Glauser Nominierte Debütroman 2022 Kopie
Der Preis in der Kategorie "Debütroman" ist mit 2.000 Euro in bar in nicht fortlaufend nummerierten Scheinen dotiert.

Der oder die PreisträgerIn 2022 wird am Samstag, den 21.Mai 2022 in einer großen Online-Gala verkündet und geehrt.

 (Die Aussschreibungen für das Jahr 2023 finden Sie hier.)

 Nominierte für den GLAUSER-Preis 2022 in der Kategorie "Debütroman":

(in alphabetischer Reihenfolge)

  • Marcel Häußler: Kant und der sechste Winter. Heyne Verlag
  • Eberhard Michaely: Frau Helbing und der tote Fagottist. Kampa Verlag.
  • Sarah Nisi: Ich will dir nah sein. Verlag btb
  • Johann Palinkas: Coup. Benevento Verlag
  • Eric Sander: Die letzte Wahl. Luebbe Verlag

 

Marcel Haussler Kant und der sechste Winter CoverMarcel Haussler Kant und der sechste Winter Autorenfoto

Marcel Häußler:

Kant und der sechste Winter.

Heyne Verlag

Foto © Sebastian Weidenbach 

„Das letzte Jahr war eine Katastrophe gewesen. Ständig hatte Konstanze ihn angerufen, um ihm zu erzählen, was Frieda wieder angestellt hatte. Ladendiebstahl, Schule schwänzen. Ein Tütchen Gras in der Schmutzwäsche. Konstanze schaffte es immer, es so darzustellen, als wäre das alles seine Schuld. Weil er sie damals verlassen hatte. Weil er sich nicht genug um Frieda kümmerte. Weil er ihr zu viel durchgehen ließ. Was sollte er denn machen? Er war bei der Mordkommission, nicht bei der Pubertätsbekämpfung.“

Hauptkommissar Kant, Vater einer 15-jährigen Tochter und Ermittler der Mordkommission München, wird am Abend des zweiten Weihnachtstages zu einem Tatort gerufen. Was zuerst nach Unfall auf vereister Fahrbahn aussieht, entpuppt sich als Mordfall. Die Ermittlungen führen Kant und sein Team nach Schelfing, einem kleinen Dorf am Ammersee, und Heimatort des jungen ermordeten Anwalts. Der dort vor Kurzem in einem Heuschober erfrorene drogensüchtige Sohn des Bürgermeisters war ein Schulfreund des Mordopfers. Doch der Bürgermeister ist auffallend desinteressiert und unkooperativ.

Marcel Häußler, der wie sein Kommissar, im Ruhrgebiet geboren und nach München verschlagen wurde, legt einen spannenden, temporeichen Kriminalroman vor, der von der Stimmung her an nordische Krimis erinnert. Allerdings zeichnet ihn auch ein feiner Humor aus. Seine Figuren um den sympathischen Ermittler sind lebensnah beschrieben, vielschichtig und die Charaktere entwicklungsfähig. Ein Team, dem man gerne bei weiteren Ermittlungen über die Schulter schauen möchte. Dem Autor ist mit seinem Debüt richtig gute Unterhaltung gelungen.

  

 Eberhard Michaely Frau Helbing CoverEberhard Michaely Frau Helbing Autorenfoto
Eberhard Michaely:

Frau Helbing und der tote Fagottist.

Kampa Verlag

Foto © Heike Schröder

„Frau Helbing war gut gelaunt. Nicht wegen des Wetters. Heute würde es regnen. Das konnte sie unschwer an den dicken Wolken erkennen, die tief über den Dächern der Hansestadt hingen. Aber sie würde gleich nach dem Frühstück Herrn von Pohl das Fagott zurückgeben können.“

Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt: Frau Helbing wird Herrn von Pohl das Fagott nicht zurückgeben. Denn Herr von Pohl ist tot. Wie es dazu kam, wer es war und worum es hier eigentlich geht, erzählt Eberhard Michaely wunderbar lakonisch, unaufgeregt und auch weitgehend unblutig – auch wenn die „Waffen“ der Hamburger Metzgersgattin und Witwe ohne Vornamen Ausbeinmesser, Schweinespalter und Schlachtmesser heißen.

Frau Helbing liest gerne Krimis, ist neugierig und wagt etwas: zum Beispiel ins Konzert gehen, obwohl sie das noch nie gemacht hat. Zum Beispiel am hellichten Tag Caffè Macchiato mit Croissant bestellen, einfach so. Und wenn ihr das alles zu gewagt erscheint, sagt sie sich: „Heute lass ich mal fünfe gerade sein.“ So klärt sie das plötzliche Ableben des über ihr wohnenden Fagottisten auf, denn immerhin ist das ja auch ihre „Hood“, im Grindel-Viertel, in diesem im besten Sinne betulichen Hamburg-Krimi. 

Und Hamburger wissen: bei Magenproblemen, nach schwerem Essen - oder Morden - hilft ein Helbing, der bekömmliche, feine Kümmelschnaps, stolz gebrannt seit 1836, ganze 35 Prozent stark, ehrlich und klar. Wie Frau Helbing.

 

 

Sarah Nisi Ich will dir nah sein CoverSarah Nisi Ich will dir nah sein Autorenfoto
Sarah Nisi:

Ich will dir nah sein.

