J. Monika Walther

J. Monika Walther

J. Monika Walther, geboren in Leipzig, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie, aufgewachsen in Leipzig und Berlin – und kreuz und quer in der ganzen Westrepublik; lebt seit 1966 im Münsterland und den Niederlanden, arbeitet seit 1976 als Schriftstellerin: Lyrik, Hörspiel, Prosa. Und immer wieder schreibt sie erfolgreiche Kriminalgeschichten. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, Preise und Stipendien.

Rezensionen J. Monika Walther „Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht“
Rezensiert von Undine Marion Pelny

Auf dem Cover von J. Monika Walthers neuem Buch findet sich eine Deutschlandfahne mit der Aufschrift KriminalGeschichte. Nach dem Lesen dieses Buches ist klar, dass es um mehr als um Mord und Totschlag geht. Und es ist keine leichte Kost, weil diese Geschichte fast unerträglich nah am Leben ist. Wir sind in Rostock nach der Wende. Der als Revolution gefeierte gesellschaftliche Umbruch hinterlässt im Osten Deutschlands wirtschaftliche und menschliche Verwüstung. Der Zusammenbruch der Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit, Schmuggel und Menschenhandel, Verarmung und Resignation – all das schwappt rückhaltlos auch in das Leben von Ida Waschinsky, die sich als Privatdetektivin eine neue Existenz aufzubauen versucht. Sie droht, sich im Strudel der Ereignisse zu verlieren und mit ihr der Leser, er geht mit ihr in die Irre sowohl bei der Suche nach dem Mörder als auch bei der Suche nach der Liebe. Er gerät wie Ida in den Sog der sich entfaltenden Handlungsstränge und es ist letztlich der Blick hinter die Kulissen dieser Nachwendezeit, die ihm den Atem stocken lässt. J. Monika Walther löst das Versprechen des Titels ein: es ist eine Schlacht, bei der jede/r ums Überleben kämpft. Selten findet man diese (ostdeutsche) Tragödie so minutiös, so detailliert, so lebensnah beschrieben. Und in allem erweist sich J. Monika Walther zum wiederholten Male als eine große Erzählerin – schonungslos, manchmal brutal und doch fast zärtlich im Umgang mit ihren Protagonisten, niemals voyeuristisch, niemals wertend. „Wir müssen wahre Sätze finden“, hat Ingeborg Bachmann einmal gesagt. J. Monika Walther hat wahre Sätze gefunden und ein Buch geschrieben, das mehr über die Folgen eines gesellschaftlichen Umbruchs erzählt, als in jedem Geschichtsbuch steht. Es verdient den Titel „Geschichte“ – im literarischen wie historischen Sinne. Dass dieser Teil der deutschen Geschichte schon in der Realität ein einziger Krimi war (und ist), spiegelt „Goldbroiler“ nur allzu gut.

J. Monika Walther: Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht. eBook. Orange Cursor Verlag 2013, 5,90 €    J. Monika Walther: Himmel und Erde. Kriminalroman.
Ein KSB-Genuss-Krimi.

