Jochen Bender

Jochen Bender

Jochen Bender wurde 1965 in Stuttgart geboren. Er studierte in Landau in der Pfalz und in Tübingen Psychologie. Anschließend war er in unterschiedlichen Kontexten als Psychologe tätig, unter anderem am Kriminologischen Institut in Tübingen und im Frauen-Knast in Schwäbisch Gmünd. 2007 erschien sein erster Roman, dem 2011 sein erster Krimi folgte. Aktuell ermittelt seine Kommissarin Anita Schenk in „An der Kante“ in den Untiefen einer schwäbischen Ehe. Benders spannende Krimis spielen Großteils in seiner Heimatstadt Stuttgart, führen aber auch weit über die Stadtgrenzen hinaus, im aktuellen Fall nach Afrika. Neben den Kripo-Beamten bekommt in jedem Krimi ein Psychologe oder eine Psychologin eine bedeutsame Rolle.

Autorenhomepage

Termine mit Jochen Bender

Wann Was Wo
02. Nov 17
20:00 Uhr
Krimilesung aus dem Schwaben-Krimi "An der Kante" Kunstgenuss
Hauptstraße 6
66953 Pirmasens, Deutschland
16. Dez 17
17:00 Uhr
Krimilesung aus dem Schwaben-Krimi "An der Kante" Stadion Center
Olympiaplatz 2
1020 Wien, Österreich
 

Bücher von Jochen Bender

An der Kante

An der Kante

Tödlicher Handel

Tödlicher Handel

Die Millionen von Neresheim

Die Millionen von Neresheim

Dienstage & Silvester

Dienstage & Silvester

Blinde & Gangsta

Blinde & Gangsta

Ein feiges Attentat

Ein feiges Attentat

Leseprobe: Die Millionen von Neresheim

Sie erläuterte den beiden ihren Plan, was Sultan und Peter ebenfalls zu einem Grinsen veranlasste. Sie bereiteten gemeinsam ihren Coup vor, dann machte sich Anita alleine auf den Weg. Wie sie bereits wusste verfügte Herr Boßler über eine protzige Firmenzentrale. Die Kommissarin meldete sich am Empfang an und wurde von einer attraktiven, gepflegten Frau unbestimmbaren Alters in einen Besprechungsraum gebracht.

Ihr Eintreffen dort wurde von einer versteckten Kamera auf Rudi Boßlers Computer-Bildschirm übertragen. Er zoomte per Joystick mit der Hochleistungs-Kamera die kleine Beamtin heran. Das Gesicht der Kommissarin füllte schließlich den hochauflösenden XXL-Bildschirm vor ihm komplett aus. Jedes Fältchen, jede Hautunreinheit und jeder Pickel war überdeutlich zu sehen.

„Du bist hässlich!“, blaffte Boßler aggressiv. „Du bist einfach nur eine hässliche Fotze, die mir rein gar nichts zu sagen hat!“

Mit seiner rechten Hand formte er eine Pistole, zielte zwischen die Augen der Polizistin und drückte ab.

Sein Anwalt Dr. Lorimer wartete vor seinem Büro auf ihn. Eigentlich könnten sie pünktlich mit der Befragung beginnen. Stattdessen hob Boßler den Telefonhörer ab, um Mia für heute Abend einzubestellen. Sie würde es ihm heute aufs Devoteste besorgen müssen.

Anita rechnete damit, dass Boßler sie entsprechend seinem Selbstverständnis als Herrenmensch eine Viertelstunde warten lassen würde. So erfüllte er nur ihre Erwartungen, als er sie um Viertel nach elf begrüßte. Natürlich hatte er einen Anwalt mitgebracht und ebenso selbstverständlich trug dieser einen Doktortitel. Den Konventionen wurde genüge getan. Dann saßen sie zu dritt an dem überdimensionierten Besprechungstisch. Dank einer Glaswand waren sie von der Straße aus für jedermann sichtbar. Architektur lässt sich allzu leicht dazu missbrauchen Transparenz vorzugaukeln.

