Roland Müller

Bereits während seines Ethnologie-Studiums in Göttingen fesselten ihn die Arktis und ihre Bewohner. Nach seinem Umzug ins Rhein-Main-Gebiet startete er eine Werbekarriere in Frankfurt und fand Gelegenheit zu Reisen an den Polarkreis, nach Dänemark, Kanada und in die USA. Bis heute lässt ihn das Arktis-Virus nicht los. Er ist verheiratet, lebt mit Frau und Sibirischen Katzen im Taunus und findet dort Muße, präzise recherchierte Themen unserer Zeit zu spannenden Thrillern zu verarbeiten. Roland Müller wird von Dirk R. Meynecke vertreten und von den Aufbau Verlagen, Berlin, publiziert.

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Leseproben & Dokumente

Prolog EISRAUSCH

Eis. Kuppeln, Türme, Würfel, Kathedralen. Die Gletscher stießen stetig neue Trümmerstücke in die vom Wintersturm aufgewühlte arktische See.

Die beiden im Schnee kauernden Gestalten würdigten das Naturschauspiel mit keinem Blick.

Einen Kilometer entfernt fraßen sich die Abbauterrassen des Tagebaus immer tiefer in den Berggipfel, der das Kvanefjeld-Plateau überragte. Das Geheul einer Sirene ertönte. Kurz darauf krachte die Sprengung. Hunderte Tonnen Gestein brachen aus dem Berg und donnerten zu Tal. Steinstaub und Schneewolken verwirbelten im letzten Schein des Tageslichts.

Die beiden in Robbenfelle gehüllten Gestalten arbeiteten sich weiter vor. Im Schutz einer Schneewehe, die eine der Abraumhalden emporklomm, suchten sie Deckung. Das Schneegestöber nahm zu. Sie sprachen kein Wort, verständigten sich mit Handzeichen. Dann trennten sie sich.

 

  „Elendes Scheißwetter!“. Der größere der beiden Minenarbeiter schob fluchend den Schild seines Schutzhelms tiefer über die Augen. Nicht, dass dies nützte. Der Wind peitschte Eiskristalle auf die wenigen Quadratzentimeter Gesichtshaut, die die Sturmhaube ungeschützt ließ. Sein Kollege, der unmittelbar hinter ihm durch den Schnee stapfte, klopfte ihm mit der behandschuhten Rechten auf die Schulter.

„Lass‘ uns eine Pause machen, bis der Sturm sich etwas legt.“

„Das kann aber dauern,“ maulte der Große.

„Und wenn schon“, beharrte sein Freund. „Keiner wird’s merken, wenn wir bei dem Wetter eine Viertelstunde später zum Schichtwechsel kommen.“

„Okay, hier rüber …“. Er deutete zu zwei Schaltkästen zwischen den Stützstreben eines Flotationsbeckens. Die beiden Männer stapften hinüber. Der Kleinere nestelte aus dem Inneren seiner Polarjacke einen Flachmann.

„Hier, das wärmt! Aber lass‘ mir was übrig.“

„Danke. Du hast was gut bei mir.“

„Hätte ich damals geahnt, unter welchen Bedingungen wir das verdammte Neodym fördern, hätte ich mir zweimal überlegt, ob ich den Vertrag unterschreibe. Von dem Dreck, der dabei anfällt, ganz zu schweigen.“

„Das sagst Du jetzt so.“ Der Große schüttelte den Kopf. „Immerhin verdienen wir gutes Geld. Nur auf den Bohrplattformen zahlen sie noch besser.“

„Nicht mein Ding! Ich werde zu leicht seekrank. Hier haben wir wenigstens festen Boden unter den Füßen.“ Er nahm den Flachmann wieder an sich, lupfte seine Sturmhaube und ließ den Rest des Stoffes in die Kehle rinnen.

„Ah, das tut gut!“. Zu spät bemerkte er den ungläubigen Blick seines Arbeitskollegen. Eben lehnte er an einem Schaltkasten. Nun rutschte er in Zeitlupe daran herab. Eine breite Blutspur rann über das Stahlblech. Aus seiner Brust ragte eine blutverschmierte Stahlspitze.

„Was zum …?“ Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu vervollständigen. Ein von hinten mit Wucht geführter Harpunenstoß drang unterhalb seines linken Schulterblatts durch Jacke und Daunenweste, zerfetzte Haut, Gewebe und Organe und trat an seiner Brust wieder aus. Mit den letzten Schlägen des Herzens pulsierte ein Strom Blut in den frischen Schnee. Er vermischte sich mit der Lache, in der sein Freund lag, zu einer Pfütze hellen Rots im allumfassenden Weiß.

