Soja nun auch nicht
Heike_Gerdes

Soja nun auch nicht

Kriminalroman
Juli 2020
sofort lieferbar
ISBN 9783839227541
14,– € [D]
     

Kommissare Lükka Tammling und Roman Sturm, Band: 2

Gesunde Ernährung kann tödlich sein. Das muss auch Ökobauer Noah Poppinga erkennen, der auf dem Hof seiner Großmutter alte Gemüsesorten züchtet. Während er einen veganen Koch, eine junge Influencerin und die Aktivistengruppe „No Soy“ auf seiner Seite weiß, bringt er Saatguthändler und die raffgierige Verwandtschaft gegen sich auf. Bald gibt es Tote auf dem idyllischen Bauernhof im ostfriesischen Leer. Die Kommissare Lükka Tammling und Roman Sturm begeben sich zwischen Grünkohl und Tofu auf die Suche nach dem Täter.

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Gerdes, Heike: lebt in Ostfriesland. Nach Redaktionsvolontariat und jahrelangem Redakteursdasein bei verschiedenen Tageszeitungen in Niedersachsen freie Mitarbeit bei Zeitungen, Zeitschriften und dem Internetmagazin TrekZone News. Mitglied im SYNDIKAT.
Veröffentlichungen: „Sturm im Zollhaus“ (Kriminalroman, Leda-Verlag 2008), "Gesprochene Verbrechen" (Kriminalgeschichten, Leda-Verlag 2012), "Soja nun auch nicht" (Kriminalroman, Gmeiner 2020) sowie diverse Kurzgeschichten in verschiedenen Verlagen. Seit November 2011 Inhaberin der Krimibuchhandlung "Tatort Taraxacum" in Leer. 

Rezensionen

"Die Autorin bevölkert ihren Roman mit jeder Menge Figuren, die charmant und zugleich realistisch wirken."

Götz Piesbergen, Splashbooks

„Die Geschichte, in der ostfriesischer Humor und Ernsthaftigkeit gleichermaßen Raum haben, spricht für sich. Ein hervorragender Krimi, der nachdenklich macht.“ 

Literaturmagazin Lesart, Dezember 2009 über Sturm im Zollhaus, Band 1 der Reihe

Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Heike Gerdes

Wo schreibst du am liebsten? 

In meinem Zimmer, umgeben von wehrlosen Musikinstrumenten, die in Schreibpausen zur Hand sind.

Welches ist dein Lieblingskrimi? 

Zorn und Zärtlichkeit von Peter Gerdes

Dein Lieblingskollege? 

Peter Gerdes

Warum bist du im SYNDIKAT? 

Weil ich mich hier mit vielen spannenden und lieben Kolleginnen und Kollegen über spannende Dinge austauschen und bei der Criminale tolle Workshops und Veranstaltungen besuchen kann.

Dein Lieblingswort?

also 

Dein Lieblingsmord?

Der explodierte Misthaufen in  Charlotte MacLeods Balaclava-Band „Über Stock und Runenstein“

Wo findest du Ruhe?

Am Wasser

Wo Aufregung?

In überfüllten Einkaufszentren

Deine persönlich meist gehasste Frage?

Wer ist dein Lieblingsautor, was ist dein Lieblingsbuch

ACHTUNG GEWINNSPIEL!

Gewinn: Ein signiertes Buch.

Frage: Was hat Roman Sturm in seiner Hosentasche?

Antwort bitte bis 15.7. per Mail.

Leseprobe

„Wat is dat för’n Gedrüüs hier? Hest dat Schild neet seihn?“ Vor Roman auf dem schmalen Feldweg hatte sich ein ungeschlachter Riese in Arbeitskombi und schweißfleckigem T-Shirt aufgebaut. Ein Stück entfernt stand der Trecker, jetzt leer. Roman war mit seinen Einsachtzig beileibe kein Zwerg und auf seine Muskeln bildete er sich etwas ein, aber er musste den Kopf in den Nacken legen, um seinem Gegenüber ins rote Gesicht zu sehen. Der Bauer musterte Roman von oben bis unten mit finsterem Blick und entschied, dass dieser braunhäutige Winnetou mit den schulterlangen schwarzen Haaren vermutlich kein Platt verstand. „Das ist ein Privatweg hier“, knurrte er. „Kein Durchgang, capito? Ist gefährlich.“ Er wies mit einem riesigen Daumen zum Ufer.

Es brauchte ein bisschen Redekunst, den blonden Hünen zu überzeugen, dass er keinen Schwarzangler gestellt hatte. Aber schließlich glaubte er Roman und seinem Dienstausweis, dass dieser Bursche vor ihm tatsächlich ein Kriminaloberkommissar im Einsatz war.

„Leiche im Schlick, soso. Kurz vor der Flut. Und du willst da mit einem Seil rein?“ Er lachte mitleidig und wandte sich Lükka zu, die inzwischen dazugekommen war. „De Fent is mall, oder?“

So, ein verrückter Bursche war er also. Roman schnaubte verärgert, musste dem Bauern aber innerlich recht geben. Der Schlick war nicht nur seifig und stank. Vor allem war er tückisch und tödlich, weil diese halbflüssige Masse sich schneller und gründlicher als Treibsand um Beine und Körper schloss und jeder Leichtsinnige in diesem Liquid Mud unweigerlich versank.

