Signora Sommer tanzt den Blues
Kirsten Wulf

Signora Sommer tanzt den Blues

Juni 2020
ISBN 9783462051360
     

Sie kennen sich nicht, aber der Zufall würfelt sie in Rom zusammen: die trauernde deutsche Lehrerin, die italienische Blues-Sängerin und die Austausch-Studentin aus Amerika. Una storia italiana …

Einmal in ihrem Leben hat Laura alles riskiert. Sie folgte Fabio, ihrer italienischen Liebe, nach Rom. Sein plötzlicher Tod stürzt sie in ungekannte Abgründe. Bis mitten in der Nacht die neue Nachbarin klingelt. Ein Wasserrohrbruch. Sie übernachtet auf dem Sofa – und bleibt. Bis der Schaden behoben ist, das kann dauern. Und dann taucht auch noch eine Studentin auf, die in Lauras große Wohnung einziehen will. Unterschiedlicher könnten die drei Frauen nicht sein. Laura will ihre neuen Mitbewohnerinnen so schnell wie möglich wieder loswerden, aber zu spät: Die beiden machen keine Anstalten wieder auszuziehen. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht?

Ein wundervoller Roman über Neuanfänge wider Willen, den Mut, im richtigen Moment zu lieben, und Musik, die wie das Leben spielt.

Kirsten Wulf

Kirsten Wulf

1963 in Hamburg geboren und aufgewachsen, Journalistin geworden und in die Welt gezogen: Portugal, Südamerika, zwei Jahre Israel, von einem freundlichen Wink des Lebens schließlich nach Italien geschubst und gestrandet: sieben inspirierende Jahre in Lecce/Apulien, dann Umzug nach Ligurien. Dort den Auftakt zu einer Krimiserie geschrieben: „Aller Anfang ist Apulien” (2013) und gleich nachgelegt mit „Tanz der Tarantel” (2014)  und "Vino mortale" (2015), alle erschienen bei Kiepenheuer&Witsch. Derzeit legt ihr Commissario Cozzoli in Apulien eine Pause ein, Kirsten Wulf schreibt an einem Roman (ohne Leiche). Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Genua.

Gewinnspiel!

Frage: Wie heißt der Song, zu dem Fra ihren ersten Blues tanzt?

Preis: ein signiertes Exemplar des letzten Krimis „Vino mortale“

Die Antwort bitte hierhin mailen!

Interview mit der SYNDIKATS-Redaktion

Nach drei Krimis aus Apulien hast du einen Roman über drei Freundinnen geschrieben, die sich nach 25 Jahren in Portugal wiedersehen. Und nun ist mit „Signora Sommer tanzt den Blues“ erneut ein Roman von dir erschienen. Warum kein Krimi?

Der vierte Apulienkrimi ist recherchiert, aber es haben sich diese beiden Geschichten im Kopf einfach vorgedrängelt. Zu „Signora Sommer tanzt den Blues“ hat mich eine Freundin inspiriert. Sie hatte ein Jahr nach dem (natürlichen) Tod ihres Mannes einen Tangokurs begonnen und sagte den schönen Satz: ‚… und dann habe ich mich ins Leben zurückgetanzt.“ Das war’s, ich tanze ja selbst gerne und dieser Satz verhakte sich in meinem Kopf ziemlich hartnäckig bis schließlich diese Geschichte entstand. Tanzen macht ja einfach glücklich, da gibt es sogar wissenschaftliche Studien drüber, sogar Blues tanzen. Und in diesen Roman passte dann eben keine Leiche mehr rein.

Wo schreibst du am liebsten?

Jedes Buch hat seinen eigenen Lieblingsort,  meistens ein Cafe. Das geschäftige Grummeln drumherum, während man am Tischchen durch seine eigene Welt navigiert, scheint irgendwie inspirierend zu sein, geht ja vielen Schreibern so.  Aber es kommt auch auf die Phase des Schreibens an: Wenn es auf das Ende zuläuft, schreibe ich am liebsten morgens, direkt nach den Aufwachen los, am Besten noch im Bett, wenn das normale Leben den Kopf noch nicht verstopft hat.