In Himmel und Erde spinnen sich alle Storyfäden um die Wirtin Ida
Waschinsky und ihr Lokal „Zur alten Schleuse“. Hier fängt die
Geschichte an und, im weitesten Sinne, endet sie auch hier. Ida und ihr
alter Hof am Rande der Münsteraner Schleusen bilden den nicht nur
kulinarischen Rahmen dieses Genuss-Krimis. Und ein Genuss ist dieser
Kriminalroman, so viel sei vorab verraten. Nicht nur wegen der Gerichte,
die Ida ihren Gästen vorsetzt – wäre ich eine Köchin, ich wäre
versucht, dass eine oder andere Gericht nach zu kochen, so aber muss ich
wohl warten, bis mir eine Ida begegnet. Nein, vor allem die genaue
Figurenzeichnung und das Geschick der Autorin, verschiedene
Handlungsstränge miteinander zu verweben und zu einem nachvollziehbaren
und glaubwürdigen Ende zu führen machen den eigentlichen Lesegenuss
dieses Kriminalromans aus.
Einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes verkauft Ida Waschinsky das
gutgehende, gemeinsam geführte Restaurant in Düsseldorf und kauft vom
Erlös den alten Hof im Münsterland. Ida wagt einen Neuanfang. Neues
Restaurant, neues Liebesglück. Henning Simonsberg ist der neue Mann an
Idas Seite. Auch er verlor seine Familie an den Tod – Verkehrsunfall,
bei dem Frau und Tochter ums Leben kamen – und von Beruf Ermittler der
Soko  Europort in Rotterdam. Häufig wird er als Ermittler eingesetzt,
wenn sich ein Fall als grenzüberschreitend erweist. So auch in diesem
Fall.
Obwohl der Mord im Münsterland geschah, genaugenommen wurde die Leiche in das Restaurant abgesetzt, stellte sich schnell heraus, dass der
Ermordete Hanns Boleda, einer von Idas Lieblingsstammgästen, der
lettischen Geheimpolizei angehörte. Das ruft, sehr zum Ärger der
taffen, ein wenig frustrierten, dem Alkohol zugeneigten und für diesen
Fall zuständigen Hauptkommissarin Katharina Müller, eben diesen
Sonderermittler Simonsberg auf den Plan. Allein die Art, mit der beide
Ermittler an ihren Job herangehen, was sie denken, wie sie sich den Fall
erarbeiten und dabei Strukturen und Hierarchien beachten oder umgehen,
miteinander und zeitweise gegeneinander arbeiten, macht diesen Roman
lesenswert.
Als die Spurensicherung in Idas Kräutergarten auch noch eine Frauenhand
findet, scheinen für Kommissarin Müller erst einmal alle Indizien auf
Ida als mögliche Täterin zu verweisen. Doch bald muss auch sie
eingestehen, dass es in diesem Fall um weit mehr geht.
Da gibt es das verwirrende Intrigenspiel der Kritikerin Harriet Manier,
die um jeden Preis erreichen möchte, dass die Tafelrunde sich künftig
im Lokal ihrer Tochter und nicht in Idas Alter Scheune trifft. Die
Tafelrunde ist ein monatliches Treffen westfälischer Köche, Kritiker
und Feinschmeckerinnen, allein die Wahl des Ortes für ihre Treffen adelt
die Küche dieses Restaurants. In diesem Falle also Ida Waschinskys
„Zur alten Scheune“.
Da gibt es die 6 Fotobücher des ermordeten Hanns Boleda im Tresor seiner
Vermieterin. Sechs Alben mit akkurat eingeklebten Fotos von Deportationen
und Erschießungen während des letzten großen Krieges. Aber da gibt es
auch noch die Mutter von Hanns Boleda, die alte Frau Bockmann.
Überlebende des Lagers Riga, die nach dem Krieg Mann und Sohn verließ
und in Deutschland eine andere Familie gründete. Seit Hanns in
Deutschland lebte, traf sie sich jeden ersten Dienstag im Monat mit ihm
und übergab ihm 500 €. Nicht zuletzt weisen alle Spuren zu Leo Klein,
einem Weißrussen, auch bekannt unter dem Namen Askana Giro. Dieser Name wiederum könnte der Deckname für verschiedene Kriminelle sein. Sicher ist jedoch, dass mit Askana Giro der Handel mit minderjährigen Mädchen und illegalem Kaviar in Verbindung gebracht wird. Europort ist er bekannt als Geschäftsmann und Killer. Und eben dieser Leo Klein, der
wahrscheinlich Askana Giro ist, arbeitete in den 14 Tagen vor Hanns
Boledas Ermordung in Ida Waschinskys Restaurant als Aushilfe.

