Katja Bohnet

Katja Bohnet, Jahrgang 1971, studierte Filmwissenschaften und Philosophie. Jahrelang moderierte sie eine Livesendung in der ARD und schrieb als Autorin für den WDR. Ihre Erzählungen wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht u. a. im Rahmen des MDR-Literaturwettbewerbs 2013. Die Geschichte "D für Drive" wurde 2019 für den Glauser-Preis nominiert. Ihre LKA-Ermittler Lopez und Saizew ermitteln in Serie zwischen Moskau und Berlin. Unter dem Pseudonym Hazel Frost erfand sie in LAST SHOT den Pulp-Thriller noch einmal neu. Heute lebt sie neben vielen Büchern, Platten und Kindern zwischen Frankfurt und Köln.


Die Thriller-Reihe ist in folgender Reihenfolge erschienen:
• »Messertanz«
• »Kerkerkind«
• »Krähentod«
• »Fallen und Sterben«

Autorenhomepage

Bücher von Katja Bohnet

Im Mordfall Iserlohn

Im Mordfall Iserlohn

Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel

Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel

Stille Nacht, nie mehr erwacht. Krimis für die kalte Jahreszeit

Stille Nacht, nie mehr erwacht. Krimis für die kalte Jahreszeit

Fallen und Sterben

Fallen und Sterben

Lametta, Lichter, Leichenschmaus

Lametta, Lichter, Leichenschmaus

Last Shot

Last Shot

Krähentod

Krähentod

Berlin Noir

Berlin Noir

Kerkerkind

Kerkerkind

Kerzen, Killer, Krippenspiel

Kerzen, Killer, Krippenspiel

Messertanz

Messertanz

Leseproben & Dokumente

Warum Sie hier keine Besprechung von mir lesen - CulturMag 2020

Warum Sie von mir hier keine Besprechung lesen.


