Mal unterstellt, Ästhetik sei immer auch eine Frage der Moral, wie viel Moral verträgt die Ästhetik? Anders gefragt: Korrumpiert falsche Moral nicht zwangsläufig die Ästhetik und zwingt uns genau das zu produzieren, was wir Kitsch nennen?
Unlängst lauschte ich einer Podiumsdiskussion unter Schriftstellern. Es ging um Gewalt in der Kriminalliteratur: Wie stellt man derlei dar? Wer stellt es wie dar? In welcher Art von Verpackung? Schreiben Frauen darüber anders als Männer, und wenn ja, warum?
Mehr als ein weites Feld. Denn klar, da kann mensch höchst unterschiedlich vorgehen. Schönheit wohnt nicht nur im Auge des Betrachters, sie hängt auch entscheidend davon ab, woher er kommt, welche Art Gepäck er mitschleppt und nicht zuletzt, wie er was präsentiert.
Wer liegt weniger falsch – Horatio Greenough oder Marshall McLuhan? Folgt Form der Funktion, oder bestimmt die Form den Inhalt, weil das Medium an sich schon die Botschaft ist?

Welche Rolle spielt unsere individuelle Wahrnehmung, Sozialisation, geschlechtliche Standortgebundenheit, erträumter Status? Durch wie viele Filter und Zensurinstanzen läuft das, was uns ins Bewusstsein dringt, zu Worten destilliert wird und seinen Weg in Texte findet?
Erkenntnisphilosophisch ein reizvolles Thema, das bergeweise ästhetische, ethische und politische Fragen aufwirft. Aber aufgrund der inhärenten Komplexität der Materie eben auch eine Vorlage zu exzessivem Geschwurbel.
Gewalt, Leid und Tod erfahren wir nun mal höchst unterschiedlich und subjektiv.
Das Gespräch plätscherte zwischen Allgemeinplätzen. Es saßen fünf Diskutanten auf der Bühne, unter anderem eine Frau, die bekundete, sie sei zwar persönlich nie Opfer physischer Gewalt gewesen, aber durch den Mord an einer engen Freundin damit konfrontiert worden.
Welchen Flurschaden der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen anrichtet, vermag ich nur zu ahnen. Doch er zerstört auch das Leben der Angehörigen. Für alle, die übrig bleiben, ist er ein Fluch.
Darüber sprach die Frau.
Ich war ganz Ohr, bis sie zu ihrer Synopsis kam. Da erklärte sie, psychische und physische Gewalt liefen im Endeffekt auf dasselbe hinaus. Jedes Opfer werde traumatisiert. Folglich könne, bräuchte und dürfe man als Autor zwischen diesen Formen von Gewalt nicht mehr differenzieren.
Zudem sei fiktive Gewalt ein komplett künstliches Fantasieprodukt. Letztlich könne kein Kriminalschriftsteller je mehr unbefangen darüber schreiben, der selbst mal echter Gewalt ausgesetzt gewesen sei, denn solch ein Mensch sei im Zweifelsfall viel zu traumatisiert, um den Horror des Erlebten in die Harmlosigkeit lesbarer Fiktion zurück zu verwandeln.
Ihr Statement kam mit Verve, verkleidet als Empathie für etwas, das ihr laut eigenem Bekunden nie widerfahren war, aber zugleich nahelegte, dass jeder, der sie nicht daran hielt, frivoles Schaulaufen mit den eigenen Narben betrieb.
Hoppla, dachte ich. Geht es in Krimis um Gewalt, müssen demnach alle, die wirklich was davon verstehen, den Mund halten? Warum? Etwa, weil sonst keiner mehr den Blinden zuhört, die über Farbe fabulieren?
Auf Schreibverbote reagiere ich allergisch, besonders, wenn sie auf Prämissen basieren, die ich für falsch halte, und obendrein mit moralischem Impetus daherkommen.
Äpfel und Birnen mögen einander ähneln. Dasselbe sind sie nicht. Vom Ergebnis her macht es einen erheblichen Unterschied, ob man mich verbal bedroht oder mir parallel einen Baseballschläger über die Schläfe zieht.
Natürlich kann ein Mensch nicht nur über Horror schreiben, viel öfter muss er oder sie es auch. Um Widerfahrenes zu verarbeiten. Weil alles andere Lüge wäre.
Allerdings wird der oder die Betreffende vermutlich anders über Gewalt berichten als einer, der surreale Albträume komponiert oder auf Effekt angelegte Blutorgien, die die voyeuristischen Begierden lesender Splatter-Fans bedienen.
