Love like Blood

Love like Blood

Kriminalroman

Piper

Taschenbuch
August 2021
sofort lieferbar
ISBN 9783492504614
10,– € [D], SFr. 13,90 [CH], 10,30 € [A]
     

Ein Serienmörder im Techno-Underground der 90er-Jahre

Berlin 1997. Ein Serientäter, der die Stadt in Atem hält und nicht greifbar ist. Ein Phantom. Eine Kommissarin, die tief in den Berliner Underground und die Technoszene eintauchen muss, um den Mörder zu finden. Dabei verliert sie sich in dieser ihr fremden hedonistischen Welt, wird mit ihren Dämonen und ihrer Vergangenheit konfrontiert und kommt dem Täter nahe, ohne es zu wissen. Zu nahe… Ist sie das nächste Opfer?

Mathias Aicher
© Copyright Manuela Likos

Mathias Aicher

Mathias Aicher, geboren im tiefsten Winter 1965 im finsteren Pfälzerwald. Abitur. Zivildienst. Plattenverkäufer. Danach hauptberuflich Rockmusiker.
1990 Umzug nach Berlin. Studium der Theaterwissenschaften und der Germanistik. Weiterhin hauptberuflich Rockmusiker. CD-Veröffentlichung 1992.
Danach Produzent von Musikvideos.
Ab 1999 Quereinstieg ins TV-Geschäft und Neuerfindung als Drehbuchautor. Krimis für ARD und ZDF.
Sein Debütroman HELLTAL (Kriminalroman) wurde 2018 bei KNAUR veröffentlicht. Der zweite Roman, DIE OFFENBARUNG DER JOHANNA, ein Thriller, erschien 2020 bei PIPER und als Hörbuch beim 'Schall & Wahn'-Verlag, gelesen von Jasmin Tabatabai und Yesim Meisheit.
Der dritte Roman LOVE LIKE BLOOD erscheint im August 2021 erneut bei PIPER.
Mathias Aicher lebt seit 2015 mit Lucy und Schroeder, seinen beiden Katzen, in Baden-Württemberg.

Mehr Informationen über den Autor erhalten Sie auf seiner Facebookseite.

https://www.facebook.com/mathias.aicher.autor

Rezension

"Ein Höllentrip in die Abgründe der Berliner Underground-Techno-Fetisch-Szene von 1997. Gnadenlos. Beklemmend. Mit Figuren, an die man sich lange erinnern wird". (LEO BORN)

Exklusives Interview mit der SYNDIKATS-Redaktion

Woher kam die Idee für einen Thriller, der 1997 zum Teil im legendären Berliner Underground-Fetisch-Club KitKat spielt?

Die Idee für den Roman hatte ich schon 1998. Nach zwei exzessiven, intensiven, aufwühlenden, berührenden und inspirierenden Jahren als Stammgast ebenjenes Clubs. Die Grundidee war, dass Doyle - damals mein Hauptprotagonist, im aktuellen Roman jedoch nur eine Nebenfigur -, der seine Brötchen als Privatdetektiv verdient und Stammgast im KitKat ist, einen Auftrag von einem Rockerboss erhält. 

Ohne zu sehr in die Details zu gehen: Eine Szene von 1998 hat es ins Buch von 2021 geschafft. Und zwar diejenige, in der Doyle Gast einer Vernissage ist, bei der sein Kumpel Maxime, ein DJ, auflegt und bei der er eine faszinierende Frau namens Candy entdeckt, die am Büfett einer verwesten Ratte am Stiel scheinbar den Kopf abbeißt. Viel mehr hatte ich damals nicht. Den Roman zu Ende geschrieben habe ich erst 2020.

Bevor du Drehbuchautor wurdest, warst du ja fast fünfzehn Jahre professioneller Rockmusiker. Wie kam diese 'Neuerfindung' als Autor zustande? 

Das Schicksal und glückliche Umstände gaben mir vor 20 Jahren die Chance, als 'ungelernter' Quereinsteiger im TV-Geschäft Fuß zu fassen, was eine andere Geschichte ist, die ein anderes Mal ausführlich erzählt werden soll. Nur soviel: Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit – ich hatte nicht die geringste Erfahrung im TV-Business, keine Ausbildung, keine Vorbildung, keine Vita als Autor, null Ahnung von Dramaturgie – nutzte ich diese einmalige Chance und startete als Drehbuchautor neu durch. Nachdem ich mit meinem Lebenstraum, ein erfolgreicher Rockmusiker zu werden, grandios gescheitert war.

