Kürzestkrimi “Walzentod”
+++ Der Kürzestkrimi +++ Walzentod+++ von Michael Kibler +++
Maurice hatte seine Frau mit der Schreibmaschine erschlagen. Mit seiner geliebten, alten „Olympus“. Nicht, dass er mit dem klappernden Ungetüm noch eine Zeile geschrieben hätte. Sie war ein Relikt aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Einem Leben, in dem es Schlägereien mit WG-Kumpanen wegen der Mietschulden gegeben hatte, statt gepflegter Langeweile in der Villa und statt Jaguar, Benz und Jeep gefrorene Daumen am Rande der Landstraße.
Als Maurice Leyla geheiratet hatte, hätte er nie gedacht, dass er eines Tages ihr Leben beenden würde. Auch nur einen Ehevertrag abzuschließen wäre ihm seinerzeit wie ein Sakrileg erschienen. Zumal es damals noch nicht viele Güter zu trennen gegeben hatte. Sie hatte in all den Jahren auch keine weiteren zum Vermögen beigetragen. Die Aufgabenteilung war stets klar: Er verdiente, sie gab aus.
Leyla und ihren Sohn Melvin aus erster Ehe verband einen Hassliebe, die sie jedoch nicht daran hinderte, dessen ständige Spielschulden zu begleichen. Als sie darauf bestanden hatte, dass der Filius wieder in der Villa wohnen würde – mit 27! –war Maurice klar geworden, dass etwas geschehen musste. Denn er wusste nicht, was er zuerst verlieren würde: Den Rest seines Geldes oder seinen Verstand. Todgeweiht waren beide. Zumal Melvin – das Wort „Stiefsohn“ auch nur zu denken erschien ihm geradezu obszön – auf dem besten Weg war, die Sucht nach Karten noch um die Sucht nach Alkohol zu bereichern. Aber immerhin war Melvin feinmotorisch nicht unbegabt. Er hat die Olympus repariert. Für zwei Hunderter.
Vielleicht hatte Melvin sich gewundert, dass Maurice sich während der Reparatur so ausgiebig mit ihm unterhalten hatte. Aber Melvin hatte auch keine Ahnung davon gehabt, dass das ganze Gespräch aufgezeichnet worden war.
Die Wirkung der Tropfen in des jungen Mannes Feierabendbierchen ließ nach. Melvin schien wieder zu erwachen. Maurice griff nach dessen Handy, tippte die 110. Hielt das kleine Diktiergerät an das Mikro. Dann sprach Melvins Stimme abgehakte Worte, am Computer von Maurice zusammengeschnitten aus der aufgezeichneten Unterhaltung: „Meine Mutter – tot. Rosen – Straße – Zehn. Ich war – es.“
Maurice beendete das Gespräch. Verließ die Villa. Setzte sich in den Wagen und fuhr die hundert Kilometer durch die Nacht zurück zum Hotel, in dem der Kongress der Krimischriftsteller tagte. Er ging in sein Zimmer und setzte sich an den Tisch. „Seite 216“ tippte er oben links auf das weiße Blatt Papier seiner IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine. In manchen Dingen war er altmodisch.





Totenstimmung