Es gibt derzeit viele Fragen. Steigen die Infektionszahlen weiter? Nur im Prekariat der Massenfleischproduktion oder auch bald wieder hier bei mir? Wie ist diese US-amerikanische Tragikomödie überhaupt noch auszuhalten? In welchem Maße sind wir alle Rassist*innen? Buche ich Mallorca oder nicht? Im Meer der noch unbeantworteten Fragen möchte ich mich heute einer Randgruppe widmen, nämlich mir. Und damit der Frage: Warum lesen Sie hier von mir keine Besprechung?Wieso Randgruppe?, fragen Sie, wenn ich doch nur eine bin. Sie irren, denn ich bin viele. Frau, Mutter, zwangsabgeordnete Lehrerin.Bis vor Kurzem trug ich noch „Schriftstellerin“ in der Rubrik „Beruf“ ein. Aber das bin ich aktuell nicht mehr, darf es nicht sein. Wieder einmal verfügen Staat und Land über meine Arbeitskraft. Mag der Gewohnheitsfaktor sein. Dass ich neben zwei Berufen drei Kinder großziehe, mich um Wohnraum und Grünfläche kümmere, war schon immer entgeltfrei gesetzt. Man könnte hier schon abschweifen: Ist doch freiwillig. Egal, ob Garten, Kinder oder Haus. Nicht ganz. Wer Rente beziehen will, braucht meine Kinder. Wenn diese Gesellschaft wachsen und gedeihen will, zählt sie auf meinen Nachwuchs. Gesellschaft basiert auf Solidarität. Familie war demnach schon immer sowohl öffentlichkeitsrelevant als auch ein ganz privates Ding. Aber ich will nicht abschweifen. Eine Frage steht im Raum. Eigentlich sind es gleich mehrere:
Wollte ich jemals unterrichten? Nein.Eigne ich mich als Pädagogin? Nein.Eignen sich Eltern als Lehrer ihrer Kinder? Meistens nicht.Werde ich für meine Zwangstätigkeit bezahlt? Nein.Erhalte ich für meinen selbstlosen Einsatz eine Verbeamtung auf Lebenszeit? Nein.Teilen Lehrer*innen ihr Gehalt mit mir, seitdem ich ihre Arbeit mache? Leider nein.
Einige von Ihnen mögen sich beschweren: Wir alle mussten in Corona-Zeiten Opfer bringen. Haben wir nicht jeden Abend für Pfleger*innen und Supermarktverkäufer*innen geklatscht, die in diesen Tagen Überstunden machten? Niemand ist bis heute für die Eltern, hauptsächlich Mütter aufgestanden, die jetzt jeden Werktag unterrichten „dürfen“.Zu viele mögen schärfer formulieren: „Ey, Schlampe, hast die Kinder doch gewollt! Was jammerst du?“Wer das hier „Jammern“ nennt, verkennt die nackten Tatsachen. Und überhaupt: Lesen Sie nie die Kommentare!
Abgeholzte RegenwälderWaren die Kinder vormittags betreut, konnte ich mich wie so viele Werktätige an den Schreibtisch setzen. Ich verfasste Manuskripte, Kurzgeschichten, Essays und Besprechungen. Noch einen anderen Beruf übe ich aus, weil die Schriftstellerei allein mich nur selten vollständig finanziell getragen hat. Aufenthaltsstipendien haben nie Mütter im Fokus, interessante Arbeitsstipendien gibt es vermehrt in deutschen Großstädten und besonders überall in Österreich. Seit Mitte März verbringe ich meine Vormittage damit, schulische Arbeitsaufträge zu sichten und auszudrucken. Auch hier nur Rückschritt. Auf den Schreibtischen der Kinder liegt mittlerweile ein kompletter abgeholzter Regenwald. Nicht so tragisch, wir sind ja in den vergangenen Monaten weniger Auto gefahren und haben damit den CO2 Ausstoß reduziert. 
Kittel und KopftuchGestern fragten mich zwei Freundinnen: „Woran arbeitest du?“„An nichts.“„Wie? Aber du schreibst doch an deinem nächsten Manuskript.“„Nein. Nicht mehr.“
Ich versuche also, einen klaren Gedanken zu fassen, während ich 
Arbeitsblätter ausdrucke,Fragen beantworten, Aufgaben erkläre,bei technischen Problemen helfen, Frustrationen angesichts der Aufgabenberge bei Kindern und mir bewältige,Stoff erkläre,auf Fehler hinweise.
Und Schwups! sind wir wieder in den fünfziger Jahren. Ich trage Kittel und Kopftuch und bettele darum, ein eigenes Leben zu haben. Kleine Mengenlehre für Familien: Wenn eine/r den Löwenanteil des gemeinsamen Geldes verdient — und glauben Sie mir, das sind nur in den wenigsten Fällen die Schriftsteller*innen —, stellt sich die Frage nicht, wer die Kinder unterrichtet und wer arbeiten „darf“. Lassen Sie ein mit komplett neuen Anforderungen überfordertes Kind allein? Wohl kaum.In den ersten Wochen stehe ich noch um fünf Uhr auf, um zwei Stunden schreiben zu können, bevor das Homeschooling beginnt. Aber auch meine Arbeit als Schriftstellerin wird erschwert. Die Buchläden sind zu. Das neue Buch säuft ab. Lesungen sind abgesagt und Honorare fallen weg. Auch die Verlage kaufen jetzt nicht haufenweise Bücher ein. Zum Rettungsfond: Betriebsausgaben retten Schriftsteller*innen und Musiker*innen nicht die Existenz.
