Die Insel der Witwen
Die Insel der Witwenvon Dagmar Fohl
Gmeiner
ISBN 978-3839210703
Preis 12,90 €
Inselliebe
Taldsum, eine Insel im friesischen Wattenmeer, Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Leben der Bewohner ist geprägt von der Seefahrt, dem Tod und bitterer Armut. Als ein Leuchtturm auf dem Eiland errichtet werden soll, schlagen die Wogen der Empörung hoch. Auch die junge Seemannswitwe Keike Tedsen, die wie viele Frauen von der Strandräuberei lebt, fürchtet um ihr karges Auskommen. Dann aber verliebt sie sich in den Hamburger Ingenieur Andreas Hartmann, der mit dem Leuchtturmbau beauftragt ist. Es ist eine schicksalhafte Liebe, die das Leben der beiden für immer verändern soll …
Spannend, aufwühlend, gefühlvoll. Dagmar Fohl erzählt eine der wohl ungewöhnlichsten Liebesgeschichten, die die Frage nach dem Sinn und Irrsinn des Lebens stellt. Ein wunderbarer Roman!
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Dagmar Fohl,
Jahrgang 1958, lebt im Osten Hamburgs. Sie studierte Geschichte und Romanistik. Sie hat eine Gesangs- und Sprechstimmausbildung und viel Bühnen- und Leseerfahrung. Sie gab Lieder- und Chansonabende, leitete Chöre und Seminare für Gesang und Sprechstimme im In- und Ausland. Seit einiger Zeit widmet sie sich ausschließlich der Literatur. Im Literaturhaus Hamburg wurde sie 2008 als Besten-Debütantin ausgewählt und las ihre Texte. Ihr historischer Debüt-Roman “Das Mädchen und sein Henker” ist ihr erster Kriminalroman.
http://www.lkmcorp.com/autorenprofile/fohldagmar.php
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Drei Fragen an Dagmar Fohl
Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden?
Ich habe mich für ein Leben gegen das Verbrechen entschieden! Über
Verbrechen zu schreiben, hilft mir, Ursachen der Gewalt zu ergründen.
Das ist die einzige Möglichkeit, ihrer habhaft zu werden.
Was ist Ihre Lieblingstatwaffe?
Der Bleistift.
Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Ich kann Karate.
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Leseprobe
…
Keike lief ins Dorf zurück. Zu Stine und Medje hinüber. Stine war eine Witwe, deren Mann noch am Leben war. Oder auch nicht. Seit sieben Jahren wartete sie auf seine Rückkehr. Medje hatte fünf Kinder und drei Männer. Es blieben ihr zwei Kinder. Stine lebte mit ihrer Mutter in der Nachbarkate, Medje schräg gegenüber. Stine und Medje waren ihre besten Freundinnen. Die Not schweißte sie zusammen. Sie lebten vom Armenpfennig, von ihrer Arbeit, von Strandgut. Von einem Fass Rinderschmalz, das sie geborgen hatten, oder von Baumwolltuch, aus dem sie Kleidung nähten. Sie lebten von Schiffsplanken, von Weinfässern, Früchten … irgendetwas fand sich immer am Strand.
„Kommt zur Möwendüne“, sagte Keike. „Ich gehe vor.“
In der Dämmerung schlich sie sich aus dem Haus, erreichte ihr Versteck in den Dünen. Sie hatte es dort eingerichtet, wo viele sich nicht hintrauten, im Geisterdünental, wo alle Gespenster vermuteten und sogar gesehen hatten. Aber Keike fürchtete sich mehr vor dem Strandvogt als vor Gespenstern. In ihrem Versteck lag nicht nur die Beute, sondern auch die Männerkleidung. Nicht die von ihren Ehemännern, womöglich erkannte sie jemand. Es waren Kleidungsstücke, die sie von angespülten Leichen abgestreift hatten. Keike schlüpfte in die braune Hose, blaue Jacke und in die Stiefel. Die Zehenkappen hatte sie mit Moos ausgestopft, damit ihre Füße Halt fanden. Keike schob ihr Haar unter die blaue Mütze, zog die Kappe tief in die Stirn hinein, band ein Tuch vor Mund und Nase. Sie stapfte Richtung Meer, erklomm eine Düne nach der anderen, stemmte ihren Körper gegen die Böen, die ihr immer heftiger entgegenschlugen. Sie saugte die nach Algen und Salz riechende Luft ein. Die Ohrfeigen, die der Wind ihr ins Gesicht peitschte, störten sie nicht. In solchen Nächten vergaß sie ihr ganzes Elend. In solchen Nächten wusste sie, dass sie die Insel niemals verlassen konnte, auch wenn sie ihren Töchtern wünschte, dass es ihnen gelänge, von hier fortzukommen. Ich werde ihnen verbieten, Seemänner zu heiraten, dachte sie. Seemänner starben auf Walfängern, Fischerbooten, Handelschiffen, sie wurden vermisst, erfroren oder verunglückten. Sie ertranken oder wurden ermordet. Eines Tages erwischte es jeden. Und zurück blieben die Witwen. Junge und alte Frauen. Mit einer Schar von Kindern. In ihrer Not schickten sie ihre zwölfjährigen Söhne als Schiffsjungen auf See, nur um ein paar Taler mehr zu haben. Aber meist sahen sie auch die Söhne nicht wieder.
