RACHE – Die letzte Zeugin
Joachim Speidel

RACHE – Die letzte Zeugin

Ein Stein & Berger Thriller. Folge 6

beTHRILLED - Bastei-Lübbe

Ein Stein & Berger Thriller [6]

120 Seiten
November 2020
sofort lieferbar
ISBN 9783732585373
1,99 € [D]
     

Folge 6: Endlich erhält Laura Stein freie Hand, um gegen Hansen zu ermitteln. Falls er überlebt – denn auf ihn wurde ein Kopfgeld ausgesetzt. Hansen bittet Wolf Berger um Hilfe. Der ist allerdings damit beschäftigt, seine Freundin Alina zu beschützen. Denn sie ist in Gefahr. Doch Wolf kennt noch immer nicht ihr ganzes Geheimnis …

Über die Serie:

Laura Stein ist eine Getriebene. Die junge Kommissarin ging als Jugendliche durch die Hölle und überlebte. Aber die Vergangenheit verfolgt sie bis heute. Unerbittlich jagt sie seit Jahren dem Gangsterboss Victor Hansen hinterher. Um ihn zu stellen, ist ihr jedes Mittel recht. Selbst wenn sie einen Mörder als V-Mann rekrutieren muss …

RACHE von J. S. Frank alias Joachim Speidel – die sechsteilige Thriller-Serie um Kommissarin Laura Stein und Ex-Gangster Wolf Berger. 

Knallhart, überraschend, nichts für schwache Nerven!

eBooks von beTHRILLED: Mörderisch gute Unterhaltung.

Joachim Speidel

Joachim Speidel

 

1960 in Balingen/Württemberg geboren. Studierte Germanistik, Geschichte und Politik »durchaus mit heißem Bemühen«, um anschließend mehr als zwanzig Jahre als Medienlektor zu arbeiten. Schreibt Kurzgeschichten und Romane. Nominiert für den Agatha-Christie-Krimipreis 2013 und 2014 und für den Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2017. Stipendiat des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg 2018.

Unter dem Pseudonym J. S. Frank hat er die fünfteilige dystopische Thriller-Serie »SMASH99« beim Verlag Bastei-Lübbe veröffentlicht. Im selben Verlag und unter demselben Pseudonym erscheint ab Juni 2020 die neue sechsteilige Thriller-Serie »RACHE«.

 

Weitere Infos unter:

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Leseprobe

 1 DER KILLER

DONNERSTAG, 04. MÄRZ

Es ist jetzt genau 08 Uhr 02. Wenn alles klappt, werde ich im Laufe der nächsten Stunde einen Menschen erschießen. Meinen dritten. Nach dem vollendeten Todesschuss werde ich die Patronenhülse aufsammeln, das Gewehr auseinanderbauen, es im Rucksack verstauen, mich auf den Weg zu meinem Wagen machen und dann nach Hause fahren.

Wenn es nicht klappen sollte, werde ich wiederkommen und es erneut versuchen. Denn wie heißt es so schön? Wer aufgibt, wird nie ein Sieger, und ein Sieger gibt nie auf.

Der Mann, der diese Zeilen in einer schönen runden Handschrift in sein DIN-A6-Notizbuch schrieb, gab sich im Darknet als Vincent Vega II aus – in Anlehnung an den von John Travolta gespielten Killer in Quentin Tarantinos Pulp Fiction. Er war mittelgroß, hatte kurze Stoppelhaare und war nahezu kinnlos. Als er mit Schreiben fertig war, verstaute er das Notizbuch in seinem dick gefütterten Parka.

Für einen Märztag war es angenehm mild. Die Temperaturen lagen an diesem Morgen bereits bei unglaublichen fünfzehn Grad. Vincent Vega II zog den Parka aus, faltete ihn zusammen und legte ihn auf seinen Rucksack.

Das Haus, in dem er sich aufhielt, befand sich im Rohbau. So wie es aussah, seit Jahren. Baumaterial lag überall wild verstreut herum. War zum Teil zertrümmert, hatte sich in Bauschutt verwandelt. Durch die Fensteröffnungen waren im Winter Schnee und Regen hereingedrungen. Die Böden waren voller Pfützen. Einzelne Wände waren eingerissen worden. Scheinbar ohne Plan. Als ob ein Bautrupp eine Zeit lang neue Presslufthämmer hatte ausprobieren wollen.

Vincent Vega II hatte nach einer optimalen Öffnung im Mauerwerk gesucht, sozusagen nach einer Schießscharte, und sie schließlich hier in Form eines Fensters im ersten Stock gefunden. In einem verwinkelten Raum mit zahlreichen Aussparungen im Boden, an den Wänden und an der Decke für großzügige Rohrinstallationen. Hier hätte wohl ein Badezimmer mit Toilette entstehen sollen. Die Fensterbrüstung befand sich in etwa einem Meter fünfzig Höhe. Nicht ungewöhnlich für so einen Raum. Und eine wunderbare Ablage für sein M24-Scharfschützengewehr.