In J.M. Walthers Kriminalroman geht es um viel. Es geht um Menschen- Organ und Kaviarhandel. Es geht um einen ermordeten lettischen Geheimpolizisten und dessen Familie, es geht um einen ermordeten Koch, den Ehrgeiz einer Mutter, einen abgehackten Schafskopf und einen geständigen Killer, der aus Liebe sein Leben ändern möchte. Daneben geht es um Niedertracht und Verrat, Desillusionierung und Müdigkeit, aber eben auch um menschliche Größe, Liebe und die heilende Wirkung von gutem Essen. Die Autorin zeigt in diesem Roman einmal mehr, wie schmal der Grat zwischen gut und böse ist. Sie zeigt, dass es immer wieder eine ganz persönliche und bewusste Entscheidung ist, gut sein zu wollen, so wie die Ida im Roman sich dafür entscheidet.

Auch mit diesem Kriminalroman zeigt die Autorin J. Monika Walther einmal
mehr, dass sie sehr genau hinschaut und die emotionalen Antreiber
menschlichen Lebens in vielen Facetten erkennt und beschreibt. Dabei
bleibt sie immer wohlwollend und denunziert auch die unangenehmeren
Charaktere nicht. Mit teilweiser Sprachkargheit erzeugt J.M. Walther
einen so untergründigen Humor und in ihren Handlungsweisen so
nachvollziehbare Charaktere, dass ich mich sehr an die Charaktere einer
anderen von mir sehr geschätzten Krimiautorin – Fred Vargas –
erinnert fühle. Die Kombination aus lebendigen, genau gezeichneten und
eigenwilligen Figuren und die sich aus diesen Figuren heraus
entwickelnden Handlungsstränge, dies vor allem macht für mich die
Stärke der Romane der Autorin J.M. Walther aus.

Für Krimifans und alle, die gut erzählte Geschichten von starken
Charakteren mögen: unbedingt lesen!

J. Monika Walther: Himmel und Erde. Kriminalroman. Ein Genuss-Krimi.
176 Seiten, KSB-Media Verlag, 10,50 €    Von der Fähigkeit, mit Widersprüchlichkeiten umzugehen

von Michèle Minelli

Rezension

Wer die Schriftstellerin J. Monika Walther über Ihre Erzählungen kennenlernen will, ist bei dem Buch »Das Gewicht der Seele« gut beraten, sich von vornherein auf Widersprüchlichkeiten einzustimmen; ihre Figuren der frühen Jahre machen es einem nicht leicht.  Sie morden, verlassen, verletzen – und sind selber verletzt, verlassen und gemordet. Eine gewisse Ambiguitätstoleranz wird da schon vorausgesetzt.

Das Buch gliedert sich in sechs Teile und folgt weitgehend der Chronologie der Entstehung der einzelnen Geschichten. Wir erleben also die Entwicklung der Schreiberin mit, spüren den Moment, in dem sich der Fokus vom Innerbefindlichen ihrer Figuren hin zu einem Weltschauen der Autorin verändert, bei dem das Ich als Figur an Wichtigkeit gewinnt.

J. Monika Walther hat eine phantastische Art, in einzelnen Strichen ein ganzes Innenleben zu charakterisieren. Es ist schon erstaunlich, mit wie wenigen Worten die Schriftstellerin ihre Zeichen setzt und wir wissen: aha, so einer ist das also. Oder so eine.

Drei Beispiele:

»Drei Jahre war Clara verheiratet; aus der Romanze war keine Liebe geworden, sondern unsinnige Gewohnheiten, gegenseitige Belästigungen und kleine Rücksichtslosigkeiten. «

»Ihre Ehe galt als gut im Freundeskreis, aber es gab da auch keinen, der hinsah. «

»Die Kinder wachsen in den Kindergärten heran und werden ausgerichtet, die Spätschäden werden wir nicht mehr erleben. Die Ratschläge, die wir erteilen, sind größtenteils unerwünscht. Die Kinder. Wer weiß, was ohne sie wäre.«

In einer für ihren Stil bezeichnenden Treffsicherheit greift sich Walther jene Spezifität eines Menschenlebens heraus, die unmittelbar zum Kern der Sache führt. Sie macht in den Facetten das Wesentliche sichtbar, erlaubt es, in Falten und Fältchen zu schauen, und obwohl diese wie flüchtige Notizen auf Zetteln wirkende Sätze auch alle zu derselben Geschichte gehören könnten, tun sie es nicht. J. Monika Walther fächert das Leben ihrer Protagonisten immer wieder neu auf, lässt Tiefe und Tiefen erkennen, ob denen einem schwindlig wird.