Dein Lieblingswort? 

Wahrhaftig

-Dein Sehnsuchtsort?

Lissabon, immer wieder und trotz allem Hype, der die Stadt aus dem Dornröschenschlaf gerüttelt hat.

Wo findest du Ruhe?

Am Meer, im Meer, auf dem Meer

Wo Aufregung?

Beim Tanzen …

Deine persönlich meist gehasste Frage?

Wie weit bist du schon (mit dem Buch, dem Exposé …)?

Leseprobe „Signora Sommer tanzt den Blues“, 1. Kapitel

Es hatte sich alles richtig angefühlt und war auf ein wundervolles Finish der Nacht hinausgelaufen. Doch Fra hätte die letzten zwei oder drei Whiskey stehen lassen sollen. Dann wäre sie mit Antoine auch im richtigen Stockwerk gelandet. 

Nach der Jam Session im BluNight hatte Fra zunächst mit dem neuen Mundharmonikaspieler aus London geliebäugelt, Erics Soli zu ihrer Stimme – zum Heulen schön, aber dann stand Antoine hinter dem Tresen, aufgeräumt und charmant wie schon lange nicht mehr, und Fra setzte ihre Prioritäten neu. Sie sollten es mal wieder versuchen. 

Während Antoine die letzten Gäste abkassierte, Fra den herben Duft seiner Zigarillos witterte, schenkte sie sich noch einen letzten und einen allerletzten Whiskey ein, erfreute sich am Anblick seiner schmalen, vielversprechenden Hände und verlor die Orientierung über ihren Alkoholpegel. 

An Antoines Arm taumelte Fra durch die Nacht zu ihrer neuen Wohnung, schmetterte »I love the life I live« und Antoine führte sie summend mit einigen Tanzschritten durch den Innenhof, »and I live the life I love!« Sie stolperten die Treppe hinauf, aus purer Gewohnheit bis ganz nach oben. 

Endlich war da die Haustür. Fra spürte Antoines warmen Atem in ihrem Nacken, fingerte den Schlüsselbund aus der Handtasche – wie zufällig glitt seine Hand von hinten durch ihren Schal, in den Mantel und unter ihre Korsage. Alles drehte sich und welches war der richtige Schlüssel? Keiner passte, verdammt. Fra war erst vor ein paar Tagen eingezogen – ihr dämmerte, dass sie nicht mehr im Dachgeschoss wohnte, sondern im ersten Stock! Antoines Zunge kitzelte unter ihrem Ohrläppchen. Fra drehte sich zu ihm, und im gleichen Moment öffnete sich hinter ihr die Haustür. Sie verlor das Gleichgewicht, rutschte aus, fiel – und sah von unten kuhäugige Dalmatiner, die sich auf einem ausgeleierten Pyjama herumtrieben – was war das denn für ein unschlagbar schlampiger Fummel? Dazu dieses verknitterte Gesicht, das oben herausguckte und sie entgeistert anstarrte. War diese Dalmatiner-Lady aus einem Sack der Kleiderspende gekrabbelt? Wie auch immer, die glotzte, als ob ihr eine Außerirdische vor die Füße gefallen war. Okay, es war mitten in der Nacht – oder schon früher Morgen? 

Allerdings gab es zu jeder Tages- und Nachtzeit genug Gründe, Fra mehr oder weniger erstaunt zu betrachten. Die bunten Tattoos an Armen und Beinen, der pralle Busen, ihre auch sonst üppige Körperfülle und natürlich die Haare, der messerscharf geschnittene Bob mit Pony exakt zwischen Haaransatz und Augenbrauen, stets in unterschiedlichen Tönen des Regenbogens gefärbt. In dieser Nacht frisch waldgrün, das zu den Spitzen metallicblau verlief. Eine gewagte Kreation, sogar für Fras Verhältnisse. Für normal gestrickte Seelen mit normalen Jobs, in normalen Wohnungen, mit normalem Fernsehprogramm war Fras buntes Ganzkörper-Design ein schriller Anschlag auf den gewöhnlich guten Geschmack. Offensichtlich auch für die Lady in der Dalmatiner-Klamotte. 