Er legte den Vorderschaft des Gewehrs auf die Brüstung, drückte den Kolben gegen die Schulter und inspizierte durch das Zielfernrohr die Umgebung. Der Rohbau stand am Rande eines Buchenwaldes. Natur pur. Die Großstadt, der Lärm, der Gestank, die Hektik waren weit weg.

Fünfzig Meter entfernt stand eine Villa aus den Nullerjahren. Flachdach, viel Beton, viel Holz. Weitläufiger Garten mit großer Terrasse, kleinem Teich, Kinderrutsche, abgedecktem Sandkasten.

Der Garten war gesäumt von hohen Birken.

In der Garageneinfahrt parkte ein blauer Jaguar. Die Zielperson war also zu Hause. So wie es Vincent Vega II erwartet hatte. Der weiße Mercedes-SUV, der normalerweise neben dem Jaguar stand, fehlte. Er gehörte der Ehefrau der Zielperson, die um diese Uhrzeit ihre Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, in die Kita fuhr.

Durch das Zielfernrohr suchte Vincent Vega II die Fenster der Villa ab, auf die er freie Sicht hatte. Er ließ sich Zeit. Er entspannte sich, übte sich im rhythmischen Atmen. Rieb sich hin und wieder die Augen.

Gegen acht Uhr vierundzwanzig nahm er eine Bewegung hinter der Terrassentür wahr. Kurze Zeit später trat ein Mann auf die Terrasse. Seine Zielperson.

Eine Windböe fuhr durch den Buchenwald. Vincent Vega II hörte den Ruf eines Habichts, gefolgt von dem Krächzen einer Krähe.

Der Mann auf der Terrasse zündete sich eine Zigarette an, inhalierte, betrachtete sie dann, als ob sie ihm auf einmal nicht mehr schmeckte oder als ob ihm einfiele, dass er eigentlich mit dem Rauchen hatte aufhören wollen. Er warf die Zigarette zu Boden, trat sie aus und steckte die Hände in die Hosentaschen. Machte ein zufriedenes Gesicht. Schien die frische Luft zu genießen, die vom Buchenwald herüberstrich.

Vincent Vega II ließ das Fadenkreuz des Zielfernrohrs über den Körper des Mannes wandern. Er trug eine schwarze Hose und einen dicken weißen Pullover. Das Fadenkreuz verharrte ein paar Sekunden auf der Herzgegend. Anschließend wanderte es hoch zu dem Kopf. Ein bulliges Gesicht. Was zu dem untersetzten, schweren, aber nicht schwerfälligen Kerl passte.

Der Mann trug eine Brille.Das Fadenkreuz lag genau auf seinem linken Auge.

Es hätte einen besonderen Reiz, dachte sich Vincent Vega II, den Mann mit einem Schuss durch das Brillenglas ins Jenseits zu befördern. Aber solch ein Schuss barg auch ein gewisses Risiko. Einen Fehlschuss konnte und wollte er sich nicht leisten. Die M24 musste von Hand repetiert werden, darin war er richtig flink. Doch ein zweiter Schuss war nicht mehr als eine Notlösung. Und selten von Erfolg gekrönt. Der Schuss musste also sitzen. Keine Frage.

Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr. Es war acht Uhr zweiunddreißig. Die Zielperson würde in den nächsten Sekunden sterben.

Auf einmal senkte der Mann den Kopf, fummelte ein Smartphone aus seiner Hosentasche, hielt es sich ans Ohr. Knappe Lippenbewegungen. Er drehte sich zur Seite. Mit der anderen Hand fing er an zu gestikulieren. Ein Schulterzucken. Eine weitere Drehung. Der Mann ging zur Terrassentür zurück. Vincent Vega II versuchte fieberhaft, das Fadenkreuz auf den breiten Rücken des Mannes zu heften. Es gelang ihm nicht. Der Mann zog mit der freien Hand schwungvoll die Terrassentür auf, machte einen großen Schritt in die Wohnung, zog die Tür zu. War im nächsten Moment verschwunden.

Vincent Vega II ließ das Gewehr sinken. Atmete kräftig durch. Die Anspannung fiel von ihm ab. Die Zielperson würde heute noch am Leben bleiben, aber er würde nicht lockerlassen. Er würde wiederkommen. Und dann würde er den Todesschuss setzen. Durch eines der beiden Brillengläser dieser schicken roten Designerbrille.