Autorenfoto AJ Schulte kleinHeute: Lesungen

Grundsätzliches zum Einstieg


ʺSagen Sie mal, können Sie lesen?ʺ Mir lag schon die Antwort ʺJa, seit dem zweiten Schuljahr sogar recht flüssigʺ auf der Zunge, als ich den prüfenden Blick meines Gegenübers erkannte. Heute, drei Jahre später, weiß ich, warum mir damals diese Frage gestellt wurde: Weil es aus der Sicht eines Veranstalters durchaus berechtigt war, bei einem Debütautoren nachzufragen, wie es um seine Lesefähigkeit steht.

ʺAber Moment mal!ʺ, werdet ihr jetzt vielleicht sagen. ʺIch habe ein Buch geschrieben und veröffentlicht – wie schwer kann es denn sein, daraus vorzulesen? Außerdem will das Publikum mich endlich einmal persönlich kennenlernen, das muss reichen.ʺ

Kurzer Einschub. Kennt ihr den?

Sitzt ein Mann beim Arzt und klagt: ʺIch schlaf bei Buchlesungen immer ein?ʺ

Sagt der Arzt: ʺGott ja, das passiert schon mal.ʺ

Darauf der Mann: ʺAber ich bin der Autor!ʺ

Okay, Einschub beendet. Was will uns dieser Witz sagen?

Es reicht nicht aus, dass wir bei unserer Lesung wach bleiben oder Teile des Publikums nicht wegnicken. Das ist nicht genug. Das Publikum hat ein Recht auf gute Unterhaltung, und dafür ist mehr als nur die reine Gegenwart des Autors und seines Buchs nötig. Verstehen wir uns als Darsteller, vergessen wir den Literaten, der an seinen Gedanken zum Buch teilhaben lässt, und holen die Rampensau raus. Jawohl, richtig gelesen: Rampensau – denn dann werden Lesungen lebendig, unterhaltsam und bewegend. Soll heißen: Gebt euren Figuren Gefühle, lasst sie in verschiedenen Stimmlagen sprechen. Scheut euch nicht, auch mal zu grölen. Denkt daran, ihr müsst nicht friedvoll und zurückhaltend lesen, ihr könnt eure Figuren spielen. Und wenn ihr dabei mal einen Satz anders lest als er in eurem Buch steht? Egal, niemand wird es merken, und kein Mensch wird sich daran stören.

Lesungen vorbereiten

Egal, wie oft ihr euer Buch beim Schreiben und Korrigieren schon gelesen habt: Lest es noch einmal – aber diesmal laut. Ihr müsst nicht besonders langsam sein, variiert euer Sprechtempo, passt es der Handlung an. Eine Kampfszene darf und sollte schneller gelesen werden als ein nachdenklicher Dialog. (Denkt an die Rampensau!) Für vier Buchseiten benötige ich zwischen acht und neun Minuten Lesezeit. Findet heraus, wie lange ihr für welche Szene braucht, dann könnt ihr besser die passenden Stellen auswählen.

Textstellen markieren

Markiert die Textstellen mit durchnummerierten Klebezetteln. Die Seitenzahlen der ausgewählten Passagen schreibe ich mir zur Sicherheit auch noch einmal auf, Klebezettel lösen sich leider manchmal. Zwischen den einzelnen Lesestellen aus dem Buch solltet ihr, möglichst frei, etwas zur Handlung erzählen. Am besten ist, ihr fasst knapp und unterhaltsam zusammen, was bis zu der Stelle passiert, an der ihr wieder einsteigt.

Die Zuhörer möchten einen Eindruck vom Buch und seiner Handlung bekommen; achtet darauf, dass ihr das mit eurer Auswahl vermittelt. Und nie, nie lest ihr das Ende vor, auch wenn es der Knaller ist. Denn: Außer eurer Mutter kauft nach dieser Lesung sonst niemand mehr das Buch.

Autoren und Autorinnen, die verwirrt in ihrem Buch blättern, weil sie nicht mehr wissen, was sie lesen wollten, sind unprofessionell. Und wenn ihr dabei auch noch murmelt ʺÖhm, nee, das ist uninteressant, öhm, das auch, ah ja, hierʺ, verdient ihr kein zweites Engagement.

Was ihr außerdem tun solltet: Geht jeden Satz durch, den ihr lesen wollt, und setzt Betonungszeichen über die Wörter, die ihr betonen wollen. Wie ihr diese Wörter findet? Zum Beispiel, indem ihr euch überlegt, welche Gefühle und welchen Sinn ihr mit den Sätzen vermitteln möchtet. Ein ʺIch hasse dich!ʺ wirkt anders als ein ʺIch hasse dich!ʺ Dazu braucht ihr Hilfe? Dann könnten ihr ein Lesecoaching bei einem Profi buchen. Und dort zum Beispiel auch lernen, wie wichtig die richtige Atmung ist und welche Ausdrucksmittel (Lautstärke, Tempo, Pausen, Melodie) ihr wann und zu welchem Zweck einsetzen könnt.

Lesedauer klären

Klärt vorher mit dem Veranstalter ab, wie lange die Lesung dauern soll. ʺDas sehen wir dann mal, kommt darauf an, wie die Zuhörer so drauf sindʺ, ist keine befriedigende Antwort. 30 bis 40 Minuten Lesung, dann eine Pause, zum Beispiel um etwas zu trinken oder für den Buchverkauf, dann noch einmal 30 Minuten Lesung und anschließend Fragen zum Buch und Signieren – das ist ein Ablauf, der mir persönlich gut gefällt.