Verfolge ich Diskurse über Gewalt, denke ich oft, wie schön, dass wir in so friedensverwöhnten Zeiten leben. Anscheinend wissen die meisten gar nicht mehr, wie sich echte Gewalt anfühlt, wie sie schmeckt, riecht und klingt.
Zugleich erschreckt mich die Naivität, mit der da über ein Phänomen geredet wird, das ich für eine menschliche Konstante halte, die etwa so leicht abzuschaffen sein dürfte wie Dummheit oder Grausamkeit.
Existenz ohne Aggression ist unmöglich, und der Lebenskampf wird auf unterschiedlichsten Ebenen mit verschiedensten Mitteln ausgetragen. Das, was wir Zivilisation nennen, dient dem Zähmen anarchischer Gewalt.
Im Übrigen weiß ich wenig, aber so viel schon: Gewalt ist einfach. Gewalt ist praktisch. Gewalt ist effektiv. Gewalt macht Schwache stark. Deshalb ist sie für Ohnmächtige so geil.
Das ist alles andere als eine originelle Erkenntnis. Ich dürfte sie mit jedem anderen teilen, der mal roher Gewalt begegnet ist.
Eine kluge Frau in der Runde bemerkte, ihrem Erleben nach sei physische Gewalt oft nur ein entgleister Versuch, Kontakt aufzunehmen, eine Art fehlgeleitete Kommunikation, und damit auch immer Ausdruck von Hilflosigkeit.
Stimmt.
Ich ginge noch einen Schritt weiter: Für mich fällt physische Gewalt soziologisch in die Domäne der Schwachen. Was nicht heißt, dass die, die sie ausüben, körperlich schwach sind, sondern am Sockel der gesellschaftlichen Gewaltpyramide strampeln, weil sie meist arm und ungebildet sind, sodass ihnen keine raffinierten Instrumente zum Durchsetzen ihrer Interessen zur Verfügung stehen.
Das Kohlenschürferlied Sixteen Tons skizziert das ganz treffend:

Some people say a man is made out of mud
A poor man's made out of muscle and blood
Muscle and blood and skin and bones
A mind that's weak and a back that's strong

You load sixteen tons and what do you get
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don't you call me 'cause I can't go
I owe my soul to the company store

Sixteen Tons ist ein proletarischer Song, ursprünglich aus den 1930ern. Resigniert, aggressiv, wenig frauenfreundlich. Vertonte frustrierte männliche Körperlichkeit mit einer gehörigen Portion expliziter Gewaltandrohung.

I was born one morning it was drizzling rain
Fighting and trouble are my middle name
I was raised in the canebreak by an old mama lion
Ain't no high tone woman make me walk the line

If you see me comin', better step aside
A lot of men didn't, a lot of men died
One fist of iron, the other of steel
If the right one don't get you
Then the left one will

Wer aufsteigt, braucht nicht mehr selbst zu schlagen. Er lässt schlagen. Oder drohen. Bedient sich anderer, benutzt Werkzeuge wie Gesetze oder Geld. Und wer es bis an die Spitze schafft, darf die Melodie wählen, nach der die übrigen tanzen. Denn er oder sie beherrscht den Apparat, Justiz, Armee, Parlament –  und im Zweifelsfall auch die öffentliche Meinung.
Was unten Gewalt heißt, nennt sich oben Macht. Unten geht es blutig und beschissen zu, oben blitzt es und ist blank. Je höher in der Hierarchie, desto gefälliger der Augenschein, desto verdeckter die Brutalität, Gier, Niedertracht und Korruption.
Die monströsesten Verbrechen werden an Kabinettstischen ausgeheckt und in den Vorstandsetagen von DAX-Unternehmen. Und selbstverständlich verstehen sich die Damen und Herren dort auch auf echte Gewalt, nur drecken sie sich dabei so gut wie nie selbst die Finger ein.
Nachhaltig sexy ist nur Macht. Gewalt bleibt immer schmutzig.
Das verwechseln viele. Andere sind so verzärtelt, dass sie es anscheinend gar nicht mehr auf dem Schirm haben.
Beides halte ich für gleich gefährlich.
Eben drum bin ich kein Fan von gewaltsam gewaltfrei. Wer meint, physische Gewalt durch Tabus und Therapie dauerhaft beseitigen zu können, sollte besser gleich die Menschheit abschaffen.