Am dichtesten ist J. Monika Walther aber da, wo sie erkennbar von sich selber schreibt, von ihrem Leben. Hoch assoziativ reißt ihre Sprache mit und mutet uns Welten zu, die in ihrer Konsequenz erschüttern  (»Der Befehl«, »Herz in Stücken«), in ihrer Eindringlichkeit bewegen (»Schiffsvogel«, »Der siebte Kontinent«, »Die Zeiten sind vorbei«) oder – denn das kann sie auch –in ihrer Verspieltheit überraschen (»Geschichten von Einhörnern und Pferden und über den kleinen Jossele und den Dichter Papiernikoff«).

Mit dem Lesebuch »Das Gewicht der Seele« ist der deutschen Schriftstellerin J. Monika Walther das große Kunststück gelungen, Panorama- und Lupenblick zugleich zu bieten. Vielleicht auch, weil sie selber gelernt hat, mit eigenen Widersprüchlichkeiten umzugehen.

 

J. Monika Walther

Das Gewicht der Seele

Mentis Verlag Paderborn, 2009

ISBN 978-3-89785-696-7

410 Seiten

mit Fotografien von Barbara Dietl

Das Gewicht der Seele" von J. Monika Walther
rezensiert von Sylvia Tornau

„….Die Melodie der Erzählungen in diesem Band ist eine getragene Melancholie, unterbrochen von der erschreckenden Genauigkeit des Hinsehens und -Spürens, umrahmt und harmonisiert von der gebrochenen, aber zutiefst spürbaren Liebe der Erzählerin zu ihren Figuren, vielleicht sogar zu den Urgründen menschlichen Lebens. Da ist eine, die genau hinsieht. Eine, die die Intrigen des Lebens, geboren aus materiellem Elend und Sinnsuche erkennt und sie punktgenau beschreibt ohne zu werten. Das zu lesen tut mitunter weh, ist aushaltbar nur durch die stille Hinnahme, Annahme…..

In diesen Geschichten der 1945 in Leipzig geborenen, aus einer jüdisch-protestantischen Familie stammenden Autorin J. Monika Walther geht es um das Sein, das Sosein, das Anderssein. Es geht um Leben und Lebensentwürfe, um Überleben und um die Entdeckung von Mitmenschlichkeit. Manchmal unerwartet in scheinbar ausweglosen Situationen. Es geht um die vermuteten 12 Gramm Seele, die im Sterben aus unseren Körpern entweichen und die im gelebten Leben schwer wiegen. Ein empfehlenswertes Buch, das zum Weinen, Lachen und zum Weiterdenken anregt. Ein Schwergewicht aus den Weiten der Literaturlandschaft. Ein kostbares Kleinod, eine Zierde der Bücherregale. Nicht nur wegen der Texte, sondern auch wegen der für ein Taschenbuch ungewohnten, dafür aber hochgradig ansprechenden, da mit den Erzählungen korrespondierenden fotografischen Streiflichtern der Fotografin Barbara Dietl. Unbedingt kaufen, lesen und anschauen!“



J. Monika Walther: Das Gewicht der Seele - Erzählungen, herausgegeben von Iris Noelle-Hornkamp im Mentis Verlag, 400 Seiten, 29,80 Euro        

Autorenhomepage

Bücher von J. Monika Walther

Abrisse im Viertel

Abrisse im Viertel

Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht

Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht

Himmel und Erde

Himmel und Erde

Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht

 Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht

Von J. Monika Walther

1.

     „Schöne, liebe Braut du, ich bin ewig dein“, tanzt ein Mann singend den Alten Strom entlang, vier Schritte vor und drei zurück. Eine Flasche Rotwein in der Hand. Er nimmt lange Schlucke. „Bist du meine Braut?“ Ein fröhlicher Mann. In der Nacht. Bruno heißt er.