Seid mindestens 30 Minuten vor der Lesung vor Ort. Wenn ihr eine eigene Tonanlage aufbauen wollt, entsprechend früher. Die Anlage muss stehen und ausprobiert sein, bevor die ersten Gäste eintreffen.

Ich habe in meiner Tasche auch immer eine LED-Buchlampe dabei. Die erlaubt mir, sogar bei romantischem Kerzenlicht zu lesen. Bei einer Fackelwanderung hat mir ein fürsorglicher Teilnehmer mit seiner Fackel die Haare vom Handrücken gekokelt, seitdem liebe ich die LED-Lampe. Womit wir beim letzten Punkt angekommen sind: eure Ausstattung.

Die Ausstattung

Ich, mein Buch ... und fertig. Klar, das kann für eine erfolgreiche Lesung reichen. Aber vielleicht habt ihr euch ja auch schon über grausige Tonanlagen geärgert, bei denen das Mikro fiept wie ein sterbender Hamster. Die Lösung ist simpel: Bringt einfach eure Tonanlage selbst mit. Es gibt tragbare Beschallungsanlagen, mobile PA-Anlagen genannt, die leicht 80 bis 100 Personen ein wunderbares Hörerlebnis bereiten. Lautsprecher aufstellen, Strom anschließen, Mikrofon einstöpseln, einschalten ... fertig. Rund 400 Euro solltet ihr für eine solche Anlage mindestens ausgeben. Es gibt zwar auch günstigere Schnäppchen, aber da brummt und rauscht es dann oft in den Lautsprechern, wenn ihr gerade nichts sagt. Ausnahmen bestätigen die Regel und bei großen Anbietern wie Thomann gibt es auch günstige B-Ware. Lautsprecherstative gibt es für 44 Euro im Doppelpack, ein brauchbares Mikrofon sogar schon für weniger als 25 Euro.

Mein derzeitiger Favorit ist die Maui 5 von LD Systems, die ist nur 10 Kilo schwer und hat einen irren Klang. Sie kostet allerdings auch 550 Euro. Günstiger geht es, wie gesagt auch, zum Beispiel mit einer Anlage der Firma Behringer (EPS500MP3 fürrund 425 Euro), die hat sogar einen eingebauten MP3-Player, und der Hersteller liefert auch noch ein Mikrofon mit. Oder ein Anlage, die ich ebenfalls jahrelang im Einsatz hatte: die Alto Mixpack Express für circa 400 Euro.

Ohne Mikro!?

ʺIch lese aber immer ohne Mikro.ʺ

Ja, diesen Satz habe ich schon dutzendfach gehört, und meist schwingt da auch Stolz mit. Schön, dass ihr ohne Mikro lesen könnt, aber was ist mit den Zuhörern in der letzten Reihe? Können die euch auch ohne Mikro verstehen? In der Regel trägt die eigene Stimme, wenn man in seiner Stimmlage bleibt, aber ich muss oft zwei tiefe Bassstimmen sprechen – und das als Tenor. Da bin ich dankbar für das Mikro und bei geflüsterten Passagen, beim Spiel mit der Stimme hilft die Tonanlage auch. Das Publikum zahlt Eintritt, der Veranstalter zahlt Honorar, dafür können alle eine optimale Leistung erwarten. Läuft es ideal, investiert ihr das Honorar von ein oder zwei Lesungen in Technik und müsst euch nie wieder Sorgen darüber machen, ob man euch versteht.

Das Multimedia-Konzept als Alleinstellungsmerkmal

Glaubt mir, es bleibt vielen Veranstaltern positiv in Erinnerung, wenn ihr eure Lesungen professionell ausgestattet gestaltet. Bei machen Themen bietet sich auch der Einsatz eines Beamers samt Leinwand an, dann aber bitte ein lichtstarker Beamer, damit auch alle Zuschauer etwas sehen können.

Viel zu aufwendig, sagt ihr? Na ja, es gibt Kolleginnen und Kollegen, die tauchen mit einer ganzen Band auf. Was sind da schon Tonanlage, Beamer und Leinwand?

Dass man mit etwas Musik viel erreichen kann, habe ich selbst ausprobiert. Zwei Lesungen im Abstand von einer Woche, die gleiche Textstelle, aber einmal mit leiser, düsterer Hintergrundmusik und einmal ohne. Die Wirkung hat mich überzeugt, künftig immer an dieser Stelle Musik einzusetzen. Durch die Musik eröffnet sich dem Publikum eine weitere Wahrnehmungsebene. Oder, wie eine Dame es ausdrückte: ʺIch hatte die ganze Zeit eine Mordsgänsehaut.ʺ

In diesem Sinne … denkt an die Rampensau und bleibt knackig.

Euer Andreas



Linktipps (kleine Auswahl)

Stimmbildung, Sprechertraining

www.sprechart.de/sprecherziehung-fur-schauspieler/

www.sprechart.de/vorlesetraining/

www.sprechertraining.de

Anbieter von Mikrofonen und PA-Anlagen

www.thomann.de

www.thomann.de/de/pa-beschallungsequipment.html

Thomann hat nicht nur eine Schnäppchen-Ecke mit reduzierter B-Ware, sondern vor allem Telefonberater, die sich wirklich gut in ihrem Bereich auskennen.

Lektüre zur Stimmbildung

Julius Hey: Der kleine Hey: Die Kunst des Sprechens, SCHOTT MUSIC, 9,99 Euro als Taschenbuch

Seit Richard-Wagners-Zeiten das Standardwerk! Längst gibt es den Kleinen Hey auch in digitaler Variante mit Tonbeispielen und Videos.


Dieser Beitrag erschien in ausführlicher Form bereits in der Zeitschrift Federwelt.


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