Kants Entwurf zum ewigen Frieden ist wunderbar, aber darin geht es um politische Ethik. Wahn und Wunschdenken stiften keine Gewaltfreiheit, bloß andere und im Zweifelsfall weit üblere gewaltsame Unfreiheit.
Auf dem Ticket reist man am Paradies vorbei direkt in die Hölle.
Die Netto-Nachricht: Der Umgang mit Gewalt will geübt sein. Willst du Gewalt vermeiden, guck dir an, wie sie funktioniert. Lass ein gewisses Maß daran zu, damit Erfahrungen gesammelt und Grenzen ausgelotet werden können. Wirf nie Birnen und Äpfel in denselben Topf.
Du musst den Feind lieben, um ihn zu besiegen. Der Friedfertige denkt strategisch. Er beschäftigt sich mit Krieg und liest Sunzi. Oder lernt Bogenschießen. Jedenfalls macht er sich mit der Mentalität von Kriegern vertraut.
Si vis pacem para bellum.
Vielleicht lebt er seinem Sohn auch die Tugenden eines Ritters vor, denn mit Demut, Würde, Güte, Großmut und Tapferkeit, wahlweise noch einem Hauch Zurückhaltung und Beständigkeit, ist der schon einigermaßen gerüstet, um halbwegs sanft durch ein nicht immer nur friedliches Dasein zu segeln.
(Das "er" gilt auch für "sie" und der Sohn kann eine Tochter sein.)
Wir leben in einer Epoche, die uns systematisch den Sinn für Qualität austreibt. Unsere Würde beschränkt sich auf den Rahmen unseres Dispos. Aber Klasse statt Masse tut mitunter tatsächlich gut.
Sinn für Qualität ist entscheidend, wenn wir lernen wollen genauer hinzusehen.
Auch bei Gewalt. Gerade bei Gewalt.
Eine Rangelei unter Erstklässlern ist kein zwingender Grund, den Schulpsychologen zu bemühen. Haken wir hingegen räuberische Erpressung unter Vierzehnjährigen mit Laubharken ab, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir Serientäter produzieren.
Die Relation muss stimmen, und damit die halbwegs stimmt, müssen wir ansatzweise wissen, worum es geht, ab wann es kriminell, riskant und ernsthaft bedrohlich wird.
Schriftsteller können helfen, diese Relation herzustellen. Doch um das zu tun, sollte ihnen klar sein, worüber sie schreiben. Und warum sie darüber schreiben. Zumindest ansatzweise.
Sonst sind sie wirklich Blinde, die über Farbe fabulieren.
Und das Leben ist bunt.
Manchmal denke ich: Vielleicht sollten wir unsere Kriege auf Leinwände verlegen. Oder auf Bühnen und in Orchester. Kunst kann Leben retten. Wer sich durch Kunst spürt, hat keine Lust mehr zum Schießen und Schlagen.
Krasse Gewalt bleibt für viele abstrakt. Sie begegnen ihr nur auf Flachbildschirmen. Wie sie in der Realität schmeckt, klingt, riecht, erfahren die wenigsten hautnah.
Der offizielle Diskurs hat körperliche Gewalt tabuisiert und wie den Tod aus dem Alltag verbannt, was dazu führt, dass die Grenzen physischer, seelischer und struktureller Gewalt verwischen.
Analogien sind bequem. Doch sie führen zu schrägen Ergebnissen. Das nivelliert Unterschiede, trübt den Blick, verharmlost letztlich immer.
Sicher, auch seelische Grausamkeit führt zu massiven Verletzungen. Sie richtet anderen, mitunter sogar weit größeren Schaden an als Prügel. Aber eine verbale Drohung, egal wie verletzend, ist selten tödlich, unabhängig davon, welchen Grad an Furcht, Erniedrigung und Panik sie auslöst.
Mobbing treibt manche in den Selbstmord. Richtig. Dennoch fällt der Gemobbte unterwegs irgendwann die Entscheidung, sich aus dem Hier und Jetzt zu verabschieden. Er persönlich mag dabei durchaus das Gefühl haben, ihm bleibe keine andere Wahl.
Objektiv hat er sie.
Wer die Wahl hat, ist nicht immer fein raus.
Genügend Opfer von Gewalt legen später Hand an sich, weil sie mit ihrer vermeintlichen Schande nicht leben können, den Anblick ihrer Peiniger nicht mehr ertragen, die Justiz sie in die Wüste schickt und sich die Gemeinschaft von ihnen abwendet.