Kurz vor dem Verlieren des KriegesWarum Sie hier keine Besprechung von mir lesen?Weil ich nicht schreiben kann. Verzeihen Sie, ich muss jetzt unterrichten. Ich bin die Flugzeugpionierin, die Maid auf dem noch zu beackernden Feld. Ich bin die Kriegswitwe, die kurz vor dem Verlieren des Krieges noch Munition produziert. Außerdem bin ich die billigste Lehrkraft, die das Land Hessen je besaß. Ich fungiere als verlängerter Arm der Lehrer*innen. Sie schicken Arbeitsaufträge, ich vermittele. Mir wäre es lieber, die Aufgaben würden zentral vom Ministerium an die Familien ausgegeben. Wir könnten die Schulen einfach überspringen. Zugegeben: Willige Helferin absurder Lehrplanvollstreckende/r zu sein macht immer unglücklich. Ich bin jetzt, wenn auch unfreiwillig, Fachfrau geworden. Wenn ich selbst Unterricht gestalten müsste, sähe dieser anders aus. Aber zu konstruktiver Gestaltung, Auseinandersetzung kommt es nicht in dieser Zeit. Zu schnell folgen in bis zu acht Fächern wieder neue Aufgaben. Ist doch prima, sagen Sie. Manche Lehrer*innen machen nichts! Zu alt, Risikopatient*in, Nebenfach … Und ich beschwere mich, dass meine Kinder Aufgaben kriegen?! Das Zauberwort heißt „Unterricht“. In Corona-Zeiten nennt man ihn „digital“. Hatten Ihre Kinder digitalen Unterricht? Sie Glückliche/r! Wir nicht. Gelegentlich werden wir mit seitenweise Material gleich für die kommenden zwei Wochen versorgt. Die App verkommt zum Briefkasten. Warum nicht gleich ein Paket fürs nächste Halbjahr schnüren? Die Kinder sollen sich die Arbeit selbst einteilen. Gelernt haben sie das nie. Außerdem müssen die Kinder ihre Fehler auch selbst noch korrigieren. Schon lustig, wie manche Lehrkräfte sich selbst überflüssig machen. 
Ein gutes BuchNatürlich haben manche Eltern auch gute Erfahrungen gemacht. Lehrer*innen, die Videokonferenzen initiieren, die digitalen Unterricht tatsächlich auch zu den regulären Schulzeiten abhalten, die helfen, unterstützen und regelmäßig mit selbst gedrehten Videos Sachverhalte erklären. Die die Kinder technisch einweisen, die nach ihren Nöten und Sorgen in Corona-Zeiten fragen. Die ihre eigenen Lehrplan-Ambitionen zugunsten der Kinder zurückstellen. Die wissen, dass die Eltern, die noch Arbeit haben, auch arbeiten müssen. Die sich den schon viel zu lange an Schulen vernachlässigten digitalen Unterricht aneignen und auch vermitteln. Diese Lehrer*innen soll es geben. Irgendwo zumindest, munkelt man. Und natürlich sind nicht alle Kinder gleich. Gleich engagiert, gleich fit, gleich alt, gleich gut organisiert. Manche kommen super allein klar. Zu viele jedoch nicht. Was passiert eigentlich mit denen, die wir in dieser Zeit verlieren?
DarumIch habe übrigens seit Mitte März einige Bücher gelesen. Und damit meine ich keine Schulbücher, sondern Romane. Das lasse ich mich von Staat und Schule nicht nehmen. Aber darüber zu schreiben, das müssen jetzt andere machen. Die, die es sich leisten können, Schriftstellerin oder Kritikerin zu sein. Erinnern Sie sich noch, was im April 2020 nach den Kontaktbeschränkungen am Besten funktionierte, wenn Sie zu Hause „eingeschlossen“ waren? Ein gutes Buch. Ich habe ein paar davon geschrieben. Niemand hat für mich und meine Kollegen und Kolleginnen geklatscht. Wir produzieren das kulturelle Wasser, das immer aus der Leitung kommt. Wasser ist für alle da. Es soll möglichst nichts kosten. Genau daran leidet unsere Gesellschaft. Genauer gesagt die Schreibenden, also wir. Denn ich bin nicht nur eine, wir sind viele. Während der nächsten Infektionswelle können Sie vielleicht nur noch zu Shakespeare oder Goethe greifen, weil Schriftstellerinnen dann immer noch unentgeltlich unterrichten müssen. Ist noch gar nicht lange her, da galt es als gegeben, dass nur die Werke alter, weißer Männer in den Buchregalen stehen.Funfakt zum Schluss: Normalerweise stellen die Schulen das Arbeiten drei Wochen vor den Sommerferien ein. Die Noten sind vergeben, und aufreiben kann man sich auch anderswo. Raten Sie mal, was vor Kurzem über Teams auf den Schreibtisch geflattert kam? Haufenweise Aufgaben für die letzten beiden Schulwochen.Kein Thema. Wir Mütter machen das.