Wie vorab vereinbart, stellte Anita das mobile Aufnahmegerät zwischen ihnen ab und schaltete es ein. Dann sprach sie Zeit, Datum, die Namen der Anwesenden und die Rechte des Befragten auf, ehe sie mit der eigentlichen Befragung begann:

„Im Kern geht es um den Abend des siebten November in der Stadthalle von Neresheim. Sie stellten sich damals den Fragen der Bürger zu ihrem Projekt eines Luxus-Golf-Hotels in den Gebäuden des dortigen Klosters. Nach Ende der offiziellen Veranstaltung äußerten Sie vor Zeugen: Abt Angenehm würde es noch leidtun, sollte er dem Verkauf nicht zustimmen. Dies kann man durchaus als Drohung dem Abt gegenüber auffassen.“

„Es war aber nicht als Drohung gemeint. Ich war in erster Linie sauer, dass er sich der Diskussion entzog. Bis zuletzt hatte ich gehofft, der Abt kommt doch noch. Ein Platz auf dem Podium war für ihn reserviert und bis zum Beginn der Veranstaltung stand dort sogar sein Namensschild.“

„Wie waren Ihre Worte dann gemeint?“

„Na, man bereut es doch, wenn man sich ein gutes Geschäft entgehen lässt! Ich will meine Äußerung rein in diesem Sinne verstanden wissen!“

„Sie sind ein intelligenter und gebildeter Mann, der über ausreichend Lebenserfahrung verfügt. Da muss Ihnen doch klar sein, dass nicht alle Menschen wie Sie rein in der Kategorie von Geschäften denken! Ein Mann Gottes denkt in anderen Kategorien als Sie!“

„Natürlich weiß ich das!“, erwiderte er verärgert. Dies nicht zu wissen würde ihn schließlich in die Ecke der Dummen und Ungebildeten stecken. „Aber in meinem Ärger bedachte ich das an jenem Abend vielleicht nicht ganz ausreichend!“

„...nicht ganz ausreichend bedacht“, wiederholte Anita ihn. „Waren Ihre Worte also ein Fehler?“

Boßler stutzte, starrte Anita vergrätzt an, ehe er entgegnete:

„Soweit würde ich nicht gehen.“

„Sind Sie nicht in der Lage einzugestehen, dass Sie Fehler machen?“

„Ich sehe nicht“, mischte sich Dr. Lorimer entschieden ein, „was die Frage mit dem Tod von Abt Angenehm und meinem Mandanten zu tun hat!“

„Ganz einfach, wenn der Abt sich weiterhin geweigert hätte zu verkaufen, hätte sich das ganze Projekt Ihres Mandanten als Fehler erwiesen. Ein teurer Fehler, den er zudem öffentlich würde eingestehen müssen. Dabei kann er nicht einmal in diesem diskreten Rahmen einen kleinen Fehler eingestehen!“

„Nun gut“, entgegnete Herr Boßler zähneknirschend, „ich gestehe ein, an jenem Abend den Fehler begangen zu haben, mich von meinen Emotionen leiten zu lassen und eine dumme Bemerkung gemacht zu haben.“

„Gut. Das führt mich direkt zu meiner nächsten Frage. Welche Emotion steckt hinter Ihrer Aussage von jenem Abend: Ein Mann wie ich lässt sich von einem aus der Zeit gefallenen Greis doch nicht aufhalten?“

Hasserfüllt starrte Boßler sie an. Anita lief es kalt den Rücken hinunter. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass er in der Lage war zu morden oder morden zu lassen. Grimmig erwiderte er:

„Sagen Sie es mir!“

Als Antwort schenkte sie ihm ein überhebliches Lächeln. Normalerweise würde ein selbstherrlicher Typ wie er spätestens jetzt explodieren. Mit äußerster Anstrengung hielt er sich, schwer atmend um Kontrolle über seine Gefühle ringend, zurück. Die Frage war, warum er dies tat. Sicher nicht aus Respekt vor ihr als Vertreterin des Staates. Wovor fürchtete er sich?

„Warum haben Sie Abt Angenehm eigentlich ausspionieren lassen?“, stichelte sie weiter.

„Frau Kommissarin!“, schaltete sich umgehend Dr. Lorimer ein. „Das geht jetzt wirklich zu weit! Ich protestiere aufs Heftigste gegen eine solche Unterstellung meinem Mandanten gegenüber?“

„Ist es eine Unterstellung?“, fragte sie den Mandanten und sah ihn dabei mit einem herausfordernden Lächeln an. „Ich biete Ihnen hier und jetzt die Gelegenheit, uns zu helfen und sich zu entlasten, damit Sie nicht in den Verdacht der Beihilfe zum Mord an dem Abt geraten.“

Boßler verfluchte innerlich dieses biestige Bullenweib. Was wusste die? Und vor allen Dingen: Wer hatte geplaudert?