Wie kamst du dann vom Drehbuchschreiben zum Romanschreiben?

Vermehrt beschäftigte ich mich mit meinen alten Romanideen (und es waren einige!) 2010, nach über zehn Jahren im TV-Geschäft, in denen ich mehr als nur ein bisschen frustriert (= extreme Untertreibung) mit meinem Job war. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich endlich mit einem Roman von den ganzen Restriktionen, Anmerkungen, Einschränkungen und Einmischungen – kurz gesagt, von dem ganzen Bullshit – meiner Brötchengeber „freischreiben“ zu müssen.

Weil: Ebenjene Brötchengeber, TV-Produktionsfirmen und TV-Redakteure, hatten von Anfang an die Kontrolle über meine Geschichten. Und die waren spätestens nach der zweiten Drehbuchfassung nicht mehr meine Geschichten, sondern die Geschichten der Brötchengeber. Ich wollte endlich Geschichten erzählen, die nur ich zu verantworten hatte. Geschichten, für die ich brannte. Hinter denen ich stand und die ich einfach erzählen musste. Nachdem ich über die Jahre mein Handwerk als Autor erlernt hatte, fühlte ich mich bereit, den nächsten Schritt zu gehen und HELLTAL, meinen ersten Roman zu schreiben. Einen Roman, den ich ohne Auftrag, ohne Kohle, ohne Unterstützung eines Verlags oder einer Agentur in den Pausen zwischen meinen Drehbuchjobs geschrieben habe. Aus dem einfachen Grund, weil ich es wollte. Und weil ich mir beweisen musste, dass ich es konnte. 

Was verbindet deine inzwischen drei Romane, also HELLTAl, DIE OFFENBARUNG DER JOHANNA und jetzt LOVE LIKE BLOOD?

Jeder meiner Romane steht für sich und ist kein Teil einer Reihe. Und es wird von ihnen auch kein Prequel oder Sequel geben. Als Wassermann bin ich schnell gelangweilt, weshalb ich mich mit jedem Roman neu erfinden will. Ich muss einfach Spaß an meinen Geschichten und den Figuren haben. Alles was danach kommt und ob meine Romane Leser finden, habe ich nicht in der Hand und kann ich nicht beeinflussen. Deshalb schreibe ich ausschließlich nur für mich. Geschichten, die mich interessieren und die ich lesen möchte. Mit Figuren, die 'anders' sind. Außenseiter. Gestrandete. Verzweifelte. Träumer. Kämpfer. Am Rande - und manchmal auch außerhalb - der Gesellschaft. 

Und ich liebe meine Figuren. Alle. Ob Mike Madsen, den räudigen Privatdetektiv aus HELLTAl, Johanna und Jules aus DIE OFFENBARUNG DER JOHANNA oder aktuell eben Liza LeBon, die 'düstere' Kommissarin, die gezwungen wird, sich im Laufe der Geschichte mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Was mich interessiert sind 'echte' Charaktere. Charaktere mit Abgründen. Mit offenen Wunden. Mit Narben. Mit gebrochenen Herzen. Keine 08/15-Klischee-Figuren. Ich will mit meinen Geschichten und meinen Protagonisten die Leser berühren und erzählerisch dahin gehen, wo es weh tut. Wie ein Mittelstürmer beim Fußball. 'Feelgood'-Charaktere interessieren mich nicht und haben mich auch noch nie interessiert.

Hattest du eine spezielle Inspiration für Liza LeBon, deine Protagonistin in LOVE LIKE BLOOD? 

Was mir klar war: Die Grundidee von 1998 würde mit einem männlichen Privatdetektiv wie Doyle nicht funktionieren. Ich brauchte eine Kommissarin. Eine toughe Kommissarin. Eine schräge Kommissarin. Eine dunkle Kommissarin. Die mit Nachnamen so hieß, wie der Sänger von Duran Duran. Und ab da nahm die Geschichte in meinem Kopf Fahrt auf. Nicht zuletzt durch ein Album von Nine Inch Nails.

