegen Verdacht des Mordes festgenommen und muss eine Woche in U-Haft zubringen, bis sich der Tatvorwurf als unhaltbar erweist. Zurück in der Freiheit stürzt sich Amelie in eigene Nachforschungen, die sie in eine scheinbar integre Welt der Justiz führt.

 

Textauszug:

Amelie saß am nächsten Morgen aufrecht im Bett, hielt einen Eisbeutel an die geschwollenen Augen und trank schwarzen Kaffee, den Gerrit ihr ans Bett gebracht hatte.

»Liebes, bevor du den Mund aufmachst und dich für gestern rechtfertigen willst, lass es einfach. Deinen Augen täte es nur gut, wenn du nicht wieder zu weinen anfingst.« Gerrit rutschte auf die Bettkante. »Hast du Hunger auf Brötchen?«

»Brötchen heißen in Berlin Schrippen.«

»Heureka, sie spricht und denkt wieder. Ein Wunder ist geschehen!«

»Du bist ein alberner Kerl. Sitz du mal eine Woche unschuldig im Knast, dann geht es dir auch so.«

»Nein, Amelie, so bestimmt nicht. Ich habe nur keine Ahnung, wie ich danach reagieren würde. Komm, geh unter die Dusche und wenn du fertig bist, ist der Frühstückstisch gedeckt.«

»Gerrit, ich möchte gern heute Abend, wenn meine Augen abgeschwollen sind, von dir ins beste Restaurant Berlins ausgeführt werden. Im kleinen Schwarzen, wenn es recht ist. Mir ist nach dem ganzen Dreck so elitär zumute. Meinst du das geht?«

Gerrit hüpfte das Herz vor Freude.


                                                             ***


Verteilt über den gesamten Tag hatte Amelie die einzelnen Episoden ihrer Odyssee erzählt.

»Weißt du, meine Liebe, Gefängnisse sind überall gleich. Es ist egal, ob du in der Türkei, in Marokko, USA oder in Deutschland einsitzt, die Willkür ist dieselbe.« Er legte die Speisekarte zur Seite. »Ich hoffe, das Essen schmeckt dir noch, wenn ich sage, dass Macht in den Händen Einzelner zu grauenhaften Exzessen führen kann. Wie oft haben wir davon in den Medien gehört: Verhöre mit angedrohter Folter sind durchaus üblich. Scheinhinrichtungen werden durchgeführt. Wovon leider wenig berichtet wird, du aber durchmachen musstest ist, dass auch die kleinen Beamten und Angestellten Macht ausüben.«

»Ich habe so viele Artikel gelesen und wirklich geglaubt, nur die Gefangenen würden sich untereinander drangsalieren. Dass das Personal dieselben Verhaltensstrukturen annimmt, war mir nicht klar. Und diese Erkenntnis wirft mich am meisten um. Mir graut vor der Vorstellung, unser Rechtsstaat könnte eines Tages ins Wanken kommen. Verstehst du, was ich meine?« Amelie fröstelte.

»Ja, die Gefängniswelt ist eine Parallelwelt, die sich niemand vorzustellen vermag, der sie nicht kennengelernt hat. Und du hast völlig recht, Auschwitz wird immer wieder möglich sein.« Gerrit streichelte ihre Hand und sie schwiegen, bis das Essen serviert wurde.

»Das Essen im Knast muss wirklich grottenschlecht gewesen sein«, stellte Gerrit fest, als Amelie ihre Serviette auf den Tisch zurücklegte. »Du hast das gesamte Menü verputzt! Wenn ich dir so in die Augen sehe, führst du noch etwas im Schilde. Sprich Geliebte, sprich!«