     Hinter seinem Rücken laufen zwei Fischfänger aus. Die

Stralsund und die Warnemünde verlassen den Hafen. Zum letzten Mal. Richtung Niederlande. Einen langen Weg von der Ostsee bis zum friesischen Lauwersmeer haben die beiden Fischkutter vor sich. Die Schiffe und die Männer werden nicht wiederkommen. Die Schiffe sind verkauft, die Männer heuern auf friesischen Fischfängern an. Die Schonzeit im Ex-Land DDR ist vorbei. Die Wende hat die Leben in Unordnung gebracht. Die Pläne der kleinen Leute sind Makulatur.

     „Bist du meine Braut?“ Der Mann bietet Ida Waschinsky einen Schluck aus der Zweiliterflasche an. „Schönes, liebes Fräulein, sei mein. Prost.“

     „Nein“, sagt Ida Waschinsky, aber sie lässt sich in den Arm nehmen und tanzt ein paar Schritte.

     „Vater, was machst du hier? Vier Uhr morgens am Alten Strom. Wo warst du?“

     „Ida, das errätst du nie! Zwölf Kilo Johannisbeeren haben wir gepflückt. Zwölf Kilo! Bruno, ich will trinken.“

     „Kannst du haben, Kollege. Prost!“ sagt der tanzende Bruno. „Zwölf Kilo Johannisbeeren! Das ist eine Liebe.“

     „Wo ist Mutter?“ fragt Ida.

     „Ida, mir dreht sich alles: Kleine rote Lampen und große nackte Brüste. Die Frauen haben gelächelt.“

     „Weiß Mutter, wo du bist?“ Ida bekommt keine Antwort.

     „Wenn du Frauen bezahlst, mag dich jede“, sagt Bruno und lacht und trinkt. „Meine mag mich nicht mehr.“

     „Meine Frau bezahle ich auch. Weißt du, wie viel zwölf Kilo sind? Zwölf Kilo kleine rote Beeren? Ich bin weggelaufen. Ida. Das erste Mal.“ Karl Waschinsky schüttelt den Kopf über sich.

     „Geld oder Seele. So ist das mit den Frauen. Billiger machen sie es nicht. Alte Spielregel. Meine ist auf und davon. Mit so einem neureichen Ostheini. Marke Imbissbude vornehm. Fischbrötchen mit Salatblatt, Serviette und Lächeln. Früher hat sie ihre Finger an den Brötchen abgewischt und jetzt stecken die Dinger in Zellophan. Soll sie glücklich werden!“ Bruno tanzt.

     „Ich bring dich nach Hause, Vater.“

     „Nein!“ Karl Waschinsky flüstert. „Kein Wort zu Mutter. Sie mag keine nackten Frauen mit großen Brüsten.“

     „Vielleicht mag sie nackte Männer. Komm trink!“

     „Weiß ich nicht. Meine Frau hat mich mein Leben gekostet und habe das Ihre verbraucht. Vielleicht haben wir zu oft Johannisbeeren gepflückt. Ach Ida, die Frauen in der Bar waren schön. Und so weich.“

     „Ich bin müde, Vater. Ich hatte Nachtschicht. Im Lager ist schon wieder eingebrochen worden. Ohne Spuren. Als hätte da einer einen Schlüssel.“

     „Ida, dann hast du deinen ersten Fall.“

     Die beiden Männer trinken und lachen. Ida Waschinsky geht. Sie wird den Rest der Nacht von rosa gelackten Muscheln, Frauenbrüsten und Johannisbeeren träumen. Am nächsten Morgen stürzt Ida in das Kaufhaus, bei dem sie angestellt ist, dann zur Polizei. Dann folgt sie zwei Stunden einem sehr ungleichen Paar durch die Warnemünder Wimmelmeile, am Alten Strom entlang, dort, wo die Souvenirs das Meer verdecken.