The Downward Spiral.

Ein Konzeptalbum, das mich Mitte der Neunziger Jahre extrem beeinflusst und geprägt hat. Und das ich zufällig (?) zu der Zeit wieder mal hörte. 

Hauptthemen des Albums: Drogen, Nihilismus, Entmenschlichung, Sex, Gewalt, Krankheit, Gesellschaft – und Suizid. Auch wenn der in meiner Geschichte nicht im „on“ stattfindet. Laut Wikipedia war das Album wohl zum größten Teil inspiriert durch David Bowies ‚Low‘ und ‚The Wall‘ von Pink Floyd. Dank der Mithilfe von Trent Reznor, dem 'Mastermind' hinter Nine Inch Nails, und damit auch von Bowie und Pink Floyd hatte ich plötzlich alle Zutaten, die ich brauchte, um die Geschichte erzählen zu können.

It’s magic. Immer und immer wieder.…

Welches ist dein Lieblingskrimi?

Aktuell mal wieder ‚Das Schlangenmaul‘ von Jörg Fauser, sowie ALLES von Raymond Chandler, Dashiell Hammettund Jörg Juretzka.

 
Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?

Seit der Criminale in Aachen zu viele, um sie hier alle aufzuzählen ?

 

Dein Sehnsuchtsort?

Die Provence. Immer und immer wieder.

 

Dein Lieblingsgetränk?

Mehrzahl: Milchkaffee, Wasser, Weißwein, Rotwein, Grappa.

 

Wo schreibst du am liebsten?

Ich weiß von einigen Kollegen, dass diese am Liebsten in einem Café o.ä. schreiben.
Wäre nichts für mich, ich kann ausschließlich zu Hause an meinem Schreibtisch konzentriert und fokussiert schreiben. Natürlich nur mit Unterstützung meiner Musik auf Vinyl und meiner beiden Katzen Lucy & Schroeder 
?

 

Wo findest du Ruhe?

Siehe Frage davor ?

 

Wo Aufregung?

In Berlin mit meinen Freunden. 

Und bei der Criminale. 

Sadly missed seit Aachen… ?


Deine persönlich meist gehasste Frage?

Wieviel von dir steckt in deinen Geschichten? 

Meine Antwort: Alles. Und nichts.

Leseprobe

5

PLANSPRACHE / SANS DE PITIÉ

 

Liza stand am Waschbecken ihres Büros und sah in den Spiegel.

Die Ringe unter ihren Augen waren nicht zu übersehen. Ihre Gesichtsfarbe als „blass“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung gewesen.

Nachdem sie sich um ihr neues Tattoo gekümmert und den Unterarm in Frischhaltefolie eingewickelt hatte, kamen Mike und Eulenstein ins Büro.

„Lass uns versuchen, dieses Callgirl, oder was immer sie ist, aufzutreiben, Eule“, sagte Mike.

„Die kleine Dunkelhaarige, von der die Frau am Empfang gesprochen hat?“

„Genau die.“

„Und wo sollen wir da anfangen? Wir haben nichts. Außer der Beschreibung einer Angestellten des Interconti.“

„Checkt die üblichen Anzeigen“, sagte Liza. „TipZITTYZweite Hand. Und die Tageszeitungen. Stichworte: Klein. Zierlich. Knabenhaft. Dunkelhaarig. Ihr wisst schon.“ Sie verschloss die Frischhaltefolie mit einem Streifen Heftpflaster.

„Eindeutig ein Job für den Ami“, meinte Eulenstein.

„Ihr werdet euch da schon einig“, sagte Liza. „Haltet mich auf dem Laufenden, ich bin raus für heute.“

Sie griff sich ihre Handtasche vom Schreibtisch und war verschwunden, bevor Eulenstein und Mike nachhaken konnten.

***

Er parkte in der Fregestraße mit Blick in die Holsteinische Straße, die halb rechts abging.

Wartete.

Schon seit spätem Nachmittag. Trank lauwarmes Dosenbier. Rauchte.

Es dämmerte schon, als er sie plötzlich im Rückspiegel entdeckte.

Sie kam auf dem Bürgersteig direkt auf ihn zu.

Er drückte sich in den Fahrersitz und hielt die Luft an.