»Ich frage mich manchmal, ob ich es als wohltuend empfinde, dass du mich so gut kennst. Eine Antwort habe ich bis jetzt nicht gefunden. Aber eins ist sicher, es macht das Leben leichter. Ja, ich führe etwas im Schilde.« Amelie schob eine Haarsträhne hinters Ohr. »In der Haft habe ich nicht viel gedacht, um nicht zu verzweifeln. Aber auf der Bahnreise von Bonn nach Berlin habe ich über den Mord am Richter nachgedacht. Aus Sicht der Kripo kann ich nachvollziehen, wieso ich unter Verdacht geraten bin. Die Auswirkungen waren zwar drakonisch, aber es leuchtet mir ein. Da ich nun von der Liste der Verdächtigen gestrichen wurde, wer hat dann den Richter umgebracht und warum?«

»Nein, Amelie, bitte nicht! Ich nehme noch heute Nacht den letzten Flieger nach London. Vergiss es!«

»Ja, aber Gerrit, es war doch mein Richter.«

»Dein Richter. Bist du noch im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte?« Gerrit winkte den Kellner herbei und bestellte zwei schottische Whiskys. »Weder war er dein Richter noch begibst du dich auf Spurensuche. Das verbiete ich dir.«

»An der Konstellation im Hotel stimmt etwas nicht.«

»Ach, die Planetenstellungen hingen schief?«

»Gerrit, sei nicht kindisch. Hör doch zu! Eine Frau verschwindet ohne zu bezahlen, ein Mann wird ermordet, ich sehe am Samstagabend eine Gestalt am Auto, die ich irgendwoher kenne und vor dem Hotel bestimmt nichts zu suchen hatte. Und als Sahnehäubchen obendrauf gerate ich unter Mordverdacht und lande in U-Haft. Das ist doch der reinste Cluster an Merkwürdigkeiten.« Amelie nippte am Whisky.

»Alles Zufälle, wie meistens im Leben.» Gerrit überlegte, ob er sich einen weiteren Whiskey gönnen durfte.

Amelie schob ihren Kopf nach vorne. »Zufälle gibt es nicht. Wenn überhaupt, ist es Schicksal. Und ich bin ziemlich sicher, dass an meinem Schicksal jemand gebastelt hat.«

Gerrit öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, ich sei mir nichts dir nichts unter Mordverdacht geraten. Nein, nein, mein Lieber, irgendjemand steckt hinter dem Szenario. Und was passiert, wenn die Kripo bei ihren Ermittlungen weitere Indizien findet, die erneut auf mich zeigen? Bevor ich ein zweites Mal in U-Haft lande, mache ich mich lieber selbst auf Mördersuche.« Amelie lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. »Ich werde Hajo fragen, ob er mir bei den Nachforschungen hilft.«

»Wer, bitte schön, ist denn Hajo?«

»Er hat meine neue Telefonanlage angeschlossen und repariert Computer. Zudem ist er Mitglied eines faszinierenden Netzwerkes.«

»Dann kann ich nur hoffen, sein Betrieb lastet ihn voll und ganz aus.« Gerrit schüttelte unwillig seinen Kopf.

»Er arbeitet auf eigene Rechnung. Eine Freundin, die ihn seit vielen Jahren kennt, hat ihn mir empfohlen.« Amelie schob ihre Beine unter den Stuhl und beugte sich zu ihrem Freund vor. »Weißt du, er hat mal gesessen und niemand will ihn einstellen. Karin vermittelt ihn deshalb im Freundeskreis. Ich muss sagen, er macht seine Sachen korrekt. Zudem ist er höflich und zuverlässig.«

Gerrit war überaus glücklich, dass seine Freundin die Heulphase hinter sich gelassen hatte, aber Amelies neue Beschäftigung hielt er für besorgniserregend.

