Mit Teufelsg’walt

Mit Teufelsg'walt
von Christine Lehmann

Ariadne
ISBN 978-3867541794
Preis 11 €

Der 8. Lisa-Nerz-Krimi

Lisa Nerz wird morgens um sechs aus dem Schlaf gerissen. Geschrei über ihr in der Wohnung. Drei Damen vom Jugendamt wollen den kleinen Tobias mitnehmen … dann wird die zuständige Familienrichterin im Wald tot aufgefunden, bei ihr ein Säugling. Wo kommt der her? Lisa Nerz gerät zwischen das Jugendamt und Familien in Not und in Lebensgefahr. Ein Krimi, der sich mit der Macht der Jugendämter, Inobhutnahmen und Schwächen unserer Gesellschaft im Umgang mit Kindern beschäftigt.

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Christine Lehmann,
wurde 1958 in Genf geboren, wuchs in Stuttgart auf, arbeitet als Nachrichtenredakteurin beim SWR und lebt mittlerweile von Zeit zu Zeit auch in Wangen im Allgäu. Lisa Nerz entstand Mitte der Neunziger, damals noch für Rowohlt und wurde inzwischen vorn Ariadne übernommen. Und sie hält sich auch als Schwabenreporterin immer noch nicht an die Regeln, weder des Geschlechts noch der politischen Klugheit.

www.lehmann-christine.de

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Drei Fragen an Christine Lehmann

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
Als ich mit 14 Jahren Conan Doyles Krimis über Sherlock Holmes las, wollte ich nie wieder was anderes lesen. Das scheiterte mangels Masse, also musste ich selber schreiben.

Wie viele Verbrechen gehen auf ihr Konto?
In Krimis: acht. In den Krimis: mehr. Privat lehne ich das Morden ab. Eine Tragödie!

Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Es ist wohl Besessenheit. Aber ich bin voll schuldfähig.
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Leseprobe