     Der dickliche ältere Mann, im azurblauen Jackett, mit Hängebäckchen und bitteren Mundwinkeln und die stark geschminkte junge Frau trennen sich immer wieder. Sie hinauf auf den oberen Geschäfteplattenweg, von Laden zu Laden; der Mann drängelt sich über den unteren Kutterteerweg, und dann durch die Seitenstraßen ins Innere von Warnemünde.

     Ida Waschinsky folgt der aufgeputzten Frau bis der Mann mit einem Sparjapaner vorfährt und die Frau schnell einsteigt. Bis zur Mole läuft Ida Waschinsky den beiden nach, dann wird die Straße frei von Touristen, und die Rücklichter verschwinden im flirrenden Warnemünder Hundstag.

     Ida läuft hinaus zum Leuchtturm. Eine frische Brise Meer, einen Blick über die glitzernde See. Am Anfang der Mole steht ein kleiner grauer Mann mit seinen Plasteschiffchen in Granini-Buddeln.

     Ida  Waschinsky nimmt sich und alle Nerven zusammen, aufs Meer hinaus, soweit die Mole reicht. Und tief die salzige Rasierwasserluft einatmen, wie können Männer sich nur so einnebeln! Eine weibliche Rosenwasserwolke schwebt um die Mole. Die Sonne lacht über den blauen Warnemünder Himmel, nein, das will Ida Waschinsky nicht, volle Fahrt zurück.

     Ein Kind läuft in ihren Weg, dem Pudel kann sie gerade noch ausweichen, dafür sitzt sie auf einer der Granini-Buddeln.

     „Die sollte ursprünglich mal ganz bleiben“, schreit es in ihr Ohr.

     „Verkaufen können Sie die Plaste sowieso nicht!“ sagt Ida beim Aufrappeln.

     „Für dich opfere ich gern noch eine Flasche!“ antwortet der kleine Graue mit einem Grinsen. Sein Blick ist böse.

     „Er war ein Kerl wie ein Baum. Man nannte ihn Bonsai“, denkt Ida Waschinsky und verschwindet schweigend, eine Verfolgungsjagd pro Tag reicht. Und auf die Rolle der Gejagten kann sie verzichten.

     Es sticht in ihrem Jeanshintern, im Herumdrehen greift sie eine Scherbe, drückt sie noch tiefer, bevor sie den Glassplitter herausreißt und wütend wegwirft. Sie rennt zurück zu dem Bonsaimann. „Du verkaufst doch nicht acht Stunden am Tag diesen Mist!“ Keine Frage, eine gebrüllte Feststellung. „Du Dreckskerl hast noch nie gearbeitet.“

     Der Graninibuddelmann duckt sich: „Sei ruhig. Ich bin bei der Polizei. Angeworben.“

     „Als Verkäufer?“

     „Nein“, der Mann flüstert, „als Agent. Ich arbeite verdeckt.“

     „Dann hat sich ja nichts geändert für dich. Einmal Spitzel, immer Spitzel.“

     Ida versteht die Wende nicht. Ihr Vater wird nach monatelangen Befragungen von der Universität entlassen, obwohl er nie als IM tätig war und dieser Klaus Brandmeier von der Polizei umworben und bezahlt, obwohl er nie in seinem Leben eine Clara-Zetkin-Blechmarke ehrlich verdient hat. Immer nur bespitzelt hat er, verraten, zu staatsfeindlichen Äußerungen angestachelt und dann angezeigt. Immer im Dienst der Stasi. Idas alter Klassenkamerad, der in der Schule jeden verpetzte.

     „Ich habe dich nicht wieder erkannt“, entschuldigt sich der Genosse.

     „Wieso sitzt du nicht im Gefängnis?“

     „Ich habe meine Akte gesäubert. Wie alle anderen auch. Die Polizei und Nachrichtendienste suchen Leute wie mich. Immer wendig.“ Der Mann lacht gequält über seinen Witz.

     „Aber das ist doch alles Blödsinn. Hier kennen dich die Leute. Die wissen, dass du ein Schwein bist.“ Ida Waschinsky möchte schreien, aber wozu. Sie möchte ihm etwas anhängen, was er nicht abschütteln kann. Rote Farbe auf die Haut.