»Amelie, ich versuche jetzt ganz ruhig zu bleiben. Von ganzem Herzen bitte ich dich, nicht auf eigene Faust zu ermitteln. Und schon gar nicht mit dem ominösen Hajo zusammen. Ich muss morgen früh nach London zurück, du weißt das. Bitte versprich mir, dass in den kommenden Wochen nicht wieder ein Anruf deines Anwaltes zu mir durchgeschaltet wird, der mir mitteilt, du säßest im Gefängnis.«

»Genau das möchte ich vermeiden.« Amelie drehte den Ring an ihrem Finger. »Ich verspreche dir, nichts zu tun, was mich in Kalamitäten bringen könnte.«

»Ach Liebes«, sagte Gerrit, seufze und nahm ihre Hand in seine. »An Wunder glaube ich schon lange nicht mehr.«

Thea Krüger
© Foto: Heidi Ramlow

Thea Krüger

Zwischen Provinz und Hauptstadt reisende Ostfriesin. Sie studierte Germanistik und ev. Theologie und absolvierte neben dem Studium ein Volontariat in einem Verlag. Danach war sie einige Jahre als Lehrerin in England und Deutschland tätig.

1985 Beginn der Schreibtätigkeit mit Publikationen von Lyrik und belletristischen Kurzgeschichten in Zeitschriften und Magazinen. Ghostwriter und Lektorat für akademische Texte.

Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie in der Wirtschaft, lange Jahre als angestellte Weltreisende, später machte sie sich selbständig. Kuriose Reisebeobachtungen, extravagante Wirtschaftspraktiken und skurrile Alltagserfahrungen fließen seit 2008 in mörderische Kriminalgeschichten ein. Sie schrieb drei Kriminalromane und mehrere Kurzgeschichten.

Thea Krüger ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern und im Syndikat.

Pseudonyme:

Goest&Patsch (zusammen mit Ria Klug)

 

Text zu Beginn einer Lesung von Goest&Patsch in Berlin:

Ein Café in Wilmersdorf.
Laues Sommerwetter.

Amelie sieht sich um und entdeckt eine einzelne Frau an einem Tisch unter einem Sonnenschirm. Die Frau hat einen in einem schmutzigen Converse steckenden Fuß auf das Polster des zweiten Stuhls gelegt und zerbröselt Bierdeckel.


Amelie: „Guten Tag. Du bist bestimmt Nel.“

Nel, blickt kurz auf: „Was geht dich das an?“

Amelie: „Ich bin Amelie von Nerungen.“ Sie schaut starr auf den Fuß, der den Stuhl blockiert. Nur an der Bewegung von Nels Kopf kann sie erkennen, dass sie selbst betrachtet wird und Nel den Blick bemerkt. Deren Sonnenbrille spiegelt.

Sehr gemächlich nimmt Nel den Fuß weg.

Amelie, winkt der Bedienung: „Einen Milchkaffee, bitte!“ Zu Nel: „Möchtest du auch noch etwas?“  Sie wendet das Kissen und setzt sich.

Nel: „Bist du so eine Adelsschranze?“

Amelie: „Dieser Begriff war schon vorgestern überholt. Frag mal die Youngsters am Nachbartisch . Klare Antwort auf deine Frage: Nein.“

Nel, verblüfft: „Du sabbelst wie eine Friseuse.“

Amelie: „Dass mich meine Autorin solch einen Satz wie deinen sagen lässt, davon kann ich nur träumen. Stattdessen muss ich dein Reden ordinär und degoutant finden. Halte bitte einen Moment still.“ Sie ordnet ihre roten Locken im Sonnenbrillenspiegel und zückt den Lippenstift.

Nel: „Red keinen Scheiß. Meine Autorin lässt mich nur solche Sätze sagen. Zum Kotzen ist das.“ Sie nimmt die Brille ab. „Alle halten mich für ungehobelt oder lachen über mich.“ Sie schließt den Mund um den Strohhalm ihres Milchshakes und bläst kräftig hinein.

