Anhaltendes Klingeln an der Haustür schreckte Machmud al Muhdi auf, der sich im Wohnzimmer anschickte, seinen Gebetsteppich auszurollen. Ächzend erhob er sich und öffnete die Tür. Noch ehe er sich versah, drängten ihn zwei Polizisten und ein Mann in Zivil in den Flur zurück.      Â
»Sie sind Achmed Muhmad? Ich bin Hauptkommissar Herbert Glatzinski!«
Machmud al Muhdi deutete vielsagend aufs sein Klingelschild und lächelte.     Â
»Grinsen Sie nicht so dämlich! Beantworten Sie meine Frage! Und versuchen Sie erst gar nicht, uns zu belügen«     Â
»Sie brauchen nur zu lesen, was auf dem Klingelschild steht…, nein, ich bin…«     Â
»Sie wollen es ja nicht besser! Ich nehme Sie fest! Sie stehen unter dem dringenden Tatverdacht, am 22. März 1980 in Oberhausen den Polizeiobermeister Erwin Kowalski einen schwulen Rassisten genannt zu haben. Als er Sie zur Rede stellen wollte, sind Sie getürmt. Er hat sie vorgestern auf der Straße wieder erkannt, ist Ihnen gefolgt und hat uns daraufhin alarmiert. Packen Sie ihre Zahnbürste und eine Unterhose zum Wechseln ein, bevor ich Ihnen Ihre Rechte vorlese.«      Â
»Bitte?« Machmud kicherte belustigt. »Im März 1980….? Was soll dieser Unfug? Ich bin gerade mal 20 Jahre alt. Zum Tatzeitpunkt war ich weder geplant, noch geboren! Im übrigen heiße ich nicht Achmed Muhmad sondern Machmud al Muhdi.«      Â
»Wo ist da der Unterschied? Einmal Ausländer – immer Ausländer!«     Â
»Sind sie verrückt geworden? Ich bin Deutscher! Waschechter Oberhausener!«     Â
»Tss..! Haben Sie je in einen Spiegel geschaut!«     Â
»Was reden Sie denn da!«      Â
»Haben Sie oder haben Sie nicht?«     Â
»Natürlich hab ich, aber was soll…!«     Â
»Na also! Dann wissen Sie auch, wie Sie aussehen!«     Â
»Sie haben absolut kein Recht, mich zu beleidigen, nur weil mein Vater aus Libyen stammt!«     Â
»Also, Sie streiten alles ab! Ganz wie sie wollen…..! Hiermit informiere ich Sie über Ihre Rechte und währenddessen halten Sie die Schnauze, capito? Sie haben das Recht, eine Zahnbürste mitzunehmen. Sie können jederzeit auf Ihre Grundrechte zu verzichten und wenn Sie darauf bestehen, selbstverständlich auch auf alle Menschenrechte. Sie dürfen einen Anwalt Ihrer Wahl anrufen, sofern wir Ihnen die Gelegenheit dazu geben. Sie haben das Recht zu schweigen, wenn Sie sich nicht selbst belasten wollen oder sich für unschuldig halten. Sie haben außerdem das Recht, meine Fragen zu beantworten. Haben Sie alles verstanden, Muhmad?«      Â
»Äh…, ja, klar habe ich Sie verstanden, ich bin ja nicht taub. Aber ich heiße Al Muhdi, geht das nicht in Ihren Kopf?«      Â
»Wie auch immer! Ich warne Sie dringend! Unternehmen Sie keinen Fluchtversuch. Leisten Sie keinesfalls einen irgend gearteten Widerstand, weil ich ansonsten gezwungen bin, von der Waffe Gebrauch zu machen. Habe ich mich klar ausgedrückt«      Â
»Sie verhaften den Falschen!«     Â
»Das sagen sie alle.«      Â
»Darf ich vielleicht…?«      Â
»Nein, Sie dürfen nicht! Wir bringen Sie zur JVA und führen Sie dem Haftrichter vor. Also machen Sie kein Theater, ich müsste Ihnen anderenfalls Handschellen anlegen. Wenn Sie nicht spuren, werde ich ohne Vorwarnung von meiner Waffe Gebrauch machen!«      Â
»Sind Sie verrückt geworden…? Und das alles, weil ich angeblich jemanden einen Rassisten genannt haben soll…?«      Â
»Sie geben es also zu, Muhmad?«      Â
»Verdammt, ich heiße Machmud al Muhdi und ich gebe gar nichts zu! Mir wird das ganze zu bunt, ich rufe meinen Rechtsanwalt an!«
