Michael J. Scheidle
Michael J. Scheidle ist als freier Journalist und für verschiedene Magazine und Tageszeitung tätig. Daneben ist er auch als Streckensprecher bei Motorsportveranstaltungen in Deutschland und dem benachbarten Ausland unterwegs. Geboren ist er 1966 und seither auf der schönen Ostalb zu Hause. Nach Aufenthalten in der Augenoptik und Marketing in verschiednenen Branchen beganne er als freier Journalist zu aerbeiten.
Hobbys sind Eishockey und American Football allerdings auf der Zuschauerseite.
Im Jahre 2022 erschien der erste Krimi mit dem Titel „Tomatidin“ beim Einhorn-Verlag in Schwäbisch Gmünd. Die Inspiration für die Geschichte entstand in seiner Umwelt. Diese Beobachtungen wurden dann zu einer rein erfundenen Story verarbeitet. „In Deutschland wird so viel gemordet, da wollte ich meinen Beitrag dazu leisten,“ erklärt Michael J. Scheidle. Seine Lesungen verziert er mit vielen humoristischen Anekdoten, die das Publikum immer wieder erheitern. Schließlich ist das Motto der Lesung „Krimi trifft Humor“.

Autorenhomepage

Termine mit Michael J. Scheidle

Wann Was Wo
12.7.2024 - 21.7.2024
19:00 Uhr
Theateraufführung Tomatidin Freilichtbühne Klosterhof Kirchheim am Ries
73467 Kirchheim am Ries, Deutschland
 

