Michael Gerwien

Michael Gerwien

geboren 1957 in Biberach an der Riß, aufgewachsen in Mittenwald, lebt seit 1972 in München. Er arbeitet dort als Autor und Musiker. Seit 2011 veröffentlicht er Kurzgeschichten und humorvolle Kriminalromane beim Gmeiner-Verlag. Michael Gerwiens Münchner Serienheld dort ist der sportliche, hypochondrische, teilzeitgrantige und trinkfeste Exkommissar Max Raintaler, der eine lockere Beziehung mit seiner Freundin Monika pflegt, aber auch sonst bei den Frauen einen Schlag hat. Zusätzlich gibt es von Michael Gerwien die Schattenkillerreihe mit Teil 1 Schattenkiller Herbst 2016, Teil 2 Schattenrächer im Herbst 2017 und Teil III im Herbst 2018. Seine Lesungen begleitet Michael Gerwien selbst mit eigenen Liedern und den Lieblingssongs seiner Protagonisten, Michael Gerwiens spezielle Version von "Stille Nacht" mit einem neuen Text wurde von 2014-2017 insgesamt mehr als 3 Millionen mal im Internet aufgerufen.

 

Autorenhomepage

Bücher von Michael Gerwien

Schattenkiller

Schattenkiller

Stückerlweis

Stückerlweis

Isarbrodeln

Isarbrodeln

Brummschädel

Brummschädel

Krautkiller

Krautkiller

Andechser Tod

Andechser Tod

Alpentod

Alpentod

Wer mordet schon am Chiemsee?

Wer mordet schon am Chiemsee?

