Den Regen lieben
Den Regen liebenvon Sascha Pranschke
Allitera
ISBN 978-3869060422
Preis 9,90 €
Familiengeheimnisse
Am liebsten wäre Clara am kleinsten Bahnhof der Strecke gar nicht erst ausgestiegen. Das Leben der Menschen ihres Geburtsortes ist ihr verhasst. Als jedoch Claras Vater stirbt, beginnt für die Siebzehnjährige ein langer, trockener Sommer bei ihren skurrilen Verwandten.
Warum ihre stumme Tante nachts durchs Haus schleicht, was ihr Onkel hinter seinen Maulwurfsaugen verbirgt, welche Rätsel sich in den Gemälden ihres Vaters verbergen, sind nur einige der Geheimnisse, die Clara aufspürt. Was ihr schnell klar wird: Sie möchte ihre Verwandten leiden sehen. Einzig ihrem zurückgebliebenen Cousin Hannes schenkt sie ein wenig Vertrauen.
Noch ahnt Clara nicht, dass Hannes sowohl zum Helden als auch zur tragischen Schlüsselfigur dieses verhängnisvollen Sommers wird. Im Affekt begeht Hannes ein Verbrechen, und Clara hilft ihm, die Spuren zu verwischen. Als sie jedoch einem ermittelnden Polizisten in die Hände fällt, eskaliert die Situation.
…………………………………………………………………………………………………………………………………………………………..
Sascha Pranschke,
wurde 1974 in Hannover geboren. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, lebte anschließend in Straßburg und Köln und arbeitete als Journalist und Texter. Seit 2006 wohnt er in Dortmund und unterrichtet Kreatives Schreiben. Über sein 2007 erschienenes Romandebüt “Veits Tanz” urteilte die Presse, das Buch sei “voller Spannung, wilden Beziehungsgeflechten, sprachlich schönen Bildern und reich an Humor” (Christine Wagner, Ruhr Nachrichten).
http://www.pranschke-schreibt.com
…………………………………………………………………………………………………………………………………………………………..
Drei Fragen an Sascha Pranschke
Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
2004 gewann ich innerhalb einer Woche zwei Krimipreise mit den beiden einzigen Kurzkrimis, die ich bis dahin geschrieben hatte. Vorher hatte ich mit meinen Geschichten noch nie etwas gewonnen. Also war es nur natürlich, mich zu fragen, ob ich vielleicht ein Krimiautor sei. 2007 erschien dann mein erster Kriminalroman „Veits Tanz“.
Wie viele Verbrechen gehen auf ihr Konto?
Ich zähle sie nicht. Auch in vielen meiner Geschichten, die eigentlich keine Krimis sind, spielen Verbrechen eine wichtige Rolle. Schon in der ersten meiner Erzählungen, die veröffentlicht wurde, bringt ein Geschwisterpaar seine Eltern um („Hinter Glas“, 2001).
Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Ich schreibe die Geschichten, die ich selbst gern lesen möchte.
…………………………………………………………………………………………………………………………………………………………..
Leseprobe
Ich werde seine Leiche nicht mehr sehen. „Die Hitze …“, sagt Onkel Schorsch. Ich tue, als verstünde ich, warum alles so schnell gehen muss. Ich denke an die achtfache Geschwindigkeit der Verwesung über der Erde. Am nächsten Tag, bei der Beerdigung, sehe ich nur noch das dunkle Holz. Darunter liegt er angeblich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glauben soll. Sie können mir doch erzählen, was sie wollen. Ich kann den Sarg schließlich nicht öffnen. Vielleicht ist er einfach abgehauen. Vielleicht wollen sie mir nur nicht erzählen, dass er mich nun endgültig allein lässt. Darüber denke ich nach, als wir dem offenen Mercedes-Kombi folgen. Von der offenen Kapellentür zum offenen Grab. Das ist die weiteste Öffnung von allen: Ein ganzes Leben passt dort hinein.
Wir stehen am Rand der Grube. Der Pastor murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Doch es klingt schön, weil er so ruhig spricht. Währenddessen lassen sechs Gestalten in Schwarz den Sarg an dicken Tauen hinunter. Zwei von ihnen sind mein Onkel und mein Cousin. Onkel Schorsch hat darauf bestanden, „mit anzupacken“. Heute trägt er sogar ein Jackett. Ich sehe den Schweiß auf seiner Stirn glänzen. In einem Punkt hat er recht gehabt: Die Hitze ist unerträglich. Ich wünschte, es würde regnen. Alle anderen sehnen sicher das Ende der Zeremonie herbei.