Verlag btb

Foto © privat

„Sein Leben würde einen neuen Sinn bekommen. Er wollte jede Minute, jede Sekunde in Erins Nähe sein. Sein Leben würde sich grundlegend ändern. Genau wie Erins Leben.“

Lester Sharp ist in der Routine seiner Arbeit in einem Londoner Fundbüro gefangen. Das hilft ihm, ein jahrelang zurückliegendes schreckliches Geschehen zu verdrängen. Als eine junge Frau namens Erin auf der Etage des Wohnhauses einzieht, auf der auch Lester wohnt, bricht die Erinnerung an das vergangene Geschehen in ihm wieder hervor. Lester kann nicht anders, als dieser Frau nah sein zu wollen. Keine Nähe ist ihm nah genug. Die Dämme seiner Selbstkontrolle

brechen Stück für Stück. 

Die Handlung wird aus der Perspektive mehrerer Personen erzählt. Sie gewinnt ihre Spannung nicht aus blutigen Szenen oder dem logischen Vorgehen eines Ermittlers, sondern aus einer tiefgehenden und genauen Schilderung psychologischer Prozesse. Diese eskalieren mit der Zeit mit beinahe mathematischer Präzision.

Sarah Nisi wählt für ihren Debutroman eine manchmal fast minimalistische Satzstruktur und zieht damit Leserin und Leser in den Bann psychologischer Tiefen. Dass das überraschende Ende wohl niemand erwartet, ist ihrem Geschick zu verdanken, Leserin und Leser mitzunehmen auf die Reise in psychologische Abgründe.

 

Johann_Palinkas_Coup_Cover.jpgJohann Palinkas Coup Autorenfoto


Johann Palinkas:

Coup

Benevento Verlag

Foto © privat

„Immer wieder hörte er das ohrenbetäubende Donnern von vorüberschießenden Jagdflugzeugen, und gelegentlich hallten die Häuserblocks vom Knattern beunruhigend naher Gewehrsalven wider. Wenn er ehrlich war, wusste er, dass dies keine Übung mehr sein konnte. Kampfjets über dem Berliner Himmel und Straßenkämpfe mit scharfer Munition, ohne dass die Zivilbevölkerung evakuiert worden war – im Rahmen eines bloßen Manövers wäre all dies völlig undenkbar.“

Als ein russischer Kampfjet über der Ostsee abgeschossen wird, droht ein militärischer Konflikt. Während EU und Nato noch darüber diskutieren, wie die Kriegsgefahr abgewendet werden kann, planen zwei korrupte Politiker einen Putsch: sie wollen den Bundeskanzler stürzen. Von einem weiteren machtgierigen Mitspieler ahnen sie nichts: der Chef der Bundeswehr hat seine ganz eigenen Pläne – und die sehen einen Staatsstreich in Berlin vor. 

Johann Palinkas legt in seinem dystopischen Politthriller ein hohes Tempo vor. Spannungsbogen und Perspektivwechsel reißen mit. Gleichzeitig besticht „Coup“ durch differenzierte Charakterzeichnungen, stimmigen Sprachstil sowie eine hohe Realitätsnähe. Kein Wunder, diente der 24-jährige vor seinem Jurastudium doch selbst beim Gebirgsjägerbataillon. Ein aufregendes Debüt, dessen Zukunftsvision erschreckend nah erscheint.

 

  

Eric Sander Die letzte Wahl CoverEric Sander Die letzte Wahl Autorenfoto
Eric Sander:

Die letzte Wahl

Luebbe Verlag

Foto © Markus Burke

„Was er die ganze Zeit für leuchtende Sterne gehalten hatte, waren in Wirklichkeit die Positionslichter einer Drohne. Wie ein riesiger Raubvogel, der sich aus den Wolken auf ihn stürzte, kam sie mit bedrohlichem Heulen immer näher.”

Wer sich weiterhin mit dem Gefühl ins Bett legen möchte, im Schoße einer narrensicheren Demokratie einzuschlafen, sollte diesen Roman besser nicht anrühren. Allen anderen führt Eric Sander in gnadenloser Schärfe die Risiken und Nebenwirkungen dieser Staatsform vor Augen. Im Mittelpunkt steht die rechtspopulistische „Volkspartei“, die nach Überzeugung ihres despotischen Anführers Hartwig bei der anstehenden Bundestagswahl „die Macht ergreifen“ wird. Dass die fiktive VP an die reale AfD und Hartwig an Österreichs rechten Ex-Kanzler Kurz erinnern, sorgt in dem ohnehin beängstigend realitätsnahen Plot für zusätzliches Albtraum-Potential. Dabei beginnt die Geschichte eigentlich harmlos. Der Journalist Nicholas Moor verbringt den Urlaub mit seiner Tochter in einem abgelegenen Berghotel. Mit einer Drohne filmt er dabei zufällig ein Geheimtreffen der Volkspartei. Die brisanten Aufnahmen zeigen detaillierte Umsturzpläne. Moor bleibt nicht viel Zeit, das zu verhindern. Doch die Security der Partei bemerkt die Drohne und spätestens jetzt wird der Roman zu einem echten Pageturner mit einer Hauptfigur, die Jäger und Gejagter zugleich ist. 

Eric Sander ist ein glaubwürdiger, packender und temporeicher Erstling gelungen.    



Für den GLAUSER-Preis 2021 konnten bis zum 30. November 2021 deutschsprachige Kriminalromane von Verlagen eingereicht werden, deren Erscheinungstermin zwischen Dezember 2020 und November 2021 lag (Originalausgaben).
 

 

Die Jury war:

In der "Debüt"-Jury für den GLAUSER 2022 sind: Ina CoelenSabine WeissCord BuchVolker BleeckErwin Kohl und Marc-Oliver Bischoff (Jury-Organisation)


 (Die Aussschreibungen für das Jahr 2023 finden Sie hier.)