Wahrnehmungsstörungen - Kritik an Kritik - Herlandnews.com

Wahrnehmungsstörungen - Kritik an Kritik


Stammtischreden
Einstieg für einen Thriller. Schwarzes Cover, der Titel: „Unsere Realität“. Das Krimi-Debüt eines Schriftstellers wird in den ersten Wochen von mehreren Zeitungen und Sendern besprochen. Dafür müssen Frauen mindestens acht Kriminalromane schreiben. Es empfiehlt sich ein strategisch günstiger Verlagswechsel nach dem sechsten Roman, am Besten zu einem literarischen Haus, kein reiner Publikumsverlag. Wenn Sie sich jetzt fragen, was genau „literarisch“ ist, erwarten Sie von mir keine Erklärungen. Weil ich es Ihnen nicht sagen kann. Vermutlich möchte Ihnen jemand weismachen, dass hier „Literatur stattfindet“, ein hochwertigeres Klassement, andernorts nicht. Was das „andere“ ist, bleibt unklar. Weichkäse, Holzfurnier, verdünntes Bier, suchen Sie sich etwas aus. Der Roman des Schriftstellers wird jovial von den männlichen Kritikern rezensiert. Starkes Stück, hart und schonungslos. Typ ist am Ende, rettet unglückliche Frau. Held schlägt sich durch karge Landschaft oder Stadt bei Nacht, Wetter schlecht. Noir. (Nichts gegen Noir. Auf die Gründe für Ihre Zuneigung kommt es an.) Held hört Blue Note, Best of Jazz oder Bob Dylan. Dazu noch eine Prise Breaking Bad. Oder Action, bis die Schwarte kracht. Superhelden, Superschurken. Mehrheitlich kommen Männer als Figuren vor. Gesprochen wird, wie Männer sich vorstellen, dass echte Männer sprechen. Come on! Das riecht doch nach Klischee. Primärreflexe (Männchen machen, Klatschen, Klicken) lösen die Worte Fauser und Faulkner aus. Kritik kann manchmal unglaublich Stammtisch sein. Männer neigen zur Gruppenbildung, besonders abendlich. Rauer, herzlicher Ton. Männerthemen. Theke, Alkohol. Da spielt man sich die Bälle zu. Angenehm, wenn das eigene Lebensgefühl, die eigene Identität bestätigt wird. So kann auch Kritik klingen. 
Natürlich sind Kritiker total unabhängig. Das Geschlecht interessiert sie nicht. Sie schauen selbstverständlich nur auf Qualität. 
Ausnahmen, die nicht die Regel sind
Stopp. Bis zu diesem Punkt kommen viele Autorinnen von Kriminalromanen gar nicht. Nicht beim ersten Buch. Ausnahmen existieren, ja. Wenige, Einzelerscheinungen. Aber Ausnahmen sollten die Regel sein. Möglicherweise liegt es bei einer Ausnahme an einem großem Verlag. Oder: Die Rechte wurden vorher in mehrere Länder verkauft. (Unglaublich große Ausnahme.) Oder: viele Follower. (Als Mann brauchen Sie keine Follower. Es sei denn, Sie schreiben Frauenliteratur. Falls Sie wissen, was genau das ist.) Oder: die „Wir müssen wieder mal ´ne Frau machen“-Besprechung im Feuilleton. Oder: Autorin sieht sexy aus. Wie wichtig das Aussehen einer Schriftstellerin ist, erhebt Literatur zum Gesamtpaket. Verkaufe Frau mit Roman. Kann einem männlichen Debütanten jedoch auch passieren. Der Hype ist hausgemacht. Wenn die Welle rollt, bemerken Sie: Hier kommt der nächste Star. (Wenn erst mal Paletten in den Buchhandlungen stehen, versuchen Sie einmal, dieses Buch nicht zu kaufen. Wenn alle XY besprechen, wie dagegen auflehnen?) Erwarten Sie in diesen Fällen nicht zu viel. Die Masse soll beglückt werden. In neunzig Prozent der Fälle geht das eher mit Wasser als mit Wein. 