Ein Kind kreischte, eine Frau schrie in höchsten Tönen, die Zimmerdecke über meinem Bett knarrte unter Leuten. Dabei war stockfinster draußen. Mein Wecker zeigte kurz nach sechs.
Stach da oben gerade der Vater seine Familie ab? Und das in meinem Mietshaus! Der körpereigene Adrenalinalarm wuppte mich aus dem Bett in trieb mich in Jeans und Pullover, ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Cipión stand auch schon an der Wohnungstür mit steil aufgestellter Rute. Zum Bellen konnte er sich auch jetzt nicht entschließen. Der Rauhaardackel hatte, seit ich ihn aus einer Höhle gerettet hatte, noch nie gebellt. Erst hatte ich gedacht, er sei traumatisiert, inzwischen war ich zu dem Schluss gekommen, dass er es für sinnlos hielt, Krach zu machen. Wir verstanden ohnehin nie, was er uns damit sagen wollte.
Ich warf mir den Parka über, nahm den Schlüssel vom Haken und öffnete die Tür. Cipión trabte hinaus. Das hölzerne Treppenhaus war dezembernachtkalt. Und es roch nach Stressschweiß. Hier waren Leute mit aggressiven Absichten in den vierten Stock gestiegen. Ich zitterte plötzlich. Nicht vor Kälte. Denn knapp unterhalb meines bundesrepublikanischen Vertrauens in die Rechtsstaatlichkeit polizeilicher Maßnahmen staute sich das viel ältere Menschheitswissen von staatlicher Willkür und nächtlichen Abtransporten in Folterlager.
Ich nahm zwei Stufen auf einmal. Auf halbem Weg verlosch das Treppenhauslicht. Die Wohnungstür ein Stockwerk höher stand halb offen. Lampenlicht fiel auf den Treppenabsatz. Das Holz war, weil weniger Menschen in den vierten Stock stiegen, glatter als in den unteren Bereichen. Ich glaube, ich war noch nie hier oben gewesen. Und nur einmal hatte ich unten im Hauseingang die Frau getroffen, die mit ihren beiden Kindern seit einem halben Jahr über mir lebte und den Briefkasten mit dem Namensschild »Habergeiß« leerte. Sie war bebrillt und dick. Die Tochter zählte schätzungsweise dreizehn Jahre, der Bub fünf oder sechs.
Er schrie tief drin in der Wohnung. »Ich will nicht mit! Ich will nicht!«
Ich stieß die Tür auf, genau in den Rücken einer Frau im Wintermantel. Die Wohnung hatte anders als meine einen Flur. An dessen Ende stand gestikulierend die Tochter und redete auf eine Person ein, die ich nicht sehen konnte. Cipión dackelte unerschrocken hinein. Die Frau im Flur fuhr herum.
»Was ist hier los?«, fraget ich im Polizeiton.
Die Tochter sah mich – ob sie mich auch erkannte, weiß ich nicht – und schrie: »Die wollen Tobi mitnehmen!«
Hinter der Ecke am Ende des Flurs trat eine weitere Frau hervor. Sie war eine von denen, die ihre grauen Haare nicht färbte und naturtrübe Kleidung biologischer Weltanschauung trug, was sie als bewusst und sozial verantwortungsbewusst lebenden Gutmenschen auswies. Unter dem Mantel leuchtete ein möhrenfarbenes Wollkleid.
»Wir sind vom Jugendamt«, erklärte sie. »Gehen Sie bitte und lassen Sie uns unsere Arbeit machen.«
»Und ich bin von der Presse.« Ich zog meinen gewerkschaftlichen Presseausweis aus dem Parka und hielt ihn hoch. »Schwabenreporterin Lisa Nerz. Ich wohne ein Stockwerk tiefer. Und ich bin eine aufmerksame Bürgerin, die sich nicht im Bett umdreht, wenn im Haus ein Kind schreit als würde es abgestochen.«
Das musste die Dame vom Jugendamt gutheißen, auch wenn der Zeitpunkt gerade ungünstig war.
»Können Sie sich auch ausweisen?«, fragte ich.
»Ja, genau!«, schrie die halbwüchsige Tochter. »Sie haben sich gar nicht ausgewiesen.«
»Doch, das haben wir«, antwortete die Grauhaarige im Möhrenkleid betont leise. »Außerdem kennst du mich, Katarina.«
Jetzt erschien in einer Tür die Mutter. Der Morgenmantel hing schief, das Gesicht war grau, das Haar hing wie welker Schnittlauch vom Kopf, die Brille hatte Schlagseite.
»Bitte gehen Sie wieder auf ihr Zimmer, Frau Habergeiß«, sagte die Grauhaarige streng.
»Na hören Sie mal!«, entfuhr es mir. »Das ist ihre Wohnung!«
»Und Sie verlassen diese Wohnung jetzt auch!«
Eine dritte Frau erschien, aus dem Kinderzimmer hervor gezerrt durch den Jungen, den sie am Handgelenk gepackt hielt, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. Vor lauter Protest und Gegenwehr hatte Tobi sich den Schlafanzug fast ausgezogen und einmal um den Leib gewickelt. Er zerrte an der Hand der Frau zu seiner Schwester, doch die Frau zog ihn so heftig zurück, dass er den Boden unter den Füßen verlor. Er war so erschrocken, dass er nicht einmal brüllte.
»Lassen Sie meinen Bruder los«, kreischte Katarina. »Sie tun ihm weh!« Sie sprang vor, mit erhobener Faust.
»Katarina!«, schrie die Mutter gellend.
Die Grauhaarige stellte sich schützend vor ihre Kollegin. Es gab ein kurzes Gerangel.
»He!«, rief ich.
Cipión knurrte. Er mochte Handgemenge nicht.
Alle Augen richteten sich auf den kleinen Rauhaardackel mit dem borstigen Schlappohrgesicht und der steil erhobenen Rute. Cipión war schätzungsweise zwei Jahre alt und bereit, die Verantwortung des Rudelführers zu übernehmen.
»Schaffen Sie den Hund hier raus!«, herrsche mich die Frau an, die den Flur blockierte. »Und gehen Sie!«
»Nicht, bevor Sie sich ausgewiesen haben.«
»Wir müssen uns Ihnen gegenüber nicht ausweisen!«, belehrte mich die Gauhaarige.
»Dann hole ich eben die Polizei! Für mich sieht das hier nach Indianerüberfall vor Morgengrauen und nach Kindsraub aus.«