Bücher von Michael J. Scheidle

Leseproben & Dokumente

Zeugnisse

Zugegeben ich war kein guter Schüler. Weil ich einfach faul, frech und vorlaut war. Die Lehrer wollten mich nicht in der Klasse haben. Aber auf eines bin ich stolz: Ich bin nie sitzengeblieben, sondern immer sehr standhaft gewesen. Entweder stand ich in der Ecke, vor der Tür oder im Tagebuch. Mancher Lehrer wollte mich in die Knie zwingen und scheiterte, andere legten sich erst gar nicht mit mir an.
Eines meiner ersten Erlebnisse, an die ich mich erinnere, war in der Grundschule. Unsere Lehrerin hatte einen Fotografen beauftragt. Wahrscheinlich hatte sie einen Deal mit dem Mann gemacht, um ihr karges Beamtengehalt aufzubessern. Jedenfalls fing sie an unglaublich Werbung für die Fotos zu machen.
„Stellt Euch mal vor,“ begann sie ihre Direct-Marketing-Rede. „Wenn Ihr dann mal aus der Schule seid, könnt Ihr auf das Bild schauen und sagen: Das ist die Emma, die ist Hebamme geworden und bringt die kleinen Kinder zur Welt. Das ist der Alfred, der ist jetzt Sterne-Koch. Das ist der Zacharias der arbeitet bei der Raumfahrt.“
Dabei rutschte mir raus: „Das ist unsere Lehrerin, die ist schon lang tot.“
Na ja, ich war schon immer ein Realist.
Vielleicht hat mich auch mein Onkel immer wieder gerettet. Onkel Werner war einer der reichsten Männer der Stadt. Er hatte gleich nach dem zweiten Weltkrieg erkannt, dass die Menschen Ablenkung brauchten und ein Geschäft für Fernseher, Radio und Schallplattenspieler gestartet. Damals gab es noch keinen Online-Handel und deshalb musste er in den großen Städten Filialen eröffnen. Am Anfang lief es noch nicht so, aber als dann in den 1950 er die Plattenindustrie mit dem Rock’n’Roll einen Boom erhielt, war er zur Stelle und verkaufte nicht nur die Plattenspieler, sondern auch die Schallplatten. Ebenso wollten die Leute die Musik im Radio hören und auch im Fernsehen sehen. Das war sein persönliches Wirtschaftswunder und verdiente richtig viel Geld. Deshalb konnte er es sich leisten, Schulprojekte zu sponsern. Er verstand es auch, dieses als Promotion zu nutzen. Da er nicht verheiratet war und auch keine Kinder hatte, ging das Geld in die Schule, in der ich gerade war.
Die Scheckübergabe wurde immer als großes Ereignis abgehalten und ich durfte in der ersten Reihe, bei den Lehrern, sitzen.
Eines Tages sagte der Rektor in seiner Ansprache: „Wir sind stolz auf unseren Spender, der liebe Kinder, immer in der Schule gelernt hat, damit er mal ein erfolgreicher Mann wird.“
Meinem Onkel Werner blieb kurz das Gesicht stehen. Spätestens als der Rektor ihn bat, doch mal seine Zeugnisse mitzubringen.
Nach dem Akt ging ich zu ihm und fragte ihn nach seinen Zeugnissen. Kleinlaut gestand er, sie nicht mehr zu besitzen. „Weißt Du, eigentlich war ich kein guter Schüler,“ gab er mir gegenüber heimlich zu. Deshalb habe er seine Zeugnisse irgendwo versteckt und könne sich nicht mehr daran entsinnen wo.
„Ich habe immer aus meinen Fehlern gelernt. Wäre ich ein guter Schüler gewesen, wäre ich entweder reicher oder aber ein kleines Licht geblieben,“ stellte er selbstkritisch fest.
Plötzlich wechselte er seinen Gesichtsausdruck.
„Wenn jemand die Zeugnisse findet und veröffentlicht, kann es mich meine Firmen kosten,“ sagte er verängstigt. So beschlossen wir Beide nach den Zeugnissen zu suchen.
In seiner Villa, so viel wusste er, hatte er sie nicht. Früher wohnte er in einem kleinen Haus am Stausee, der heute ein beliebtes Sommerausflugsziel ist. Das kleine Haus steht dort noch immer und wenn er Ruhe von der Stadthaben möchte, zieht er sich dahin zurück.
Ich kannte das Haus, auch ich durfte immer wieder hier ein paar Tage meiner Ferien verbringen. Dort gab es zwar keinen Fernseher, aber der Wald hinter dem Haus und der See vor dem Haus waren ein riesiger Abenteuerspielplatz.  
Schnell hatte ich die Zeugnisse gefunden, er hatte sie unter der Matratze seines Bettes versteckt. Onkel Werner war die Erleichterung darüber anzusehen. Er holte ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete die Blätter an.
„So, jetzt sind wir auf der sicheren Seite,“ sagte er glücklich.
Beim nächsten Sponsoring-Empfang hielt er wieder eine Rede. Dieses Mal ein wenig anders.
„Lernen ist das wichtigste im Leben. Ohne Mathematik könnt Ihr nicht die Marche ausrechnen,“ rief er uns zu. „Ohne Rechtschreibung gibt es keine Verträge und ohne Chemie und Physik keine Technik“.
Als die Veranstaltung vorüber war ging mein Vater mit mir aus der Schule. „Merk Dir was Dein Onkel gesagt hat,“ sagte mein Vater zu mir.
„Von wegen,“ konterte ich. „Onkel Werner war kein guter Schüler. Ich habe seine Zeugnisse gesehen“.
Mein Vater war erstaunt und wollte wissen, wo ich die Unterlagen gesehen habe. Ich erzählte ihm vom Ausflug an den See und wo ich sie gefunden hatte.
Zuhause stürmte mein Vater in mein Zimmer, riss die Matratze hoch und holte meine missratenen Schularbeiten heraus. Er hielt mir die Arbeiten mit fünfen und sechsen unter die Nase.
„Ich habe mich schon gewundert, warum in der letzten Zeit keine Schularbeiten waren,“ begann er seine Schimpfrede. „Deshalb hast Du sofort gewusst, wo Du im Ferienhaus suchen musst.“
Zu meiner Sicherheit zog ich ein paar Tage zu Onkel Werner, der hatte Verständnis für mich.

  Premiere Lesung

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