Sorry, nicht relevant
Moment mal, sagen Sie, ich will Zahlen sehen. Bekommen Sie, weil ich nämlich gerade anfange zu zählen. http://www.deutschlandfunk.de/netzwerke-von-autorinnen-fuer-gleichberechtigung-in-der.700.de.html?dram:article_id=394687Ziehen Sie sich mal die Webseiten Ihrer Lieblingskritiker rein! Wieviele Autoren werden besprochen und wieviele Autorinnen? Okay. Es gibt eben mehr Männer, die schreiben, sagen Sie. Da sitzen Sie einer Wahrnehmungsstörung auf. Die Hälfte aller Kriminalromane wird von Frauen verfasst. Aber Sie bekommen überwiegend Männer zu sehen. Schon mal bei Wikipedia geschaut? „Enzyklopädisch relevante Autoren von Kriminalromanen“ heißt es da. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Krimi-AutorenRelevant. Wer als erster eine Frau auf der Liste findet, erhält einen Thalia-Gutschein für ein „Frauenbuch“. Zählen Sie bei den einzelnen Buchstaben ruhig nach! Männer im Verhältnis zu Frauen: 3:1, 6:1, 4:1, ff. Auf Frauen sollten Sie hier nicht wetten. Ihre Quoten stehen nämlich schlecht. Wenn Sie sich die Tränen der Trauer aus den Augen gewischt haben, benötigen Sie vielleicht gar keine Zahlen mehr. Ihnen reicht das sichere Gefühl: Männer beherrschen das Geschäft. Je mehr Männer einen Mann besprechen, desto mehr Männer besprechen einen Mann. Frauen tauchen erst gar nicht auf. 
Literaturkritik als Einparteiensystem
Erzählen Sie das Frauen, rennen Sie offene Türen ein. Erzählen Sie das Männern, setzt ein Hang zum Nivellieren ein. Die meisten Männer nicken bestenfalls, finden die Reaktionen eher übertrieben, beschwören Zufälle, dösen und machen weiter wie bisher. Läuft seit Jahren auch ganz gut für sie. Sie sind ein Mann und Ihr Debüt wurde ebenfalls nicht besprochen? Sie sind es vielleicht nicht gewohnt, aber hier geht es nicht um Sie. Sie sind ein Mann und Ihr Debüt wurde von Männern hochgejubelt? Wie fühlt sich der geschenkte Erfolg unter Buddies eigentlich so an? Die Debatte über Männer, die Männer besprechen, wirft Fragen auf: Wie ist es um Qualität im Kriminalroman bestellt, wenn typisch Männliches gehyped wird, aber eigentlich nichts kann? Hauptsache Mann. Da besetzt Durchschnittliches Ränge, die Gutem qua Geschlecht vorenthalten bleiben. Kein Platz mehr frei, nur Männer sind dabei. So’n Quatsch, drei Frauen rangierten doch auf den ersten Plätzen der September-Krimibestenliste, sagen Sie. http://www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste-die-10-besten-krimis-im-september.1895.de.html?dram:article_id=394596Leider eine Ausnahme. Es dürfte ruhig häufiger so sein. Was aber ist mit Kritikerinnen, fragen Sie? Lassen Sie mich die Frage zurückspielen: Warum kennen Sie nur eine? Oder keine. Die Heiligsprechung erfolgt durch einige wenige männliche Kritiker. O-Ton: Ah, der! Das kaufe ich. Frauen liefern hervorragende Kritiken, aber sie werden weniger bemerkt oder zitiert. Interessant auch die