Der Getreue des Herzogs

Der Getreue des Herzogs

Historischer Roman

Gmeiner Verlag

August 2020
ISBN 9783839226995
16,– € [D], SFr. 0,– [CH], 0,– € [A]
     

Tübingen 1498. Der erst elfjährige Ulrich wird zum Herzog von Württemberg ernannt, Küchenjunge Johannes steht ihm als treuer Freund zur Seite. In den Folgejahren muss Johannes, inzwischen Arzt, miterleben, wie der verschwenderische Herzog das Land in den Ruin treibt und seine große Liebe, Sophie Breuning, den eiskalten Volland heiratet. Während Ulrich immer zügelloser handelt und es zum Bauernaufstand kommt, verschwindet Sophie spurlos. Als Johannes von ihrem Geheimnis erfährt, beginnt für ihn eine Odyssee …

Biggi Rist

Biggi Rist

geb. in Reutlingen, schrieb schon 7-jährig Geschichten auf der Schreibmaschine, eine wurde veröffentlicht. Nach Besuch des Gymnasiums Ausbildung zur PTA an der Naturwissenschaftlich-Technischen Akademie in Isny/Allgäu. 15 Jahre tätig in der medizinischen Labordiagnostik, sowie in der Forschung, und Co-Autorin wissenschaftlicher Publikationen. Von 1993-1995 lebte sie in Melbourne/Australien. Seit 2005 wohnt die Baden-Württembergerin in Niedersachsen. 2007 Zusatzausbildung zur Pferdephysiotherapeutin. Familie: ein Mann, ein Pferd und keine Kinder. ´Schwanensterben` war ihr Debutroman, den sie gemeinsam mit Liliane Skalecki im Gmeiner Verlag 2012 veröffentlicht hat. Danach erschienen 6 weitere Krimis und zahlreiche Kurzgeschichten, bevor sie zum Genre des historischen Romans wechselte. Seither veröffentlicht die Autorin unter dem Pseudonym Johanna von Wild.

2019 erschien "Die Erleuchtung der Welt", ein Jahr später "Der Getreue des Herzogs", der für den Goldenen Homer 2021 nominiert wurde. Im Juli 2021 ist "Der Pfeiler der Gerechtigkeit" erschienen, ein viertes Manuskript ist fertigestellt.

Leseprobe

 1514


Nach vier unerträglichen Tagen wurde auf dem Wasen ein Gerichtstag abgehalten. Vorsitzender Richter war der Stadtvogt von Stuttgart, Konrad Breuning führte die Anklage. Herzog Ulrich verkündete mit lauter Stimme sein Urteil.
„Jörg Kremer, Hans Vollmar und Bastian Schwartz sollen mit dem Schwert gerichtet werden. Das Urteil wird sogleich vollstreckt.“
Auf des Herzogs Wink trat der Scharfrichter mit seinen Schergen herbei und die drei Rebellen wurden weggeführt. In den Gesichtern der Verurteilten stand die Todesangst, aber stumm und erhobenen Hauptes traten sie ihren letzten Gang an. An der Richtstätte angekommen, ließ der Henker zuerst Jörg Kremer auf das erhöhte Podest steigen, hieß ihn, sich vor den Richtblock hinzuknien und seinen Kopf daraufzulegen.
„Bereue deine Sünden, Kremer, auf dass deine Seele ins Himmelreich komme“, sprach der fette Schorndorfer Propst, der keuchend auf das Podest gestiegen war, und legte seine linke Hand auf den Kopf des Krämers.
„Ich habe nichts zu bereuen“, stieß Kremer hervor und spie in den Staub. „Alles, was ich tat, tat ich zum Wohle der Armen. Der Teufel soll den Herzog, die Ehrbarkeit und die der Völlerei anheimgefallenen Pfaffen holen.“
Der Propst wich entsetzt zurück, und einen Augenblick später surrte das Henkerschwert durch die Luft und trennte Kremers Haupt von seinem Körper. Der Scharfrichter hob den abgeschlagenen Kopf an den Haaren aus dem Korb empor, zeigte ihn der Menge und legte ihn dann zurück. Seine Schergen entfernten derweil den Leichnam, damit der nächste Todgeweihte seinen Kopf auf den Richtblock legen konnte. Neue Körbe wurden herbeigeschafft.
Auch Bastian Schwartz und Hans Vollmar bereuten nichts, begannen aber, laut zu beten. Doch der Henker wartete nicht, bis sie ihr Gebet zu Ende gebracht hatten und ließ sein Schwert singen. Ein Kopf nach dem anderen rollte in den Korb, und das Blut der Enthaupteten tränkte das hölzerne Podest.


֍


Der Junge streckte die Zunge heraus, und Johannes fielen sogleich die weißlichen Beläge auf den Mandeln auf. Auch entdeckte er kleine rote Punkte am Gaumen.
„Hast du Bauchschmerzen?“
Das Kind nickte. Johannes schlug die dünne Decke zurück, schob das Hemdchen nach oben und betastete vorsichtig die Bauchdecke. Der Junge zuckte vor Schmerz zusammen.
„Leber und Milz fühlen sich geschwollen an“, raunte er Bernhard zu.
Bei einem so dünnen Körper war es einfach, eine Schwellung zu ertasten, bei den fetten Bäuchen reicher Bürger war es oftmals ein sinnloses Unterfangen.
Er schob das Hemd wieder an Ort und Stelle, deckte den Knaben zu. Dann zog er mit dem Zeigefinger das linke untere Augenlid Richtung Jochbein und bat Johannes, nach oben zu sehen. Das Weiße des Auges zeigte einen gelblichen Schimmer. Das rechte Auge zeigte dieselbe Farbe. Abschließend fasste er dem Kind noch an die Halsseiten und spürte dort dicke Knoten.
„Und wie lautet dein Urteil?“, fragte Bernhard.
Bevor Johannes etwas erwidern konnte, näherte sich eine ärmlich gekleidete Frau, die viel älter aussah, als sie vermutlich war. Sie verströmte einen herben Geruch, und Johannes rümpfte unwillkürlich die Nase.
„Wo ist mein Sohn? Er sollte schon längst zu Hause sein und seinem Vater beim Gerben helfen“, keifte sie. „Er weiß genau, dass sein großer Bruder sich den Fuß verrenkt hat und das Bett hüten muss, mein armer Siegmund. Wo ist Hannes, der elende Nichtsnutz?“
Bernhard und Johannes traten beiseite und gaben den Blick auf das Bett frei.
„Er ist krank“, sagte Bernhard, „und kann keine schweren Arbeiten verrichten.“
„Krank? Der will sich nur vor der Arbeit drücken, wie immer. Sein Bruder Siegmund dagegen ist fleißig und stark und arbeitet von früh bis spät“, schleuderte ihm die Frau entgegen. Sie packte ihren Sohn am Arm.
„Los, steh auf, du Faulpelz.“
Der Junge stieß ein Wimmern aus, krümmte sich zusammen.
„Lass deinen Sohn hier, er ist wirklich schwer krank. Er darf auf keinen Fall aufstehen.“