Jack Bänger

Jack Bänger

Mordswiesn

Mordswiesn

Raintaler ermittelt

Raintaler ermittelt

Isarhaie

Isarhaie

Alpengrollen

Alpengrollen

Isarblues

Isarblues

Leseprobe Jack Bänger - Thriller

»Verdammte Scheiße!«
Der Wecker klingelte. Ich musste dringend aufstehen,
die Arbeit rief. Um zehn Uhr hatte ich diesen gnadenlos
wichtigen Termin mit der neuen Produktionsfirma im
Norden der Stadt, bei der ich mein neues Projekt vorstellen
sollte. Ein hübscher kleiner Nebenjob, bei dem es um
sehr viel Geld ging, für sehr wenig Aufwand. Aber von
all dem wusste ich im Moment nichts mehr. Ich öffnete ja
gerade erst die Augen und blickte mich in meinem Schlafzimmer
um, ganz vorsichtig, damit das hämmernde Stechen
in meinen Schläfen nicht noch stärker wurde.
Neben mir lag ein Körper, offensichtlich ein Häschen.
Keine Ahnung, wie sie in mein Bett gekommen war, aber
sie war da. Sie atmete, sie war blond und sie sah verdammt
gut aus. Zumindest die Teile von ihr, die nicht von der
Decke verborgen waren. Anscheinend hatte ich sie mit
meinem Fluchen geweckt, denn sie schlug langsam ihre
großen blauen Augen auf und lächelte.
»Guten Morgen, Jack.«
»Hallo, Schätzchen. Ich wüsste jetzt gar nicht … äh,
wie du in mein Bett kommst?«
»So besoffen, wie du gestern warst, ist das auch kein
Wunder. Wir haben uns am späten Abend im ›23‹ kennengelernt.
Du wolltest unbedingt, dass ich noch mit zu dir
komme. Ich heiße übrigens Manuela. Was du sicher auch
vergessen hast.«
»Manuela. Aha!«
Natürlich hatte ich vergessen, wie sie hieß. Bevor ich sie
gerade entdeckt hatte, hatte ich ja nicht einmal gewusst,
dass es sie gab. »Haben wir …?«
»Was heißt hier, haben wir? Du warst doch zu nichts
mehr imstande. Und das meine ich wörtlich.«
»Blödsinn.«
»Kein Blödsinn. Deine Nudel war schlapp wie gargekocht.
« Sie grinste frech zwischen ihren langen Locken
hervor.
Ich mag es nicht, wenn mir Leute am frühen Morgen
vorwitzig kommen. Erst recht nicht, wenn sie mir dabei
auch noch angebliche Schwächen meinerseits unter die
Nase reiben und mich damit beleidigen. Klare Sache, dass
ich ihr das unmöglich durchgehen lassen konnte. Ich lasse
mich schließlich nicht zum Affen machen. Schon gar nicht
von irgendwelchen halbgaren Hühnern, die ungefragt in
meinen Federn herumliegen. Sobald ich vollständig wach
war, würde mir sicher eine angemessene Strafe für sie einfallen.
Also stand ich erst mal auf und verfrachtete mich
ins Bad. Rasieren, Dusche, Zähneputzen, Deo, das übliche
Programm. Dabei fiel mir siedend heiß mein Termin
bei dieser neuen Produktionsfirma wieder ein.
Als ich eilig ins Schlafzimmer zurückkehrte, um mich
anzuziehen und meiner nächtlichen Besucherin ordentlich
die Meinung zu geigen, war sie bereits fort. Auf meinem
Kopfkissen lag ein Zettel: ›Vielleicht klappt es ja beim
nächsten Versuch. Warten wir’s ab‹, stand darauf. Miststück,
sie beleidigte mich schon wieder. Ich zerknüllte den
Zettel und warf ihn in den Mülleimer. Das wirst du noch
bereuen, Schätzchen, dachte ich, schlüpfte in weißes Hemd
und Anzug, trank schnell einen Kaffee, schlang dazu drei
Rühreier runter und legte mir anschließend auf dem Esstisch
eine Linie blütenweißen Andenschnee zurecht. Dann
saugte ich mir das leckere Pülverchen mit einem aufgerollten
neuen Fünfhunderter in den Rüssel. Ich nehme
dazu nur neue Fünfhunderter, weil die den besten Durchzug
haben. Fragen Sie mich jetzt bloß nicht, warum. Das
ist einfach so. Mag am Papier oder an der Farbe liegen.
Oder es ist irgend so eine bescheuerte Art von Scheißmagie.
Voodoo oder so, keine Ahnung. Vielleicht hat es aber
auch etwas mit der Größe der Scheine zu tun, wegen meiner
großen Nase. Ja, Sie haben richtig gehört. Ich bin der
Typ, nach dem dieser Spruch erfunden wurde, von wegen
›wie die Nase eines Mannes, so auch sein Johannes‹. Sie
glauben das nicht? Dann schauen Sie sich doch einfach mal
