Autorenfoto AJ Schulte kleinHerzlich willkommen zum zweiten Teil unserer Survival-Tipps für Krimiautorinnen und Krimiautoren rund um das Thema "Interview".

Bereits mit der ersten Trainingseinheit Survival-Tipps für Autorinnen und Autoren: Das Interview (Part I) sollten Interviews ihren Schrecken für euch verloren haben. Hier noch einmal, sozusagen zum Warmwerden, die wichtigsten Basics: 

  • Denkt immer daran: Keiner kennt euer Buch besser als ihr selbst.
  • Es ist euer Interview! Oder anders gesagt: Nur ihr entscheidet, ob, wann und was ihr sagt.

und vor allem:

  • Ihr wisst, dass es für eure Antworten die PEKKI-Regel gibt. PEKKI steht für: PErsönlich, kompetent, knackig, interessant.

Mit diesen Basics im Hinterkopf wollen wir uns jetzt den Feinheiten der Interviewvorbereitung widmen.


Eine wichtige Regel aus dem Bereich der Business-Interviews gilt, zumindest in Ansätzen, auch für uns Krimiautorinnen und Krimiautoren:

Gebt niemals spontane Interviews – ihr entscheidet, wann ihr etwas sagen wollt.

Wie jetzt?, fragt ihr euch. Sind wir nicht alle glücklich, wenn uns überhaupt mal jemand interviewen möchte? Das sagt ihr jetzt. Wenn ihr aber auf der Leipziger Buchmesse mitten im Gedränge, verschwitzt und unvorbereitet, vor eine Kamera gezerrt werdet, um als Insider mal schnell ein paar Fragen zu beantworten, dann, spätestens dann, werdet ihr euch daran erinnern, was ich euch gesagt habe: Gebt keine spontanen Interviews!

Ein paar Minuten Vorbereitungszeit, ein kurzes Abklären, mit welchem Sender man gerade spricht, worum es im Interview gehen soll, wie lang der geplante Beitrag werden wird und welchen Bildausschnitt der Kameramann wählt, damit man weiß, wohinmit den Händen – das ist das Minimum.

Für die gestandenen Interviewprofis unter euch mag es banal klingen, aber an dieser Stelle noch einmal der Hinweis: Achtet auf Funkmikros und Kameraaufzeichnungen. Wenn eine kleine rote Lampe an der Kamera leuchtet, heißt das nicht, dass die Kamera auf Stand-by ist oder noch Strom hat, sondern dass der Kameramann bereits Filmaufnahmen von euch macht. Das ist eine durchaus übliche Vorgehensweise, um sogenannte "Antextbilder" zu haben, aber man sollte sich dessen bewusst sein. Grimassen, Ohrenpuhlen oder an der Nase kratzen würde ich auf später verschieben. Und es gab mehr als nur einen Fall, bei dem die eingeschalteten Funkmikros vor oder nach einem offiziellen Interview manch brisante Veröffentlichung erst möglich gemacht haben. Wer denkt, dass der Redakteur offiziell fertig ist, sobald er nicht mehr vor einem steht und aufmunternd lächelt, erlebt eine böse Überraschung.

Was sollte man vor dem Interview bedenken?

Setzt euch selbst Ziele: drei Informationen, die ihr auf jedem Fall kommunizieren wollt. Zum Beispiel: den Titel eures neuen Buchs, das Erscheinungsdatum und warum ihr davon ausgeht, dass das der neue Spiegel-Bestseller werden wird.

Legt die drei Kernpunkte fest und vor allem – haltet euch daran. Denn ganz egal, wie groß die Aufregung während eines Interviews sein wird: Habt ihr einmal diese drei Punkte untergebracht, ist der Rest des Interviews von eurer Warte aus praktisch nur noch die Kür, die Pflicht habt ihr erledigt. Ideal ist natürlich ein Interview, in dem ihr keine Stichworte ablesen müsst. Schließlich wollt ihr nicht das Bild vermitteln, dass ihr nicht wisst, worum es in eurem Buch geht und wie die einzelnen Protagonisten heißen.

Ich hatte schon einmal den Fall, dass ein Ansprechpartner während des Interviews, das wir im Sitzen geführt haben, immer wieder nach unten in seinen Schritt schaute. Ich habe dann nachgefragt und erfahren, dass dort auf seinem Schoß der Stichwortzettel für die Antworten lag. Bildtechnisch sah das allerdings, höflich gesagt, befremdlich aus. Wenn schon ein Stichwortzettel, dann eine Karteikarte, die man tatsächlich auch im Bild sehen kann. So weiß der Zuschauer wenigstens, warum der Blick des Interviewten zur Seite irrt.

Schreibt euch die Informationen in Stichworten auf. Niemals formuliert ihr die Antwort komplett aus. Zu groß ist die Gefahr, dass eine Frage leicht variiert wird und ihr trotzdem eure Antwort abspult. Ich empfehle immer, die Stichworte versetzt aufzuschreiben, um den Überblick zu verbessern.

Das sieht dann so aus:

Stichworte

              versetzt

                            auf eine Karteikarte schreiben

Nach drei Linien

              wieder in der

                            Zeile nach vorne rücken


Was soll ich bloß anziehen?

Als Krimiautoren haben wir den Vorteil, dass kein Fernsehsender von uns einen bestimmten Dresscode erwartet. Im Gegenteil, wahrscheinlich würde das Businesskostüm oder der Geschäftsanzug Irritationen auslösen. Aber auch hier gilt: Verstellt euch nicht und bleibt vor der Kamera immer ihr selbst. Wenn ihr euch in Businesskostüm und High Heels wohlfühlt, wenn der Anzug und das offene Businesshemd zu eurer Standardbekleidung gehört, dann könnt ihr dies natürlich auch beim Interview tragen. Kommt ihr euch aber eher verkleidet vor, werden das die Zuschauer merken. Möglicherweise wird der Zuschauer die Unsicherheit falsch deuten und auf den Wahrheitsgehalt eurer Antworten übertragen – das wäre fatal. Dann besser in Jeans und Schlabberpulli vor die Kamera, aber sympathisch und selbstsicher.

