Wer Fortuna trotzt

Wer Fortuna trotzt
von Ilka Stitz

Grafit
ISBN 978-3894256128
Preis 12 €

Köln, im Jahre 192

Der junge Bergbaucurator Felix soll die Bergwerke Galliens und Germaniens inspizieren. Doch kaum hat er seine Aufgabe begonnen, verunglückt ein Mann. Als Felix ihm helfen will, stürzt der Stollen ein. Offenbar war eine Stütze angesägt und ausgerechnet Felix gerät unter Mordverdacht. Im letzten Moment kannt er mithilfe des Sklaven Ateius fliehen. Die beiden machen sich auf den Weg in die Colonia Agrippinensis zu Felix’ Onkel, von dem er sich den Beweis seiner Unschuld erhofft. Doch die Verfolger sitzen ihm im Nacken und ist Ateius zu trauen? Felix’ Bruder Victor plagen unterdessen andere Sorgen: Er ist dem verbotenen Glücksspiel verfallen, wovon seine geliebte Frau Lavinia nichts ahnt. Der Statthalter jedoch weiß von Victors Schwäche und spannt ihn in seine Umsturzpläne ein. Als der Onkel der Brüder stirbt, könnte Victor sich mit einem Schlag von seinen Problemen befreien sofern sein Bruder Felix der Stadt fern bleibt. Und auch Lavinia hat Interesse daran, dass ihr Schwager die römische Provinzhauptstadt nie erreicht …
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Ilka Stitz,
wurde 1960 geboren, studierte Kunstgeschichte, Germanistik, klassische Archäologie, lebt und arbeitet in Köln. Sie schreibt historische Kriminalromane, die in der Antike spielen. 2010 erschien ihr erster historischer Kriminalroman in Eigenregie “Wer Fortuna trotzt”. Zuvor schrieb sie zusammen mit Karola Hagemann, zuletzt unter Hagemann & Stitz “Jung stirbt, wen die Götter lieben” und “Das Geheimnis des Mithras-Tempels” (beide Grafit, 2006/2009). Unter dem gemeinsamen Pseudonym ‘Malachy Hyde’ erschienen schon mehrere historische Romane und Kurzgeschichten, u. a. „Gewinne der Götter Gunst“ oder „Wisse, dass du sterblich bist“ (Knaur). Siehe auch in diesem Mitgliederverzeichnis unter ‘Hyde’ …

http://www.ilkastitz.de
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Drei Fragen an Ilka Stitz

Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden?
Eine Alternative stellte sich nicht.

Was ist Ihre Lieblingstatwaffe?
Die, die gerade zur Hand und zweckmäßig ist.

Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Ich wollte doch nur spielen!
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Leseprobe

Kapitel I

Das Omen

Provinz Belgica, Bergbaurevier nahe Sarabriga an der gallischen Grenze,
10. Juni 192