Eine Böe. Sie schleuderte Keike zurück, ließ sie taumeln. Sie schwankte, kämpfte sich weiter voran. Gott hatte ihr die Kraft eines Bären geschenkt. Sie würde die Töchter und sich durchbringen. Sie konnte das tragen, was die jungen Kerle in ihren besten Jahren liegen lassen mussten. Zusammen mit Stine und Medje konnte sie nicht nur große Planken heben, sondern sogar schwere Fässer die Dünen hinauf rollen.
Keike presste ihr Tuch fester an Mund und Nase. Es war erst Ende September, kein Vergleich zu den Winternächten am Strand. Dennoch fröstelte sie. Sie kauerte sich zusammen, spähte aufs Wasser. Oft war sie die Erste, die eine Strandung erahnte. Sie verstand es, viele Zeichen zu deuten, um zu erkennen, wann Strandgut in Aussicht stand. Manchmal gelang es, dass sie die Ersten waren und vor den anderen sammelten, was sie schleppen konnten.
Stine und Medje kamen. Medje trug einen Fischerkorb auf dem Rücken. Für Kleinigkeiten, die an den Strand gespült wurden. Sie setzten sich. Keike wurde wärmer. Die Wolken gaben den Mond frei. Sie beobachteten das Meer, saßen und starrten auf die brodelnde See. Schweigen. Das Heulen des Windes pfiff in ihre Ohren, mischte sich mit dem Grollen und Brausen der aufgewühlten See.
Stine sprang auf.
„Da! Ein Ewer. Er kämpft mit den Wellen.“
Stumm verfolgten sie die Bewegungen des Seglers. Das Schiff krängte gefährlich. Schemenhaft sahen sie Seeleute, die Ballast abwarfen. Sie versuchten alles, um nicht auf die Sände getrieben zu werden. Keike erkannte an der Lage des Ewers, dass das Schiff verloren war.
Eine riesige Welle erfasste den Schiffsrumpf. Sie hörte es bersten und krachen. Das Schiff war auseinandergebrochen. Ein eigentümliches Gefühl erfasste Keike. Sie kannte dieses Gefühl. Immer wieder überkam es sie. Bei jeder Strandung. In die Erleichterung über neues Strandgut, dass sie mit ihren Töchtern überleben ließ, mischte sich der Gedanke an all die Männer, die ihr Leben lassen mussten.
Die ersten Gegenstände tanzten auf dem Wasser. Die Frauen blickten sich um. Es war niemand zu sehen. Sie liefen die Düne hinunter zum Meeresufer. Ein paar Holzplanken strandeten. Auch Fässer schwammen heran. Sie machten sich daran, die Güter so schnell wie möglich beiseitezuschaffen, holten ein paar Planken aus der Gischt. Sie brauchten immer Holz. Es gab keinen einzigen Baum auf der Insel. Keike zog an einem großen Brett, schleppte es ans Ufer. Als sie wieder ins Wasser zurückwatete, entdeckte sie einen Seemann, der sich durch die hoch gehende See zum Strand hin kämpfte. Der Mann schleppte sich immer weiter in ihre Richtung. Er kroch bis vor die Füße der Frauen. Das Wasser um ihn herum war rot gefärbt. Eine tiefe Wunde spaltete seinen Rücken. Er hob seinen Arm, seine Lippen bewegten sich stumm. Ein kurzer Blick genügte. Jede ergriff ein Stück angeschwemmtes Wrackholz. Mit vereinten Kräften schlugen sie auf den Mann ein. Schwarze Wolken schoben sich über den Mond. Sie packten den Seemann und schleppten ihn in ein Dünental. Sie zogen ihm die Stiefel aus. Die Hose war auch brauchbar. Sie gruben eine Mulde, verscharrten den Körper im Sand. Dann nahmen sie ihr Strandgut und verschwanden im nächtlichen Herzen der Insel. Schwarz war die Dunkelheit der Dünen. Ihre Fußstapfen vom Winde verweht.
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Mord unter Segeln