Platzierung: Wo finden Sie die Kritiken von Frauen? Frontpage oder „unter ferner liefen“ …? Schauen Sie auf den Buchrückseiten nach. Wessen O-Ton wird genannt? Wessen Stimme geben Sie Gewicht? Die Ironie: als Autorin benötigen Sie die Gunst männlicher Kritiker. Weil Sie als Schriftstellerin von Kriminalromanen sonst nicht bemerkt werden. Gönnen Frauen vielleicht anderen Frauen Erfolge nicht? Übernehmen sie patriarchalische Verhaltensmuster? Gibt es. Traurig, aber wahr. Wenn die Nachfolge der Kritiker einer klassischen marktwirtschaftlichen Systematik folgt, stellen Männer in Redaktionen auch Männer ein. Viele Männer empfehlen Männer. So etwa: Bleiben wir doch lieber unter uns! Da wissen wir, was wir haben. Schulterklopfen, stilles Einvernehmen, joviales Zunicken. 
Warum aber besprechen Frauen im Durchschnitt mehr Autoren und nicht deutlich mehr Autorinnen? Keine Ahnung. Kapiere ich selbst nicht. Hier wäre die ganz reale Möglichkeit zur Durchsetzung der eigenen Quote da. Muss man natürlich gegenüber den häufig überwiegend männlichen Redaktionen rechtfertigen. Und Frau möchte ihren Job behalten. Und Frau will nicht vermuten lassen, dass sie parteiisch ist. Was wäre das für ein Let-Down für jeden Mann, wenn vorübergehend nur Autorinnen besprochen würden? Die Bücherredaktion von MDR Kultur hat das gerade spaßeshalber mal im August 2017 probiert: http://www.mdr.de/kultur/themen/jana-hensel-sexismus-im-literaturbetrieb-100_box--4157360964388561280_letter-O_zc-c67367d1.htmlAuf Dauer hieße das: Verlage müssten umplanen, umdenken und gelegentlich einer Autorin den Vorzug oder einen Vertrag geben. Verrückte, neue Welt.
Nägel für Särge
Sind Sie leider mit Brüsten als sekundären Geschlechtsmerkmalen auf die Welt gekommen und verspüren den Drang, Kriminalromane zu schreiben, fotografieren Sie sich mit einem Glas vor einer Bourbon-Flasche. Die Flasche ist natürlich halb leer. Posten Sie das Bild auf Instagram. Lassen Sie jeden auf den sozialen Medien wissen, dass sie auf Regeln scheißen, dass Sie Geschwafel hassen. Man nennt Autoren dann Originale oder coole Typen, Schriftstellerinnen werden eher mit „billige Schlampe“ tituliert. Frauen werden so zur Stefanie Sargnagel ihres eigenen Sargs gemacht. Schlagen Sie öfter mal verbal über die Stränge, posaunen Sie irgendetwas hinaus und tun Sie hinterher so, als sei es Ihnen total egal. So wie Preise. So wie Kritiken. Die lesen Sie ohnehin nicht, weil Sie nur Ihr eigenes Ding durchziehen. Tun sie all das, aber tun Sie es besser unter einem männlichen Pseudonym.
Erst mal das Niveau halten
Ansonsten stellen Sie sich bitte hinten an! Autoren von Kriminalromanen wird ein „knallharter Ton“ attestiert, eine „kompromisslose Geschichte“, die sie erzählen. Benutzt werden Adjektive wie „lakonisch“ und „schnörkellos“. Autorinnen werden schon geadelt, wenn sie in Kriminalromanen „packend“ und „aufrüttelnd“ erzählen. Als würden Sie Cola und Fanta Zero miteinander vergleichen. Im originellsten Falle heißt es, dass Frauen schreiben „wie ein Mann“. Diejenigen in den Presseabteilungen können