Der Bajazzo

Der Bajazzo
von Regula Venske

Suhrkamp
ISBN 978-3518461174
Preis 7,95 €

Hobbydetektive im besten Alter

Damals, im eingeschneiten Ferienhaus, war es eher eine Schnapsidee: Auf unsere alten Tage, in dreißig Jahren, wenn alle anderen so richtig spießig werden, ziehen wir zusammen in eine Wohngemeinschaft. Und genau so ist es gekommen: Die WG ist ein idyllisches Wasserschloss, und aus den Studienfreunden um Winnie und Frieder sind Best Ager geworden. Die bekanntlich abenteuerlustig sind. Und so kommt auch niemand auf die Idee, die Polizei zu rufen, als im Heizkeller die mumifizierte Leiche eines einst berühmten Opernsängers gefunden wird, der vor Jahrzehnten bei einer Karnevalsparty im Schloss spurlos verschwunden ist. Der Verdacht fällt ausgerechnet auf die entzückende alte Thusi, die aus alten Zeiten ein Wohnrecht hat und auch in der Nacht anwesend war, als der Bajazzo verschwand …
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Regula Venske,
geb. 1955, Dr. phil., lebt als freie Schriftstellerin in Hamburg und ist Mitglied im Syndikat, in der Hamburger Autorenvereinigung und im P.E.N. Ihre Romane und Erzählungen wurden u. a. mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis, dem Hamburger Literaturpreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr erster Krimi „Schief gewickelt“ für den Friedrich-Glauser-Preis und ihr Kurzgeschichtenband „Herzschlag auf Maiglöckchensauce“ für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert. Für ihr Kinderbuch „Lale und der goldene Brief“ erhielt sie 2003 das „Struwwelpippi“- Stipendium des Centre National de Littérature, des Ministère de la Culture und der Stadt Echternach, Luxemburg.

http://www.regulavenske.de
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Drei Fragen an Regula Venske

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
Als ich vier Jahre alt war, erklärte mir mein Spielfreund (der mit dem zugeklebten Auge auf der Brille) am Sandkastenrand, er könne mich leider doch nicht heiraten, denn ich hätte eine schwarze Seele; sprich, ich war verdammt evangelisch im streng katholischen Münster. Bis dahin hatte ich über meine Seele nicht groß nachgedacht, nun galt es sogleich, sich mit einer schwarzen abzufinden – ich fürchte, dass mit diesem frühkindlichen Trauma alles begann. – Vielleicht ist es eine späte Form der Rache, dass meine neue Krimiserie im Münsterland spielt
Wie viele Verbrechen gehen auf ihr Konto?
Tja, im Laufe eines Krimiautorenlebens läppert sich natürlich so einiges zusammen, da werden unangenehme Zeitgenossen ratzfatz erschossen, erstochen, erdrosselt, vergiftet, erwürgt, auch mal jemandem eine Klobürste in die Kehle gerammt und nebenbei die eine oder andere Bank überfallen – zähle, wer mag! Mehr als die Quantität interessiert mich die Qualität meines Schreibens.
Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Im wahren Leben bin ich, wie viele meiner Kollegen auch, lammfromm, bisweilen gar hasenfüßig. Meine Strafmandate für falsches Parken kann ich fast noch an einer Hand abzählen, die für zu schnelles Fahren auf der Autobahn auch. Und ein vor zwei Jahren versehentlich aus einem Hotel mitgenommenes Saunatuch habe ich in der Woche drauf retourniert …
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Pressestimmen

Regula Venske schreibt, wie andere lächeln. Da ist immer ein Charme in ihrem Schreiben, manchmal ein schelmischer Hintergedanke, manchmal ein lüsterner Blick auf das Verborgene in uns, manchmal eine Note von Wehmut und immer jene empathische Offenheit, die uns keine andere Wahl lässt als selbst zu lächeln. Mit ihren Büchern altern wir langsamer, auch wenn sie, wie jetzt in ihrem neuen Roman, über eine Gruppe ziemlich durchtriebener Gruftis schreibt. Und weil daraus eine ganze Romanreihe werden soll, ist unsere Zukunft gesichert.
Friedrich Ani
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Leseprobe

Sein hoher spitzer Filzhut war ihm nach und nach, als sein Kopf allmählich immer kleiner und schrumpeliger wurde, über die Augen gerutscht. Das ehemals mehlig weiß geschminkte Gesicht hatte sich zwar im Laufe der Zeit braun verfärbt, doch hielt es sich erstaunlich gut. Jeder, der ihn gekannt hatte, hätte ihn immer noch ohne Mühe erkennen können. Aber niemand kam, um das zu bewundern. Und es kam auch niemand, um darüber zu staunen, dass seine Haut nun wie gegerbtes Leder aussah. Von den Elevinnen, die ihn einst angehimmelt hatten, hätte ihn jetzt keine mehr auf den Mund küssen mögen. Überdies hatte der Zeitgenosse, der ihn hierher verbracht hatte, ihm zum Abschied eine Tröte in denselben gerammt, ein billiges Karnevalsutensil, das sich zu einer obszönen Zunge ausrollte, wenn man hineinpustete. Da er aber weder hineinblasen noch die Tröte hatte ausspucken können, hatten sich die Lippen des Bajazzos immer fester darum verschlossen, ganz eingewachsen in seinen Mund war sie inzwischen, aber das störte ihn nicht, er wollte ja nicht mehr singen. Er trat nicht mehr auf. Und er brauchte auch keine Luft mehr zum Atmen. Kein Maskenbildner, keine Maskenbildnerin hätte sich noch zugetraut, ihm für das Finale das passende Rouge aufzulegen.
La commedia è finita – ja, die Komödie war aus.
Und doch, es musste noch einen letzten großen Auftritt geben. Bis es so weit war, harrte der Bajazzo hier aus und wurde leichter und leichter. Ein junges Mädchen hätte ihn ganz allein forttragen können. Aber noch kam keine vorbei, die sich seiner erbarmte.

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