Trotzdem sind solche psychisch provozierten Morde qualitativ etwas anderes, als würde ein Achtjähriger von seinem betrunkenen Vater blutig geprügelt halbnackt und bei Winter barfuss an eine Scheune genagelt werden.
Der Unterschied besteht im Zusammenwirken der verschiedenen Arten von Gewalt, dem Grad des Ausgeliefertseins des Opfers und der Allmacht des Täters.
Überfallartige Vergewaltigungen bedienen sich dieser "Shock-and-Awe-Taktik", die körperlichen mit seelischen Terror kombiniert, das Opfer mental und physisch unterwirft und immer darauf ausgerichtet ist, es zu brechen.
Was oft genug gelingt.
Mensch kann derlei überleben. Nicht jede/r zerbricht. Aber keine/r, auch nicht die Stärksten, verlassen diese Art Hölle ungezeichnet.
Es gibt Unterschiede. Die mögen bisweilen marginal sein, aber häufiger sind sie es eben nicht, und dann handelt es sich um etwas qualitativ anderes, eine Dimension von "schlimm", die sich Außenstehenden nicht durch Anschauung erschließt. Da sollten sie sich dann besser mit Urteilen und Gleichsetzungen zurückhalten und still an der Gnade ihrer persönlichen Ignoranz erfreuen.
Denn jedes Werten gerät zu einer Verhöhnung der Opfer.
Klar, wir alle neigen dazu, das eigene Erleben ins Zentrum zu rücken. Doch es mindert nicht nur die Fantasie dafür, was andere bewegt, es raubt uns auch den Blick aufs Wesentliche.
Dieselbe Situation stellt sich für zwei Betrachter oft gegensätzlich dar. Sie empfinden, reflektieren und erinnern das Ereignis völlig unterschiedlich – wobei das, was da erinnert wird, meist wesentlich mehr mit dem Erinnernden zu tun hat als dem Ereignis an sich.
Aus dieser Falle gibt es kein Entrinnen. Bestenfalls können wir Erfahrungen abgleichen und uns über unsere jeweilige Wahrnehmung austauschen, womit wir schon mittendrin im Konstruieren einer fiktiven Realität sind, die uns nicht unbedingt der wahren Wirklichkeit annähert.
Erinnerung ist ähnlich dynamisch. In der Regel biegen wir uns das Widerfahrene so lange zurecht, bis wir damit leben können. Wir blenden aus, fügen ein, löschen, verschieben die Akzente. Bis uns das Resultat erträglich scheint. Mentales Photoshopping, wechselnde Variationen in Selbsttäuschung, eine simultane De- und Remontage, die mit der realen Momentaufnahme herzlich wenig zu tun hat.
Deshalb schreibe ich anderen besser nicht vor, wie sie etwas zu sehen haben. Sie sehen es ohnehin anders als ich. Ich kann sie nur einladen, meine Interpretation zur Kenntnis zu nehmen und sie gelegentlich auf die Brüche und Leerstellen in ihrem Konstrukt hinweisen.
So viel zu dem, was ich als Autor vermag und darf.
Denn ein bisschen was von Farbe verstehe ich schon. Ich schreibe zwar Märchen, doch die sind bunt und meine Farben echt.
Sicher, erdachte Realitäten bilden bloß Schemen ab, bieten bestenfalls Annäherungen, geben nie das wieder, was der wirklichen Wirklichkeit entspricht. Jeder, der über Gewalt schreibt, sollte das wissen.
Alles andere wäre angesichts der gnadenlosen Polychromie des Daseins purer Größenwahn. Es geht also auch für Realisten höchstens darum, wie sie scheitern. Die Frage nach dem "ob" braucht sich keiner mehr zu stellen.
Zumindest sehe ich das so. Es ist mein Weg, um mit dem Wahnsinn klarzukommen.
Doch natürlich gehört zu meiner Realität Gewalt. Physisch, roh, so beiläufig, banal und selbstverständlich wie ich sie erlebt habe. Als Opfer, Täter und Zuschauer.
Gewalt als Motto. Als Lebensphilosophie. Als Art in der Welt zu sein. Als Maxime, um mit Macht, Ohnmacht und eigener Endlichkeit zu verfahren.
Ich bin Männern begegnet, die nach meinen Parametern weit jenseits der Schwelle standen: Für die war es völlig normal, anderer Leute Leben auszulöschen. Sie töteten nicht aus Not, sondern weil es ihr Job war. Sie sahen sich als Fachkräfte, und genau das waren sie auch. Fachkräfte killen nicht für den Kick. Sie erfüllen ihren Auftrag und liefern gute Arbeit ab. Sie sind keine kranken Sadisten wie die Typen, die sich erst selbst spüren, wenn sie quälen und töten.