     „Ich soll Fremde melden. Auffällige Fremde. Und was machst du?“ Klaus Brandmeier hätte seinen Mund halten sollen, aber das hatte er noch nie gekonnt.

     Den ganzen Tag steht er als Graninibuddelmann verkleidet, bedient Touristen und schreibt abends Berichte, von denen er nie erfährt, ob sie gelesen und ausgewertet werden. Er hat angefangen, Menschen und Vorfälle zu erfinden, Netze zu weben, eine Verbrecherorganisation auf dem Papier aufzubauen. Mit kleinen Lügen und Hinweisen.

     „Ich? Ich bin freiberufliche Detektivin. Darf in dem neuen Kaufhaus Nachtschichten schieben und am Tage stehlende Kinder festnehmen. Kann ja nicht jeder so viel Glück haben wie du.“ Ida Waschinsky tritt gegen den klapprigen Tisch mit den albernen Buddeln und geht. Sie sieht hinüber zum „Schifferklavier“. In dieser Kneipe kann sich auch eine Teilzeit arbeitende Kaufhausdetektivin Bier und Korn leisten, also hinein.

     „Ein kühles Helles und einen großen Kleinen“, ruft sie zum Tresen. Froh die Augustsonne hinter sich gelassen zu haben.

     „Okay“, antwortet eine angenehme Frauenstimme.

     „Muss ich hier auf amerikanisch bestellen?“

     „Friesisch passt besser zum Jever“, lacht eine rote Mähne Ida an.

     „Gibt es kein Rostocker Pils?“

     „Nein! Die haben mich nicht beliefert. Nicht zu Bedingungen, die ich mir hätte leisten können“, sagt die runde Frau und stellt den Korn vor Ida, bis zum Rand gefüllt das Glas.

     „Die erste Runde geht auf mich. Ich bin die neue Wirtin. Fertig mit Renovieren, fertig mit den Nerven.“ Die Wirtin seufzt und lacht und stellt das Pils vor Ida. Mit Schwung.

     „Ich bin sowieso kein Stammgast“, sagt Ida Waschinsky und schaut die Frau hinterm Tresen genauer an. Ganz schön rund. Jünger als fünfzig. Lachfalten. Hosen hat sie an, Pullover. Und eine Goldkette um den Hals. Wenigstens nur eine dünne. Fünfhundert, schätzt Ida.  Das Einschätzen hat sie in den neuen Zeiten schnell gelernt. Und von drüben ist die neue Wirtin. Wessi goes to Warnemünde.

     „Ich bin immer noch so schön wie früher, es dauert nur länger“, sagt die Wirtin. Ida starrt sie an.

     „Heute schon gelacht? Ich noch nicht. Die erste Woche und kaum Gäste.“

     „Bin ich niemand“, sagt Ida  Waschinsky mit kratzender Stimme. Keine Frage, eher Feststellung. Die Wirtin schaut an Ida vorbei nach draußen, auf die alten Lagerhäuser. Die Kähne schunkeln sanft. Rot und blau und weiß gestrichen. Geschrubbt und aufgeräumt. Fest vertäut. In der Dämmerung wird der Alte Strom zur Postkarte, denkt Maxie. Schön und kitschig. Zum Verlieben. Und das Begehren erledigt sich vielleicht irgendwann von alleine und mit den Jahren. Nein, nie. Maxie seufzt und schaut sich Ida an.

     Die sieht aus wie ein angekratzter Barockengel. Beschädigt, aber schön. Schlaksig, unter dreißig. Schwarze Locken und Augen, die alles sehen wollen, aber noch nicht an die schnellen neuen Zeiten gewöhnt sind.

     „Ich bin Maxie“, sagt die Wirtin. „Maxie Mahl. Ich komme aus Hamburg. Aus dem alten Hamburg. Fischmarkt.“

     „Und jetzt wollen Sie hier reich werden? In Warnemünde?“ fragt Ida Waschinsky und möchte sich auf die Zunge beißen. Bloß keinen Fettnapf auslassen. Bloß nicht mal nett und verbindlich sein.