Auf dem Weg zu den Stollen schlug Felix das Herz bis zum Hals. Mehr denn je spürte er heute die Verantwortung auf sich lasten. Welcher Dämon hatte ihn nur gepackt, Onkel Iulius zu bitten, für ihn ein Wort bei Kaiser Commodus einzulegen? Aber hätte er ahnen können, dass Commodus ihn gleich als Curator Metallis in den beiden Germanien und der Belgica einsetzen würde? Im Auftrag des Kaisers Anzeigen über Verstöße gegen das Bergbaugesetz nachzugehen war keine Aufgabe, mit der man sich Freunde machte, nicht bei den Pächtern und schon gar nicht bei den lokalen Procuratoren.
Felix lief die schmale Terrasse am Berghang entlang und blickte über das Tal. Es war noch früh und er genoss diesen Moment der Ruhe. Das silberne Band des Flusses zeichnete sich unter dem Dunst der Morgensonne ab. War das da hinten wohl schon Gallien?
Das Unbehagen ließ sich nicht vertreiben. Die Götter mochten wissen, was heute mit ihm los war, bisher war doch alles vorbildlich gelaufen. Und der Pächter hier, Emilianus, war ein alter Freund aus der Agrippinensis, warum also sorgte er sich? Felix kannte Emilianus als verantwortungsbewusst und rechtschaffen, erwartungsgemäß war die Kontrolle der Einrichtungen über Tage zufriedenstellend ausgefallen. Nur Versäumnisse bei der Lagerhaltung hatten Grund zu einer Beanstandung gegeben, aber die würde Emilianus sicher zügig beheben. Mochte die Prüfung unter Tage nur weiter so problemlos verlaufen. Es wäre es keine Freude, gerade bei einem guten Bekannten schwerwiegende Unregelmäßigkeiten festzustellen.
Schließlich war die Versuchung groß, es ging um ansehnliche Beträge. Und damit die stetig in die kaiserliche Kasse flossen, ließ Kaiser Commodus nicht nur Fördermenge und Pachtdokumente kontrollieren, sondern auch die Sicherheit der Bergwerke. Rom sollte keine Einbußen erleiden, weil Stollen einbrachen und die Förderung der Bodenschätze zum Erliegen kam.
Es war eine große Verantwortung, die Felix da trug. Zudem machte ihm das halbe Dutzend Männer, das ihm unterstand, das Leben schwer. Alle waren seit Jahren dabei und machten keinen Hehl daraus, dass sie ihn für zu unerfahren hielten. Vor allem sein Stellvertreter Quintulus hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, strebte wohl selbst nach seinem Posten. Gerade heute war es Felix sehr recht, dass Quintulus und die anderen schon das nächste Revier erkundeten.
Felix straffte den Rücken. Sein Blick strich über den Horizont, er konnte sich nicht losreißen. Eine Windboe wirbelte ihm eine Haarsträhne ins Gesicht. Irgendwo dort in dem Morgennebel musste die gallische Hauptstadt Divodurum liegen, eine Metropole, wie es hieß.
Rauchsäulen, Höfe, bestellte Felder erstreckten sich zu seinen Füßen, Zeugen der Zivilisation; Wälder, Wiesen im fernen Dunst, bildgewordenes Hirtengedicht.
Hier am Hang, vor und neben ihm, zeigte die Zivilisation ein anderes Gesicht. Stümpfe abgeholzter Bäume, rauchende Meiler und Schmelzöfen, niedrige Hütten, Schuppen, Materiallager, Berge von Abraum und Schlacken. Felix sah Rom vor sich, die Villen und Wandgemälde, Brunnen und Thermen, Bronzestatuen, Geschirr und natürlich Waffen … All das gäbe es nicht ohne Siedlungen wie diese. Er war stolz darauf, zu Wohlstand und Sicherheit des Reiches beitragen zu können. Onkel Iulius sollte es nicht bereuen, sich für ihn eingesetzt zu haben. Hoffentlich würde Felix ihm seine Wohltaten einmal vergelten können.
“Salve Curator!”
Die Arbeiter musterten ihn im Vorübergehen, steckten die Köpfe zusammen. Felix war sich bewusst, dass auch sie ihn für zu jung für seine Aufgabe hielten. Er wandte sich um, wenige Schritte vor ihm öffnete sich das Mundloch des ersten Stollens. In einer Nische über dem sauber gemauerten Zugang wachte der Genius des Bergwerks über die Ein- und Ausgehenden. Ein Holzschild neben dem Eingang wies Emilianus als Pächter aus, der den Betrieb an den Nonen des Martius in Betrieb genommen hatte.
Felix zückte seine Wachstafel und trat in den Stollen. Ein feuchter, felsiger Geruch wehte ihn an, sofort fühlte er sich besser. Dieser Geruch, die Dunkelheit, sogar die Enge der Stollen waren ihm von Kindheit an vertraut. Dass sie Gefahren bargen, wusste er.
Unter einem Schacht blieb er stehen. Ein Luftzug strich ihm über das Gesicht als er nach oben schaute und den Lichtkreis in gut dreißig Fuß Höhe ins Auge fasste, in dem ein Förderkorb schaukelte. Aus dem Stollen hinter ihm drang der übliche Arbeitslärm, das Hämmern von Metall auf Stein, wiederhallende Stimmen.
Er wandte sich wieder dem Stollen zu und notierte sein Ergebnis: Beleuchtung ausreichend, Höhe und Breite ebenfalls, Entwässerung ordnungsgemäß in Rinnen seitlich der Sohle, der Ausbau des Stollens aus Lerchenholz, Verzimmerung sachkundig.
Wie sah es mit den Stützen aus? Feix hob seine Fackel, leuchtete den Holzpfosten von oben bis unten ab, klopfte an ihm, horchte auf den Widerhall. Alles war so, wie es sein sollte. Fest verkeilt würde der Balken noch eine Ewigkeit hier stehen und den Fels zu ihren Häuptern stützen.
Er lauschte, etwas da oben irritierte ihn, ein feines Geräusch, von dem Schaben und Kratzen, Klopfen und Knirschen ringsum fast übertönt. So war es auch nur ein Gefühl, das ihn vortreten und erneut den Bewetterungsschacht hinaufsehen ließ, der gleichzeitig zur Förderung des Kupfererzes diente. Dort oben, in lichter Höhe, schaukelte noch immer der Förderkorb. Seinen trägen Bewegungen nach zu urteilen, war er voll und schwer, warum holten die Arbeiter ihn nicht endlich ein? Gab es Schwierigkeiten? Hoffentlich hatten Emilianus’ Leute die beschädigte Haspel inzwischen repariert oder wenigstens die Seile ausgetauscht, die schon ganz verschlissen gewesen waren. Felix hatte den Pächter über die Lässlichkeit in Kenntnis setzen lassen.
Wieder dieses Geräusch, es ließ Felix in den Stollen zurücktreten. Nach dem Blick in die helle Öffnung des Schachtes dauerte es einen Augenblick, bis sich seine Augen an das matte Licht der Öllämpchen gewöhnt hatten. So erahnte er Publicus zunächst nur, als der sich ihm aus der Tiefe des Stollens näherte.
“Ist da oben etwas nicht in Ordnung?” Der Vorarbeiter trat in den diffusen Lichtstrahl, stemmte die Hände in die Seiten und schaute hoch.
Im nächsten Moment nahm Felix ein Sirren wahr, Steine kollerten auf den Boden, schlugen ihm gegen die Beine. Ein Schrei gellte in Felix’ Ohren. Krachen, Poltern, er streckte seinen Arm nach Publicus aus – und griff ins Leere.
Publicus lag reglos vor Felix’ Füßen. Eine Staubwolke waberte durch den Stollen, die Öllampchen ringsum waren erloschen, es herrschte eine Finsternis wie im Orcus.
Felix stand wie gelähmt.
Schritte kamen näher, Husten, Kettenklirren, Fackelschein. Das mussten die Sklaven sein, die den Abraum in die Weitung geschaufelt hatten. Sie waren dem Schacht am nächsten gewesen.
Felix würgte keuchend den Staub aus der Kehle, schluckte den bitteren Geschmack hinunter, der ihm den Hals hinaufdrängte. Hätte er vorhin die Haspel, die Seile kontrolliert, statt seinen Gedanken nachzuhängen, wäre Publicus dieses Unglück womöglich erspart geblieben. Es war seine Schuld, wenn …

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