„Tööv man eben, mien Jung, ich hab eine bessere Idee“, verkündete der Bauer, stapfte zum Traktor zurück und startete den Motor. Statt hinab zum Flussufer, wie Roman es erwartet hatte, knatterte der Deutz landeinwärts davon und war nach wenigen Augenblicken hinter dem Deich verschwunden. Und worauf sollten sie jetzt warten?

Die Frage wurde beantwortet, als der Bauer nach ein paar Minuten zurückgetuckert kam, mit einem bulligen Pick-up diesmal, auf dessen offener Ladefläche ein großer Holzkasten stand. Er ließ Lükka und Roman einsteigen und fuhr mit ihnen zurück zum abschüssigen Emsufer. Roman bildete sich ein, die Wasserfläche wäre schon breiter als vorhin, die Flut lief tatsächlich bereits auf und die Zeit wurde knapp.

Gemeinsam wuchteten die drei das hölzerne Gestell vom Wagen. Es war eine Art Schlitten ohne Kufen, dafür mit einer breiten Grundfläche. Oben drauf ragte ein Bügel wie ein Kinderwagengriff empor. Roman kannte solche Gefährte aus dem Museum. Früher waren die Emsfischer damit bei Ebbe hinaus zu ihren Reusen und Stellnetzen gefahren und hatten ihren Fang an Land geschafft. Heutzutage wurden Schlickschlitten nur noch für matschige Wettkämpfe mit Hunderten johlenden Zuschauern genutzt.

„Ich hab den Schlickschlitten schon fürs Kreierrennen auf dem Dollart flottgemacht“, erklärte der Blonde. „Ihr habt echt bannig Dusel.“ Er schickte sich an, den Schlitten über die Kante auf die Schlickfläche zu schieben. Roman reichte ihm das Seil, das er aus seinem eigenen Auto geholt hatte, aber der Hüne sah ihn verblüfft an. „Was soll ich wohl damit?“

„Na ja. Die … äh … den … äh … Verunglückten bergen ...“

„Nee, nee. Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.“ Der Riese schüttelte den Kopf so nachdrücklich, dass sein fusseliger roter Bart wehte. „Das mach du man hübsch selber, Sheriff. Wasserleichen sind nicht so meins.“

Roman Sturm schluckte trocken, dann atmete er tief durch, band sich das Abschleppseil um den Bauch und reichte dem Bauern das andere Ende. Der nickte und befestigte das gespleißte Auge des Taus am Haken der Seilwinde, die auf der Ladefläche seines Wagens montiert war.

„Watt mutt, dat mutt.“ Roman leerte seine Hosentaschen, legte sein Smartphone, den Autoschlüssel und alle anderen empfindlichen Gegenstände in Lükkas Hände. Anschließend richtete er den Bug des Kreiers flussaufwärts auf den länglichen Schlammhügel aus, unter dem der Tote lag. Er griff mit beiden Händen den Haltebügel und kniete sich mit dem rechten Bein auf die harte Holzbank des Schlittens. Es kam ihm vor, als kniete er auf einem alten ungepolsterten Küchenstuhl und hielte sich an der Lehne fest. Er holte tief Luft und stieß den linken Fuß kraftvoll auf den Flussgrund.

Sein Fuß versank sofort bis zum Knöchel im Schlick, sonst passierte nichts. Der Schlitten ruckte keinen Zentimeter nach vorne, sackte aber dank seines flachen Bodens und der großen Auflagefläche wenigstens nicht auch noch ein.

Mit Anstrengung zog Roman den Fuß aus der schmatzenden Schlammpackung. Der Matsch klebte zwischen seiner nackten Fußsohle und dem Fußbett seiner Sandale. Beim zweiten Versuch dosierte Roman die Kraft besser und endlich kam Bewegung in den Kreier, auch wenn Romans Fuß im schmierigen Schuh haltlos vor- und zurückrutschte. Beim vierten Stoß hatte er den Bogen endlich raus und brachte den Holzkasten tatsächlich zum Gleiten. Roman blickte hoch, um die zurückgelegte Entfernung abzuschätzen, konnte aber Lükka und den Bauern nicht mehr entdecken, er sah nur den tiefblauen wolkenlosen Sommerhimmel über sich. Das Schlickufer war hier mehrere Meter hoch und er hätte genauso gut auf dem Grund einer Puddingschüssel knien können wie hier im Flussbett.

 

Also unbeirrt vorwärtsrutschen, die Bewegungen möglichst gleichmäßig wie beim Tretrollerfahren, und vierkant auf die schlickbedeckte Wasserleiche zuhalten. Der Kreier glitt jetzt zügig auf einem Wasserfilm vorwärts, den Roman von oben gar nicht wahrgenommen hatte.

Und da war die Leiche schon, grau und glitschig. Aus der Nähe glich sie keinem Seehund mehr, nicht nur wegen der Kleidung. Jedenfalls keinem aus einem Bilderbuch für Kinder. Jeans und Turnschuhe des angespülten Menschen waren schlammgetränkt, ein geknöpftes Hemd mit kurzen Ärmeln war hochgerutscht und entblößte die unförmig aufgetriebene Körpermitte. Über den Zustand des Gesichtes mochte Roman sich im Augenblick keine Gedanken machen, der Anblick der schrumpelig verquollenen Hand neben der Schlittenkante war mehr als genug für Albträume.

Augen auf bei der Berufswahl, dachte er grimmig und nestelte vom festen Boden des Kreiers aus den mitgebrachten Packgurt mühsam unter dem Oberkörper des Toten hindurch.