Angermüllers fünfter Fall

Unter einer betörend duftenden Rosa Alba im Garten eines leer stehenden Hauses bei Eutin wird ein Skelett gefunden. Bald wissen Hauptkommissar Georg Angermüller und seine Kollegen, dass es sich um die sterblichen Überreste einer jungen Türkin handelt. Nach einem Konflikt mit ihrer Familie vor drei Jahren ist sie spurlos aus Lübeck verschwunden. Angermüller, der das Haus seines Freundes Steffen hütet, lernt dessen nette Nachbarin Derya Derin kennen, die einen Catering Service betreibt. Als sie sich Sorgen um ihre Mitarbeiterin Gül macht, weil diese seit ein paar Tagen nicht zur Arbeit erschienen ist, versucht der Kommissar sie zu beruhigen. Doch dann spült ein heftiger Regen am Neustädter Binnenwasser etwas ans Tageslicht und Angermüller beginnt Deryas Sorge ernst zu nehmen … ................................................................................................................................................................................ Ella Danz, gebürtige Oberfränkin, lebt seit dem Publizistikstudium in Berlin und ist nach langjähriger Selbständigkeit mit einem ökologisch orientierten Unternehmen mittlerweile als freie Autorin tätig. In ihren Romanen verbindet sie eine spannende Handlung mit kulinarischen Genüssen zu köstlichen Krimis (2006: „Osterfeuer“, 2007: „Steilufer“, 2008: „Nebelschleier“, 2009: "Kochwut", alle Gmeiner Verlag). Ella Danz ist Mitglied bei Slow Food, der weltweiten Bewegung zur Erhaltung der biologischen Vielfalt unserer Lebensmittel und genussvoller Esskultur und sie gehört den Mörderischen Schwestern an. ................................................................................................................................................................................

Drei Fragen an Ella Danz

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Ich fürchte, ich war spät dran: Passiv kriminell wurde ich erst mit über dreißig und es waren vor allem die Krimis von Frauen, die mich auf den Geschmack brachten: Von Dorothy L.Sawyers über Patricia Highsmith bis zu Ruth Rendell, um nur einige zu nennen, danach geriet ich in die Fänge der deutschen mörderischen Damen und Herren. Und als mir dann in den Neunzigern in einem Toskana-Urlaub der Lesestoff ausging, griff ich kurzerhand selbst zum Mordwerkzeug … Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Nachgewiesen werden konnten mir bisher neuneinhalb. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Es tut mir leid, aber das musste sein. ................................................................................................................................................................................