Die Kleidung sollte nicht von euch ablenken:

Die Krimiautorin trägt keine auffallenden Muster, keine Motivblusen oder -pullover.

Der Krimiautor verzichtet auf das T-Shirt mit den Tourdaten seiner Lieblingsband oder auf die Batman-Socken.

Bei der Auswahl der Blusen oder Hemden lassen wir kleine Karos oder ein Pepitamuster im Schrank, die erzeugen nur Bildflackern in der Kamera. Als Farben kommen etwa Hellgrau oder Hellblau in Frage. Weiße Hemden können im Studiolicht starke Lichtreflexionen erzeugen. Wer zu Gesichtsröte neigt, trägt Blautöne. Rote Kleidung macht dagegen blass.

Beim Interview tragen wir keine Sonnenbrille, auch wenn das natürlich cool aussehen kann. Selbsttönende Gläser sind ein Gräuel für jeden lichtsetzenden Kameramann. Aber noch schlimmer wäre es, wenn der Interviewte die Brille absetzt, denn das verändert die Mimik komplett.

Und wie soll ich mich beim Interview hinstellen?

Ein Interview im Stehen zu geben, hat viele Vorteile: Man kann seine Aussagen besser mit Gesten unterstützen, die Atmung ist effektiver, und die Stimme hat mehr Volumen. Aber im Stehen bleibt die ewige Frage: Wohin nur mit den Händen?

Ganz sicher falten wir sie nicht zum Gebet, auch wenn wir vorhaben, einen neuen Pater Brown zu schreiben. Der Krimiautor von Welt wird sie auch nicht in bester Freistoß-Abwehr-Mauer-Haltung positionieren. Keine Interviewte sollte die Arme vor der Brust verschränken oder hinter dem Rücken verstecken, denn wie soll man da noch mit Gesten arbeiten?

Besser:

Eine Hand in der Hosentasche (bei Rechtshändern die Linke) oder das eigene Buch unter den Arm klemmen. Man kann auch einen Arm leicht anwinkeln, sodass er auf der Hüfte aufliegt.

Noch einmal: Fragt ruhig nach, welchen Bildausschnitt der Kameramann wählen wird, dann wisst ihr, wo ihr mit euren Händen arbeiten könnt. Aufgepasst bei vermeintlich innovativen Ideen des TV-Teams: "Wir filmen Sie heute mal von oben/unten."

Die Vogelperspektive macht euch klein und unscheinbar. Die Froschperspektive lässt euch arrogant und überheblich wirken. Da soll das TV-Team doch bei einem anderen Interview kreativ werden - nicht bei euch.

Die fiesen Fragen

Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: 98 Prozent aller Interviews sind nett gemeint, der Redakteur freut sich über knackige, interessante Antworten und will nur einen freundlichen kleinen Beitrag abliefern.

Aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass ihr mal an jemanden geratet, der euch mit fiesen Fragen konfrontiert. Zum Beispiel, weil sie eine ganz andere Meinung zum Urheberrecht hat (um mal nur ein Thema zu nennen) und das gern auch in einem Beitrag unterstreichen möchte.

Grundsätzlich: Wenn ihr merkt, dass ein Interview aus dem Ruder läuft, brecht ihr ab. Kein Mensch zwingt euch, vor der Kamera das Opfer zu sein.

Aber so weit muss es ja nicht kommen. Hier noch ein paar andere Situationen.

Ihr braucht Bedenkzeit.
Dann könnt ihr die Frage einfach wiederholen. Ist nicht nett, klappt aber. "Hab ich Sie richtig verstanden? Sie interessieren sich dafür, warum ein Autor etwas gegen eine kostenfreie Zweitverwertung seines Buches haben könnte?"

Das Unterbrechen
Bittet höflich darum, ausreden zu dürfen. Höflich deshalb, weil ihr damit die Unverschämtheit des Unterbrechens noch deutlicher macht. Je weniger aggressiv ihr in einem solchen Fall reagiert, umso deutlicher wird das Verhalten eures Gegenübers. Verweist darauf, dass ihr gern antworten würdet.

Die Sammelfragen
Greift keine Einzelfrage heraus, bewertet in einem Satz alle Fragen, erst dann antwortet ihr.

Die Unterstellung mit Folgefrage
Hört genau zu, wehrt euch zunächst gegen die Unterstellung, dann kommt eure Antwort.

Die ignorierte Antwort
Wiederholt einfach noch einmal eure Antwort. Eure Antwort ist nicht falsch, nur weil die Frage noch einmal gestellt wurde.

Scheinzusammenhänge
Erst klarstellen, dass hier kein Zusammenhang besteht, dann antworten.

So – ich hoffe, mit diesem kurzen Crashkurs in Sachen Interview könnt ihr im Literaturdschungel überleben. Denkt immer dran, es ist wie mit dem Feuermachen: Nur durch Übung gewinnt man Selbstsicherheit. Und außerdem macht es natürlich auch Spaß, über sein Buch zu erzählen, das solltet ihr nie vergessen.

Bei nächsten Mal steht das Thema "Lesungen" im Mittelpunkt unserer Survival-Tipps.

Bis dahin – bleibt knackig!

Euer
Andreas

Mehr über Andreas J. Schulte hier.