einen Film von mir an. In den ersten Jack-Bänger-Produktionen
spielte ich immer selbst die männliche Hauptrolle.
Die Streifen laufen im Internet, auf dem Pornokanal im
Hotel oder in jedem x-beliebigen Pornokino oder Klub.
Auf Video gibt es sie natürlich auch.
Sobald ich mit meinem kleinen Nachtisch fertig war,
trabte ich in den Flur und zog meinen dunklen Trenchcoat
über. Ich musste los. Einen coolen professionellen Eindruck
bei meinen neuen Geschäftspartnern zu hinterlassen,
war logischerweise Pflicht. Also checkte ich noch mal
den Spiegel. Der kräftige schwarzhaarige Bursche, der vor
mir stand, gefiel mir wieder mal verdammt gut. Die Haare
wie immer zum Pferdeschwanz zusammengebunden und
zwei dunkelgrüne durchdringende Augen, die mich entschlossen
und selbstbewusst anblickten. Na also, Alter,
perfekt wie immer, dachte ich und klopfte mir kurz selbst
auf die linke Schulter. War ja sonst niemand da.
Nun, vielleicht meinen Sie ja jetzt, dass ich bei meiner
blonden Bettgenossin deswegen nichts zustande gebracht
hätte, weil ich schwul wäre. Da darf ich Sie gleich wieder
beruhigen. Ich mag alles Mögliche sein, aber schwul bin
ich bestimmt nicht. Ich werde es auch nie sein. Obwohl
Männerärsche natürlich auch hammerscharf aussehen können.
Aber ich stehe nun mal schon immer auf runde Frauenärsche
und ein paar hübsche Möpse auf der anderen
Seite. Ende der Durchsage. Und einen schlappen Willy
hatte ich letzte Nacht garantiert auch nicht gehabt. Das
wäre gar nicht möglich gewesen bei meiner hammerartigen
Libido. Da hat die Kleine glatt gelogen. Eher kippt
der Eiffelturm in die Seine, als mein Mister Zuverlässig in
die Laken. Wahrscheinlich hatte sie Minderwertigkeitskomplexe
mir gegenüber. Schließlich war sie mit keinem
Geringeren als Jack Bänger in der Kiste gewesen.
Ich trabte lässig in die Tiefgarage hinunter und sperrte
mein Baby auf, einen schneeweißen Aston Martin DB 9
mit Sonderausstattung. Einer der letzten, die in Newport
gebaut wurden, bevor das Werk dort schließen musste.
Aber was, wenn sie doch die Wahrheit gesagt hatte? Was,
wenn das schon die Vorboten des Alters waren?, dachte
ich weiter, während ich mich in meinen scheißbequemen
schwarzen Ledersitz fallen ließ. Immerhin war ich bereits
36. Ach was, Blödsinn. Konnte gar nicht sein, oder?
Was regt sich dieser Jack Bänger eigentlich auf? 36 ist
doch kein Alter, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Nun, da
mögen Sie einerseits natürlich recht haben, andererseits
täuschen Sie sich aber auch ein bisschen, zumindest was
mich betrifft. 36 Jahre meines Lebensalters entsprechen
locker 150 ausschweifend gelebten Jahren jedes anderen
Menschen auf unserem schönen Blauen Planeten. Nehmen
Sie nur mal meine letzten 15 Jahre. Die waren nichts
anderes als ein mörderischer Ritt auf der Überholspur.
Arbeit, Sex, Saufen und wieder Arbeit, Sex, Saufen. Und
dazu jede Menge Schnee natürlich.
Meine Lebenskerze hatte dabei die ganze Zeit über lichterloh
gebrannt, an beiden Enden, Tag und Nacht. Und
das tut sie auch heute noch. Vielleicht erfindet demnächst
jemand mal einen Namen dafür. ASS-Syndrom zum Beispiel.
Von wegen Arbeit, Sex, Saufen. Klar, dass ein Gewinnertyp
wie ich auch Feinde hat. Aber dazu komme ich
noch, jetzt erst mal weiter im Text.
Ich fuhr also aus meiner Tiefgarage heraus, um meinen
Termin mit dieser neuen, noch nicht auf dem Markt etablierten
Produktionsgesellschaft wahrzunehmen, einem
kunterbunt gemischten Haufen aus Europäern, angeführt
von ein paar finanzkräftigen Russen aus dem Dunstkreis
eines mächtigen Oligarchen. Einem riesigen Projekt mit
internationaler Besetzung und internationalen Schauplätzen
sollte da von mir in die Schuhe geholfen werden. Ganz
großes Kino. Ein megageiler Pornostreifen, wie ihn die
Welt noch nie gesehen hatte. Dabei ging es, wie gesagt,
um sehr viel Geld, und so, wie ich das Treatment, das ich
verfasst hatte, einschätzte, würde natürlich auch in meinen