Der ein oder andere von ihnen wirkte gar nicht mal unsympathisch. In Zivilklamotten hätte ich sie einfach nur für eine Gruppe lockerer junger Männer gehalten ,und wäre im Traum nicht darauf gekommen. Aber es war Krieg, und sie trugen Khaki, und sie langweilten sich, und einige von ihnen wollten ihr Englisch üben.
Deshalb.
Keine Ahnung, was diese Burschen heute machen, ob es sie noch gibt oder wie sie nachts schlafen. Die anderen, die ich später traf, waren schon älter und soffen zu viel. Sonst hätten sie kaum darüber gesprochen.
Ich hab sie nicht beneidet.
Sind Soldaten Mörder?
Manche. Alle gewiss nicht. Die Etappenschweine haben keine Chance, abzudrücken, und die vorn schießen meist daneben. Statistisch gesehen. Falsche Frage.
Krieger sind zum Töten da ...
Dazu sind sie ausgebildet.
Fühlen sie sich wie Mörder?
Wie fühlt sich ein Mörder?
Wie fühlst du dich, wenn du an deine Toten denkst?
Ähnliche Gespräche habe ich als junger Mann mit meinem Vater geführt. Er war Jahrgang 1921 und von 1940 bis zu seiner Gefangennahme im Spätherbst 1944 Infanterist der deutschen Wehrmacht. Unter anderen in Nordafrika, Süditalien und Nordfrankreich, an Frontabschnitten, die heftig umkämpft waren.
Eher ein Zufallsüberlebender. Diverse Male verwundet und ausgezeichnet. Bevor ich gemustert wurde, fuhr er mit mir nach Bergen-Belsen und Verdun. Als ich ihm meinen Ausmusterungsbescheid zeigte, weinte er vor Freude.
Nein, es ist nicht derselbe Mann, der den Achtjährigen an die Scheune in der Lüneburger Heide genagelt hat. Aber er war ähnlich beschädigt. Nervös. Unbeherrscht. Panisch. Gewalttätig. Zugleich liebevoll, nachdenklich und klug. Er hätte ein wunderbarer Vater sein können. So war er einer von denen, die nur physisch dem Fleischwolf entkamen und die der Krieg nie losließ.
Bis kurz seinem Tod.
Bei ihm waren es zwei Tage.
Immerhin.
Wer Gewalt gewöhnt ist, denkt anders über Gewalt. Er denkt sie immer mit. Als Option.
Bei Gewaltdarstellungen in Texten merke ich sofort, ob ein Autor weiß, wovon er oder sie spricht. Wenn es echt ist, fesselt es mich. Aber viel öfter, leider auch oft in Kriminalromanen, ist es das nicht und langweilt mich, weil der Erkenntniszuwachs extrem überschaubar bleibt.
Bei Filmen geht es mir ähnlich. Ich mag die alten Streifen der Schwarzen Serie, wo sich auch vieles um Gewalt dreht – als extremer Ausdruck der Krise. Doch diese Filme deuten Exzesse bloß an, statt sie auszubuchstabieren. Sie überlassen die Details der Fantasie der Betrachter, ihrem Erfahrungsrahmen und inneren Dämonen.
Und klar, mitunter muss die explizite Schilderung sein, ist Teil der Katharsis, dramaturgisch notwendig, wesentlicher Erlebnisraum der Akteure oder der Welt der Autoren.
Elem Klimows Komm und sieh ist solch ein Film.
Als ich vor knapp vierzig Jahren Dispatches von Michael Herr las und er mich durch die geschundenen Reisfelder Vietnams mitnahm, dachte ich beim Lesen oft, wie blutleer, armselig und taub muss eine wohlstandssatte Gesellschaft sein, um irgendwelchen armen Bauern, die Tausende von Kilometern entfernt leben und täglich hungrig schlafen gehen, einen Krieg aufzuzwingen, aus dem ihre eigenen Söhne in Plastiksäcken oder als Seelenkrüppel zurückkommen, nur damit sich ein paar von denen, die es unterwegs verschont, hinterher hinsetzen können und über die schärfsten Adrenalinkicks ihres Lebens schreiben? Würde Michael Herr wohl auch so enthusiastisch über das Grauen berichten, wenn es sich nicht in Dak To oder Khe Sanh oder Da Nang entfaltet hätte, sondern in Tenafly, New Jersey und das Napalm nicht irgendwelche Bergdörfer an der Grenze zu Kambodscha niedergewalzt hätte, sondern Suburbiana, USA, den lokalen "A & P", "Seven Eleven" und den "Git ’n Go"?