»Die Polizei wird Ihnen nicht helfen!« Selbstsicherheit der Staatsmacht straffte die Stimme der Frau im Möhrenkleid.
»Wie Sie wollen!«, antwortete ich lächelnd. »Es war mehr zu Ihrem Schutz gedacht. Denn ich gehöre zu den gewaltbereiten Personen. Aber vielleicht zieht ja Frau Habergeiß eine gewaltfreie Einigung vor.«
Die Mutter nickte mit aufgerissenen Augen hinter dicken Brillengläsern.
»Hier geht es nicht um eine Einigung«, belehrte mich die Dame. »Sie sollten sich hier nicht eimischen. Sie machen es der Familie nur noch schwerer.«
Ein Zittern flutete mich. »Warum wollen Sie das Kind mitnehmen? Morgens um sechs?«
»Das diskutiere ich mit Ihnen nicht. Verlassen Sie bitte unverzüglich die Wohnung. Sonst hole ich die Polizei.«
»Bleiben Sie hier!«, schrie die Tochter. »Helfen Sie uns!«
Der Junge an der Hand der dritten Frau fing unversehens an zu röcheln und nach Luft zu schnappen.
»Das Spray!«, rief Katarina und stützte fort in den Raum, der vermutlich das Badezimmer war. Sekunden später kam sie mit einem Asthmaspray zurück. Doch wieder zerrte die Frau Tobi am Handgelenk zurück wie einen unartigen Hund.
»He!, kreischte das Mädchen. »Wenn er stirbt, sind Sie schuld!«
»Geben Sie mir das Spray!«, antwortete die Frau betont ruhig.
Die Mutter wankte mit Neigung zur Ohnmacht. Katarina stampfte mit dem Fuß auf die Dielen und schleuderte, plötzlich grün vor Zorn, das Asthmaspray von sich. Es knallte der Frau, die Tobi am Arm hielt, gegen die Stirn, fiel zu Boden und schoss über die Dielen auf Cipión zu, der mit allen Vieren in die Höhe sprang, und blieb vor meinen Füßen liegen.
»Katarina!«, seufzte die Mutter tonlos. »Bitte!«
Das Mädchen brach heulend zusammen und sank mit dem Rücken an der Wand zu Boden.
Die Grauhaarige im Möhrenkleid warf mir einen Da-sehen-Sie-es-Blick zu. Der Junge pumpte angestrengt. Sein Atem ging pfeifend.
Ich bückte mich, hob das Asthmaspray auf . »So und Sie lassen jetzt den Jungen los, oder Sie haben eine Anzeige wegen Körperverletzung nach Paragraph 223 StGB am Hals.«
Leichte Unsicherheit flackerte zwischen den drei Frauen. Der Paragraph war ein sehr einfacher, der immer galt, wenn es zu Gewalt kam, nur deshalb konnte ich ihn zitieren. Aber es machte Eindruck.
»Außerdem können Sie morgen im Stuttgarter Anzeiger nachlesen«, fuhr ich fort, »dass bei einer Aktion des Jugendamts beinahe ein Kind gestorben wäre, weil Sie eine Hilfeleistung behindert haben. Wollen Sie das?«
Ich kniete mich neben den röchelnden Knaben und setzte ihm das Spray an die Lippen. Er atmete routiniert ein, die Augen auf Cipión geheftet, der hundefreundlich heranwedelte.
»Darf ich ihn streicheln?«
»Na klar.«
Da endlich ließ die Frau seine Hand los.
»Wie heißt er denn?«, fragte Tobi.
»Cipión?«
»Thippionn?«, sprach er mir nach.
Ich gab ihm noch einen Hub aus der Flasche. Doch Tobi war schon ganz auf Cipións Schlappohren, bärtige Schnauze und raues Fell konzentriert und dachte nicht mehr ans Atemholen. Sein dünnes Handgelenk war krebsrot von der Zerrerei an der Hand der Frau vom Jugendamt. Doch seine Arme, sein Hals und sein Gesicht waren zudem von kleinen Wunden übersät. Vermutlich Neurodermitis.
Aus der Augenhöhe des Jungen, in der ich mich befand, wirkten die drei Damen vom Jugendamt groß, wuchtig und böse. Die Grauhaarige stand starr, als würde sie sich niemals zu einem Kind hinunter beugen. Die Frau, die Tobi gehalten hatte, rieb sich die Stirn und warf Katarina einen bösen und zugleich triumphierenden Blick zu. »Das wird Konsequenzen haben, das ist dir doch wohl klar!«
Katarina zuckte mit den Schultern.
»Ja, für Sie!«, sagte ich und richtete mich auf. »Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Amtsmissbrauch. Am besten Sie verschwinden jetzt. Und nächstes Mal bringen Sie einen richterlichen Beschluss mit.«
»Wir benötigen keinen richterlichen Beschluss!«, erklärte mir die Grauhaarige.
Tatsächlich? Ich stutzte. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber wie dem auch sei, das nächste Mal wird Frau Habergeiß Ihnen nicht die Tür öffnen.«
Katarina nickte eifrig. »Wir machen Ihnen einfach nicht mehr auf, nie mehr!«
»Und jetzt raus, die Damen!«
»Wir werden nicht gehen!«, erklärte die Grauhaarige. »Jedenfalls nicht ohne Tobias. Wir sind berechtigt …«
»Doch, Sie werden, Frau … äh …«
Sie antwortete nicht.
»Wie heißen Sie denn nun?«
Sie presste die Lippen zusammen, als hätte sie eine Fliege im Mund.
»Haben Sie Angst, mir Ihren Namen zu nennen?«, lächelte ich.
»Ich habe keine Angst! Meine Name ist Hellewart, Leiterin des ASD. Und wenn Sie jetzt diese Wohnung nicht unverzüglich verlassen, werde ich Sie anzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Behinderung …«
Lächelnd trat ich an sie heran. »Sehen Sie die Narben in meinem Gesicht, ja? Ich scheue keine Prügel. Und Sie sind sicher klug genug, der rohen Gewalt zu weichen. Denn wenn ich eins gar nicht ab kann, dann behördliche Frechheit. Und das morgens um sechs! Ich brauche nämlich meinen Schlaf! Ich bin gestern ziemlich versumpft. Mir ist es scheißegal, ob Sie mich später verklagen, weil ich Ihr Haar ein bisschen zerzaust habe, verstehen Sie?«

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