     Maxie wischt zum dritten Mal die Tresenplatte ab, denkt, ich muss aufhören den Gästen hinterher zu putzen. Wenn ich nur mal mit irgendwem reden könnte. Über die Schulden, den Pachtvertrag. Nichts läuft, wie es soll. Die Bank und die Brauerei nimmt sich die Einnahmen und ich weiß nicht, wovon leben. Von Freibier.

     „Ich frage mich manchmal auch, warum ich auf der Welt bin“, sagt Maxie und zapft zwei frische Pils an.

     „Ich heiße Ida Waschinsky“, sagt Ida Waschinsky und rutscht auf ihrem Hocker von links nach rechts und wieder zurück.

     „Willkommen an Bord“, sagt Maxie.

     „Schön geworden, die Kneipe.“ Ida bemüht sich um Freundlichkeit. Kann doch nicht so schwer sein.

     „Hat aber zu viel von dem Geld gekostet, das ich nicht habe.“ Maxie schaut in die Runde. Aus einer mit Plastik und altem Linoleum verklebten Trinkbude hat sie ein gemütliches Lokal gemacht. Mit runden Tischen, einem langen, in rotem Mahagoni strahlenden Tresen, Zapfhähnen aus Keramik und einem neuen Holzfußboden, dessen Glanz Maxie ihre dicken Knie und Knöchel verdankt. Brett für Brett hat sie abgeschliffen, gebeizt und lackiert.

     Maxies Klavier, einziger Besitz nach zehn Jahren Eheirrtum, steht aufgeklappt gleich neben der Eingangstür. Gestimmt und poliert, aber gespielt hat Maxie kein einziges Mal. Den Schneewalzer geklimpert, als sie es in der ersten Nacht an dem fremden Ort, in der Bruchbude von Haus nicht aushielt. Und dann sich betrunken. Bis sie keinen Schluck mehr hinunterbrachte, dastand und heulte. Bis sie keine Tränen mehr hatte.

     „Die alten Gäste habe ich durch das Renovieren vergrault und die neuen wissen gar nicht, dass es mich gibt. Essen mache ich auch. So ein Lokal war immer mein Traum.“ Maxie wischt zum vierten Mal den Tresen blank. Bloß nicht nachdenken.

     Sie stand im Hafen an der Lauwerszee. Zwei Fischkutter fahren ein. Die Warnemünde und die Stralsund. Die Ausschlachtung der Schiffe hatte die Besatzung während der Fahrt begonnen. Einer der Matrosen winkte: Unsere letzte Fahrt. Zwei Wochen haben wir noch Arbeit: Die Kutter auseinandernehmen. Dann kommen sie in die Werft und wir müssen nach Hause. Arbeitslos. Nur zwei von uns übernimmt der neue Besitzer.

     Sie winkte zurück und stand noch lange am Wasser, bis es dunkel war. Sie dachte an ihren Bruder. Er war verschwunden. Allein aufs Nordmeer gefahren. Vielleicht nach Schottland. Verschwunden.

 

2.



     „Auf Klasens Kahn liegt eine tote Frau in der Koje. In Klasens Bett.“ Der Mann, im Ölzeug und einer Wolke Fisch, gerät ins Stottern. „Erschlagen hat sie einer. Mit aller Gewalt erschlagen. Haben Sie Telefon?“

     „Bitte bedienen Sie sich.“ Maxie zeigt auf das Telefon an der Wand. Wartezeit: Drei Wochen. Maxie Mahl hatte dem Dienststellenleiter einen oskarverdächtigen Tobsuchtsanfall hingelegt und keine der inzwischen weiß Gott bekannten Beschreibungen ostdeutscher Tüchtigkeiten ausgelassen.

      Der hereingestürzte junge Mann reißt sich zusammen und wählt den Notruf. Maxie stellt ihm Pils und Korn hin. Direkt vor ihrer Tür eine Tote.  ......

 

220 Seiten 12 € ISBN 978 3 86685 208 2