Viele sind nicht gekommen. Mein Vater verließ den Hof kaum und pflegte keine Bekanntschaften. Die wenigen vertrauten Gesichter gehören Arbeitern vom Hof. Hinter den drei oder vier unbekannten vermute ich Käufer seiner Bilder. Allen läuft der Schweiß in die Kragen. Sie können ihn nicht abwischen, denn man muss die Hände gefaltet halten. Ich freue mich über diese Tortur. Zwar schwitze ich selbst, doch ich finde, diese Leute schulden meinem Vater etwas. Vielleicht ist das ungerecht. Vielleicht haben sie nie ein böses Wort über ihn verloren. Vielleicht haben sie ihn sogar geschätzt. Doch das ist mir egal. Jemand muss bezahlen. Ich weiß nicht wer, ich weiß nicht was und ich weiß nicht wofür. Nur, dass es sein muss.
Die Stimme des Pastors senkt sich. Er kommt zum Ende. Die Tauenden in den Händen der Männer werden immer kürzer. Gleich wird der Sarg auf zwei Balken aufsetzen. Dort unten gelangt die stechende Sonne nicht hin. Mein Vater allein hat es heute kühl. Ich gönne es ihm, er sollte es genießen. Ich frage mich, wie lange er ungestört bleiben wird. Wie lange benötigen Ameisen, Speckkäfer und Fadenwürmer, um durch das Eichenholz zu ihm zu gelangen? Wie weit ist die Arbeit von Bakterien und Pilzen bereits jetzt fortgeschritten? Ich habe gelernt: Man nennt sie Reduzenten, Zersetzer. Ich erinnere mich gut an die Biologiestunde, in der wir über sie sprachen. Man unterscheidet Mineralisierer und Abfallfresser. Sie verwandeln meinen Vater in Wasser, Kohlenstoffdioxid und Mineralstoffe. Mehr bleibt nicht übrig.
Der Pastor klappt sein Gebetbuch zu. Die Männer ziehen die Taue aus der Grube. Hannes gerät dabei ins Stolpern. Sein rechter Fuß rutscht von der Matte aus Kunstrasen, die das Loch umrandet. Hannes kippt über die Kante. Ein gemeinsames Einsaugen von Luft durch Zahnreihen ist zu hören. Im letzten Moment fängt Onkel Schorsch seinen Sohn von der anderen Seite ab. Für einen Augenblick lehnen sie über dem Grab aneinander. Die anderen Sargträger stehen rat- und hilflos daneben. Jemand murmelt ein Gebet. Der Pastor streckt seine Hand nach ihnen aus. Doch er steht zu weit entfernt, um sie zu erreichen. Ich sehe, wie Tante Hellas Lippen sich schnell bewegen, als stammelte auch sie ein Gebet. Ich sehe, wie Hilke die Hände vors Gesicht schlägt.
Mit einem Stoß der Handflächen vor die Brust des anderen trennen sich Vater und Sohn. Eine Sekunde später stehen beide wieder sicher auf den Kunstrasenmatten, jeder auf seiner Seite. Hilke nimmt die Hände herunter. Tante Hellas Lippen beruhigen sich. Niemand verliert ein Wort.
Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Gleichzeitig bin ich enttäuscht. Ich wünschte, einer der beiden wäre gefallen. Oder besser noch beide zusammen. Darüber würde niemand schweigen, außer Tante Hella und vielleicht dem Pastor. Es wäre der Dorfklatsch des Jahres: wie der schwachköpfige Hannes mit seinem Vater ins offene Grab gefallen ist! Noch Jahre später würde man darüber lachen. Für Hannes wäre es nicht so schlimm, der wird ohnehin bei jeder Gelegenheit gehänselt. Onkel Schorsch aber müsste sich die Geschichte bis an sein Lebensende anhören.
Ich male mir aus, wie die ganze Familie nicht mehr nach Fleetstedt fahren kann. Denn beim Gedanken an den Sturz ins Grab stiehlt sich ein Grinsen in jedes Gesicht. Und in diesem Augenblick begreife ich, was ich von ihnen, von meiner Familie will: Sie sollen leiden.
Sie sollen leiden, wie mein Vater sein Leben lang gelitten hat. Ich weiß nicht, warum er gelitten hat. Ich weiß auch nicht, wofür sie mit ihrem Leid bezahlen sollen. Ich weiß nur, dass nun sie an der Reihe sind. Ich betrachte ihre vom Schreck erholten Gesichter, eines nach dem anderen.
© Allitera Verlag 2009
* * *
Frühere ‘Empfehlungen der Woche’ finden Sie hier >>





Mord unter Segeln