Im Winter der Löwen

Im Winter der Löwen
von Jan Costin Wagner

Eichborn
ISBN 978-3821807584
Preis 17,95 €

Einer bricht die Regeln im Spiel der Medien mit Leben und Tod

Atemberaubend, verstörend, brisant: der neue Kimmo-Joentaa-Roman von Jan Costin Wagner, dem »Hohepriester der Kälte« (Die Welt) und »Meister der Spannung« (Brigitte).
Wie jedes Jahr seit dem Tod seiner Frau rüstet sich Kimmo Joentaa für die Einsamkeit der finnischen Weihnachtstage mit einem Glas Milch und einer Flasche Wodka. Aber es kommt anders. Erst steht Larissa vor der Tür, eine schmale, strohblonde Prostituierte, die sich kurzerhand bei ihm einquartiert und auch sonst genau weiß, was sie will. Dann wird ein langjähriger Kollege, ein Gerichtsmediziner, erstochen aufgefunden. Als wenig später Finnlands berühmtester Talkmaster, Kai-Petteri Hämäläinen, einem Anschlag nur knapp entkommt, stoßen die Ermittler auf eine rätselhafte Verbindung: Der Gerichtsmediziner war einige Wochen vor seinem Tod Gast in Hämäläinens Show. Kimmo Joentaa beginnt, über die verschiedenen Gesichter des Todes nachzudenken. Und über die Frage, warum eine Talkshow, die für das Millionenpublikum an den Bildschirmen nichts weiter war als gute Unterhaltung, in einem Zuschauer die Wut auslöst, die ihn zum Mörder macht. Der Moderator plant unterdessen medienwirksam seine Rückkehr auf die große Bühne — und der Täter lauert auf seine zweite Chance …
                  
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Jan Costin Wagner,

geboren 1972, lebt als freier Autor im Rhein-Main-Gebiet und streckenweise in Finnland, dem Heimatland seiner Frau. Sein Debütroman „Nachtfahrt“ wurde im Jahr 2002 mit dem „Marlowe“ der Raymond-Chandler-Gesellschaft ausgezeichnet. Für seinen zweiten Roman „Eismond“ erhielt Wagner 2003 das Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin sowie 2004 den Hans-Erich-Nossack-Förderpreis. Wagners Romane erscheinen bislang in zwölf Sprachen, „Eismond“ wurde in die Krimi-Bibliothek des „Stern“ aufgenommen.
              
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Drei Fragen an Jan Costin Wagner

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
Wann ich den ersten Geldtransporter gesprengt habe, weiß ich nicht mehr, meinen ersten Roman habe ich um die Jahrtausendwende geschrieben.
             
Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto?
Mit oder ohne Grünpflanzendiebstahl?
               
Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Ich fürchte, nichts.
               
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Pressestimmen

“Joentaa ermittelt von Weihnachten bis Neujahr. Das Lesen geht schneller, was der Spannung, gepaart mit origineller Fensehkritik, gedankt ist.”
(TV Today/TV Spielfilm, 11. Dezember 2009)

“Feinfühlig, kritisch und mit Sogwirkung!”
(Elle, 3/2009)

“Jan Costin Wagner zeigt … wie aus kleinen Gesten große Tragödien, aus verletzten Menschen Mörder werden. Großartig!”
(Freundin, 2/2009)

“Auf maximale Spannung reduziert … Mankell und Co. müssen sich warm anziehen.”
(Tobias Becker, Spiegel Online, 30. März 2009)

“Man könnte es in frohgemuter Übertreibung einmal so sagen: Die besten Krimis aus Skandinavien schreibt ein Deutscher, nämlich Jan Costin Wagner … Sie alle sind eine Mischung aus schönen Charakterstudien und Kriminalfall, aus psychologischem Roman und Nordland-Krimi … Und ohne Übertreibung lässt sich sagen: So gut wie ein Wallander-Krimi ist ?Im Winter der Löwen? allemal.”
(Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 12. Februar 2009)

“Es wird, so viel sei verraten, ein packendes Endspiel, das Wagner in äußerster Verknappung der Erzählmittel imposant und souverän inszeniert. Zugleich ist es ein moralisch integres und zeitgemäßes Lehrstück über die Frage, ob der Mensch überhaupt zu anderem und Besserem fähig ist, als der Wolf des Menschen zu sein.”
(Hendrik Werner, Die Welt, 2. März 2009)

“Niemand schreibt in Deutschland bessere Krimis als Jan Costin Wagner.”
(Carsten Schrader, U-mag, 2/2009)

“Wagner erzählt in der ihm eigenen behutsamen und nuancenreichen Sprache, die den Lesern nicht nur die Psyche seiner Figuren nahebringt, sondern auch die Schönheit Finnlands.”
(Alexander U. Martens, Focus, 9. Februar 2009)
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Leseprobe

Kimmo Joentaa hatte vorgehabt, den Weihnachtsabend allein zu verbringen, aber es kam anders. Er hatte sich frühzeitig für den 24. Dezember, wie in den Jahren zuvor, zum Dienst eingetragen und verbrachte den Tag im stillen, ausgestorben wirkenden Polizeigebäude.
Sundström weilte im Ski-Urlaub, Grönholm in Erfüllung eines lange gehegten Traumes in der Karibik, und Tuomas Heinonen ging gegen Nachmittag, um den Weihnachtsbaum zu schmücken und für die Familie die Kluft des Weihnachtsmannes überzustreifen. Er würde erreichbar sein im Falle eines Einsatzes, aber es gab keinen.