Taschen einiges davon hängen bleiben.
Wie sich mein unglaublicher Erfolg erklären lässt, wollen
Sie wissen? Nun, darauf werde ich im Lauf meiner
Geschichte auf jeden Fall immer wieder zurückkommen.
Mir ist völlig klar, dass Sie ein Recht darauf haben, die
ganze Wahrheit zu erfahren. Für den Moment nur schon
mal soviel.
Gleich nach meinem Schulabschluss hatte alles angefangen.
Kaum war die Tinte auf den letzten Prüfungsblättern
trocken gewesen, hatte ich von der kleinen Erbschaft,
die mir mein Großvater hinterlassen hatte, meinen ersten
Kiosk gemietet und unglaubliches Glück damit gehabt.
Ein halbes Jahr später hatten sie nämlich begonnen, direkt
daneben ein riesiges Bankhochhaus zu bauen. Ein Heer
von hungrigen und durstigen Arbeitern spülte fortan haufenweise
Geld in meine Kasse. Bereits ein paar Jahre später,
mit knapp 23, schlummerte der erste satte Hunderttausender
auf meinem Konto. Nicht schlecht für einen aus
der Vorstadt, was? Natürlich hatte ich auch damals schon
jede Menge Neider gehabt und massenhaft sogenannte
Freunde. In jedem Sexclub der Gegend hatte man den roten
Teppich für mich ausgerollt, in jedem angesagten Sternerestaurant
unserer schönen Region war ich mit Handschlag
begrüßt und mit Jack angesprochen worden. Ich kannte
Gott und die Welt, und Gott und die Welt kannten mich.
Na ja , vielleicht nicht die ganze Welt. Aber auf jeden Fall
schon mal von den Alpen bis rauf zur Nordseeküste.
Doch auf einmal war alles anders. Ich hatte bei einem
Pokerspiel alles, was ich besaß, gesetzt und verloren. Von
einem Tag auf den anderen war nichts mehr von meinem
schönen Mammon übrig. Vielleicht hätte ich mir weniger
Koks in mein hübsches Näschen schaufeln sollen, kurz
bevor das Spiel losging. Egal, auf jeden Fall stand ich plötzlich
ohne Hose da, komplett pleite. Nackt im Wind, wenn
man so will.
Aber ich wäre nicht ich gewesen, hätte ich nicht selbst
aus dieser für jeden anderen 100-prozentig ausweglosen
Situation Kapital schlagen können. Merke, einen Jack
Bänger kriegt niemand klein, nicht mal das Schicksal. Ich
ging also hin und schrieb mein bisheriges Leben in Form
einer genialen Drehbuchvorlage nieder, bot es über einen
Bekannten in Hollywood an und landete damit einen
megaerfolgreichen Straßenfeger, wie ihn die Welt noch
nicht erlebt hatte. Und da ich bei Vertragsabschluß darauf
bestanden hatte, lieber an den Einspielergebnissen des
Films beteiligt zu werden, anstatt ein Honorar für mein
Buch zu bekommen, weil ich natürlich an mich glaubte,
war ich bis zum Schluss richtig gut dabei. International
versteht sich. In den Kinos und Fernsehanstalten dieser
Welt und auf Video. Im Internet natürlich auch.
10.000.000 Euro waren es insgesamt, die sich irgendwann
auf meinem Konto tummelten, und andauernd kam
neuer Schotter nach. Mit einem Schlag stand ich besser da
als je zuvor. Sie wissen schon, Partys, Frauen, Annerkennung,
Preise, Zugang zu den höchsten Kreisen.
Wenn man so will, war ich in dem Moment, als ich
mein Baby zu meinem Termin mit diesen russengesteuerten
Anfängern lenkte, also längst ein erfolgreicher Filmautor
und Produzent, der seine Fühler bereits bis nach Hollywood
ausgestreckt hatte. Und da meinte nun irgend so
ein kleines lächerliches Manuelahäschen, von deren Existenz,
außer ihren Eltern, wahrscheinlich niemand auf dieser
großen weiten Welt wusste, doch glatt, dass sie mir
blöd kommen durfte. Ein Niemand! Mir! Auch auf die
Gefahr hin, dass ich Sie gerade mit einer Wiederholung
langweile, aber das konnte und wollte ich ihr wirklich
nicht durchgehen lassen. Auf gar keinen Fall. Wie gesagt,
ein Jack Bänger lässt sich nicht zum Affen machen. Sollten
Sie selbst Manuela heißen, dann dürfen Sie mir das
jetzt nicht krummnehmen. Wir wissen ja beide, dass Sie
mit der Sache nichts zu tun haben.

Leseproben & Dokumente

Trailer Brummschädel
Trailer Stückerlweis'