überlegen, ob sie das Prädikat als Beleidigung verstehen mögen oder nicht. Aber auch schlechte Presse ist gute Presse. Ach, was soll’s. Die Welt ist einfach … kompliziert. Männer sind Hardcore. Frauen höchstens fest. Wie eine anständige Brust. Eine Handvoll. Sollte stehen, nicht hängen. Konsistenz: nicht zu weich. Männerdebüt: voll gelungen. Frauendebüt: Mal sehen, ob sie das Niveau halten kann. Bei Schriftstellern reicht es, wenn sie einmal brillant waren oder brillant genannt werden. Frauen sollen erst zeigen, was sie nach dem dritten Roman noch drauf haben, ob sie Themen variieren können, ob sie durchhalten. Gunst muss eine Autorin sich erst erwerben. Deshalb ist es besser, wenn man sie erst nach dem dritten, sechsten, achten Roman wahrnimmt und bespricht, um danach zu sagen, man habe es immer schon gewusst.
Zahltag
Es gibt wenige männliche Kritiker, die überdurchschnittlich viele Frauen besprechen. Falls Sie denken: Ah ja, das bin ich, verlassen Sie sich darauf: Sie sind es mit großer Wahrscheinlichkeit gerade nicht. Es gibt aber auch männliche Kritiker, denen die Presseabteilungen der Verlage gar keine Romane von Schriftstellerinnen schicken. Weil sie einfach nicht gelesen werden. Sind ja Männer, warum sollten sie? In was für einem Mittelalter leben wir eigentlich?! Wir schreiben das Jahr 2018, nur zur Erinnerung. Kritik, Jury, Preise: Männer. So dreht sich das selten paritätisch besetzte Karussell. Na, verdrehen Sie die Augen? Langweilen Sie sich? Kein Wunder, ist ja auch ein hinlänglich bekannter Diskurs. Ach, könnten sich doch Frauen diesen Luxus leisten. Falls Sie sich immer noch langweilen, haben Sie gerade eine Mitschuld adoptiert. Eine Mitschuld daran, dass Gleichberechtigung nicht mehr als ein Thema bleibt. Streicheln Sie Ihr Baby, damit das Thema bloß nicht zur Realität werden kann. Es ist übrigens kein Kavaliersdelikt, fünfzig Prozent der Bevölkerung zum eigenen Vorteil Sichtbarkeit zu verweigern. Das Gegenmittel ist bekannt, aber die bittere Pille wird nicht gern geschluckt. Wir brauchen weniger Männer, die überwiegend Männer rezensieren. Wir brauchen mehr Frauen in den Jurys, in den Redaktionen, wir brauchen laute Kritikerinnen, die mehr Schriftstellerinnen besprechen. Wir brauchen mehr Schriftstellerinnen auf den Leselisten der Schulen, damit unsere Kinder nicht wie wir mit einem überwiegend männlich geprägten Lese-Kanon aufwachsen. Wir brauchen mehr Verlagsmitarbeiterinnen, die Autorinnen das Vertrauen schenken. Wir brauchen mehr Autorinnen. Bewerbungen ohne Bild, ohne Ton. Vor der Qualität kommt doch das Geschlecht. Ohne Sichtbarkeit, keine Akzeptanz. Keine Relevanz. „I Am Not Your Negro.“ In einer gerechteren Welt könnten wir uns vielleicht endlich Inhalten und nicht mehr nur Statistiken widmen. Solange kann jede/r fühlen, sehen, dass wir in einer geschlossenen Gesellschaft leben. Falls Sie eine Tochter haben, versuchen Sie, ihr das zu erklären. Und dabei das Gesicht zu wahren. Solange wird bei jedem Preis, bei jeder Veröffentlichung, bei jeder Kritik gezählt. Frau für Frau für Frau.