Pressestimmen

„Die aus Coburg stammende und in Berlin lebende Autorin ... hat sich mittlerweile zu einer Agatha Christie des Gourmetkrimis gemausert ...“ (NDR Kultur) „Eine spannende und brillant recherchierte Geschichte, beängstigend realistisch erzählt.“ (Volkmar Joswig, Literaturkritiker) ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Rosa Alba Was für ein wunderbarer Maienabend! Die Sonne verschwand hinter dem Hügel am anderen Ufer, aber es war trotzdem noch angenehm mild. Brigitte hatte ihr Mahl beendet und schenkte sich eine dritte Tasse Kräutertee ein. Die Amsel, die wie jedes Jahr in der Hecke zum Seeweg nistete, begann in den höchsten Tönen zu singen, doch das bekannte Gefühl von Abendfrieden wollte sich heute nicht über den Garten und Brigittes Gemüt legen. Eine leise Erregung hatte sich ihrer bemächtigt. Gleich war der Zeitpunkt gekommen. Als sie das Tablett hineingebracht hatte, verließ sie das Haus durch die Vordertür, schlenderte zum Gartentor und warf vorsichtige Blicke auf die Straße, die links von ihr vor dem Nachbargrundstück in einem Wendekreis endete. Die Straße war leer. Im Haus direkt gegenüber waren sämtliche Fensterläden geschlossen, die Bewohner waren verreist und die junge Familie daneben grillte im Garten hinter dem Haus, wie Brigitte laut herüberschallender Musik und einer würzig duftenden Rauchwolke entnahm, die rechts neben dem Dach aufstieg. Ihr direkter Nachbar auf der rechten Seite, der alte Herr Wahm, ging um die Zeit meist schon schlafen und selbst wenn nicht – er war fast blind. Sie atmete tief durch und ging dann entschlossenen Schrittes zum Geräteschuppen. Alma, die ihr auf Schritt und Tritt folgte, sah sie gespannt an. »Ganz ruhig! Braver Hund«, sagte Brigitte zu dem Tier und meinte sich selbst, als sie mit der Schubkarre in Richtung Zaun ging. Das Nachbargrundstück war das letzte am Seeufer gelegene, danach begann ein kleines Wäldchen. Der Hund spitzte die Ohren und schien die Pfoten noch leiser als gewöhnlich aufzusetzen. Irgendwann bei der Gartenarbeit hatte Brigitte entdeckt, dass der Zaun schadhaft war und sich an einer Stelle problemlos öffnen ließ. Da auf ihrer Seite einige Büsche direkt davor standen, das Haus nebenan ohnehin unbewohnt war und sie die Reparatur wahrscheinlich hätte bezahlen müssen, sah sie davon ab. Außerdem schätzte sie die Himbeeren und Kirschen, die dort drüben wuchsen. Obwohl der Garten zum Seeweg hin durch eine hohe Hecke vor fremden Blicken geschützt wurde, lief sie sicherheitshalber noch einmal zu der kleinen Pforte und spähte den Spazierweg hinauf und hinunter. Keine Menschenseele. Schnell zurück zur Schubkarre und ohne noch weiter darüber nachzudenken, hinüber zu dem duftenden Objekt ihrer Begierde. In der Dämmerung wurde das traumhafte Parfum jetzt noch intensiver. Doch das war nicht der Augenblick, sich dem Duftrausch und den Erinnerungen, die er auslöste, hinzugeben. Mit einer resoluten Bewegung zog sie die Arbeitshandschuhe an, band die über und über mit Knospen und bereits erblühten Rosen bestückten Zweige vorsichtig zusammen und legte die Folie herum, um nichts zu beschädigen. Natürlich hätte Brigitte sich die Pflanze auch kaufen können. In irgendeiner auf Rosen spezialisierten Gärtnerei wäre sie bestimmt fün12 dig geworden, unbezahlbar war die Sorte auch nicht. Aber sie wollte gerade dieses Exemplar, das inzwischen bestimmt anderthalb Meter hoch war und jedes Jahr so üppig blühte und diesen einzigartigen Duft verströmte. So viel Schönheit in der verlassenen, verwilderten Nachbarschaft war einfach nur eine ungeheure Verschwendung. Brigitte hatte den Platz neben ihrer Terrasse schon vorbereitet: Nah bei der Gartenbank sollte der Rosenbusch stehen, sodass man sich darunter setzen, seinen Wohlgeruch aufnehmen und sich in den Blättern und Blüten verlieren konnte. Behutsam begann sie, mit dem Spaten von außen nach innen die Erde abzutragen, um die Wurzeln freizulegen. Alma, die eine ganze Weile Brigittes Tätigkeit interessiert zugesehen hatte, schien das Buddeln ansteckend zu finden und fing plötzlich an, ebenfalls mit den Pfoten die Erde wegzuschaufeln. »Alma! Lass das!«, versuchte Brigitte in einem energischen Befehlston, das Tier am Wühlen zu hindern. Sie hatte keine Lust, heute Abend noch das verdreckte Fell des Golden Retrievers zu waschen. Doch Almas Ehrgeiz schien geweckt. Immer schneller spritzten die Brocken aus dem Erdloch. Alle Versuche, Alma zu bremsen, liefen ins Leere. Da hörte der Hund plötzlich auf zu wühlen und beförderte etwas nach draußen. Das Licht war immer weniger geworden und Brigitte konnte nicht erkennen, worum es sich bei dem Fundstück handelte. Sie hob das Teil trotz Almas Protest auf. Es war ein ziemlich großer Knochen. Alma hatte sich wieder dem Graben zugewandt. Ein zweiter Knochen, etwas kleiner als der davor, kam an die Oberfläche. Der Hund scharrte, wühlte, buddelte wie im Rausch. Noch ein Knochen kam zum Vorschein und dann noch einer und noch einer und dann begriff Brigitte und für einen Moment schien ihr Herz auszusetzen. Unter der köstlich duftenden Rosa alba – einer echten Félicité Parmentier – war ihr Hund soeben auf die skelettierten Überreste eines Menschen gestoßen.

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