Joentaa erledigte Schreibarbeiten, die auch hätten warten können. Im Radio lief weihnachtliche Musik. Violine, Klavier und die klaren hohen Stimmen eines Kinderchores. Anschließend klärte ihn ein Philosoph und Theologe in sachlichem Ton darüber auf, dass Jesus
Christus im Sommer geboren worden war. Joentaa hielt kurz inne und versuchte, sich auf die Stimme im Radio zu konzentrieren, aber es lief schon wieder Musik, eine Art Weihnachts-Rap. Er runzelte die Stirn und wendete sich wieder dem Blatt Papier zu, das vor ihm lag.
Am frühen Abend schlenderte er durch die weite Halle in die Cafeteria, die im Dunkel lag. Licht spendete nur der rot und golden geschmückte Baum, der neben dem Getränkeautomaten stand.

Jenseits der Scheiben schneite es. Joentaa setzte sich an einen der Tische. In einer Schale lagen Kekse. Sterne aus Teig. Joentaa nahm sich einen, schmeckte den Ahornsirup auf der Zunge, roch den Duft der Tannennadeln und sah im Eingangsbereich neben dem Empfang eine Frau stehen, die ihm merkwürdig erschien. Sie stand reglos. Joentaa wartete eine Weile, aber die Frau rührte sich nicht und schien sich nicht darüber zu wundern, dass der Empfang nicht besetzt war. Ebenso wenig störte sie sich daran, dass die uniformierten Polizisten,
die ab und zu vorübereilten, nicht auf die Idee kamen, sie nach ihrem Anliegen zu fragen.
Die Frau betrachtete den Schneefall hinter dem Glas. Sie war klein und schmal, etwa Mitte zwanzig. Sie hatte lange, strohblonde Haare und kaute an einem Kaugummi. Sie stand unvermindert reglos, während Joentaa auf sie zuging, und auch, als er vor ihr stand und ihren Blick suchte. “Entschuldigung?”, sagte er. Die junge Frau wandte sich von den Fenstern ab. Ihre Wangen waren gerötet und geschwollen. “Kann ich … alles in Ordnung?”, fragte Joentaa. “Vergewaltigung”, sagte die Frau. “Das …” “Ich bin vergewaltigt worden und möchte das zur
Anzeige bringen, du Idiot.” “Entschuldigung. Kann ich … lassen Sie uns erst mal in mein Büro gehen …” “Ari Pekka Sorajärvi”, sagte die Frau. “Lassen Sie uns …” “So heißt der Mann, den ich anzeigen möchte.” “Kommen Sie”, sagte Joentaa und versuchte, voranzugehen, aber die Frau rührte sich nicht. Ihre Stimme klang sanft, als sie sagte: “Ich würde gerne bald nach Hause gehen. Können Sie nicht alles
hier notieren?” “Nein … das geht leider nicht … eigentlich müssten das ohnehin Kollegen von mir machen … ich könnte Ihre Aussage aufnehmen und dann weiterleiten, aber ich muss sie in jedem Fall in den Computer eingeben.” Sie schien kurz zu zögern, dann folgte sie ihm zum Aufzug. Im dritten Stock brannte schwaches Neonlicht. Aus einem Büro drang meckerndes Lachen. “Gruselig hier”, sagte sie.
“Einige Lampen sind kaputt, sonst ist es heller”, sagte Joentaa. “So, so”, sagte die Frau und schien zu lächeln. Joentaa war sich nicht sicher. “Waren Sie … im Krankenhaus?”, fragte Joentaa. “Im Krankenhaus?” “Ja …”, sagte Joentaa. “Halb so wild”, sagte sie. “Ich … könnte Sie später hinfahren”, sagte Joentaa. “Es ist … möglicherweise könnten auch noch … Spuren sichergestellt werden, die in einem späteren Verfahren wichtig …” “Sie sollen einfach den Scheiß in den Computer tippen, und dann gehe ich nach Hause.” “Entschuldigung.”
“Sie müssen sich nicht für alles und jedes entschuldigen.” Joentaa nickte und führte sie in sein Büro. Der Computerbildschirm flimmerte. Die rote Kirche von Lenganiemi, hinter der Sanna begraben lag.
Hinter den Fenstern war die Welt dunkel und weiß. Die Frau sah ihn abwartend an. “Entschuldigung. Setzen Sie sich doch”, sagte Joentaa.
“Könnten Sie bitte aufhören, sich für alles und jedes zu entschuldigen?”

* * *

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