„Wenn Ihnen meinen Mandanten betreffende Erkenntnisse vorliegen“, schaltete sich erneut der Anwalt ein, „müssen Sie uns diese zur Kenntnis geben, ehe wir hierzu Stellung nehmen!“

Anita fixierte Dr. Lorimer. Das würde ihm so passen, immer nur einzuräumen, was die Polizei ohnehin schon wusste. Damit dies nicht geschehen konnte, hatte sie sich für eine riskante Strategie entschieden. Jetzt entgegnete sie:

„Mir liegen noch keine Erkenntnisse vor. Der Terminkalenders Ihres Mandanten verhinderte es, ihm vor der jetzigen Stunde Fragen zu stellen. So fällt unser Termin hier zufällig genau auf die parallel stattfindende Durchsuchung einer Detektei. Glauben Sie mir, ich wäre jetzt liebend gerne persönlich dabei. Dort ermitteln wir wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord an einem hohen geistlichen Würdenträger.

Ich vermute, der Besitzer der Firma wird in diesem Augenblick seinen Auftraggeber für die Beschattung von Abt Angenehm verfluchen. In der Öffentlichkeit mit dem Mord an einem alten Mönch in Verbindung gebracht zu werden, gefährdet die Existenz seiner Detektei akut. Dabei interessiert er uns nicht. Den Untersuchungsrichter und uns ärgert bloß, dass keiner von denen sich bisher freiwillig bei uns gemeldet hat. Der Richter hat auch signalisiert, beim geringsten Anzeichen von Verdunkelungsgefahr durch eine der beteiligten Personen einen Haftbefehl auszustellen.“

Bei dieser kaum verhohlenen Drohung knirschte Rudi Boßler mit den Zähnen, während Dr. Lorimer schmallippig neben ihm saß. Wie oft predigte er seinen Mandanten, sie nur wirksam verteidigen zu können, wenn sie offen mit ihm waren!

„Also gut“, räumte sein Mandant in diesem Augenblick ein, „ich habe den Abt beschatten lassen. Das ist wohl nicht strafbar?“

„Welchem Ziel diente seine Überwachung?“

„Natürlich der Informationsgewinnung.“

„Wie lange dauerte die Überwachung?“

„Ziemlich genau sechs Wochen.“

„Wozu benötigen Sie Informationen über den Alltag des Abtes?“

„Soll ich diese Frage beantworten?“, wandte Boßler sich an seinen Anwalt.

Äußerlich ungerührt antwortete dieser:

„Es wäre klug den Verdacht auszuräumen, die Überwachung diente dem Ziel, einen guten Zeitpunkt zu finden, den Abt ermorden zu lassen.“

Boßler überlegte kurz, dann meinte er:

„Also gut, die Informationen sollten mir helfen meine Verhandlungsposition dem Abt gegenüber zu verbessern.“

Ein kaum verhohlener Euphemismus für Erpressung. Anita ärgerte sich über den Zynismus ihres Gegenübers. Äußerlich ungerührt fragte sie:

„Und? Hat sich Ihre nicht unerhebliche Investition gelohnt?“

„Wie meinen Sie das?“

„Hat man Ihnen Bilder des Abtes in einer verfänglichen Situation geliefert?“

„Nein, leider haben die den Alten nicht dabei ertappt, wie er einen Chorknaben fickt!“, erwiderte er grob. „Darauf wollen Sie doch hinaus, oder?“

Anita lächelte kühl, während sein Anwalt ihn zu Besonnenheit mahnte.

„Sie haben also eine weitere Fehlentscheidung getroffen, die den Betrag Ihrer Fehlinvestition noch vergrößerte?“

Boßler fiel es zunehmend schwerer, seinen Ärger hinunterzuschlucken. Am liebsten würde er aufspringen und der kleinen Fotze eine aufs Maul geben. Anita ahnte, was in ihm vorging und warf durch die Glaswand einen Blick hinunter auf die Straße. Boßler folgte ihrem Blick. Dort stand plötzlich für alle sichtbar ein Streifenwagen, an dem zwei bullige Polizisten lehnten. Einer von ihnen winkte frech grinsend zu ihm herauf. Was für ein Scheiß-Spiel zog die hier ab? Das war doch sonst sein Drehbuch!