Ähnliche Gefühle beschleichen mich, wenn ich orgiastischen Gewaltexzessen in fiktiven Texten begegne.
Denn ich fürchte, dass diese Faszination für blutrünstige Brutalität zwar auch und ursächlich mit der politisch korrekten Ächtung von Gewalt zu tun haben mag, aber sich in den Reiz des Verbotenen, den Thrill des Exotischen, Abgründigen, die erotisierenden Lustangst und geile Gier aufs Gruseln noch etwas mengt, das ich für weit weniger harmlos halte.
Es ist der Überdruss am satten Leben, geboren aus der Sterbenslangeweile der gesicherten Existenz – die selbstmörderische Sehnsucht danach, endlich mal wieder die Fesseln zivilisatorischer Konditionierung abzustreifen, archaischen Gelüsten zu frönen, verschärft animalisch zu leben, Adrenalin zu spüren, Schweiß, Schmerz, Blut und körperlichen Triumph zu schmecken.
Wir fühlen uns gefangen in der Routine unserer stumpfen Wohlstandssterilität, die Kreativität auf Konsum und virtuelle Welten beschränkt. Unsere schärfsten Sekunden bestehen aus Sex und Kaufrausch, gewürzt mit einer Prise Drogen und dem, was das Dutzend bester Tage im Jahr all inclusive so hergibt. Und das ist in der Regel mau.
Doch wenn Nacktaffen, sozialisiert in schützenden Käfigen, anfangen, vom Dschungel zu träumen, vergessen sie gern, dass da draußen echte Tiger lauern.
Ich habe nichts gegen Tiger. Aber ich gehe ihnen lieber aus dem Weg. Ich weiß, was Krieg anrichtet, welches Leid er stiftet, und nein, es hat mir keinen Spaß gemacht, die Fliegen auf den Augen wimmernder Kinder zu zählen und ihren Verwesungsgestank zu riechen.
Die Bilder dieser Kinder begleiten mich. Sie werden mich weiter begleiten. Ich bin nicht scharf auf Nachschlag.
Zugleich denke ich, jedes Selbst ist nur ein Maß aller Dinge. Was sich in meinem Kopf abspielt, erklärt nicht, wofür sich mein Nachbar begeistert. Ich habe mir fast die Seele aus dem Leib gesoffen, um bestimmte Eindrücke zu betäuben. Andere gieren verzweifelt danach.
Ich kenne diese Sehnsucht. Sie hat mich damals genau dahin geführt, wo ich gelandet bin, aber für das, was ich von dort mitgebracht habe, musste ich einen Teil von mir zurücklassen.
Man verliert die Unschuld nicht einfach so. Viel öfter wird sie amputiert. Und es gibt erlebnishungrige Idioten, die sie mutwillig wegwerfen.
Alles hat seinen Preis. Früher oder später ist Zahltag. Trotz Plastikkarte und "Easy Credit". Das vergessen wir gern.
Wenn wir als Autoren über Gewalt schreiben, geht es immer um unsere Menschlichkeit. Um unsere eigene und die anderer. Sie mag uns bloß fiktiv scheinen, doch sie ist auch als Fiktion immer sehr real. Denn sie feiert oder kritisiert Realitäten, bestätigt oder zerlegt sie.
Man kann Toten keine Würde andichten. Ihr Leiden ist Geschichte. Einfach nur Leid. Es hat keinen Sinn. Bloß den Sinn, dass irgendwer oder irgendwas irgendwen leiden lässt. Mitunter können wir uns dazu verhalten, indem wir eingreifen. Wenn wir nicht einzugreifen vermögen, so können wir zumindest versuchen, zu identifizieren, was das Leid verursacht und ob es sich künftig eventuell vermeiden lässt.
Jeder gute Text tut das. Die besseren bergen immer auch ein Museum der Utopien, an Haltung, Geist, Wertschätzung dessen, was wir für menschlich erachten. Und sei es als Dystopie.
Darum geht es. Immer wieder. Deshalb ist Ästhetik durchaus eine Frage der Moral, und wir sollten uns gelegentlich fragen, welcher Art Moral wir eigentlich gehorchen wollen.

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