Amelie, verzieht das Gesicht: „Du hast es besser als ich. Ich finde es eklig, was du da machst; ich kann nicht anders. Tante Sophie würde sich echauffieren, wenn ich solches täte. Meine Autorin hat mich von ihr aufziehen lassen. Die Tante legte stets Wert auf Benehmen und Contenance.“


Nel: „So ne geile Kluft wie deine würde ich auch gerne mal spazierenführen. Meine Freunde würden sich bepissen vor Lachen.“

Amelie, streicht sich über den Rock: „Wir können versuchen, ob sie uns tauschen lassen. Ich wollte schon immer mal spüren, wie sich eine Jeans mit Löchern trägt.“

Nel: „Wir scheißen ihnen vor den Koffer. Wir machen´s einfach, bevor sie es spitzkriegen.“ Sie öffnet den Gürtel.“

Amelie: „Die wissen doch genau, was wir hier machen. Willst du dich wirklich in der Öffentlichkeit entblößen und umkleiden?“

Nel, öffnet die Hose: „Ich muss!“

Amelie. „Sex sells, ich weiß. Aber nicht wenn er so schmutzig daherkommt, wie bei dir.“

Nel, schiebt die Hose über den Hintern nach unten: „Bei mir ist alles verdammt schmutzig ...“

Amelie: „Ha – ha – ha! Mir musst du das nicht sagen. Wir schreiben es unseren Autorinnen. Vielleicht nehmen sie von uns einen Rat an. Was bei mir zu wenig, ist bei dir zu viel drin. Wenn sie sich zusammentun, könnten sie Erfolg haben.“

Nel, die Hose in den Kniekehlen: „Kann sein. Aber dann sind wir weg vom Fenster. Uns gibt’s dann nur noch in der Remittentenkiste.“

Amelie, schulterzuckend: „Ist das schlimm? Wir sind beide nicht zufrieden. Vielleicht leben wir weiter, in anderen Figuren. Vielleicht in einer gemeinsamen. Sozusagen simultane Wiederauferstehung.“

Nel: „Du hast ja nicht alle Tassen im Schrank.“ Sie nestelt unschlüssig an der Hose herum. „Gut. Apropos Tassen. Dann lass uns noch einen heben, während wir was zusammenkritzeln. Meine Autorin hat mir einen 50 Euroschein in die Tasche gesteckt.“ Sie schreit nach der Bedienung.

Amelie, zieht einen Schreibblock und einen goldfarbenen Füller aus der Lederhandtasche: „Ich möchte ein Glas Chablis. Oder einen Veuve Clicquot, wenn sie den haben.“

Nel zieht ihre Hose hoch und schließt die Gürtelschnalle. „Geil. Champagner hat mir meine Autorin noch nie in den Kühlschrank gestellt.“ Sie setzt sich wieder und wedelt mit dem Geldschein. „Wird die Kohle dafür reichen?“

Amelie, lächelt: „Lass man gut sein. Eines schätze ich sehr an meiner Autorin: Sie hat mir ein Vermögen auf diversen Konten angelegt.“

Die Bedienung tritt an den Tisch und Amelie bestellt den besten Champagner des Hauses. Die Gläser werden gebracht, beide prosten sich zu. Die ersten Zeilen fließen zögerlich aus Amelies Feder. Nel rückt mit ihrem Stuhl näher an sie heran. Unterbrochen von Nels Kommentaren und gemeinsamem Kichern füllen sich die Seiten.


Szenenwechsel: Wenzels Gartenwelt am 16. April 2014. (Die diesen Satz Lesende sieht auf die Uhr) 20 Uhr xx

Ria: „Nichts ist schlimmer, als wenn Protagonisten, in diesem Fall unsere Damen, ein Eigenleben entwickeln.“

Thea seufzt: „Im Prinzip ja. Allerdings waren die Ideen, die die beiden uns in den Kopf gesetzt haben, richtig gut. Frage bleibt nur, ob unsere gemeinsamen Geschichten dem Publikum gefallen werden?“

Ria: „Genau. Deshalb gehen wir jetzt lückenlos zur Lesung unserer gemeinsamen Geschichten über.“