Antoine lächelte dünn, reichte Fra seine elegante Hand und zerrte sie hoch. »Sorry.« Fra stand wieder und grinste die erstarrte Frau im Türrahmen an. Das Treppenhaus wankte, aber Antoine hakte sie unter. »Falsches Stock- werk«, entschuldigte sich Fra und winkte den Dalmatinern zu, streifte mit einem kurzen Blick die Augen dieser Frau im Pyjama – und erschrak. Fra verstand, zumindest in diesem kurzen lichten Moment: Die war im schwarzen Loch. Tiefschwarz. Davon verstand Fra etwas.

***

Laura war schaudernd in der Badewanne erwacht – das Wasser war kalt. Wie spät mochte es sein? Sie zog den Stöpsel, betrachtete den Wasserstrudel, der um den Abfluss kreiselte, immer schneller und schließlich verschwand. Wie lang dauerte diese Nacht noch? Sie drückte sich hoch, griff nach dem Badehandtuch, wickelte sich ein und tappte über den Flur ins dunkle Schlafzimmer. Knipste das Deckenlicht an. Das Bett war noch so zerwühlt, wie sie es mittags verlassen hatte, der Pyjama lag auf dem Teppich. 

Sie machte das Licht wieder aus, zog den Pyjama an und kroch unter das Laken mit den drei Wolldecken. Es war eisig in den letzten Januartagen, hatte vor einigen Tagen sogar geschneit, in Rom! Die schneebedeckten Dächer am Morgen, die Stille der eingehüllten Stadt, das gedämpfte Licht – für einen Augenblick hatte Laura kindliche Freude gespürt. Ein kurzes Glimmen nur. 

Laura wartete auf den Schlaf. Warum blieb sie in dieser Stadt? In dieser Wohnung, in der sie sich verlor? Schlief in diesem Bett, das zu groß geworden war? Fabio war gegangen, einfach so. Dann war Lauras Leben auseinandergeflogen, auch einfach so. 

Schrilles Lachen einer Frau, eine raue Männerstimme posaunte: »O Schöne der Nacht!« Sie waren im Innenhof. Laura öffnete die Augen. Das flackernde Licht drang durch die Lamellen und malte feine Streifen in die Dunkelheit des Schlafzimmers. Wieder dieses Lachen, dann sang die Frau dunkel dröhnend, »I live the life I love«. Laura verschwand unter den Decken. 

Schritte kamen die Treppe herauf. Ein Schlüssel rumorte an ihrer Haustür – Fabio! Laura stolperte aus dem Bett, taumelte barfuß über den langen Flur – tatsächlich, ein Schlüssel klimperte! Sie riss die Tür auf. 

Mit einem Juchzer fiel ihr etwas Schweres, Weiches, Warmes entgegen – eine massige Frau, die nach Rauch und Alkohol stank und auf den Boden plumpste. Laura zog ihre Füße zurück. Wer – war – das? Mitten in der Nacht? Laura sah von oben in ein Käthe-Kruse-Gesicht mit himbeerroten Lippen und verschmierter Wimperntusche, umgeben von blaugrün gefärbten Haaren. Und dann begann diese Erscheinung dröhnend zu lachen. Dahinter grinste ein dürrer Kerl in weiten Hosen und Trenchcoat, die Augen dunkel umrandet, der Schnurrbart ein Pinselstrich, die Haare zurückgekämmt und triefend vor Brillantine. Lehnte sich an den Türrahmen, reichte den Wurstfingern dieser Frau seine schlanke Hand. Alles an ihr schwabbelte vor Lachen. Laura öffnete den Mund, wollte sagen, dass ... – und blieb stumm. Spürte das innere Zittern wieder. Sie warf die Tür zu, ließ sich auf den Boden sinken und schnappte nach Luft.  (…)

Wohnte diese betrunkene Nudel tatsächlich unter ihr? War das etwa ihre Nachbarin?