 

Über die Leichen der Minenarbeiter beugten sich zwei in Robbenfelle gehüllte Gestalten. Masken verhüllten ihre Gesichter vollständig. Einer der beiden drapierte eine handgroße Figur neben den Toten. Dann verschwanden sie wieder im Schneetreiben. So lautlos, wie sie aufgetaucht waren.

Der Schnee deckte ihre Spuren ebenso schnell zu wie die Körper der beiden Minenarbeiter.


Prolog EISFALLE

Schwärze. Stille. Eiseskälte. Böen wirbelten den frisch gefallenen Schnee auf. Das Schleifen der Kufen auf dem gefrorenen Boden sang ein Lied von Leid und Tod inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung. Das Gespann kämpfte sich mühsam durch den unberührten Schnee. Immer wieder sanken die Hunde bis zum Bauch ein, kämpften sich verbissen wieder heraus. Einmal kamen sie in der Dämmerung vom Weg ab und blieben im weichen Schnee stecken.

Das Inlandeis kannte keine Gnade. Es kauerte einfach da, wie eine Kappe auf dem felsigen Hohlspiegel Grönlands. Es fraß alles Lebendige, schmirgelte in Eisstürmen die Haut von den Knochen, fror ein, was übrigblieb, bedeckte es mit Schneewehen. Menschen, ja, Menschen waren wahnsinnig genug, sich hinauszuwagen, ihr Schicksal herauszufordern. In ihrem Wahn verließen sich die Zweibeiner auf ihre Ausrüstung, missachteten die Natur. Dem Eis war es gleich. Es verlangte keine Demut. Es existierte einfach. Es wartete, bis die Kräfte schwanden, bis die Sinne erlahmten. Es öffnete Schluchten und Risse, baute ganze Labyrinthe, in denen Menschen, Tiere, Material verschwanden, als hätte es sie nie gegeben. Überlebte es einer und fand zurück, nannte man ihn Qivittoq. Verschlang ihn das Eis, blieb er namenlos.

Das Gespann kämpfte ums nackte Überleben, wie schon seit Tagen, seit sie den Schlittenanker losgerissen hatten. Neun Hunde in der dritten Reihe, vier in der zweiten. Mit Arnaq, der Leithündin, an der Spitze, arbeiteten sie sich zurück auf die Fährte, die sie auf dem Hinweg hinterlassen hatten. Die Duftspur von Kot und Urin, die das Gespann beim Aufstieg auf den Eisschild gelegt hatte, stieg Arnaq in die Nase. Klar und deutlich wie ein Leuchtfeuer. Genauer als jede Navigationselektronik.

Sie spürte es, trieb das Gespann weiter, gegen alle Erschöpfung. Das Ziel war nahe. Rauchgeruch stieg ihr in die Nase. Der Rauch einer Ansiedlung. Ihre Pfoten waren wund und aufgescheuert, Raureif puderte ihr Fell, zottig und struppig wie das ihrer Rudelgenossen. Jeder Atemzug, den die Hunde ausstießen, fiel sofort als Wolke von Frostkristallen wieder herab. Noch eine letzte Anstrengung, dann waren sie am Ziel. Mit letzter Kraft stürzten sie den Hügel hinunter, der fernen Kette von Lichtpunkten entgegen. Der Schlitten tanzte hinter ihnen über den Hang wie ein Boot in der Brandung des Fjords.

Da: Qaanaaq lag vor ihnen. Ein paar Dutzend Häuser, verstreut in einer langen Senke. In der Dämmerung nur an dem wenigen Licht zu erkennen, das aus den Fenstern sickerte. Sie hatten es geschafft. Sie waren wieder am Ausgangspunkt ihrer Reise angelangt.

Als das Gespann, gezogen von vierzehn erschöpften Grönlandhunden, die ersten Häuser am Ortsrand passierte, blieb das nicht unbemerkt. Türen öffneten sich, Einheimische traten heraus und wunderten sich. Die am Ortsrand angebundenen Schlittenhunde begrüßten die Ankömmlinge mit freudigem Geheul. Arnaq antwortete. Das Gespann kam langsam zum Stehen, die Hunde warfen sich hin, hechelten. Jemand bewegte sich auf sie zu. Ein Inuk. Er warf den Hunden ein, zwei Brocken Robbenfleisch und einige Heilbutte hin. Gierig stürzten sie sich darauf, Arnaq voran.

Während die Hunde um das Futter kämpften, umringten die Einheimischen ratlos den Schlitten. Der Schlitten war leer. Das Gespann war ohne Schlitenführer und Passagiere zurückgekehrt.

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