Anita hatte währenddessen ihr Handy gezückt. Jetzt hielt sie es ans Ohr. Kurz darauf zog der  Polizist draußen auf der Straße sein Handy aus der Jackentasche.

„Schnappt ihn euch!“, sagte Anita und stecke das Handy wieder weg.

Die beiden Polizisten setzten sich in Bewegung und kamen über die Straße auf das Gebäude zu.

„Was soll das?“, fragte Dr. Lorimer irritiert. „Warum wollen Sie meinen Mandanten festnehmen lassen?“

„Wer sagt denn, dass ich dies zum jetzigen Zeitpunkt vorhabe?“, entgegnete Anita lächelnd.

„Nun Herr Boßler“, fuhr sie fort, „Sie zeigen soeben erneut, wie schwer es Ihnen fällt, Fehler einzuräumen. Verfolgen Sie das Projekt in Neresheim eigentlich noch weiter oder haben Sie es nach dem erneuten Fehlschlag mit der teuren Überwachung von Abt Angenehm aufgegeben?“

„Das geht Sie einen Scheißdreck an!“, machte der seinem Ärger Luft.

„Im Gegenteil!“, entgegnete sie ungerührt. „Sollten Sie Abt Angenehm als Hindernis für den Erfolg Ihres Projektes angesehen und beschlossen haben, ihn zu beseitigen, so ginge mich dies durchaus was an!“

„Sie spinnen wohl!“, empörte er sich. „Wollen Sie mir einen Mord unterstellen?“

„Ich unterstelle Ihnen gar nichts“, entgegnete Anita ruhig, „sondern stelle Ihnen ganz einfache Fragen, deren wahrheitsgemäße Beantwortung auch in Ihrem Interesse liegt.“

Boßler spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Würden die beiden Bullen gleich hereinstürmen und ihn in Handschellen an seinen Angestellten vorbei abführen? Bei dieser Vorstellung schwankte er zwischen Scham und Zorn. Zugleich war ihm klar, dass dies nicht passieren würde. Die Bullenfrau führte etwas anderes im Schilde. Entnervt fuhr er sie an:

„Was wollen Sie?“

„Eine Antwort auf meine Frage!“

„Welche Frage?“

„Ob Sie das Hotel-Projekt in Neresheim offiziell zu den Akten gelegt haben!“

„Wir haben es nach dem Tod des Abtes aufgegeben.“

Erneut sah Anita auf die Straße hinunter. Soeben verfrachteten die Polizisten den mit Handschellen gefesselten Rohwetter auf den Rücksitz ihres Streifenwagens. Boßler schloss die Augen. Natürlich hatte die Bullen-Tussi schon vorher gewusst, dass der kleine Scheißkerl offiziell mit dem Projekt betraut war. Würde er es jetzt noch schaffen, auf Rohwetter einzuwirken, in seinem Sinne auszusagen?

„Wird Herr Rohwetter das Gleiche aussagen?“, fragte Anita in diesem Augenblick.

„Also gut!“, räumte er ein. „Wir verfolgen das Projekt noch weiter.“

„Sie demontieren gerade Ihre eigene Glaubwürdigkeit.“

Der Streifenwagen mit Rohwetter fuhr ab. Dafür fuhr ein weiterer Streifenwagen vor, dem erneut zwei vierschrötige Polizisten entstiegen und sich mit verschränkten Armen an ihren Wagen lehnten. Anita sprach ins Mikrofon des Aufnahmegeräts:

„Für das Protokoll: Nachdem Herr Boßler Zeuge der Verhaftung von Herrn Rohwetter, Projektleiter seines Projekts in Neresheim wurde, korrigierte er seine Aussage.“

Sie lehnte sich wieder zurück und sah ihren Kontrahenten lange an, ehe sie die nächste, entscheidende Frage stellte:

„Wann sind Sie von der Detektei Häberle letztmalig über den Abt und seinen Aufenthaltsort informiert worden?“

Diese Frage hatte er befürchtet. Er hatte sie nicht beantworten oder sich auf sein schlechtes Gedächtnis berufen wollen. Das traute er sich jetzt nicht mehr. Wahrscheinlich hatte der Detektiv schon gegenüber den Bullen geplaudert. Außerdem würden ihn die Handy-Daten verraten. Also gab er zu:

„In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gegen sieben Uhr.“

Leseproben & Dokumente