Als sie auf Höhe des Toyota Corolla war, blieb sie stehen, kramte in ihrer Handtasche.

Er beugte sich hektisch nach vorne, gab vor, etwas im Fahrerraum zu suchen. Hoffte, dass sie ihn nicht sah. Und erkannte. Er wusste, wie sie dann reagieren würde. Deshalb war es unerlässlich, sie in ihrer Wohnung zu stellen und nicht hier draußen.

Als er sich wieder aufrichtete, bog sie gerade in die Holsteinische Straße ab.

Showdown, dachte er, öffnete das Handschuhfach, nahm das darin liegende Bowiemesser an sich, stieg aus, schloss den Corolla ab und folgte ihr.

***

Liza steckte den Schlüssel ins Schloss der Eingangstür, als sie einen brennenden Schmerz in Hüfthöhe spürte.

Etwas Spitzes, Scharfes.

„Wenn du schreist, bist du tot. Schließ auf!“, zischte die männliche Stimme in ihrem Rücken.

Messer, dachte sie. Ungut.

Sie schloss die Tür auf.

Der Unbekannte drängte sie ins Haus. „Welcher Stock?“

Französischer Akzent.

„Hochparterre, rechts“, antwortete sie.

Er drängte sie die Treppe hoch, das Messer immer noch auf Höhe ihrer Niere.

Wo ist meine Pistole?, dachte Liza. Im Präsidium, eingeschlossen in meinem Waffenschrank, erinnerte sie sich.

Mit zitternden Fingern versuchte sie, die Wohnungstür aufzuschließen.

„Allez!“

Das Messer ritzte die Haut unter ihrem T-Shirt.

Eine furchtbare Ahnung überfiel sie.

Sie kannte diese Stimme, diesen Befehlston.

Diesen französischen Akzent.

Irgendwann schaffte sie es, die Tür zu öffnen.

Er schubste sie in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich.

Sie drehte sich zu ihm um.

„Bonsoir, Liza“, sagte der dicke glatzköpfige Mann und drosch ihr die Faust mitten ins Gesicht.

Liza torkelte benommen nach hinten, prallte gegen die Kommode im Flur, riss dabei die Sachen darauf mit sich und ging zu Boden.

„Du bist schuld, dass mein Leben zerstört ist. Und dafür wirst du bezahlen! Aber davor wirst du leiden. Und irgendwann um Gnade flehen. Nur wird es keine Gnade geben. Nicht für dich.“

In seinen Augen purer Hass.

Kein Mitleid, kein Erbarmen.

Sans de pitié.

Liza betastete nach Luft schnappend ihre blutenden Lippen.

Er kam mit dem Messer in der Hand auf sie zu.

Sie rappelte sich hoch.

Er trat ihr in den Unterleib. Sie röchelte, japste nach Luft und kippte nach hinten.

Ihr wurde schwarz vor Augen.

„Du hattest kein Recht, mich zu verpetzen, salope puante!“, blaffte er.

„Pierre“, keuchte sie, vor Schmerzen kaum fähig zu sprechen, geschweige denn zu atmen oder zu denken. „Ich … ich habe dich nicht …“

„La ferme!“, brüllte er und trat ihr gegen den Oberkörper.

Liza knallte mit dem Rücken an die hintere Wand des Flurs.

Der Aufprall raubte ihr den Atem.

Sie keuchte, stöhnte, verlor für mehrere Sekunden das Bewusstsein.

Seine Stimme, in Verbindung mit einer Ohrfeige, riss sie wieder zurück ins Hier und jetzt.

Zurück in die Hölle.

„Du bleibst wach!“

Sie stützte sich auf und zuckte zusammen. Sie hatte in etwas Hartes, Scharfes gegriffen.

In einen Aschenbecher.

Der Aschenbecher, der immer auf der Kommode im Flur stand.

Der Aschenbecher für Gäste.

Der schwere, massive Aschenbecher aus Kristall mit den scharfkantigen Aussparungen zum Ablegen der Kippen.

Sie umklammerte den Ascher, während sich Pierre zu ihr beugte. Sein Atem roch nach Bier, Zigaretten, Fäulnis und Tod.

„Du wirst leiden“, flüsterte er. „Und dann sterben.“