Der Kommissar drehte sich zu seinem Kollegen um. »Hast Du es gehört? Dieser Kanake droht mir mit einem Rechtsanwalt!« Dann wandte er sich an den Verdächtigen und brüllte. »Sie sollen, verdammt noch mal, die Klappe halten!«      Â
»Ich kenne meine Rechte! Sie können mich deswegen nicht…« Ein trockener Knall zerriss das Steingartenidyll der Vorstadt. Al Muhdi sank am Gartentor in sich zusammen.Â
Glatzinski beugte sich zu dem reglosen Körper hinab, legte Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader. »Es ist doch immer das Selbe mit diesen verdammten Moslems«, knurrte der Hauptkommissar. »Müller!« schrie er über die Schulter. Der Streifenpolizist im Hintergrund trat mit leichenblasser Miene heran. »Sie bezeugen, dass sich dieser Kanake widersetzt hat.«     Â
»Nun ja Chef, Ich bin nicht ganz sicher…«       Â
»Das war eindeutig verbaler Widerstand. Sagen Sie bloß, Sie hätten das nicht gesehen!«     Â
»Aber er hat doch nur… gesagt…,«     Â
»Nix aber…!«     Â
»….dass er seine Rechte kennt!«     Â
»Müller! Ich warne Sie. Nestbeschmutzer haben wir gar nicht gerne. Das war eindeutig Putativnotwehr!«     Â
»Puta…, was…?«     Â
»Muss ich Ihnen jede verdammte Kleinigkeit erklären? Vereinfacht ausgedrückt heißt das, wenn ich glaube, mein Leben ist bedroht, darf ich von der Waffe Gebrauch machen! Dieser Islamist hätte mich garantiert jeden Moment angefallen, wenn ich mich nicht rechtzeitig gewehrt hätte. Darauf können Sie einen lassen!«Â
Stunden später beim Staatsanwalt:Â Â Â Â Â Â Â
»Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass sie an der falschen Tür geklingelt haben, Glatzinski?«     Â
»In dieser Straße wohnen ausschließlich Islamisten und subversives Gesindel, Herr Staatsanwalt. Sie wissen schon! Drücken sich in Moscheen herum und beschäftigen sich mit konspirativem Beten!«
»Der Mann, den sie erschossen haben hieß Machmud al Muhdi! Sie sollten einen Muhmad festnehmen. Und auch nur dann, wenn er nicht freiwillig mitgekommen wäre!«      Â
»Nicht, weil er den Kollegen als schwules Rassistenschwein beschimpft hat? Alle auf der Wache wissen: Erwin ist nicht schwul und war es auch nie! Die Beleidigung von damals hat ihn völlig traumatisiert. Laufen Sie mal jahrelang mit zusammengekniffenem Arsch durch die Stadt. Wegen dieser Behauptung waren die warmen Brüder der ganzen Umgebung hinter Kowalski her.«      Â
»Ich weiß, ich weiß,« murmelte der Staatsanwalt mitfühlend. »Ein schlimmes Los! Trotzdem Glatzinski…! Sie hätten sich vorher den Ausweis zeigen lassen sollen, bevor Sie…«     Â
»Weshalb? Is’ doch einer wie der andere. Bombenleger, Terroristen und Sozialschmarotzer übelster Sorte. Die kriegen Mietbeihilfe, Kleidergeld und Fahrgeldersatz. Und? Was machen Sie mit der Kohle? Sie kaufen sich Kalaschnikows und Panzerfäuste.«     Â
»Mag ja alles richtig sein, Glatzinski…«
Der Kommissar blickte den Staatsanwalt mit bösen Augen an. »In den USA wäre ein solch subversives Gesindel längst in Guantanamo!«
»Da muss ich Ihnen leider Recht geben«, erwiderte der Staatsanwalt. »Immerhin hat sich dieser Machmud al Muhdi verbal gewehrt, wie Sie sagen.«     Â
»Genau! Müller kann es bestätigen. Ich konnte gerade noch rechtzeitig abdrücken.«      Â
»Gut!«, erwiderte der Staatsanwalt mit versöhnlichem Unterton. »Fertigen Sie einen Bericht. Aber lassen Sie sich eines gesagt sein, Glatzinski…, noch so ein Lapsus, und es sind 20 Euro für die Kaffeekasse fällig.«Â





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